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Pariser Gefängnisse in den Decembertagen

Textdaten
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Autor: Eduard Schmidt-Weißenfels
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Titel: Pariser Gefängnisse in den Decembertagen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 357–359
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bericht des Autors von seiner Gefangenschaft
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[357]
Pariser Gefängnisse in den Decembertagen.

Es war die Nacht vom vierten zum fünften December 1851, als plötzlich schwere Schritte und rauhe Stimmen mich im besten Schlafe störten. Erst vor einigen Stunden hatte die Revolte an den Barrikaden unter dem Peloton- und Kanonenfeuer der Truppen ihr Grab gefunden und das war ein Grund, der mich ahnen ließ; während die mitternächtliche Stunde andererseits diese Ahnung bestärkte, daß der Besuch unter solchen Umständen nur der von Polizisten sein konnte. Man klopfte heftig an meiner Thür und gastfrei öffnete ich; wie ich geahnt hatte, empfing ich etwa zwölf schwarze Stadtsergeanten mit der grausamsten Zuvorkommenheit und in demselben bedenklichen und poetischen Gewande, in welchem Wallenstein von den Partisanen seiner Mörder angetroffen wurde.

Beim Schein einiger Blendlaternen lud man mich nun höflich ein, in meine eigene Wohnung näher zu treten, ein Anerbieten, welches ich mit unendlichem Dank annahm. Einer der Sergeanten nahm darauf eine große Liste und versicherte sich durch seine Fragen und meine Antworten, daß meine im Hemde vor ihm stehende Person identisch mit der auf seinem Papier beschriebenen sei. Andererseits waren die übrigen Stadtsergeanten so galant sich in meinem Zimmer zu vertheilen und ihre Theilnahme für mich so weit auszudehnen, daß sie alle Briefe, selbst parfümirte, und alle Manuskripte, worunter selbst die heiligen Ergüsse einer schwärmerischen Gymnasialpoesie sich befanden, zusammenbanden, und mehrere sonstige Gegenstände ihrer schmeichelhaften Aufmerksamkeit huldigten.

Da die Reflexion von jeher eine meiner Untugenden war, so wird es Niemandem auffallen, daß ich auch in der damaligen entblösten Lage nachdachte. Mit Hilfe des Polizisten, der sich so zuvorkommend nach meinen näheren Verhältnissen erkundigt hatte, kam meine Reflexion endlich zu dem Endpunkt, daß sie mich belehrte, wie ich von nun an diese eleganten Räume nicht mehr bewohnen, sondern sie mit jenen großen Palästen vertauschen werde, die man Gefängnisse nennt. Genug, trotz meiner Protestation und der Versicherung, daß hier eine Verwechselung in der Person stattfinde, wurde ich in Begleitung, wie es die Höflichkeit erheischte, hinunter geleitet, und wie eine große Staatsperson bestieg ich einen schon meiner wartenden Fiacre, in welchem zu meinen beiden Seiten die mir in diesem Augenblicke etwas lästigen Adjutanten Platz nahmen.

Der Weg führte uns von der Rue de Provence bis zur Polizeipräfectur und bot eines der pikantesten Schauspiele dar, die man sich unter solchen Umständen nur wünschen kann. Auf den Boulevards und den Quais, sowie in den Hauptstraßen hatte sich das Militair gelagert und große Wachtfeuer erhellten die dunkle Decembernacht. Zwei Kanonen bewachten die Eingänge jeder nur etwas bedeutenden Straße und die Kanoniere gingen, die Lunte in der Hand, auf und ab. Große Kavalleriepatrouillen und Infanteriekolonnen durchstreiften die Straßen, während an jeder Straßenecke uns die Wachtposten anriefen und respektvoll meinen Wagen passiren ließen, nachdem meine Begleiter ihnen gesagt, welche theure Person sich darin befand.

Endlich rollte der Wagen die Straße Jerusalem hinunter, was mich heute hinsichtlich der orientalischen Frage wiederum zum Nachdenken veranlaßt. Die heilige Straße ist aber in Paris für diejenigen, welche sie unfreiwillig passiren, schrecklich kurz und bald umfingen mich die ehrwürdigen Mauern der Polizeipräfektur, die, früher ein Residenzschloß der französischen Könige, schon lange ein anderes Schloß geworden ist. Nachdem man mich dem Bureau der Präfektur vorgestellt, welches ebenfalls sich theilnehmend nach meinen Verhältnissen erkundigte, ließ man mich eine steinerne Treppe hinaufgehen, an deren Ende ein lustiger Wächter mich willkommen hieß, einen großen Riegel zurückschob und mich in einen Saal eintreten ließ, dessen Salpeteratmosphäre mir zuerst den Athem benahm.

Eine große Menschenmenge befand sich in diesem oblongen und mit Fliesen gepflasterten Saal; die Inwohner hatten sich theils auf die zu beiden Seiten des Saales herabgelassenen und mit Strohsäcken und wollenen Decken belegten Pritschen niedergelegt, theils drängten sie sich in dem mittleren schmalen Gange. Eine große Laterne erleuchtete den Saal, bei deren Schein ich bemerken konnte, wie die sonst hier gewöhnlich sich aufhaltende Klasse von allerhand Verbrechern kaum vertreten war, sondern sich dem Anscheine nach nur gebildete und von der Politik gepackte Personen befanden, deren oftmals fashionable Toilette sonderbar mit dem Gestank und Schmutz dieses Gefängnißsaales in Kontrast stand. Von Zeit zu Zeit öffnete sich die Thür von Neuem und ein neuer Kamerad trat herein. Die Unterhaltung bestand meistentheils in Pfeifenrauchen oder in der Mittheilung der verschiedenartigsten Variationen, unter denen diese Gesellschaft sich hier Rendezvous gegeben hatte.

Endlich wurde es Tag; die Pritschen mit ihren mülligen Strohsäcken und den von allerliebsten kleinen, für den Menschen nach Buffon sehr dienlichen Thierchen wimmelnden Decken wurden in die Höhe gehoben und die verschiedenartigsten Physiognomien sahen sich beim Tageslichte höchst drollig an. Nach der Brotvertheilung, welches an Qualität und Quantität für Gefangene vorzüglich ist, kam der Marketender, der mit Papier und Tinte, Federn, Taback, Pfeifen, Butter, Käse, Fleisch und Wein handelte. Die Mehrzahl suchte sich nach seiner Entfernung irgend ein Plätzchen aus, um Briefe zu schreiben, die alsdann dem Wärter offen gegeben wurden. Um acht Uhr wurden irdene Näpfe vertheilt, in denen sich Liebhaber ihre Portion Kohlsuppe hineinfüllen lassen konnten.

Wie gesagt, war der Saal von Menschen fast überfüllt und im Laufe des Tages kamen noch immer neue Vermehrungen hinzu. Die Salontoiletten zogen natürlich sehr krause Nasen und einige, worunter hauptsächlich ein Volksrepräsentant, hielten gewaltige Reden über die Schmach, sie in ein solches Loch zu sperren, wo sich Niemand um sie kümmere. Die Leute hatten Unrecht so zu sprechen, denn daß man sich um uns kümmerte, wurde gegen Abend klar, wo Viele, wahrscheinlich um das übervolle Lokal zu leeren, herausgerufen wurden, unter denen auch ich mich befand. Die Hoffnung, die sich nun regte, schon in Freiheit gesetzt zu werden, kroch bald wieder zusammen; denn man führte uns durch Korridore und eisenvergitterte Gänge jenem Theile des Präfekturgebäudes zu, welches die Conciergerie heißt. Eine große eiserne Thür öffnete sich, um uns hineinzulassen. Ein allgemeiner Schrei der Empörung empfing uns, um dagegen zu protestiren, weil die Unglücklichen hier wie eingerammte Pfähle standen und ich mit Resignation meinen Trost in dem Sprüchworte fand, daß ich „aus dem Regen in die Traufe gekommen sei,“ denn mitleidslos schlug der Wärter die Thür hinter mir zu und nun erst konnte ich mir einen wahren Begriff von der kläglichen Situation jenes Engländers machen, der lediglich um die Kaiserkrönung zu sehen, nach Frankfurt kommt und dort im Gedränge seinen Hut über die Augen geschlagen erhält, ohne im Stande zu sein sich vor Ablauf der Kaiserkrönung denselben durch seine bisher durch das Gedränge festgehaltenen Hände abzureißen.

Der große Saal bildete augenscheinlich das Schiff einer vor Zeiten hier gestandenen Kirche und war in diesem Augenblick von mehreren Laternen erleuchtet. Die zusammengepreßten Menschen tobten und lärmten auf eine ohrbetäubende Weise, um Errettung aus ihrer grausamen Lage zu erhalten; aber eine plötzliche Stille trat ein, als der Officier in einer der im obern Raum dieses mächtigen Gefängnisses angebrachten Loge erschien und nach einer Fluth von Flüchen versicherte, daß seine Leute dazwischen schießen würden, wenn man sich nicht ruhig verhielte. Nur leise hörte [358] man darauf das Seufzen der gequetschten Lungenflügel und ich kann behaupten, daß den Meisten darauf die Pfeife ausging.

Die Grausamkeit dieser Situation wurde noch durch die Aufmerksamkeit der Polizisten erhöht, welche um uns Schlaf zu gönnen, Strohbunde in den Saal hineinwarfen, indem sie wahrscheinlich glaubten, dieselben würden den Boden schon finden und die Gesellschaft würde sich die Bequemlichkeit eines Lagers nicht entziehen. Doch es war nicht möglich das Stroh auf den Fußboden zu bringen und so lag es denn in großer Menge auf unsern Köpfen und schlief auf uns, statt wir auf ihm. Man kann sich keinen Begriff von dieser Lage machen und wie viel Ohnmächtigen es nicht gelang zur Erde zu fallen; auf die Knieen fielen wir fast vor Dank, als sich am Morgen die Thür öffnete und uns der Besuch des Hofes gestattet wurde.

Der Hof der Conciergerie ist eine pariser Kuriosität, und seine Steine sind mit geronnenem Blute zusammen verbunden. Man hat einen kleinen Blumengarten in seiner Mitte anlegen wollen, – die Blumen blühen und wachsen aber nicht. Auf diesem großen viereckigen und von den hohen Gefängnißmauern eingeschlossenem Hofe der Conciergerie stand in der Zeit der Revolution eine Guillotine und das Blut der Girondisten sättigte tagelang diese Erde. In dem großen Kirchenschiff mit mächtigen Pfeilern und weißer Tünche, in welchem wir die Nacht über die Lehre der Kompression deutlich kennen lernten, sieht man aus der Girondistenzeit her noch Hunderte von Namen und Redensarten eingekratzt, die ein besonderes Tagebuch bilden. Oftmals sind die Buchstaben drei bis vier Zoll hoch und starren von einer Höhe der Mauer herab, bis zu welcher man vermeinen sollte, daß ein menschlicher Arm ohne hohe Leitern nicht hinaufreichen könnte. In jener Nacht stand ich dicht neben einem Pfeiler, in dessen oberer Hälfte jene großen eingekratzten Worte mich fortwährend anstarrten:
Jean Bourgonnais
homme de Virginie, girondiste
sera guillotiné demain 31. Oct. 1793.

und etwas niedriger der Name Brissot. Sollte dies der Chef der Girondisten gewesen sein, den man an demselben 31. October guillotinirte?

Bereits war es Abend und zum Glück hatte man uns noch nicht wieder in jene furchtbaren Kellerräume der Conciergerie geführt. Plötzlich wurden mehrere Namen aufgerufen und auch der meinige; aber anstatt in Freiheit zu kommen, wurden wir in die dazu eigens gebauten Zellenwagen gesetzt und unter Gensd’armerieescorte in der Nacht nach dem Zellengefängnisse Mazas geführt, in welchem unter Anderm auch mein Gönner und Freund Viktor Hugo, die Generale Lamoricière, Changarnier und Cavaignac saßen. Dieses große und ausgezeichnet eingerichtete Zellengefängniß, wo der Gefangene so zu sagen in ein lebendiges Grab begraben und jede Berührung mit der Welt ihm verboten ist, war ebenfalls überfüllt und zwei Tage darauf vertauschte ich diesen Aufenthalt bereits mit einem vierten, zu welchem ich unter Umständen geführt wurde, welche Zeit meines Lebens für mich unvergeßlich bleiben werden.

Es war nämlich gegen elf Uhr Nachts, als der Wärter mich plötzlich weckte und mich zum Ankleiden aufforderte. Ich traute meinen Ohren kaum, denn wohin sollte ich nun noch geführt werden? Wieder war es der Gedanke, wohl gar in Freiheit gesetzt zu werden, der mich beim Ankleiden beschäftigte und das ungewohnte Lärmen und Rennen auf den langen Korridors des noch mit Gas erleuchteten Hauses versicherte mich andrerseits, daß ich nicht der Einzige sei, dem unter allen Umständen doch eine Veränderung seines Looses bevorstehe. Endlich öffnete man meine Thür und in dem in diesem Gefängnisse üblichen Trott lief ich dem Ausgange zu, wie man mir bezeichnet hatte. Vor dem Gebäude selbst stieß ich auf einen bereits langen und in Kolonne aufgestellten Zug, während hinter mir fortwährend sich die Glieder dieser Kolonne vermehrten. Alles war in so rosafarbener Laune wie die Nacht schwarz war; nur das blutrothe und grelle Licht von Hunderten von Fackeln beleuchtete dies Gemälde, dessen vollständige Komposition ich noch nicht kannte. Das Einzige, was uns Alle beschäftigte, war die Freude, wahrscheinlich jetzt nach der Präfektur geführt und dort entlassen zu werden; aber Einige machten auch ernste und finstere Gesichter und ließen mich leidlich bange werden „Nachts um die zwölfte Stunde“ mein Grab verlassen zu können. Aber wohin gehen wir? Auf diese Frage wußte kein Mensch zu antworten.

Endlich setzte sich der ziemlich lange Zug, der etwa zweihundertfünfzig Menschen umfassen mochte, in Bewegung und nun erst sah ich ein, welche wichtige Personen wir waren und welche große Suite man uns gegeben hatte, die uns zu allem Andern, aber wohl nicht zur Freiheit geleiten konnte. Dem Zuge voran gingen zwei Züge Infanterie und etwa fünfzig Gensd’armen zu Pferde; zu unseren beiden Seiten hatten je drei Glieder Munizipalgardisten ein undurchdringliches Spalier gebildet, welches durch daneben reitende Gensd’armen verstärkt wurde. Den Schluß bildete wiederum starke Infanterie und Kavallerie. Dieser Aufwand von Truppen, dem zu unserem verzweiflungsvollen Genuß noch das dumpfe Rollen zweier Kanonen beigegeben war, belehrte wohl Alle, daß Arkadien nicht unser Ziel sei, obgleich wir darin geboren wurden. Jemehr sich dieser Zug dem Ende von Paris näherte und endlich den Weg nach Bicêtre einschlug, jemehr wurde es still und jemehr verschwanden die kurzen Thonpfeifen von den Lippen; feierlich und stumm wie ein Grabgeleit und entsetzlich durch die rothe Glut der Fackeln in den Händen langbärtiger Pompiers gemacht, folgten wir unserer Bestimmung, welche bekanntlich das Einzige ist, womit man sich im Unglück tröstet. Leise flüsterte es von Mund zu Mund bange Besorgnisse um das Leben, und Einer raunte dem Andern in’s Ohr, daß man erst gestern 211 Mann bei Vincennes erschossen habe. Aber konnte man uns denn ohne Urtheil und meist ohne Schuld so ohne Hindernisse aus einer Welt in die andere schicken? Freilich sagte man sich, daß dies unerhört wäre, aber das Unerhörte ist der Seltenheit wegen oft sehr gesucht.

Schon sahen wir die hohen Zickzackmauern der Befestigungen um Paris, als plötzlich die Irrenhausuhr von Bicêtre langsam und mit grauenhaftem Klänge Mitternacht schlug. Welche furchtbare und geheimnißvolle Wirkung dieser Glockenklang bei mir und bei vielen Andern hervorbrachte, kann man sich nur erklären, wenn man unserer ungewissen und peinlichen Situation Rechnung trägt.

Plötzlich commandirte man Halt. Jedes Herz schlug ängstlich als man uns nun einzeln an die Mauer der Fortifikationen im Rechteck aufstellte und die dichten Kolonnen der Infanterie die dritte Seite dieses Dreiecks schlossen. Hoffen und Verzweiflung schlug noch einen letzten und schweigenden Kampf. Sollten wir in der That erschossen werden? Diese furchtbare Ahnung gestaltete sich bald zur Gewißheit, als das Militair plötzlich die Gewehre abnahm und einem leisen Commando gehorchend, die Ladestöcke in die Gewehrläufe hinabrieseln ließ. Jetzt war kein Hoffen mehr und die Hälfte der Unglücklichen fiel bebend auf die Kniee und weinte zu Gott. Viele stürzten vor und betheuerten ihre Unschuld und flehten um Gnade, während die Andern stumm und bleich vor sich hinsahen und ihr Schicksal erwarteten.

„Mein Gott! Was wollt Ihr denn?“ rief der commandirende Oberst, als er diese beim Schein der Fackeln großartig gestaltete Bewegung sah.

„Gnade! Gerechtigkeit!“ erscholl es fast einstimmig.

„Man wird sie Euch ja geben, oder denkt Ihr, man wird Euch hier wie tolle Hunde niederschießen? Ich glaube gar!“

Diese Worte belebten jedes Gemüth. Die Freude zum Leben exaltirte die schon mit sich abgeschlossenen Unglücklichen und sie fielen sich gegenseitig beim Gelächter der Soldaten um den Hals. Man zählte uns einfach nur und alsdann bewegten wir uns wieder in derselben Ordnung vorwärts, den Berg hinauf, die Zugbrücke hinüber, in das Fort Bicêtre hinein.

Wohl aber weiß ich, daß Niemand von uns jene schreckliche Todesangst vergessen hat.

Einige Minuten später waren wir vor den Kasematten angelangt, in der je einer achtzig Mann hineingelassen wurden. Beim Licht einer großen Laterne vermochte man diesen langen Voutenraum ganz leidlich zu übersehen, nur war diese Handlung von sehr kurzer Dauer, da sich weiter Nichts als Matratzen auf der Erde an den Seiten der Mauern befanden. In den spätern Tagen, nachdem sich auch die Gesellschaft durch Ab- und Zukommen und Anderer Vertheilung so zu sagen constituirt hatte, setzte man auch einen großen eisernen Ofen in die Mitte der Kasematte, verabreichte neue wollene Decken und organisirte überhaupt so praktisch, daß außer der Freiheit nichts zu wünschen übrig blieb. Die Kost war äußerst gut und an jedem Tage gab es Fleisch; des Sonntags überdies ein Maaß Wein. Außerdem war es Jedem freigestellt, sich selbst zu beköstigen und der drei Mal des Tages kommende [359] Marketender versorgte uns mit Allem, was nur zu kaufen geht. Andrerseits hinderte uns kein Wärter in unserem Treiben in der Kasematte; nur der Arzt erwies uns jeden Morgen die Aufmerksamkeit seines Besuches und hin und wieder Vorladungen des dort residirenden Kriegsgerichts zum Verhör.

Interessant war das Leben in der Kasematte selbst. Wir hatten einen Präsidenten der Kasematte und zwei Vicepräsideuten; außerdem waren zwei Ordnungsführer mit der Macht bekleidet, eine selbst geschaffene Disciplin aufrecht zu erhalten. Um neun Uhr Morgens, nachdem jeder sein Frühstück verzehrt hatte, begannen die politischen Debatten, welche mit eben der Präcision und Ordnung, aber entschieden mit mehr Feuer und Eifer geführt wurden, als in staatsverfassungsmäßig constituirten Parlamenten. Die Discussion wurde um so animirter, nachdem die Zeitung angekommen war. Freilich war die Verabfolgung einer solchen streng untersagt, indessen war unser Marketender eine so gute Seele, daß er für einen Franken nicht Anstand nahm täglich die „Presse“ in einem ausgehöhlten Brote hereinzuschmuggeln. Der Präsident verlas dieselbe laut und leitete nebenbei die Debatten. Ganz schnurrig kam es mir hierbei vor, wenn der draußen frierende und sich langweilende Wärter in die Kasematte eintrat, die Zeitungslektüre mit anhörte und den parlamentarischen Debatten aufmerksames Gehör lieh, ohne jemals die Zeitung sehen zu wollen oder Anzeige von unserer Frevelthat zu machen. Da, wie gesagt, die Majorität den gebildeten Ständen angehörte, so waren jene Vormittagsstunden für Jeden von großem Interesse; zu gleicher Zeit durfte auch bis zwölf Uhr keine Privatunterhaltung die politische Diskussion stören.

Nach dem Mittagsessen pflegten wir gewöhnlich Alle zusammenzulegen, um ein Stückfaß Wein von fünfzig Litres zu kaufen, dessen Inhalt wir beim oftmals profanen Klang von arrangirten Gesängen ausleerten, indem selbst die Armen, welche kein Geld zum Zusetzen hatten, dabei ächt brüderlich Theil nehmen mußten.

Um sieben Uhr Abends wurden oftmals wissenschaftliche Verträge gehalten, welche sich auf alle Gebiete erstreckten und sowohl Naturwissenschaft, als auch Literatur, Geschichte, Philosophie, Rechtslehre und Nationalökonomie berührten. War indessen dieselbe beendigt, so pflegten sich die Bewohner der Kasematte gewöhnlich auf ihre Matratzen zu legen, die wollene Decke behaglich über sich zu strecken und nun den Schnurren und launigen Erzählungen zuzuhören, welche von Einem und dem Andern zum Besten gegeben wurden. Nach Beendigung dieser jedoch war jedes laute Reden und Conversiren untersagt, um diejenigen, welche schlafen wollten, in ihrer Ruhe nicht zu stören, die sie zu oft nach jenen theuern und lieben Kreisen träumend zurückversetzte, aus denen man sie so zuvorkommend wie mich aus dem Bette gerissen hatte.

Durch die Urtheile des Kriegsgerichts und durch Freilassungen schmolz allmälig dies Parlament nach einigen Monaten zusammen; wie es sich aber gänzlich auflöste, das vermag ich nicht zu sagen, da ich bald darauf durch Reklamation und Bürgschaft meines Gesandten aus meiner Haft entlassen ward.

E. Schmidt-Weißenfels.