Persische Diamanten im Taunusbade

Textdaten
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Autor: Rhenanus
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Titel: Persische Diamanten im Taunusbade
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 437–440
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Persische Diamanten im Taunusbade.


Die Diamanten des Schahs. – Bei Krupp und komischer Einzug in Wiesbaden. – Zwei Berliner Donnen. – Lebensweise des Schahs und seiner Begleiter. – Generalingenieur Gasteyer und seine Enthüllungen. – Hauptzweck der Reise des Schahs. – Die persischen Großen im Bade. – Des Schahs Lieblingsroß. – Sitzt er, so stehen sie; steht er, so sitzen sie. – Officielles und improvisirtes Concert. – Mauvais portrtait! – Taschenspielerei. – Der Schah als freigebiger Gabenspender.


Nur das Außergewöhnliche, was die Fremde auf deutschen Boden sendet, ist heute noch im Stande, Aufsehen zu erregen. Eine japanesische Gesandtschaft erobert sich allenfalls wohl noch ein Plätzchen in der Tagesliteratur; um nachhaltigen Effect zu machen, bedarf es den Werth eines Königreichs in Diamanten, wenn diese auch als Sinnbild der Thränen eines halbverhungerten Landes gelten können.

Wie spurlos würde der vielbesprochene Schah von Persien auf deutschem Boden verschwunden sein, wenn nicht sein zusammengesparter, von Herrscher auf Herrscher vererbter Diamantenschmuck den nöthigen Effect hervorgebracht haben würde! Seine sonstigen Eigenschaften haben weder Hervorragendes noch Bewundernswerthes erkennen lassen. Sein ganzes Wesen war das eines schläfrigen, eigenwilligen, wenig gebildeten Despoten. So zeigte er sich in Petersburg; so zeigte er sich noch mehr in Berlin. Seine selbst nicht durch persische Sitten entschuldigte Indolenz entbehrte nicht nur der Liebenswürdigkeit, sondern auch der Originalität.

In Berlin wußte man ohne Zweifel nicht mehr, was mit dem Schahyczschah anzufangen sei; man sann daher darauf, ihn auf gute Manier loszuwerden; gleichzeitig trachtete man auch wohl, jene königlichen Gemächer wieder zu säubern, welche sein Gefolge – verpersert. In England war sein Empfang noch nicht vorbereitet; in Brüssel verzichtete man gern auf seine sonnenherrliche Gegenwart oder suchte dieselbe doch auf die kürzeste Frist zu beschränken, und so sandte man ihn nach Wiesbaden – vielleicht auch mit dem zarten Nebengedanken, es könne ihm und seinen Begleitern eine kleine curgemäße, also gründliche Abwaschung nur förderlich sein. Nun, die Stadt kann mit diesem Besuche zufrieden sein – er hat einen so großen Menschenzufluß zuwege gebracht, daß die vorhandenen Säle und Gartenanlagen sich, so ausgedehnt sie auch sind, als zu klein erwiesen.

Ueber Essen zur Besichtigung der Krupp’schen Eisenwerke geleitet, traf Nassr-Eddin in Wiesbaden an einem der letzten Sonntage ein. Wenn man glauben sollte, der Schah und sein Gefolge habe eine Studienreise unternommen, um sich und ihr Land durch Erfahrungen zu bereichern, so dürfte dieser äußerst flüchtige Besuch der Krupp’schen Werke leicht das Gegentheil bezeugen. Mit wenig Interesse und noch weniger Behagen sahen sich die persischen Granden die bedeutenden Etablissements unseres Kanonenkönigs im Fluge an. Imponiren konnte ihnen nur das Massige, das Riesenhammerwerk und die größten der fertigen Geschütze, und auch dies nur, weil sie augenscheinlich sich keine genügende Erklärung über die gewaltigen Kräfte geben konnten, welche hier in Bewegung gesetzt werden, um Außergewöhnliches zu schaffen.

Der Verfasser Dieses hat Gelegenheit gehabt, den Schah und die Seinigen in verschiedenen Situationen sehr genau zu beobachten, und er giebt vielleicht durch diesen Umstand manche Notizen in dem Nachfolgenden, welche sich andernfalls der Mittheilung entziehen würden.

Bedauern muß er zunächst die preußischen Officiere, welche zum Ehrendienst des Diamantenherrschers beordert waren. Ein launischerer Patron – mit allem Respect vor seiner Sonnenhoheit – ist wohl nicht leicht aufzutreiben. Einzelne Details lassen an seinem offenen Kopfe zweifeln, obwohl seine Begleitung hierin anderer Ansicht ist. Dagegen sind seine Minister mit wenigen Ausnahmen gebildete, wenn auch nicht europäisch fein auftretende, so doch manierliche Leute. Die meisten derselben sind in Paris, London oder Wien erzogen. Einige – der erste Leibarzt ist ein Engländer, der zweite ein Franzose, einer der Generale ein Oesterreicher – verleugnen ihre Abstammung nur wenig, wenngleich ihnen auch schon manches Persische anhängt. Wie sollte dies auch anders sein? Böse Gesellschaft verdirbt ja die besten Sitten. Unwahr aber ist es, daß die Herren des höhern Gefolges mit den Fingern essen. Sie bedienen sich wie wir der Messer und Gabeln und der Serviette in manierlicher Weise. Die Berliner Zeitungen haben sich hier viele Uebertreibungen zu Schulden kommen lassen oder doch nur den Troß im Auge gehabt. Bei vielen Personen des niedrigen Gefolges ist allerdings das echt persische Insectenpulver recht von Nöthen. Vorsorglich hatte man deshalb auch in Wiesbaden ausgeliehenes und nicht königliches Bettwerk dem vorhandenen substituiert. Der Rest – die niedrigste Dienerschaft – ist Schweigen.

[438] Als der Zug den Bahnhof zu Wiesbaden erreichte und die daselbst aufgestellte Ehrenwache, mit der Musik an der Spitze, für den Schah sichtbar wurde, vollendete der Beherrscher aller Könige seine Toilette, indem er seinen Brillantrock schnell über die königlichen oder besser kaiserlichen Hemdärmel zog – kaiserliche Hoheit lieben die Bequemlichkeit auf der Reise über Alles – striegelte eigenhändig die allerhöchsten Haare in persische Position und stand steif und ungelenk in der Mitte des Reisesalonwagens, der Dinge harrend, die da an ihn herantreten sollten. Zwei königliche Leibjäger bildeten für den persischen Gast Treppengeländer, etwa wie schweizerische Bergführer bei Gletscherrissen die Touristen unterstützen, und schlaff und müde trat er hervor an’s Licht der rheinischen Sonne, geschmückt mit seinen persischen Sternen. Besonders fesselnd konnten wir sein Aeußeres nicht finden. In Posen und polnisch Lissa finden sich derartige Gesichtsbildungen gar nicht selten. Er spricht – wie wir öfter zu bemerken Gelegenheit hatten – selten von Angesicht zu Angesicht mit seiner Umgebung, stets nur über die Schulter.

Neben ihm stand sein Bruder, ein kleiner unansehnlicher Mensch mit über alle Begriffe markirtem orientalischem Typus. Jedenfalls aber ist der kleine Schah, wie er hier allgemein – und sicher gegen seinen Willen – getauft wurde, Prinz Abdul-Samet-Mirza, ein sanfter, liebenswürdiger und für einen Perser fein gebildeter Mensch.

Schah Nassr-Eddin stand wie ein Gartenpfahl, ließ seine Diamanten in der Sonne glänzen, nahm die Vorstellung der drei Vertreter der hiesigen hessen-nassauischen, respective preußischen Regierung durch den General der Infanterie von Boyen mit drei Kopfnicken entgegen, welche lebhaft an die Bewegung eines Pagoden erinnerten, winkte schlaff und abgespannt, die Hand kaum erhebend, mit dem Finger, deutete halb gähnend auf die entgegengesetzte Seite des Perrons, als wenn er sagen wollte: „Auch das noch!“ und schritt der Ehrencompagnie zu, deren Musik den persischen Marsch intonirte. Zehn Schritte Raum vor ihm, zehn hinter ihm, nicht anders duldet er’s. Hier schritt er langsam die Front entlang, mit dem Fürstenanstand eines Bühnenanfängers; statt aber der Front einen Blick zu gönnen, schaute er hinüber auf die andere Seite, wo ein eben rangirter Bahnzug zur Abfahrt bereit stand. Als die Ceremonie vorbei und das Ende der Ehrenwache erreicht war, hob Nassr-Eddin die beiden Finger der rechten Hand, um den preußischen Militärgruß, den er wohl in Berlin studiert haben mag, in ziemlich verunglückter Weise nachzuahmen, und sein Tagewerk war vollbracht. Ohne Rücksicht auf die ihn erwartenden Spitzen der Behörden ging er gelangweilt zum Wagen, und weithin glänzten die berühmten Diamanten durch die wahrhaft volksüberfüllten Straßen. Graf Dattenberg würde diesen Pascha durch Würde gründlich beschämt haben.

Nach ihm ward das Gefolge eingeladen und in königlichen Wagen zum Schlosse befördert, wohl nahe an hundert Personen. Die rheinische Jugend, welche wohl auf den Reichthum der reichgestickten Paradeuniformen gespannt sein mochte, fand sich durch die bescheidenen Reisekleider des Gefolges in Etwas getäuscht. Zum Jubel aber steigerte sich der Ausbruch jugendlicher Freude, als das Gepäck mit seinen Begleitern erschien, ersteres zum großen Theile in Tücher geknotet und mit Riemen oder Stricken zusammengeschnürt, auf Rollwagen gepackt, Letztere auf diesen und den Bündeln thronend – ein Auszug der Kinder Israels in optima forma.

„Hei!“ riefen die jugendlichen Richter solcher Straßenaufzüge, „’s ist Faasenacht! Holla! jetzt kimmt der Hanswurscht!“

Dies war der Einzug des Schahs von Persien zu Wiesbaden, des Königs der Könige, des Beherrschers der Sonne, der kurz vorher dem Kaiser von Rußland für seine treffliche Bewirthung in Petersburg allergnädigst Rußland geschenkt hatte.

Einen wohlthuenden Gegensatz zu diesen Erscheinungen bildete der persische Gesandte aus Paris, General Nazare Aga und der Großvezier und Generalissimus Hadji-Mirza-Hussein-Khan – der persische Bismarck –, so wie der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Nazim-ul-Mulk Mirza Malcolm Khan, Persönlichkeiten, welche auch in einem andern Gefolge volle Ehre eingelegt haben würden.

Die Stadt, welche festlich geflaggt hatte, brachte dem Schah von Persien am ersten Abende durch die Cur-Direction eine Serenade und eine bengalische Beleuchtung des Schloßplatzes, bei welcher, durch die Localverhältnisse geboten, die evangelische Kirche die Hauptgruppe bildete. Aber Nassr-Eddin konnte das Ende dieser Feierlichkeit kaum erwarten; er sandte zu verschiedenen Malen hinunter zum Schloßplatze mit der Weisung, die Musik möge doch ein wenig schneller spielen, er geruhe ruhen zu wollen. Als drollige Erklärung für diese Eile des Schahs wird angegeben, daß er Verlangen getragen, sich mit zwei Berliner Damen zu unterhalten, welche, seinen Wünschen Folge leistend, bereits in der preußischen Hauptstadt sich seinem Gefolge angeschlossen hätten. Beide Damen, die eine blond, die andere schwarz, repräsentirten die preußischen Nationalfarben, wahrscheinlich in Erinnerung an den Berliner Aufenthalt. Sie wurden auf ihr Verlangen, im Schlosse einquartiert zu werden, einfach beseitigt und mußten die Erfahrung machen, daß ihre Koffer wahrscheinlich schon in Berlin aus dem Extrazuge entfernt worden waren. Nur persönliche Intervention des persischen hohen Gastes hatte ihnen für ihre Person die Mitfahrt ermöglicht. Zufällig konnte der Verfasser der Verzweiflung der einen jener Donnen beiwohnen, als ihre Koffer nicht aufzufinden waren. Mit Berlinischer Unverfrorenheit simulirte dieselbe eine Sprache, die wohl persisch sein sollte, als ihr einer der Diener mit der größten Gemüthsruhe die Landsmannschaft klar machte mit den Worten: „Je, Juste, habe Dir man nich!“ Während eines Ausflugs wurden in den nächsten Tagen diese Huldinnen entfernt und dürften dieselben, das Glück einer persischen Reise nicht aufgebend, wohl in Spaa wieder zum Gros der persischen Armee gestoßen sein.

Die Hausordnung des persischen Hofes auf der Reise ist sehr einfach. Morgens Thee; um die Mittagszeit ein Frühstück nach europäischer Sitte, um sechs Uhr Abends indessen muß sich das ganze Gefolge zum gemeinsamen Diner einfinden. Bei seinen Spaziergängen folgen dem Schah fünf Diener, der eine mit einem persischen reichen Shawl, der zweite mit dem landesüblichen Tschibuk (auch die Cigaretten werden von den Herren sehr bevorzugt), der dritte mit einer schön ciselirten und emaillierten Theekanne, und die übrigen beiden mit silbernen Kohlenbecken, nicht, wie allgemein geglaubt wurde, mit Weihrauchfässern, obwohl sie Räuchersubstanzen enthalten. Sie sind zur Erwärmung des Thees bestimmt.

Das Privatleben des Schahs hat sich wohl nur wenig den gewohnten Sitten bis heute entfremdet. Er speist allein auf seinem Zimmer, auf einem Teppiche sitzend und hier wohl auch mit den Fingern essend. Ein Zutritt in seine Gemächer während seiner Mahlzeit ist selbst seiner Bedienung nicht gestattet. Zu bemerken wäre nur, daß er nach unseren Begriffen sehr mäßig ißt. Rohe Gurken, Zwiebeln und sonstige Gewürzpflanzen, sowie ein frischgeschlachtetes, halb gar gebratenes Stück Hammelfleisch, das auf einer kleinen Maschine für ihn bereitet wird, sind seine Liebhaberei. Dabei wirft er die Knochen in die Salons, räumt, was ihm im Wege ist, in einfachster Weise auf, verschmäht die Benutzung eines Spucknapfes und hält Serviette und Taschentuch für weniger angenehm, als seine Brillanten.

Seine Begleiter aber ließen sich stets die reich besetzte königliche Tafel trefflich munden, verschmähten keines der Gerichte, bevorzugten das Desserteis des Hofconditors Röder und tranken größtentheils herzhaft, trotz einer rheinischen Kehle. Naturwein scheint ihnen weniger zu munden als Gilka und Doppelkümmel, den sie hier in den verschiedensten Läden persönlich einkauften. Außerdem setzten sie dem Champagner frisch, fromm und fröhlich zu und voltigirten über die Religionsgesetze des Weinverbotes mit der einfachen Erklärung hinweg, Champagner sei eigentlich nur „kohlensaure Limonade“. Eine Wirkung des Weines konnten wir an keinem der Herren vermerken. Nur zwei jüngere Leute tranken Wasser zur Tafel und wehrten jede Versuchung ab. Zu bemerken dürfte sein, daß mindestens zwölf Personen des Gefolges leidlich französisch sprachen. Um so schlechter spricht diese Sprache der Schah, der sich im Umgang beständig der Intervention seines Premier- oder Hausministers bedient. Im Ganzen sind die Herren des kaiserlichen höheren Gefolges, mit wenig Ausnahmen, stattliche Figuren, durchaus nicht so klein, wie sie allgemein geschildert werden. Ihre hohen Schaffellmützen sind eben nicht kleidsam.

Eine in gewisser Beziehung interessante Erscheinung ist der [439] Generalingenieur Gasteyer, ein alter biederer Oesterreicher, der als Unteroffizier vor fünfzehn Jahren nach Persien kam, dort die persische Armee drillte und jetzt die Straßenbauten regelt und das persische Geniecorps befehligt. Von ihm erhielt der Verfasser manchen Aufschluß über die Eigenthümlichkeiten seines Herrn. Auf unsere Bemerkung, daß wohl von dem Gefolge, den höheren Officieren des Schah’s, aber nicht von ihm selbst das Bestreben zu Tage trete, sich auf der Reise zu belehren, erwiderte er: „Es sei kein Wunder, daß der Schah unbeholfen und verstört erscheine. Man dürfe sicher in Deutschland glauben, daß diese ganze Reise überhaupt ein gewagtes Spiel für den Schah sei, daß er beständig in der Sorge sein müsse, die Priester würden seine Abwesenheit benutzen, um ihn zu stürzen. Seine Reise sei ganz gegen deren Willen geschehen, und nirgends sei eine Palastrevolution sicherer zu fürchten und häufiger, als in Persien. Nur die etwa hunderttausend Mann zählende Armee, an deren Spitze er zuverlässige Leute zurückgelassen, mache es ihm, dem wenig bevölkerten Lande gegenüber, möglich, eine so lange andauernde Reise zu unternehmen. Nur gestützt auf englischen und russischen Beistand habe er sein lange gehegtes Project ausführen können. Hier in Europa aber werde er erdrückt von all dem Neuen und Ueberraschenden, für welches er vielleicht nicht Verständniß genug mitbringe, um Alles in sich aufzunehmen. Den bedeutendsten Eindruck hätten nicht die Paraden, welche ihn in ihrer schnellen Aufeinanderfolge ermüdet haben, auf ihn hervorgebracht, sondern die Eisenbahnen und vor Allem der Knotenpunct Deutz-Cöln. Da kommende und abfahrende Züge auf verhältnißmäßig beschränktem Raum, dort die Eisenbahnrheinbrücke und hin- und herfahrende Dampfer, hier wieder der majestätische Rhein mit seinem belebten Strombett, der ihm, dem Fürsten eines wasserarmen Landes, das nicht einen schiffbaren Fluß besitze, am meisten imponirt habe. Das Gefühl der eigenen Dürftigkeit lasse ihn unbeholfen und niedergedrückt erscheinen. Auch sein oft übermüthiges Benehmen gegen hohe Häupter rühre aus diesen Gründen her; es sei eben der Zustand eines von der Sonne geblendeten Beherrschers der – Sonne. Für ihn und sein Gemüth spreche die besondere Vorliebe für Blumen, für Kinder und vor Allem für die freie, wunderbare Gottesnatur, die ihn hier noch mehr fessele, als im eigenen Lande.“

Nichts interessiere ihn mehr, als die prachtvollen Umgebungen des Curortes, die Waldungen und öffentlichen Gärten. Auch das Gefolge hat vielen Sinn für landschaftliche Schönheiten. Dabei erfuhren wir freilich gleichzeitig, daß ein Bruder des Schah in Constantinopel geblendet lebe. Geblendet in Folge einer versuchten Palastrevolution. Noch mehr aber durften wir staunen, als uns ein hoher Officier, dessen Name nichts zur Sache thut, auf eine Schmarre, ähnlich dem Hiebe eines Studentenschlägers, im Gesichte des Großveziers aufmerksam machte. Unser Gewährsmann ist Genüge für die Wahrheit der folgenden Mittheilung: „Bei einer Streitigkeit zwischen Hofbeamten erhielt vor Jahren der jetzige Ministerpräsident einen Hieb mit einem jener kurzen persischen Dolchmesser in’s Gesicht. Dem Thäter wurde in Gegenwart des Schah’s und in dessen Zimmer der Hals mit einem Federmesser durchschnitten, aber langsam, ohne große Uebereilung, damit die Strafe gründlich sei.“ Mein Gewährsmann kannte den Fall genau, da er als Mitglied der russischen Expedition im Kaukasus die Hofverhältnisse in Teheran kennen zu lernen genügend Gelegenheit hatte.

Der Hauptzweck der ganzen Reise des Schah ist jedenfalls, sich die Freundschaft Englands für alle Fälle zu sichern, und er dürfte, da aus handelspolitischen Rücksichten ihm gerade von hier aus Bereitwilligkeit entgegen getragen wird, in diesem Falle wesentliche Förderung für seine Pläne finden. Daß der Schah, wie von Berlin berichtet wird, sich allabendlich Notizen über das Geschehene und Erlebte mache, ist hier nicht bekannt geworden, indessen schließt dies die Möglichkeit nicht aus, daß es von seinem Gefolge geschieht. Faul sind die Zustände des Landes sicher. Das Volk ist verarmt, der Boden größtentheils Wildniß, die Cultur vernachlässigt. Da soll nun Hülfe von außen kommen.

Gemüthlicher als die oben mitgetheilten wenig anmuthenden Beweise der persischen Culturstufe ist der Umstand, daß am nächsten Tage die Herren des persischen Gefolges in den verschiedenen Badhäusern der Stadt heiße Bäder nahmen und daß nun natürlich jeder derselben für den Schah gehalten wurde. Da die Wiesbadener Thermen etwa fünfzig Grad Réaumur heiß sind, so war es leicht, den Herren entsprechende Badetemperatur herzustellen, von denen einige bis zu nahe vierzig Grad bestellten und – aushielten. Einer der Granden des Reichs entstieg in einem seidenen Schlafrock seiner Droschke, ging mit diesem in die Zelle und behielt den Schlafrock auch im Bade an. Ob dies Kleidungsstück gleichfalls einer Abbrühung bedurfte, war nicht zu erfahren. In jedem der Badehäuser hatte nun der wirkliche Schah gebadet, und um Niemandem wehe zu thun, nannte der Volkswitz diese verschiedenen Schah’s im Plural die – Schächer. In einem der Badehäuser befindet sich eine große Schale zur Trinkcur, in welcher das heiße Wasser direct entquillt. Da fällt es einem der persischen Granden ein, in nahezu unaussprechlichem Costüme das Marmorbecken jener Schale als Badewanne zu benutzen. Ein Schauspiel für die übrigen Gäste, das nicht geringe Heiterkeit erregte, und eher nicht war der Sonnenritter zu bewegen sich zurückzuziehen, bis der Sprudel ohne Weiteres abgestellt worden war.

Der Schah reitet einen braunen arabischen Fuchs, sein Paraderoß und Lieblingspferd, von kleiner Statur. Reichgesticktes Sattelzeug (im Werte von circa zwanzigtausend Thalern) zeichnet das flinke, edle Thier vor allen Dingen aus. Berühren darf eine Christenhand dieses Pferd und seine Zierrathen, sein Riemenzeug, nicht. Der in unserer Gegenwart gemachte Versuch wurde durch ein persisches Gebet des Reitknechtes sofort unschädlich gemacht. Den Wachtdienst hierfür hat Moutchoul Khan, der Sattelüberwacher, ein Posten, der nicht zu den letzten im Gefolge gehört. Das Paraderoß hat in der That, wie schon öfter berichtet, einen carmoisingefärbten Schweif, der lang zur Erde herabreicht. Man erklärte uns diese abenteuerliche Färbung durch den Umstand, daß das Pferd eine Wallfahrtsreise des Schah (russische Berichte sagen nach Mecca) zu einem bestimmten Ziele mitgemacht habe. Daher diese Auszeichnung. Ist doch der Schah auch das geistliche Oberhaupt seines Landes.

Am Tage nach seiner Ankunft erlustigte sich der Schah damit, dieses Edelroß auf einem Kartoffelacker an den Ufern des Rheins herumzutummeln. Ob er die Kartoffeln für Wiesenland gehalten, oder ob er die naheliegenden Wege und Matten als zu schlecht für sich und sein Roß taxirte, blieb fraglich. Genug, daß er sein Beginnen nicht eher einstellte, als bis der Acker gründlich zusammengeritten war. Eine Entschädigung wird dem wackeren Bauersmann und Besitzer desselben wohl nicht ausgeblieben sein.

Des Schah Befehle konnten die wachthuende Umgebung deutscher Nationalität fast zur Verzweiflung treiben. In einer Stunde wechselte er mindestens sechsmal seine Dispositionen. Anspannen, abspannen, ausreiten, absatteln folgten in kurzen Zwischenpausen als allerhöchste Befehle aufeinander.

Das zu seinen Ehren arrangiere Doppel-Concert in den Cur-Anlagen mit bengalischer Beleuchtung besuchte der Schah nicht, weil er nothwendig Berlinische Dialektstudien zu pflegen hatte. Dagegen erschien sein ganzes Gefolge, auffallend durch die persischen Sonnen- und Löwen-Orden mit reichem Brillantschmuck und jener in ovaler Form mit seinem Brustbilde geschmückten Brillantendecoration um den Hals. Welch’ eine Augenweide für das schöne Geschlecht! Unzweifelhaft sind auch jene Nachrichten nicht genau, wonach sich die Perser den Frauen in auffälliger Weise bei öffentlichen Festlichkeiten nähern. Es ist nach unserer Erfahrung leider weit eher das Gegentheil der Fall. Die liebe Neugier und die persischen Diamanten mögen dies verschulden. Der Oberhofphotograph, der gleichzeitig Kammerherr ist, Aga Riza, erfreute sich stets besonderer Aufmerksamkeit.

Am nächsten Tag erschien der Schah zu dem ihm zu Ehren veranstalteten Feuerwerk, nachdem er mindestens viermal vorher seiner Begleitung Gegenordre gegeben hatte. Am meisten imponirten ihm die römischen Lichter, welche sich in Form eines Kreuzfeuers über den Platz ergossen. Raketen und dergleichen haben die Perser auch, jedoch kennen sie, trotz des brillanten Effectes, alle anderen Feuerwerkskörper wenig oder gar nicht, so wenigstens erzählte mir einer der militärischen Begleiter des Schah’s. Muthmaßlich ist auch in dieser Beziehung der Effect der Diamanten bevorzugt. Während des Feuerwerks trank Nassr-Eddin aus seiner mitgebrachten silbernen Theekanne und zwar direct aus dem Abguß derselben. Indessen trank er sehr mäßig, nur scheinbar zur Anfeuchtung der Lippen. Ohne sonderliche [440] Wirkung blieb der Gesammteffect des Feuerwerks. Auch hier müde und abgespannt, nahm der Schah dasselbe hin, wie etwas Unvermeidliches. Sein Gefolge erwartete ihn bis zu seiner Ankunft sitzend. So lange er stand, verließen die Perser ihre Sitze nicht, in dem Augenblick, wo er den für ihn bereitgestellten Sessel einnahm, schnellten die Granden des Reichs empor. Die persische Sitte gestattet nicht, daß irgend wer von der Umgebung des Schah’s thue, was er thut. Steht er, so darf das Gefolge sitzen, sitzt er, muß es stehen. Eine spanische Wand, welche ihn in solchem Falle von dem Gefolge trennt und die bereit gehalten wurde, lehnte er ab. Dagegen gefielen ihm ausnehmend die Wappenschilder und Fahnen, welche an seinem Sitze in einem Garten von Blumen und Palmen angebracht waren. Auch die persische Flagge, grün und weiß, mit dem persischen Löwen und dem geschwungenen Damascener in der Pranke, erregte seine Aufmerksamkeit in hohem Grade. Er selbst trug ein Bandelier von Diamanten, daran einen äußerst reichen und voll mit Edelsteinen besetzten, trefflich gearbeiteten persischen Dolch.

Plötzlich erhob sich der persische Despot und wandte sich, während das Feuerwerk noch seine leuchtenden Garben entsandte und die beiden Musikcapellen ihre Märsche spielten, den Sälen zu. Seine erste Frage war in schlechtem Französisch nach den früheren Spielsälen. Also von der einstigen Existenz dieses Instituts war sogar der Perser unterrichtet! Mehrere Damen wurden ihm vorgestellt, und diesen gegenüber trat zum ersten Male eine gewisse Liebenswürdigkeit bei ihm hervor. Nach und nach belebten sich seine Züge, und er schritt dem einen der Säle zu. Hier stand ein Concertflügel zufällig geöffnet. Mit Interesse schritt er auf denselben zu und gab, allerdings sehr linkisch, einen Ton an, sofort die Frage stellend: ob Niemand da sei, der gut spielen könne. Zufällig weilte in der Nähe Fräulein Ottilie Lichterfeld aus Berlin, eine tüchtige Pianistin welche kürzlich in einem der großen Curhausconcerte gespielt hatte, zugleich eine sehr schöne und liebenswürdige, echt deutschblonde Dame. Diese spielte ein Concertstück in brillanter Weise, und nie haben wir die Wirkung der Musik in auffälligerer Weise hervortreten sehen, als der dieser Gelegenheit. Mit wahrhaftem Interesse folgte er den Tönen und der Fingerfertigkeit der Künstlerin, nebenbei einen Blick auf die Saiten des Instruments und die anschlagenden Hämmer desselben werfend. Seine Laune war sofort eine vortreffliche und sie verließ ihn auch nicht mehr während des ganzen Abends. Wohl dreimal erkundigte er sich nach dem Namen der Dame, dankte wiederholt und riß sich augenscheinlich nur mit Widerstreben von diesem musikalischen Genusse los.

Im nächsten Saale entdeckte er mit großer Freude auf den Spieltischen Schachspiele: „Ah, Schach!“ war sein überraschter Ausruf. Als er die Lesesäle erreichte, die hier allerdings in ausgedehnter Weise vorhanden sind, staunte er über die Zahl der Zeitungen und durchschritt die vier aneinanderstoßenden Räume mit dem Ausdruck der Verwunderung. Er ließ sich die ganze Einrichtung erklären, da er offenbar zum ersten Mal ein derartiges Local zu sehen Gelegenheit hatte, und frug dann sofort nach der „Independance belge“ , das Journal, welches ihm am bekanntesten zu sein schien. Hier suchte er sich selbst Artikel über seine europäische Reise. Als ihm sodann die letzten Nummern zweier illustrirter Blätter mit seinem Portrait gezeigt wurden, lachte er plötzlich so laut, daß das Hofgefolge sich vor Erstaunen nicht zu fassen vermochte. Das war seit Gedenken nicht geschehen. Ein Wort entschlüpfte ihm dabei, das von wirklich komischem Effect war und ebensowohl für seine Eitelkeit Zeugniß ablegte, wie es kein Compliment für die Zeichner seiner Abbildung sein dürfte. „Mauvais – portrait! Moi – non!“ – in richtiger Uebersetzung etwa: „Das soll mein Bild sein! Bewahre!“

In ähnlicher Weise führte er seine Conversation überhaupt. Auf einem Balle redete er eine ältere Dame an: „Vous – vieille – pourquoi – bal?“ mit andern Worten: „Zum Ballvergnügen sind Sie zu alt, Madame. Gehen Sie nach Hause!“ Ueber das Publicum äußerte er sich höchst herablassend: „Ils sont – très bons gens – ici.“ Es sei hier noch eines Scherzes erwähnt, der allgemein belacht wurde. Nassr-Eddin erhielt auf der Reise nach Wiesbaden die Nachricht, daß seine Mutter verstorben sei. Ein gemüthlicher Berliner nahm diese Botschaft mit der drolligen Bemerkung auf: „Was thut denn det? Der hat ja mehrere.“

Nachdem der Schah noch einen Gang in den Garten gemacht, die große Fontaine bewundert und sich an schnellservirtem Eis erfrischt hatte, verließ er das Etablissement, wie er gekommen, in vierspänniger königlicher Equipage. Im Schloß harrte seiner eine große Ueberraschung. Ein Taschenspieler, der Tags vorher im Curhause Vorstellungen gegeben und der ihm empfohlen war, fesselte ihn noch bis Mitternacht durch seine Experimente ohne Apparate. Alle Kunststücke, welche dieser producirte, erregten seine Neugier und seine Heiterkeit, die sich um so mehr steigerte, als der Künstler mit dem Gefolge jene kleinen Scherze trieb, die auf Geschwindigkeit beruhen, und die für uns selbst, mehr also noch für Perser, im Augenblick unerklärlich scheinen. Er ließ auf diese Weise einen der Herren seines Gefolges so in Verlegenheit bringen und ergötzte sich so an dessen Verzweiflung, daß der auf diese Weise Ausgezeichnete den Schah schließlich beschwor, ihn für heute entlassen zu wollen, da der Taschenspieler offenbar ein Hexenmeister und jedenfalls ein gefährlicher Mensch sei.

Es scheint, als wenn der Schah selbst unsere deutschen Eisenbahn-Directionen für eben solche Hexenmeister hält, denn es war ihm nicht klar zu machen, daß die Extrazüge für ihn in größter Pünktlichkeit abfahren müssen, soll Unglück vermieden werden. Von Pünktlichkeit ist ihm überhaupt kein Begriff beizubringen, ein Umstand, der preußische Militärs jedenfalls zur gelinden Verzweiflung bringen kann. Ob er sich in dieser Beziehung später durch seinen Generalbauunternehmer Baron von Reuter (früher Buchhändler in Berlin) belehren lassen wird, steht dahin. Ein besseres Gründungsgeschäft ist lange nicht gemacht worden, als von dem genannten Herrn, der hier viel mit dem Schah und den Ministern conferirte. Baron von Reuter hat die Errichtung sämmtlicher Eisenbahnen für den Umfang des ganzen persischen Reiches, sowie die Anlage aller Verbindungswege, Chausseen, Canäle, die Ausnutzung sämmtlicher Bergwerke und Wälder, die Errichtung sämmtlicher Banken und Fabriken übernommen. Ein Monopol, wie es sich wohl selten wieder finden dürfte! Der Baron begleitet den Schah auf seiner Reise durch Belgien und England. Es soll denn auch von hier aus der Befehl nach Teheran ergangen sein, sofort mit dem Bau der bereits vorbereiteten Eisenbahnlinien zu beginnen.

Wie sehr wenig das Weinverbot von dem persischen Hofe beachtet werden mag, geht daraus hervor, daß des Schah Bruder, nachdem er hier mehr denn zwanzig Sorten der besten Weine im Keller versucht hatte, eine bedeutende Bestellung auf Hochheimer Edelweine aufgab. Einen Festball, von nahe zweitausendfünfhundert Personen besucht, beehrte der Schah nicht mit seiner Anwesenheit, wie man sagt, weil ihn die erzwungene Abreise seiner Berliner Herzensfreundinnen in zu traurige Stimmung versetzt hatte.

Wie in Berlin, so war auch hier Nassr-Eddin bei seiner Abreise höchst freigebig. Reich beschenkt wurden die Schutzleute und Gensdarmen, die Dienerschaft und Schloßbediensteten. Mit Uhren, Gold und persischen Shawls war er nicht zurückhaltend. Von seinen Brillanten aber scheint er sich schwer zu trennen. Die baaren Summen, welche er bei sich führt, sind bedeutend. Ziemlich sorglos werden die Geldsäcke, sämmtlich Imperials enthaltend, von der Dienerschaft behandelt. Sie liegen in offenen Wagen fast ohne Wache. Der Zweck, warum er in Baarem so viel bei sich führt, geht aus einem Geschäft hervor, das Nassr-Eddin am Abend seiner Abreise von Wiesbaden abschloß. Er kaufte für 54,000 Gulden Juwelen von zweien der ersten Juweliergeschäfte, und es gewinnt fast den Anschein, als ob der Diamantenkönig mehr eine Entdeckungsreise auf derartige Schätze, als zu anderen Zwecken unternommen habe. So zog er denn auch am Tage der Abreise auf den Wellen des deutschen Stromes dahin, silberglänzend wie die hochaufspritzenden Wogen unter dem Bug des von der Dampfschifffahrts-Gesellschaft stattlich geschmückten Dampfers (Deutscher Kaiser), eine absonderliche Erscheinung, mehr bewundert wegen seines äußern Schmucks, als wegen seiner sonstigen Eigenschaften. In seinem Sinne, gestützt auf seinen Juwelenreichthum, ist er sicher der Reichste der Könige, der aber nicht, wie Eberhard im Bart, „sein Haupt kann ruhig legen jedem Unterthan in Schooß!“
Rhenanus.