Psychologische Studien

Textdaten
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Autor: Julius Frauenstädt
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Titel: Psychologische Studien
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 218-220
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Psychologische Studien.
Von Dr. Julius Frauenstädt.
Nr. 1. Das Gedächtniß.

Der Zusammenhang und Zusammenhalt unsers geistigen Lebens ist durch das Gedächtniß bedingt. Denn da wir stets nur in der Gegenwart leben, nur der gegenwärtige Augenblick unser ist: so würde uns die Vergangenheit unsers Daseins ganz verloren gehen, wenn wir sie nicht im Gedächtniß, in der Rückerinnerung aufzubewahren vermöchten. Wir würden gleichsam jeden Augenblick von vorn anfangen zu leben, und somit wäre unser ganzes Leben Nichts, als eine Folge von lauter vereinzelten, zerstückelten Momenten, ohne allen Sinn und Zusammenhang. Ob wir in diesem Falle tausend Jahre oder nur eine Minute lebten, bliebe sich für unser Bewußtsein ganz gleich, denn in jedem folgenden Momente wäre ja der vorhergegangene schon vergessen. Wir müßten uns in jedem Augenblick als ein ganz neues Individuum erscheinen.

Doch nicht blos die Einheit unserer Person käme uns ohne das Gedächtniß nicht zum Bewußtsein, sondern auch die uns umgebenden Gegenstände müßten uns in jedem Augenblick neu und unbekannt erscheinen. Es wäre keine zusammenhängende Arbeit, keine folgerechte Unternehmung möglich ohne das Gedächtniß. Alles Lernen, sei es in der Schule oder aus dem Leben, würde überflüssig oder richtiger unmöglich; denn was wir soeben gelernt, davon würden wir schon im nächsten Augenblick, geschweige denn in der nächsten Stunde, im nächsten Monat, im nächsten Jahre, nichts mehr wissen.

Das Gedächtniß hat zwei Stufen, eine niedere und eine höhere. Die niedere besteht in dem Haftenbleiben der einmal empfangenen Eindrücke oder in dem Behalten derselben. Die höhere Stufe besteht in der Fähigkeit, die haften gebliebenen oder die behaltenen Eindrücke willkürlich wieder in die Erinnerung zurückzurufen. Denn Unzähliges hat unser Gedächtniß behalten, das wir uns doch nicht in jedem Augenblick zum Bewußtsein bringen; Unzähliges wissen wir, ohne davon zu wissen, daß wir es wissen. Wir müssen uns oft erst mühsam auf ein Wort, auf einen Namen, auf eine Person erinnern, die in unserm Gedächtniß schlummert – ein Beweis, daß das Behalten im Gedächtniß und das Zurückrufen in dasselbe zwei verschiedene Thätigkeiten sind, wovon die erstere bestehen kann ohne die letztere.

Die niedere Stufe des Gedächtnisses, das bloße Behalten einmal empfangener Eindrücke, finden wir auch schon in der Natur, und zwar nicht blos bei organischen, sondern auch bei unorganischen, leb- und bewußtlosen Wesen. Jessen bemerkt in seiner Psychologie mit Recht, daß das Gedächtniß keine bloße Eigenschaft der Seele, sondern eine allgemeine Eigenschaft der Nerven sei, und in gewissem Sinne können wir sogar leblosen Dingen ein Gedächtniß zuschreiben, insofern gemachte Eindrücke in ihnen haften und Spuren zurücklassen. Bei luftförmigen oder flüssigen Körpern ist dies nicht der Fall, wohl aber bei allen festen Körpern mehr oder weniger. Es beruht darauf z. B. das Einspielen von musikalischen Instrumenten, und die größere Reinheit und Leichtigkeit, womit alle Töne auf gut eingespielten Instrumenten reproducirt werden. Ist eine Flöte falsch eingeblasen, so ist es unmöglich, ganz reine Töne auf derselben hervorzubringen; ist ein bestimmter Ton immer auf eine ungewöhnliche Weise gegriffen worden, so kann man ihn manchmal nachher nur auf diese, nicht auf die sonst gewöhnliche Weise erzeugen. Die Atome des Holzes bringen die gewohnten Schwingungen wieder hervor. Was aber das Holz vermag, das vermögen natürlich die Nerven in einem viel höheren Grade. Von jedem Eindruck bleibt in den Nerven eine Spur zurück, und je öfter und stärker dieselben Eindrücke wiederkehren, desto leichter und tiefer prägen sie sich ein, da jeder nachfolgende in den vorangegangenen gleichsam schon gebahnte Wege vorfindet.

Auf dieser Eigenschaft der Nerven beruht die Macht der Gewohnheit, beruht das Erlangen von Fertigkeiten durch wiederholte Uebung. Alle Bewegungen geschehen mit desto größerer Leichtigkeit, Sicherheit und Gewandtheit, je öfter sie wiederholt werden. Auf diesem Gedächtniß der Nerven beruht die oft erstaunliche Fertigkeit von Künstlern und Virtuosen in Hervorbringung ihrer Kunststücke, sei es auf dem Seil, oder auf dem Pferde, oder auf der Violine und dem Clavier etc.

Außer der Wiederholung ist es besonders auch die Stärke der empfangenen Eindrücke, wodurch das Haftenbleiben derselben bedingt ist. Da nun aber die Stärke eines Eindrucks zum Theil abhängt von dem Grade der Aufmerksamkeit, den man auf denselben richtet, und dieser wiederum bedingt ist durch den Grad des Antheils und Interesses, den man an demselben nimmt, so leuchtet ein, wie großen Einfluß auf das Behalten empfangener Eindrücke der Antheil und das Interesse daran hat. Je mehr man sich für einen Gegenstand interessirt, desto geschwinder und leichter behält man ihn, desto tiefer prägt man ihn sich in das Gedächtniß ein.

Hieraus läßt es sich erklären, warum wir für alle persönlichen, unser eigenes Wohl und Wehe betreffenden Angelegenheiten ein so vortreffliches Gedächtniß haben. Wer oder was uns auf unserm Lebenswege gefördert oder gehemmt, wer uns freundlich oder feindlich begegnet, welche Wendungen unsers Geschickes günstig oder ungünstig waren, das vergessen wir nicht leicht.

Aus diesem Einfluß des Interesses auf das Gedächtniß erklärt es sich auch, warum wir oft entfernter liegende Ereignisse unsers Lebens besser behalten und leichter in die Erinnerung zurückrufen, als näher liegende. Es geschieht dies, weil jene uns lebhafter interessirten, als diese.

Aus der Abhängigkeit des Gedächtnisses vom Interesse erklärt es sich ferner, warum der Eine für diese, der Andere für jene Dinge ein gutes Gedächtniß hat. Was der Eine leicht behält und in die Erinnerung zurückruft, macht dem Andern oft entsetzliche Mühe zu behalten und rückzuerinnern. Frauen haben für ganz andere Dinge ein gutes Gedächtniß als Männer; Gelehrte für andere als Soldaten oder Gewerbtreibende etc. Denn allemal, wofür sich Einer vermöge seines Geistes und Charakters besonders interessirt, wofür er ein entschiedenes Talent oder einen entschiedenen Trieb hat, das behält und reproducirt er am leichtesten und sichersten im Gedächtniß. Es hat Feldherrn gegeben, die sich die Namen aller Soldaten einer zahlreichen Armee, Gelehrte, die sich die Titel aller Bücher einer zahlreichen Bibliothek merkten. Themistokles wußte die Namen aller seiner Mitbürger auswendig. In neuester Zeit soll der berühmte englische Geschichtschreiber Macaulay ein erstaunliches Gedächtniß für geschichtliche Namen, z. B. für die Reihenfolge der Päpste, gehabt haben.

Im Greisenalter nimmt zwar das Gedächtniß ab; doch bleibt auch bei Greisen das Gedächtniß für solche Dinge, die sie interessiren, noch immer ungeschwächt. Ich habe nie gehört, sagt Cicero (in seiner Schrift über das Greisenalter, Capitel 7), daß ein Greis den Ort vergessen hätte, an dem er einen Schatz vergraben. Die Greise denken immer an Das, was ihrer Sorge obliegt, an den Termin, wo sie als Bürgen sich vor Gericht zu stellen haben, an ihre Schuldner und Gläubiger.

Könnten Traumerlebnisse uns so interessiren, wie die Erlebnisse des wachen Lebens, dann würden wir sie ebenso leicht behalten, wie diese. Diejenigen Träume, die vorbedeutend für unser Leben waren und in Erfüllung gingen, vergessen wir nicht leicht.

Wenn Wahnsinnige ihre Vergangenheit vergessen und sich in ihrer fixen Idee für einen ganz Andern ansehen, als der sie wirklich sind, für einen König oder Kaiser, für den Heiland, für Gott: so rührt auch dieses Vergessen ihrer Persönlichkeit daher, daß sie in ihrem leidenschaftlichen Stolz, in ihrem maßlosen Ehrgeiz und Hochmuth ihre geringfügige Persönlichkeit ihrem Interesse so sehr zuwiderfanden, daß sie sich in eine höhere hineinlogen. Ihr überspanntes Interesse brachte sie um das Gedächtniß für ihre Vergangenheit.

Auch bei Thieren ist das Interesse von großem Einfluß auf ihr Gedächtniß. Die Biene findet die alten Sammelplätze, den Baum und die Blume, wo sie Honig fand, wieder; unter den vielen Stöcken erkennt sie den ihrigen wieder. Schwalben und Störche nehmen, wenn sie im Frühling wiederkehren, Besitz von ihren alten Nestern. Vögel, die man im Winter füttert, stellen sich beim Eintritt der rauhen Jahreszeit wieder ein. Finken, die man den Sommer über vor dem Fenster eines Hauses gefüttert hatte, kamen alle Jahre wieder. Tauben, Katzen, Hunde und Pferde kehren oft aus großen Entfernungen zu ihrem Aufenthaltsorte [219] zurück. Ziegen, Schafe, Schweine etc. finden den Weg zum Stalle, und unter hundert Ständern erkennt das Pferd den seinigen wieder; es kennt noch nach Jahren seinen Cameraden, seinen Wärter, seinen Reiter oder das Wirthshaus, in dem es ihm wohlgegangen ist; nach langer Zeit weiß es, wer ihm Gutes gethan oder es mißhandelt hat, erkennt nach geraumer Zeit den Thierarzt, der an ihm eine Operation vorgenommen hat, und schlägt nach ihm; sowie der Pudel den, der ihn geschoren hat, erkennt und sich verkriecht, wenn dieser wieder kommt.

Daß die in der Kindheit empfangenen Eindrücke sich so tief dem Gedächtniß einprägen, rührt zum Theil von dem lebhaftern Interesse her, das wir in der Kindheit an Allem nehmen, und von der gespanntern Aufmerksamkeit, die wir auf Alles richten; zum Theil aber auch daher, daß wir, wie Arthur Schopenhauer richtig bemerkt, als Kinder nur wenige und hauptsächlich anschauliche Vorstellungen haben und wir diese daher, um beschäftigt zu sein, unablässig wiederholen. Bei Menschen, die zum Selbstdenken wenig Fähigkeiten haben, ist dieses ihr ganzes Leben hindurch der Fall, daher solche bisweilen ein sehr gutes Gedächtniß haben. Dagegen hat das Genie bisweilen kein vorzügliches Gedächtniß, wie z. B. Rousseau dies von sich selbst angibt. Es ist dies nach Schopenhauer daraus zu erklären, daß dem Genie die große Menge neuer Gedanken und Combinationen zu vielen Wiederholungen keine Zeit läßt; obwohl dasselbe sich nicht leicht mit einem ganz schlechten Gedächtniß verbunden findet, weil hier die größere Energie und Beweglichkeit des Geistes die anhaltende Uebung ersetzt. Es ist eine sehr interessante Bemerkung Schopenhauer’s, daß Menschen, die unablässig Romane lesen, dadurch ihr Gedächtniß schwächen, weil nämlich auch bei ihnen, wie beim Genie, die Menge rasch vorüberziehender Vorstellungen und Zusammenstellungen keine Zeit noch Geduld zur Wiederholung und Uebung läßt. Die lesegierigen Abonnenten der Leihbibliotheken werden dies aus eigener Erfahrung bestätigen können. Ueber jeden neuen Roman vergessen sie schnell die alten.

Wenn Genies leicht die kleinen Angelegenheiten und Vorfälle des alltäglichen Lebens vergessen, beschränkte Köpfe hingegen hiefür ein sehr gutes Gedächtniß haben, so rührt dies daher, daß jene mit ihrem Interesse auf größere Dinge gerichtet sind, diese hingegen mit ihrem Interesse am Kleinen und Kleinlichen kleben bleiben. Das Genie behält sich dafür die ihm wichtigen Dinge auf eine leichte, mitunter erstaunliche Weise.

Schüler, die leicht lernen und begreifen, pflegen eben so leicht zu vergessen; dagegen behalten die, welche mit Mühe und Anstrengung lernen, das Erlernte in der Regel besser. Dies erklärt sich einfach daraus, daß der leicht und schnell Lernende mit der kürzern Zeit auch einen schwächern Grad von Aufmerksamkeit auf den Gegenstand richtet, der mühsam Lernende hingegen länger und stärker mit der Aufmerksamkeit dabei verweilt. Also auch in Bezug auf das Gedächtniß gilt das Sprüchwort: „Wie gewonnen, so zerronnen.“

Bemerkenswerth ist es, daß zusammenhängende Vorstellungen sich leichter behalten, als vereinzelte, in keinem Zusammenhang stehende. Ein Satz z. B. behält sich leichter, als eine Reihe unzusammenhängender, unverbundener Wörter, Namen oder Zahlen. Es verräth sich hierin die auf Sinn und Zusammenhang gerichtete Natur des Geistes.

Selbst eine Reihenfolge von Vorstellungen, die nur durch das äußere Band der Ideenassociation (Vergesellschaftung der Ideen), nicht aber durch einen inneren Sinn verbunden sind, behält sich leichter, als eine Reihenfolge völlig unverbundener Vorstellungen.

Auf diesem Gesetze, daß verbundene Vorstellungen sich besser behalten lassen, als isolirte, beruhen die Regeln der Mnemonik (Gedächtnißkunst). Es soll z. B. die Bezeichnung der fünf Notenlinien e. g. h. d. f. dem Clavierschüler auf eine leicht zu behaltende Weise beigebracht werden. Man bildet den Satz: „Es geht hurtig durch Fleiß,“ und der Schüler hat dann nur den Anfangsbuchstaben eines jeden dieser Wörter sich in die Erinnerung zu bringen, um die verlangte Bezeichnung e. g. h. d. f. zu behalten. Auf ähnliche Weise erleichtert man sich das Behalten von Zahlen; man substituirt den Zahlen Buchstaben, verwendet diese zu Worten und Sätzen und erinnert sich dann mittelst dieser der Zahlen. Dies war das Verfahren eines Gedächtnißkünstlers, der vor mehreren Jahren zu Berlin Vorlesungen über Gedächtnißkunst hielt. Die Regeln der Mnemonik laufen alle im Wesentlichen darauf hinaus, Einzelnes, Ungebundenes durch Anknüpfung an eine im Gedächtniß vorhandene zusammenhängende Reihe von Vorstellungen in die Erinnerung zurückzurufen. „Das Bestreben des Geistes,“ sagt Jessen, „den Zusammenhang der Dinge zu erfassen, wohnt auch dem Gehirne mehr oder weniger ein, und selbst die Sinne suchen Alles im Zusammenhange aufzufassen. Auf dem Zusammenhange der Vorstellungen beruht die Ideenassoeiation, und was im Zusammenhang mit Anderem steht, reproducirt sich am leichtesten in der Erinnerung. Wenn wir von einem vergessenen Worte oder Namen erst den Anfangsbuchstaben wissen, so knüpft sich an diesen sehr leicht das Hervortreten des ganzen Wortes, und unsere Bemühungen, einen gesuchten Namen zu finden, bestehen immer in dem Hervorrufen von Erinnerungen, die mit demselben in irgend einer Verbindung stehen. Ein gelesener Name kann uns wieder einfallen, wenn wir daran denken, ob er oben oder unten auf der Seite des Buches stand.“

Um die Erscheinung zu erklären, daß manche Menschen ein gutes Namen-, Andere ein gutes Zahlen-, wieder Andere ein gutes Ortsgedächtniß, noch Andere ein gutes Personen- oder ein gutes Sachgedächtniß haben, nehmen bekanntlich die Phrenologen besondere Organe des Gehirns als den Sitz dieser verschiedenen Arten von Gedächtniß an. Richtiger aber dürfte die besondere Stärke des Gedächtnisses in einer speciellen Richtung als Folge des Interesses und der Uebung zu betrachten sein. Wir stimmen Jessen bei: „Wer für Personen, für Namen, für Zahlen, für Verwandtschaftsverhältnisse ein außerordentliches Gedächtniß hat, der hat zugleich für diese Dinge ein besonderes Interesse, er hat in seinem Leben viele Zeit und Aufmerksamkeit darauf verwandt, und sein Gedächtniß in diesen besondern Richtungen sehr geübt.“

Aber daß man nicht nöthig hat, mit Gall und den andern Phrenologen bei den Virtuosen im Rechnen ein besonderes Organ für Zahlen anzunehmen, sondern diese Virtuosität einfacher und natürlicher erklären kann, das lehrt Dahses Entwickelungsgeschichte. Mit Recht sagt Jessen, der Dahse beobachtet und befragt hat, und dem wir manche schätzbare Mittheilungen über denselben verdanken: „Aus der ganzen Art und Weise, wie die Fähigkeit und Fertigkeit des Rechnens sich bei Dahse entwickelt hat, geht hervor, daß diese bei ihm nicht entstanden sind durch einen angeborenen Zahlensinn, sondern erworben durch beharrliche, mit eisernem Fleiße fortgesetzte Uebung, in einer ähnlichen Weise, wie sie bei Equilibristen und sonstigen Virtuosen zu einem ähnlichen Ziele führt. Wer mit dem siebenten Jahre anfängt, Clavier zu spielen, und täglich sieben Stunden übt, der muß es nach dem Ausspruche eines berühmten Fortepianospielers zu großer Virtuosität bringen. Und warum sollte nicht ebenso, wer mit dem siebenten Jahre anfinge zu rechnen, und zehn bis zwanzig Jahre lang täglich sieben Stunden rechnete, ein zweiter Dahse werden können? In der That schlagen die Phrenologen den Einfluß beharrlicher Uebung und ausschließlicher Beschäftigung mit einem Gegenstände zu gering an.“

Schwerer zu erklären, als die Virtuosität des Gedächtnisses in besonderen Richtungen, ist der oft beobachtete theilweise Verlust des Gedächtnisses. Manche vergessen ihren oder anderer Leute Namen, Manche finden das rechte Wort zur Bezeichnung einer Sache nicht und brauchen dafür ein anderes, das eine von ihnen nicht gemeinte Sache bezeichnet, so daß eine Art babylonischer Sprachverwirrung entsteht. So soll z. B. die Frau des berühmten Professors der Mathematik Hennert zu Utrecht, die selbst Mathematiker und Astronom wie ihr Mann war, plötzlich nach einer Krankheit in eine solche Sprachverwirrung gerathen sein, daß sie, wenn sie einen Stuhl begehrte, einen Tisch forderte, oder wenn sie ein Buch haben wollte, einen Spiegel verlangte. In einem andern ähnlichen Falle von Sprachverwirrung sagte eine Frau, als sie ein Glas haben wollte: „Gieb mir doch den Hund.“ Der gelehrte Director S. zu C. erholte sich von einem hitzigen Fieber, und eines der ersten Dinge, die er nach wiedererlangter Vernunft verlangte, war Kaffee. Allein er hatte in dieser Krankheit nicht nur den Buchstaben f vergessen, sondern er gebrauchte dafür den Buchstaben z, so daß er nun nicht Kaffee, sondern Kazze verlangte, und so in allen andern mit f zusammengesetzten Wörtern. Bisweilen vergessen Personen nach Schlaganfällen oder Betäubungen das kurz vorher oder auch in den letzten Jahren Vorgefallene, das Frühere wissen sie aber noch sehr wohl.

Derartige Erscheinungen sind schwer zu erklären; aber wie [220] sich Alles natürlich erklären läßt, so wird sich auch für sie eine natürliche Erklärung finden lassen. Jessen hat in seiner Psychologie bereits eine solche versucht. Das Unvermögen, die richtigen Worte für die auszusprechenden Gedanken zu finden, das Verwechseln von Wörtern oder Buchstaben, so wie der Verlust des Gedächtnisses für die Eigennamen von Personen und Sachen beruht nach ihm vielleicht auf einer gestörten Thätigkeit der Hirn-Ganglien. Diese Erscheinungen seien nur höhere Grade dessen, was jedem Menschen häufiger oder seltener begegnet. Wir suchen oft vergebens nach einem Namen, der uns nicht einfallen will, so bekannt er uns auch ist; wir sind manchmal nahe daran, ihn zu finden, er schwebt uns gleichsam auf der Zunge, aber er will doch nicht zum Vorschein kommen, und wenn wir aufhören, uns darum zu bemühen, so kommt er vielleicht ungerufen. Man sieht, daß dies nicht sowohl ein Vergessen, als eine Schwierigkeit des Rückerinnerns bekannter Namen ist, – eine Schwierigkeit, die mit dem Alter zunimmt und in krankhaften Zuständen einen sehr hohen Grad erreichen kann. Ueberhaupt ist angeblicher Verlust des Gedächtnisses sehr oft nur ein Mangel des Rückerinnerungs-Vermögens. Diese Art von Vergeßlichkeit entsteht häufig nach Schlagflüssen und andern Gehirnaffectionen; sie tritt vorübergehend ein, wo das Gemüth von einer Sache so ergriffen ist, daß der Mensch an nichts Anderes denkt, für nichts Anderes sich interessirt. Das Vergessen des kurz vor einer eingetretenen Bewußtlosigkeit Geschehenen läßt sich nach Jessen vielleicht dadurch erklären, daß hier keine innerliche Wiederholung der aufgenommenen Eindrücke stattfindet, während man sonst das Erlebte in der Erinnerung zu wiederholen und dadurch dem Gedächtniß fester einzuprägen pflegt.

Auf diese Weise lassen sich auch die außerordentlichsten Erscheinungen im Gebiete des Gedächtnisses ganz natürlich erklären, und man hat nicht nöthig, besondere Fächer im Gehirn für diese oder jene Art von Gedächtniß anzunehmen. Das Gedächtniß ist kein todtes Behältniß, sondern eine lebendige Kraft, die der Uebung bedarf und die mannichfachen Hemmungen unterliegt.