Prairie- und Waldbrände

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Titel: Prairie- und Waldbrände
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 712-715
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Prairie- und Waldbrände.[1]


Wir hatten endlich wieder einmal Trinkwasser entdeckt oder, um genauer zu sein und uns nicht mit fremden Lorbeeren zu schmücken, unsere Maulesel, besonders aber unsere Ochsen, hatten es gerochen und waren mit schnaubender Wuth unaufhaltsam und mit hoch empor starrenden Schweifen darauf zugestürzt, um sich und uns einmal wieder gründlich zu erlaben. Der Pecos-, Puerco- oder Schweinefluß, den wir verfolgt hatten, um womöglich dessen Mündung in den Rio grande oder großen Fluß zu erreichen, war schlimmer, als Meerwasser mit seinem stinkend-salzig-lehmigen Inhalte. Wir saßen also an der Quelle, füllten unsere Fässer und sprachen und rauchten und hörten der vielleicht tausendsten Wundermähr unseres Indianers Hicks zu. Hicks war kein Indianer von Geburt, sondern nur in Lebensweise, Gesinnung, Sehnigkeit, Kleidung und Erscheinung jeder Zoll ein Indianer, wie sie sich auf den ungeheuren Ausdehnungen der noch unsicheren amerikanisch-mexikanischen Grenzen (die wir untersuchen sollten) in verschiedenen Stämmen umhertreiben. Hicks war ein echter Jankee von Geburt und brachte so die Intelligenz und Schlauheit des Weißen als Grundcapital zu den Schätzen seiner Indianer-Tugenden. Tausende von Amerikanern führen als Pioniere auf den Grenzen zwischen Wildniß und Civilisation, als Wild- und Rauchwaaren-Fänger, als erste Colonisten in Wäldern und Ebenen, auf welche die amerikanische Civilisation mit Eisenbahnschnelligkeit zueilt, ein Leben wie Hicks und verindianern halb, indem sie die weiße Civilisation vorbahnen. Sie verindianern durch Klima und Lebensweise so sehr, daß nicht nur ihre Gesichtsfarbe sich indianisch bräunt, sondern auch ihre Gesichtszüge, besonders die Profile, sich binnen acht bis zehn Jahren ganz so schärfen und zuspitzen, wie die der Indianer. Die Stirn tritt zurück, Nase und Lippen springen scharf hervor, das Auge wird stechend, das Haar fließt schwarz und wild. Der indianische Anzug findet sich von selbst in Regionen, wo Schneider und Modejournale unbekannt sind und das Fell des erbeuteten Thieres bald Rock und Weste, bald Beinkleider, Schuhe und Strümpfe ersetzen muß.

Hicks war ein vollkommner Indianer und konnte mit einem Beine reiten, während der Körper an der Seite und dem Halse des Pferdes herunterhing, und unter dem Halse des Thieres hinweg dem Feinde auf der anderen Seite eine sichere Kugel oder den Pfeil in die Brust jagen. So war unser alter Hicks mit einem so braunen, runzeligen, zerfalteten Gesicht, wie wir in den vertrocknetsten Backbirnen nicht finden würden.

Hicks war von dem Anführer unserer Expedition als eine Art Factotum von Diener und Plackholz mitgenommen worden und in jeder großen, plötzlichen Gefahr, in jedem Gefecht mit Indianern unser absoluter Dictator gewesen, dem Niemand ein Haar breit ungehorsam zu sein wagte. Jedesmal, nachdem er, so zu sagen, das Vaterland gerettet, legte er (was sich alle Diktatoren zum Muster nehmen sollten) seine Würde eben so unmerklich und bescheiden nieder, wie er sie genommen, und machte sich sofort wieder dienerhaft nach allen Seiten nützlich. Dies muß der Leser wissen, damit ihn dessen plötzliche Oberherrschaft nicht überrasche. Hicks erzählte und rauchte mit uns an der Quelle. Im Osten erhob sich ein unbedeutendes Felsen-Conglomerat, nicht hoch und nicht ausgedehnt, aber just hinreichend, uns nach des Tages Hitze gegen den durchdringend kalten Nachtwind zu schützen. Rings um die grüne Quelle rauschte weißgraues, mannshohes, ausgedörrtes mexikanisches Prairiegras, vielleicht Hunderte von geographischen Meilen weit, da wir den ganzen Tag von keiner Anhöhe mit den besten Gläsern

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Die Gartenlaube (1859) b 713.jpg

Amerikanischer Waldbrand auf der Eisenbahnlinie Utica-Syracuse.

[714] Anfang oder Ende entdeckt hatten. Hier und da gab es einzelne kahle, felsige Stellen, bewachsen mit scheußlichen Pflanzen-Grimacen, den harzigen Stink-Stauden der Larraea Mexicana, einzelnen Mezquit - Bäumen oder Gestrüppen von dieser Bohnenakazie (Acacia glandulosa), Yucca’s oder Stachelpalmen, großen, runden Echinocacteen, die wie riesige Greise und Ausrufungszeichen der Verzweiflung aus dieser verdorrten Ueppigkeit hervorstarrten, Mamillarien und Opuntien, deren Aeste, Zweige und Blätter ineinander verwachsen und zu allen möglichen Carrikaturen verzerrt durch ihre schreckenerregende Häßlichkeit jedes lebende Wesen vor diesen Regionen warnen zu wollen schienen.

In solcher Umgebung rasteten und rauchten wir und lauschten den Abenteuern unseres Hicks, als dieser plötzlich die Pfeife aus dem Munde nahm, schwieg und horchte und uns winkte, ganz still zu sein. Er saß wie im tiefen Nachdenken gebückt, legte dann das linke, hierauf das rechte Ohr auf den Boden und sprang wie ein Gummiball mit dem pfeifenden, schrillen Rufe auf:

„Prairie in fire!“ Die Prairie brennt!

Wir Alle waren im Nu auf den Beinen und kletterten auf die Felsen im Osten, um die schreckliche Naturscene, von der wir oft gehört, endlich zu sehen. Zunächst gab’s nicht viel für’s Auge, denn das Glimmern und Leuchten in weiter Ferne schien kaum des Sehens Werth. Auch zu hören war zunächst nichts für unsere Ohren, die nicht die Schärfe unseres Hicks hatten. Ein dumpfes, leises Summen und Brausen in der Luft, ein eigenthümliches Pfauchen und Ziehen wurden wir erst gewahr, als uns Hicks darauf aufmerksam gemacht hatte und wir horchten.

Sehr bald freilich ward es unruhiger, unheimlicher, heller, lauter ringsumher. Fernes, vieltöniges Angstgeschrei und Rauschen in den Prairie-Wogen, Triumphgeheul der Wölfe, wildes Aufzucken von Feuersäulen, die wie riesige Raketen gen Himmel stiegen, momentanes Aufblitzen von Feuermeeren, die der Wind in verschiedenen Richtungen über die obersten Spitzen der dürren Grasflächen dem ungeheuern Grundlauffeuer vorausjagte, das unbändige Gebäume unserer Maulesel, ängstliches Umherpatschen unserer Ochsen, kreischendes Aufflattern der Vögel, rauschende, zischende, knisternde Flucht von Vierfüßlern durch den dicken, dürren Graswald – das waren Vorboten der sich rasch heranwälzenden riesigen Feuerschlange. Wir Alle sahen unwillkürlich auf Hicks, der durch ein Teleskop Umfang und Ferne des Flammen-Ungeheuers zu messen schien. Nach kaum einer Minute donnerten seine Befehle wie die eines Feldherrn in der Schlacht: „Hinunter! Maulesel gezäumt, Wasserfässer auf die Sättel! Hinten aufsitzen! Erst Jeder in’s Wasser! Das Feuer hat uns umzingelt. Der Wind ist drin und jagt es heran. Durch den Pecos kein Paß. Wir müssen hindurch! Jeder folgt mir! Die Sporen mit einem Stoß eingedrückt, so wie Ihr den Feuerrand berührt! Nicht eher!“

Diese Befehle wurden mitten in großer Confusion doch rasch und pünktlich ausgeführt, so daß wir bald in guter Schlachtordnung hielten und noch Zeit und Humor hatten, über unsere eigenthümlich ritterliche Position hinter den Sätteln, auf welchen unsere Wassertonnen festgeschnallt waren, lustige Bemerkungen zu machen. Wir warteten nur auf unsern Anführer, der spurlos verschwunden schien. Plötzlich hörten wir das eigenthümliche Lechzen und heisere Bellen eines Prairiewolfs in unserer Nähe. Die Maulesel bäumten sich, die Ochsen knatterten und rauschten in wilder Flucht durch das niederkrachende Gras davon dem Feuer entgegen. Jetzt kam auch unser Hicks wieder zum Vorschein: er hatte den Wolf gespielt, um die Ochsen auf den richtigen Trab zu bringen. Er sprang auf sein Thier und jagte mit langen, flatternden Haaren vor uns her, wir ihm nach. Er hatte richtig die dünnste und verhältnißmäßig kühlste Stelle ausgewittert, an welcher wir ohne erhebliche Brandwunden durch die zischelnde, prasselnde, knisternde, knallende, lodernde, sich aufbäumende, verzweifelt umherzuckende, endlose Feuerschlange hindurchbrachen.

Von diesem Ritt selbst hab’ ich kaum einen bestimmten Eindruck behalten. Es war Alles Grausen und Confusion um mich her. Nur der beiden Ochsen erinnere ich mich, die dicht am glühenden Rande des Feuers, gräßlich beleuchtet, sich auf brennenden Stumpfen wälzten, bedeckt von eingebissenen Wölfen. Wir entkamen glücklich dieser Arrière-Garde der Feuerschlange und sahen hernach von sicherer Anhöhe zu, wie die Wölfe, oft in dichten Schaaren dicht am Rande der Feuerlinie hin- und herjagten und jedes herausspringende Thier in voller, flackernder Beleuchtung niederrissen und verzehrten. Ein entsetzliches Gemisch von Leben und Tod, von Brand und Mord. Erst wie das Feuergebirge sich weiter und weiter von uns entfernte, gewann es seine volle, grausige Schönheit. So weit das Auge reichte, ein lebendiges, zuckendes, sich in ewiger Wandelung zu Gebirgszügen und Spitzen von lodernden Flammen aufthürmendes Alpenmeer, knisternd, knallend, brausend, donnernd, stürmend, blitzschnell auf- und abjagend, in die Prairiewüste hineinschießend, ein hochgepeitschter Ocean von Flammen.

Die dunkel werdenden, abgebrannten Flächen loderten noch hier und da auf und beleuchteten die schwarzen Stangen und vasenartigen Klumpen der noch stehenden Yucca-Stämme, der großen, runden Gerippe von Echinocacteen und gliederverrenkter Mamillarien. Die harzigen Stauden der Larraea Mexicana und die Stämme der vereinzelten Mezquit-Bäume flackerten noch lange grell auf weit umher in der Brandwüste, über welche das Flammenmeer hinweggefluthet. Mit dein anbrechenden Morgen verschwand die Gluth am Horizonte und machte einem Morgenroth Platz, das in seiner ruhigen Schönheit das schwarze Leichenmeer von Brandstätte gräßlich genug beleuchtete. Wir gönnten uns eine kurze Rast.

Hicks hatte sich sofort nach dem Ritt schlafen gelegt, ohne den Prairie-Brand eines Blickes zu würdigen. Er erklärte sich später ganz unzufrieden mit dieser Natur-Tragödie und bewies aus mancherlei Erlebnissen, daß er sie in Texas viel besser gesehen. Im Uebrigen könne sich der Prairie-Brand mit keinem Waldbrande messen. Unter Waldbränden verstehe er aber wirkliche Waldbrände, nicht diese Kindereien, wie sie in den dünnen, armseligen Urwäldern des Nordens Mode seien und von den Zeitungen renommistisch gepriesen würden. Er mochte nach seinen Erfahrungen und den gleichsam unerläßlichen Pflichten, die ein ordentlicher Waldbrand zu erfüllen habe, im Rechte sein; gleichwohl kam mir der Waldbrand, den ich später zwischen Utica und Syracuse im Staate New-York erlebte, und den ein deutscher Maler aus eigener Anschauung hiermit in seinem Haupt- und Eisenbahnzuge hindurch zur Anschauung bringt, respectabel genug vor.

Den häufigen idealistischen Vorstellungen von „Urwald“ entsprechen die nordamerikanischen Wälder keineswegs. Die Bäume stehen häufig vereinzelt und in dünnen Gruppen und sehen in der Regel jämmerlich genug aus. Oft bis in die Wipfel hinauf mit grauem Moos bewachsen, das in Zotteln und Fetzen um sie her fliegt, gleichen sie oft greisen Gerippen mit zerzaustem Haar. Nur die ewig grüne sogenannte Lebenseiche mit ihren harzigen, ledernen Blättern gibt hier und da einen frischen Anblick. Die Gruppen von Pekan-Nußbäumen, von Platanen oder Schattenbäumen, von Baumwollenholz („cotton wood“, einem breitkronigen Baume mit Pappelblättern) und sonstigen, allerdings sehr zahlreichen Hölzern bieten selten einen erquickenden Anblick: die stehenden Bäume sehen verkommen und von Schmarotzergewächsen geplagt aus und scheinen über die neben ihnen gefallenen und in allen möglichen traurigen offenen Gräbern vermodernden sterbend herabzublicken. Die vielen vertrockneten Leichen unter diesen Bäumen, die verdorrten Aeste, das dicke, graue, dürre Moos, die vielen harzhaltigen Gewächse, die, einmal entzündet, wie Pechfackeln lodern, diese und andere Umstände geben den Bränden auch in dünnen Wäldern Nordamerika’s allerdings oft eine fürchterliche Ausdehnung und Dauer. Man hat Beispiele, daß Wälder von mehreren hundert Quadratmeilen monatelang doppelt niederbrannten, erst übersengt von dem rasch laufenden Wipfelfeuer, dann gründlich verzehrt durch das sich am Boden hinfressende Lauffeuer. Bei den Ungeheuern Waldflächen in Amerika, die an sich so wenig Werth haben, daß man nur Ausrottung begünstigt und belohnt, ist an Vorsichtsmaßregeln und Mittel gegen Waldbrände durch Grabenziehen oder Aushauen gehörig breiter Bestandstreifen nicht zu denken. Auch wäre dies in den wilden, menschenleeren Strecken, durch welche Indianer streifen und wo einzelne Pioniere ihre „shantees“ auf einsamen, 160-Ackerstücken aufschlugen, keine Möglichkeit. Gerade diese Shantee-Bewohner auf den äußersten Grenzen der Boden-Cultur nehmen nicht selten das Feuer zu Hülfe, um sich Licht und Luft und Rettung vor peinigenden Mosquitos zu verschaffen. Ein ehemaliger sächsischer Officier, der sich weit hinten in Minnesota eine Shantee auf seinem wilden Grundstücke von 160 Ackern gebaut hatte, erzählte mir, daß er an manchen Abenden Dutzende von Waldbränden in allen möglichen Richtungen und Entfernungen beobachtet habe. Jeder von den Colonisten schien sich gelegentlich aus Mangel an andern Gehülfen des Feuers zum Lichten der Wälder zu bedienen. Daß die meisten [715] dieser absichtlichen Brandstiftungen sich aus verhältnißmäßig kleine Gebiete beschränken, sieht wie ein Wunder aus, zumal da in cultivirteren Theilen und dünneren Wäldern das Feuer manchmal Monate lang wüthet und Hunderte von Quadratmeilen einäschert.

Einen Waldbrand dieser Art und Ausdehnung beobachtete ich ziemlich in der Nähe mehrere Tage und Nächte auf dem langen, ebenen Gebiete zwischen Utica und Syracuse. Man hatte Wochen lang alle Tage von der Reise und den Fortschritten desselben gesprochen, etwa wie bei uns von der Verbreitung der Cholera die Rede war. Die Bewohner dieser ungeheuern Waldebenen verstreuen sich dünn in einsamen Farms mit großem Viehstande und gelichteten Flächen rings umher, sodaß sie nicht, wie die einsamen Bewohner der Prairien, sich gegen das Feuer zu verschanzen brauchen oder gar fliehen müssen. Aber Nachtwachen und Wasservorräthe wurden doch nöthig, als es eines Tages hieß, daß der Brand jeden Tag oder über Nacht vorbeijagen und die Farm umzingeln könne. Um wo möglich die ersten Boten begrüßen und den ganzen Verlauf studiren zu können, leistete ich eines Nachts dem Viehknecht im Wachen Gesellschaft. Als es still und dunkel geworden war, stiller als irgendwo in Europa, wie es mir schien, glaubten wir wallende Gluthen am südlichen Himmel zu bemerken. Auch beruhte das eigenthümliche dumpfe Prasseln und Knattern, so schwach es auch war, auf keiner Täuschung, zumal da wir den Donner der etwa drei englische Meilen weit vorbeipassirenden Eisenbahn deutlich davon unterscheiden konnten. Nach langem Sehen und Warten aber wollte sich keine rechte Zunahme des Effects zeigen, sodaß ich mich mit dem Vorsätze schlafen legte, dem Brande entgegenzugehen. Dies that ich den folgenden Tag. Als ich bis zur Hütte des Eisenbahnwärters gekommen war, erzählte mir derselbe, daß der Brand seit zwei Tagen in ganz westlicher Richtung fortgeschritten sei, und man so wenig für die Bahn fürchte, daß bis jetzt keine Unterbrechung des Verkehrs beabsichtigt werde. An einigen Stellen sei das Feuer bis auf zwei Meilen herangedrungen und werde die Bahn wahrscheinlich weiter unten, wo der Wald besonders dünn sei, kreuzen.

Ich trieb mich den ganzen Tag in der Nähe der Bahn umher, ohne von dem Feuer, das der Wind entlang und nicht gegen dieselbe trieb, etwas zu sehen. Nur die dann und wann über Aeste und Gräben fliegend hinwegsetzenden amerikanischen Hirsche, das ängstliche Gekreisch der Vögel in der Luft und die eigenthümlich krächzenden Enten auf Teichen und in Gräben verriethen, daß es nicht geheuer sei. Erst Nachmittags wurde der Brand deutlich hörbar und gegen Abend, mit lebhafter werdendem Winde, bedeckte sich der Himmel im Süden bis in die äußersten Ostgrenzen mit schräg hinzüngelnden Feuer- und Rauchsäulen. Eine Stunde später war Alles rasende Feuergluth. Der Brand rasete wie ein Pelotonfeuer der Schlacht heran, ein Heer von Feuer-Bajonneten, die oft gradlinig eingelegt den Wald in's Unbegrenzte hinaus mit Sturm nahmen. Hier und da stürzte sich ein wüthender Feuergeist plötzlich mit einem aufknatternden Sprunge wohl Viertelstunden weit dem großen Heere voraus und verzehrte einige moosgrauhaarige Urwaldsgreise mit der Geschwindigkeit eines aufplatzenden Kunstfeuerwerks. Die geschlossene Masse des Brandheeres stürmt mit neuem Eifer nach, Funken, Flammen, brennende Zweige gen Himmel schleudernd, zischend und siedend im grünen Holze, krachend und knisternd hochauflodernd in dürren Bäumen, in grünen Kronen umherzuckend in wüthendem Kampfe mit deren innerer Lebenskraft. Schon hat die stürmende, Salven schießende Feuerwuth diesen und jenen Baum aufgegeben und raset vorwärts; aber die Menschlichkeit scheint ihr leid zu thun, so daß sie zurückspringt und den noch stehenden Baum für seinen Trotz nun um so rascher und mächtiger packt und im Nu von unten bis oben in helle, quickende, zischende Flammen verwandelt, während immer wieder neue Vorposten in meilenweiten Sprüngen dem großen, langen Kernheerde des Brandes den Weg zeigen und die Stätte bereiten.

Früh mit den ersten Sonnenstrahlen kam der Wagenzug aus der Ferne angedonnert. Das Hauptheer der Flamme raste dicht an den Schienen hin, die nach amerikanischer Manier auf den unpräparirten Boden hier mitten durch den Wald gelegt waren, sodaß nur ein schmaler lichter Streifen die noch nicht attakirte Seite von der andern in prasselnder Gluth sich verzehrenden trennte. Es war eine dämonische echt amerikanische Scene, als die Locomotive mit ihrem dicken Kopfe und ihrem langen, wie wahnsinnig dahinrasenden Zuge sich furchtlos an der prasselnden, knisternden, in lodernden, pfauchenden Gluthwellen aufwogenden Flammenmasse donnernd und pfeifend vorbeistürzte und die civilisirte Gluth des Dampfkessels gleichsam in Hohn und Verachtung gegen die ungebändigte rohe Gewalt ihrer Collegin draußen rothe Asche auf der Bahn entlang ausspie. Die meilenweit hin wüthende rohe Gewalt wollte sich rächen und über die wohlthätigen Pferdekräfte des Feuers und Dampfes hinstürzen, aber letztere waren ihr viel zu schnell.




  1. Aus den Mittheilungen eines deutschen Arztes.