Pariser Wahrsagerei

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Pariser Wahrsagerei
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 319–320
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[319] Pariser Wahrsagerei. Charakteristisch für die Franzosen ist es, daß in dieser bedrohlichen Zeit, die doch auch auf die französischen Zustände nicht ohne ernste Rückwirkung geblieben ist, nicht blos Theater und Vergnügungslocale ungeheuer besucht sind, sondern daß sie sich überhaupt die aufsteigenden Befürchtungen und Gefahren durch eine vermehrte Beschäftigung mit allerlei scherz- und ernsthaften Ueberflüssigkeiten hinwegzuscheuchen suchen.

Seitdem es mehr als ein bloßes Gerücht ist, daß eine hohe Person sehr viel auf Prophezeiungen giebt, und man besonders einen Wahrsager nennt, welcher sehr oft die Ehre haben soll, dieser hohen Person in die Hand zu schauen, um aus deren Lineamenten nicht nur das Schicksal der hohen Person, sondern auch die nächste Zukunft Frankreichs vorher zu verkünden, ist es natürlich Mode geworden, sich prophezeien zu lassen, und es giebt vielleicht hundert Personen, welche entweder als Hellseher oder als Kartenleger, Zinn-, Bleigießer und Propheten, die aus der Hand die Zukunft lesen zu können vorgeben, ihr Glück zu machen suchen.

Dieser Tage wandelte mich die Lust an, mir diese Propheten näher zu besehen, und ich erfragte bei einem Bekannten die Wohnung einer Kartenlegerin aus dem Boulevard des Italiens. Als ich die etwas dunklen drei Treppen hinaufgestiegen war, begegnete ich einem jungen Mädchen, welches mir auf meine Frage nach Madame nur sehr schnippisch zur Antwort gab, „Madame habe eben Besuch, können heut Niemand annehmen, wenn die Frau Baronin gegangen sind, kommen der Herr Graf, dann der Herr General, diese Herrschaften sind schon längst vorgemerkt.“

Namen nannte das Zöfchen nicht, aber es suchte mir mit Titeln zu imponiren. Da ich in Paris die Erfahrung gemacht habe, daß die Liebhaberei für Franken sehr groß ist, drückte ich dem Kammerkätzchen drei Franken in die Hand und sagte: „Es ist erst zwölf Uhr, wäre es denn nicht möglich, daß ich nach den Herrschaften an die Reihe käme? Ich reise morgen ab.“

„Ich will es versuchen, mit Madame zu sprechen,“ erwiderte sie, „warten Sie ein wenig.“

Nach zwei Minuten kam sie wieder und sagte: „Da Sie abreisen müssen, will Madame Sie sehen, allein Sie müssen Geduld haben.“

Mir lag weniger daran, mir von der Lenormand der Gegenwart mein Schicksal aus den Karten verkündigen zu lassen, da ich an diese Kunst nicht glaube, als die Leute zu sehen, welche daran glauben; ich fragte deshalb das Zöfchen, indem ich nochmals meine Börse hervorzog, ob es nicht möglich sei, die Personen zu sehen, welche sich bei der Prophetin befänden, ob ich nicht zu diesen in das Wartezimmer treten könnte, oder ungesehen dem Kartenlegen zuschauen dürfe; ich würde das tiefste Schweigen beobachten, kenne ja die anwesenden Herrschaften nicht, und reise übermorgen nach Deutschland. Ich sei, fuhr ich fort, ein Maler und wolle Studien zu einem Gemälde „die Kartenschlägerin“ machen.

Das Mädchen legte die Hand an die Stirn, dann sagte sie: „Ich hoffe, Madame wird mir verzeihen, kommen Sie, aber leise.“

Sie faßte mich bei der Hand und führte mich in ein dunkles Gemach, vor einer Portière blieb sie, den Finger auf den Mund gelegt, stehen, nahm die zwei Franken, welche ich noch opferte, und schob die Portière so, daß ich das helle Gemach neben dem dunklen ganz übersehen konnte.

In einem Fauteuil, in schwarzen Seidenstoff gekleidet, den Kopf mit einem bunten, phantastischen Turban geschmückt, saß die Kassandra, eine hagere Frau mit gelblichem Teint, stechenden, schwarzen Augen und blendend weißen Zähnen, die ich ihrer auffallenden Schönheit wegen für falsch hielt. Vor dieser Frau im Sopha hatte eine junge, schöne Frau Platz genommen, ihr reiches, blondes Haar, der Schnitt des Gesichts, das gespaltene Kinn, erinnerten mich lebhaft an Wilhelmine Schröder-Devrient. Der feine Anzug und die Haltung der Dame zeigten, daß sie den gebildeten Ständen angehöre und wohlhabend sei. Die Prophetin blickte mit großem Ernst auf die Karten, stieß einige Laute der Ueberraschung aus, endlich sagte sie in gebrochenem Französisch: „Es ist, wie ich Ihnen schon sagte, Sie werden ihn wiedersehen, wenn der Mond dreimal gewechselt hat, aber an der Seite einer Andern, welche er jetzt leidenschaftlich liebt.“

„Und wird er sich mit dieser Andern vermählen?“ fragte die Dame in sanftem, melancholischem Tone.

„Nein, er wird sich entweder gar nicht, oder nur mit Ihnen verbinden, wenn Sie das rechte Mittel anwenden, ihn zu fesseln.“

„Und das Mittel ist?“

„Das kann ich Ihnen erst sagen, wenn wir Vollmond haben, ich sagte Ihnen ja schon, mit Ihrem Schicksal ist stets der Vollmond in Verbindung,“ sprach die Prophetin etwas ungeduldig.

Die Dame sagte; „Ich soll also wiederkommen, Madame?“

„Wie Ihnen beliebt, Sie wissen, ich dringe Ihnen meinen Rath nicht auf.“

Die schöne Blondine erhob sich, legte einen Napoleon auf den Tisch und flüsterte: „Ich werde wiederkommen.“

Hierauf entfernte sie sich mit einer graziösen Verbeugung. Die braune Frau nahm das Goldstück, warf es in eine Vase, welche auf dem Kamine stand, setzte sich wieder hin und herein trat ein Mann von ungefähr vierzig Jahren mit einem intelligenten Gesicht und sagte: „Heute will ich Sie nicht lange aufhalten, ich wünsche nur zu wissen, ob Sie mir sagen können, ob wir Krieg oder Frieden zu erwarten haben.“

„Ob ich es sagen kann? Wenn Sie zweifeln, warum kommen Sie zu mir, Graf?“

„Nun, ich weiß nicht, ob Ihnen nicht von Seiten der geheimen Polizei verboten ist, auf politische Fragen zu antworten.“

„Wer sollte mir gebieten? Ein Befehl gegen mich, nicht mehr sprechen zu dürfen, was die Wahrheit ist, und ich gehe nach England.“

„Dort werden Sie schwerlich so gute Geschäfte machen, wie hier, denn die Engländer sind zu fromm, um sich die Karte legen zu lassen,“ sagte der Herr trocken. „Seien Sie nur so gut, mir zu sagen, ob wir Krieg zu erwarten haben, denn ich wünsche zu wissen, was ich thun soll.“

Die Frau nahm die Karten, mischte sie, hieß den Herrn zwölf Blätter herausziehen, legte sie vor sich hin und sprach: „Sie haben bereits Staatspapiere gekauft, Sie wollen noch mehr kaufen, so ist es.“

„Ja, das gebe ich zu.“

„Behalten Sie Ihre Oesterreicher, in wenig Jahren sind die Geldverhältnisse Oesterreichs geordnet, denn die Regierung wird die Klöster ausnehmen.“

„Das wird sie nur in der größten Noth thun, demnach sehen Sie Krieg.“

„Sobald noch nicht, erst nach der Weltausstellung, falls es Krieg geben sollte!“

„Gut, mehr wollte ich nicht wissen.“

Der Herr legte zwei kleine Goldstücke auf den Tisch und entfernte sich mit leichtem Gruße. Abermals öffnete sich die Thür und ein Officier in Generalsuniform erschien. Ohne Complimente forderte er die Frau auf, ihm die Karte zu legen. Sie sagte: „Erst muß ich Ihren Geburtstag wissen und in welchem Himmelszeichen Sie geboren sind.“

„Mein Geburtstag fällt auf den ersten Mai, welches Himmelszeichen damals im Kalender gestanden hat, als ich zuerst das Licht der Welt geschaut, weiß ich nicht.“

„Hm, da kann ich Ihnen nicht Alles sagen.“

„So sagen Sie, was Sie wissen, vor Allem, ob ich noch lange in Paris bleibe.“

Nachdem die Frau die Karten gemischt und aufgelegt hatte, sprach sie: „Ja, noch mehrere Jahre.“

„Wird mein Sohn auch hier bleiben?“

„Gewiß, noch länger!“

„Mehr wollte ich nicht wissen!“

Der General legte ein Geldstück auf den Tisch, die Frau schob es ihm hin und sagte: „Nehmen Sie es zurück, General.“

„Warum? Ich begehre nicht umsonst eine Probe Ihrer Kunst.“

„Ich nehme kein Silber, nur Gold oder gar nichts.“

Der General sagte: „So geben Sie das Silberstück Ihrer Kammerjungfer und nehmen Sie meinen verbindlichsten Dank.“

Er verbeugte sich sehr artig und entfernte sich ziemlich schnell. Sie nahm das Geldstück und murmelte: „Fünf Franken, schmutzig, indeß –“ und die Silbermünze wanderte in einen Kasten, der aber sofort zugedeckt wurde.

Jetzt erschien das Zöfchen wieder, nahm mich abermals bei der Hand und führte mich auf anderem Wege durch ein elegantes Vorzimmer in das Gemach der Dame. Auch ich ward mit Ausdrücken in einem Französisch empfangen, das die Ausländerin verrieth.

„Sie sind eine geborene Ungarin?“

„Oui, Monsieur.“

Nun bin ich eben nicht stark im Ungarischen, aber ich habe in Pesth gerade genug gelernt, um ein oberflächliches Gespräch führen zu können, auch machte sich mein verstorbener Freund, Dr. Franz Reissinger, der Herausgeber der Mittelrheinischen Zeitung, einmal den Spaß, mir, während [320] wir im Winter 1845 in Pesth am Ufer der Donau auf und ab wandelten, eine Menge ungarischer Flüche und Schimpfworte zu lehren, um mir zu zeigen, wie reich die ungarische Sprache an solchen Ausdrücken ist. Ich sagte jetzt der Dame auf Ungarisch, daß ich entzückt sei, in ihr eine Ungarin zu begrüßen, und erhielt eine nur halbverständliche Antwort. Ich redete weiter, schimpfte und fluchte endlich nach Herzenslust und als ich bemerkte, daß die gute Frau nicht im Geringsten erzürnt darüber wurde, wußte ich, daß dieselbe keineswegs eine Ungarin sei, auch keine von dem aus Indien stammenden, umherwandernden Geschlecht der Zigeuner. Ich sprach hierauf Französisch und sie besaß Gewandtheit des Geistes genug, nur zu sagen: „Ich habe Ihre Rede verstanden, Herr, allein ich habe gelobt, nicht eher mit Ausländern Ungarisch zu sprechen, bis Ungarn Alles das haben wird, was ihm der Kaiser versprochen hat.“

„Da werden Sie es sobald nicht sprechen, Madame.“

Sie zuckte die Achseln und machte eine zornige Gebehrde, sehr gut für eine Komödiantin. Ich ließ mir hierauf die Karte legen, und hörte ihr ruhig zu. Sie sagte mir Einiges aus meiner Vergangenheit, was zufällig richtig war, dennoch fällt es mir nicht ein, deshalb zu glauben, daß das zur Wahrheit werden wird, was sie über meine Zukunft sagte. Da ich an das Zöfchen schon Geld gewandt hatte, wollte ich nicht noch viel ausgeben, ich hatte zufällig ein kleines goldenes Fünffrankenstück in meiner Tasche, und das legte ich der Dame hin, welche nur „Gold oder Nichts“ nahm. Indeß machte sie gute Miene zum bösen Spiel und sagte lächelnd:

Merci, Monsieur, eigentlich bin ich Ihnen Dank schuldig, wieder einmal Ungarisch sprechen gehört zu haben, hier hört man es fast nie.“

Als ich durch das Vorgemach kam, saßen drei junge verschleierte Damen da und zwei Herren. Eines der Frauenzimmer war bleich, hager, dürftig gekleidet, hatte vielleicht einige Tage knapp gespeist, um die Prophetin bezahlen zu können.

Als ich Abends, d. h. um sechs Uhr im Hotel de Calais dinirte, traf ich einen jungen Pianisten aus Schweden. Er erzählte mir, daß er, um sich Ruf zu machen, gern Abends in den Salons spielen wolle, um zehn bis zwanzig Francs. Eine musikalische Autorität, welche ebenfalls da speiste, erzählte mir, der junge Mann sei ein vortrefflicher Pianist, aber um einige Stunden vorzügliche Tondichtungen gut vortragen zu hören, gäbe Niemand zehn Francs, wenn der Pianist nicht schon großen Ruf habe; wollte ein Dichter, und sei er der größte, sein Werk vorlesen, wer würde Eintrittsgeld bezahlen? Und wie viel große Talente, ja mitunter wohl gar ein Genie, muß hier im Dachstübchen bei dürftiger Kost sitzen, der Director irgend eines Theaters, welcher ein neues, geniales theatralisches Werk dringend nothwendig braucht, läßt das Genie doch im Vorzimmer stehen, oder empfängt es mit unhöflichen Abweisungen, ohne sein Werk nur anzusehen, dagegen „macht“, wie das Zöfchen der Kartenlegerin sich ausdrückte, diese Frau täglich zwanzig bis dreißig Francs, weil sie auf die Dummheit und Leichtgläubigkeit des Publicums speculirt. Und uns Deutsche nennen die Franzosen eine Nation von leichtgläubigen Träumern! In Paris nähren sich an zweihundert Personen vom Prophezeien! Wo ist nun der Verstand, der klare, gesunde? Wohnt er am Ufer des Elbstroms, der Donau, des Rheins oder an dem Strande der Seine?

Nächstens machen wir wieder eine Wanderung durch Paris, liebenswürdige Leser dieser Blätter, wenn es Ihnen gefällt, mich zu begleiten.