Pariser Salonplaudereien (1865/9)

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Pariser Salonplaudereien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 144
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[144] Pariser Salonplaudereien. 2. Eine unserer ersten Modedamen, eine Ausländerin zwar, zur hohen Diplomatie gehörig, allein nichtsdestoweniger in Temperament und Wesen eine echte Pariserin, von der man sich erzählt, sie singe wie Theresa vom Café Alcazar, sie tanze wie Rigolboche und rauche wie ein Schornstein, sie besuche alle Maskenbälle der Oper, die Studentenbälle im Jardin Marbille und der Closerie des Lilas – versteht sich, stets in Gesellschaft ihres Gemahls und nur aus Neugierde – kurz, diese neugierige Dame hatte oft genug von den komischen Scenen erzählen hören, die sich zuweilen oben auf den Imperialen der Omnibusse zutrügen, und wollte um jeden Preis auch das Vergnügen kosten, auf der Omnibusimperiale zu fahren, was ihr um so wünschenswerther erschien, als es den Frauen untersagt ist. Der Gatte stellte ihr alle Unmöglichkeiten und Unzukömmlichkeiten ihres Verlangens vor, aber das machte die Sache nur schlimmer, und nach dem alten französischen Sprüchwort: „ce que femme veut, Dieu le veut“, setzte sie ihren Willen durch und kletterte eines schönen Tages in der Tracht eines Schülers oder Gymnasiasten, wie wir sagen würden, und in Begleitung ihres Gemahls, der über seine Schwäche lachte und raisonnirte, die unbequemen Stufen zur Imperiale eines Omnibus hinauf. Ganz roth und freudig aufgeregt setzte sie sich triumphirend auf die harte Holzbank und zündete sich, ihrem Costüm zu Liebe, welches sie sehr ungenirt trug, eine Cigrette an. Hierauf rückte ein jungen Arbeiter, welcher auf der anderen Seite des Pseudoschülers saß, näher heran, zog eine Cigarre heraus und bat um die Erlaubniß, dieselbe an der parfümirten Cigarette anzünden zu dürfen. Die Dame war ganz glücklich; man hielt sie ganz bestimmt wirklich für einen jungen Mann! Sie begann hierauf eine Unterhaltung mit dem Lehrling, der mit vollständiger Unbefangenheit darauf einging und ihr über die Gewohnheiten und Sitten in den Ateliers tausend Dinge erzählte, wovon sie bis dahin keine Ahnung gehabt, Wohl erschien zuweilen ein malitiöses Lächeln um den Mund des Gamins, besonders wenn die Dame im Austausch der Mittheilungen ihm von der Langweiligkeit des Collegs, von den den Pedellen gespielten Streichen und den gewonnenen Ballspielpartien sprach, allein sie bemerkte dieses Lächeln um so weniger, als sie, hingerissen von der Poesie ihrer Erzählungen, sich ganz in einen Schüler verwandelte und zuletzt fast selbst an ihre Lügen glaubte.

Als der Omnibus am Ziel seiner Fahrt angelangt war und man herabsteigen mußte, sprang der Lehrling zuerst hinunter, reichte dann seiner Nachbarin galant die Hand und sagte mit jenem zugleich höflichen und spöttischen Ausdruck, der den Pariser Gamin charaterisirt: „Geben Sie Acht, daß sie nicht fallen, Madame!“ Damit verschwand er lachend um die nächste Ecke. Die Dame – wir dürfen jetzt unseren Lesern verrrathen, daß es die Fürstin Metternich war – stand sehr betroffen da und mußte sich auch noch von ihrem Manne auslachen lassen.