Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Rudolf Lavant
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Rückblick auf das entschwundene Jahr
Untertitel:
aus: In Reih und Glied
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: J. H. W. Dietz
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons,
S. 88–90
Kurzbeschreibung:
Erstdruck in Der Wahre Jacob – Nr. 116, 1891
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Beim Abschied Heft 116.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[88]
Rückblick auf das entschwundene Jahr.

(1891.)

Wo immer man um kargen Lohn sich müht,
Wo eine Spindel saust, ein Feuer glüht
Und grobe Hände Axt und Feile lenken,
Im Schacht bei matter Grubenlichter Schein,

5
Wird immerdar in Stolz und Treue dein,

Du Jahr, das heute scheidet, man gedenken.

Wann hat zuvor mit gleicher Kraft und Macht
Der Arbeit Volk vereint sich aufgemacht?
Wann je zuvor hat so in allen Landen

10
Den Damm bestürmt die schaumgekrönte Fluth?

Wann hat man je in gleicher stummer Wuth
Gerüttelt an den alten Sklavenbanden?

Ein Schauspiel war’s, wie Keiner es erlebt.
So mancher hat mit feuchter Stirn gebebt

15
In seines Kämmerleins verschwiegner Enge.

Ein Jauchzen aber, stark und voll und tief
Wie Donner ferner Brandung, es durchlief
In allen Landen die enterbte Menge.

[89]
Ein Donnerschlag für die Bedrücker war
20
Der stolze zwanzigste des Februar

Und selbst dem Kanzler fiel er auf die Nerven.
Sein Sedan war’s. Wer hätte je gedacht,
Es würden ihn herab vom Stuhl der Macht
Die Geusenführer, die verhöhnten, werfen?

25
Von Kap zu Kap sodann, von Bai zu Bai,

Der Arbeit Feiertag am ersten Mai,
Vom Strand der Rhone bis hinauf zur Oder!
Zum erstenmal – o herrlichen Gewinns! –
Ein Fest des Friedens und des Brudersinns,

30
Statt blöden Hasses flackerndes Geloder!


Dann des Oktober Erster! Er zerbrach
Mit einem Ruck des schweren Joches Schmach,
Das jahrelang mit Knirschen wir getragen,
Und die Befreiung fiel uns in den Schooß

35
Als Frucht der Siegesschlacht, die stark und groß

Im Februar der Arbeit Volk geschlagen.

Und dann der Tag, an dem zusammentrat
Am Saalestrand des Volkes hoher Rath,
Die alten, treuen, kampfbewährten Führer!

40
Wie lag in der Beschämung Bann die Welt,

Die so ganz anders doch sich vorgestellt
Brutalen Hasses niederträcht’ge Schürer!

Ob widerwillig man uns anerkannt,
Von dumpfem Grauen fröstelnd übermannt,

45
[90]
Ob gern und froh man altem Wahn entsagte –

Es brachte Klarheit über uns dies Jahr
In tausend Köpfe und gerichtet war,
Wer unsres Ansturms noch zu spotten wagte.

Ob man uns hilft, ob man sich widersetzt –

50
Was kümmert’s uns? Doch rechnen muß man jetzt

Mit uns und grüßend seine Klinge senken.
Mit einer Macht jetzt hat man es zu thun,
Und darum wird beim Schaffen und im Ruh’n
Des Jahrs, das dies vollbracht, das Volk gedenken!


Anmerkungen (Wikisource)

Ebenfalls abgedruckt in:

  • Der Wahre Jacob. Nr. 116 (1891), S. 927.
Titel: Beim Abschied
"Der stolze zwanzigste des Februar": Am 20. Februar 1890 erhielten die Sozialdemokraten zur Reichstagswahl 1 341 587 Stimmen, die SPD wurde stimmenstärkste Partei.
"Dann des Oktober Erster!": Ab 1. Oktober 1890 galt das 1878 erlassene Sozialistengesetz als aufgehoben, nachdem am 25. Januar des gleichen Jahres eine weitere Verlängerung mit 169 gegen 98 Stimmen abgelehnt worden war.
  • Lavant, Rudolf (d. i. Richard Cramer): Gedichte. Hrsg. v. Hans Uhlig. Berlin, Akademie Verlag 1965 (Seite 53).