Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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iudicium, Annahme der Prozessurkunde, die ganze Streitbefestigung
Band I,1 (1893) S. 140 (IA)–141 (IA)
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2) Accipere iudicium heisst:

a) im praetorischen und im Aebutisch-Iulischen Formularverfahren (Gaius IV 103–105) die feierliche Annahme der vom Kläger in iure zum Zweck der Streitbefestigung (litis contestatio) [141] dargereichten („edierten“) oder dictierten Processurkunde (vgl. z. B. Cic. Quinct. 63f., dazu Cic. Tull. 26. 38. 41; in Caecil. 56; in Verr. II 31. III 55, ferner Paul. Dig. V 1, 28, 2. Ulp. Dig. X 4, 7, 4f. XXI 1, 31, 13). Wie iudicium zur Bedeutung „Schriftformel“ (Gegensatz: Spruchformel, actio) gelangen konnte, zeigt Wlassak Röm. Prozessgesetze I 75–81. 85. II 51–58. 82. 357 und Litiscontestation 14–19. In den nichtiustinianisierten Quellen begegnet neben iudicium a. in derselben Bedeutung formulam accipere (Gaius IV 57. 163. Plin. ep. V 10, 1 Keil. Ulp. Inst. fr. Vind. 5, dazu Wlassak Litisc. 14, 1. Erman Ztschr. f. Rechtsgesch. Rom. A. XXIV 246–248, 1). Irrig ist es, das i. a. des Beklagten in Beziehung zu bringen zu dem vom Praetor ausgehenden dare (Zulassen, Genehmigen) iudicium (Wlassak Litisc. 28–33). Indem der Beklagte die vom Magistrat genehmigte Formel aus den Händen des Klägers förmlich entgegennimmt, contrahiert er den Processvertrag; hiedurch erklärt er (oft unfreiwillig, um drohendem Nachteil zu entgehen) seine Einlassung in den Process auf Grund des urkundlich festgestellten Programmes (um dies anzuzeigen steht statt i. a. zuweilen suscipere, subire iudicium, litem, actionem, auch iudicium [nicht iudicio: so C. F. W. Müller bei Cic.] pati; s. Wlassak Litisc. 33f. 26 N. 1), und erst in diesem Augenblick, mit der Streitbefestigung, beginnt nach römischer Anschauung der Process, das iudicium in diesem Sinn (daher iudicium coeptum, inchoatum, factum = lis coepta oder contestata, Wlassak Litisc. 56; Prozessgesetze II 32. 36. 39f.). Weil die Schriftformel auch den Iudex oder die Recuperatoren nennt, die den Streit entscheiden sollen, ist das i. a. zugleich die Annahme des Gerichtes (vgl. Iul. Dig. XXXIX 3, 11, 3 iudex inter duos acceptus, Wlassak Litisc. 33; Prozessg. II 197, 18 und p. XII), die Unterwerfung unter dessen künftigen Spruch.

b) Die Juristen (z. B. Cels. Dig. XII 1, 42 pr. Pap. Dig. XLVI 3, 95, 10. Ulp. Dig. VI 1, 25. Paul. Dig. V 3, 40 pr. und schon die Lex Rubr. I Z. 48f. CIL I 205) gebrauchen i. a. nicht selten zur Bezeichnung der ganzen Streitbefestigung, wofür häufiger litem contestari (nach der Handlung des Klägers) steht (vgl. Keller Litiscont. 67, 3. Bethmann-Hollweg Civilprozess II 479, 4. Wlassak Litisc. 28f.; ähnlich wird z. B. das ganze Kaufgeschäft bald durch emere bald durch uendere ausgedrückt. s. Bechmann Kauf I 29–33). So erklärt sich i. a. cum aliquo und inter duos (me et Seium etc.).

Das Vorstehende ist weiter ausgeführt von Wlassak Die Litiscontestation im Formularprozess (Breslauer Festschrift f. Windscheid) bes. S. 24–42, im Gegensatz zur Auffassung von Keller und Anderen (Litt. bei Wlassak S. 4–13). Vgl. noch Joh. Merkel Götting. gel. Anzeigen 1889 Nr. 26 und wider Landsberg in Krit. Viertetjahrsschrift f. Gesetzgeb. und Rechtswissensch. XXXIII 331–343 Wlassak Röm. Prozessgesetze II p. VIII–XIII. S. im übrigen die Art. edere iudicium, dictare iudicium, Litiscontestatio.