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Textdaten
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Autor: Moritz Hartmann
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Titel: Heuchler des Reichthums
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 121-122
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Pariser Bilder und Geschichten.
Von Moritz Hartmann.
Nr. 6. Heuchler des Reichthums.

Wir haben in den frühern Skizzen von den Heuchlern des Lasters und der Tugend erzählt, es gibt auch Heuchler des Reichthums, und ihre Anzahl muß Legion sein in einer Welt, in der das Geld eine so große, eine so ungeheuere Rolle spielt.

Die Familie Faussimont besteht aus der Mutter, Madame Faussimont, aus dem Sohne Gustave und aus den zwei Töchtern Pauline und Zelia. Die Familie bewohnt auf dem Quai Voltaire ihr eigenes Haus, d. i. das Haus, das in der That der Familie gehörte, aber seit vielen Jahren an einen Notar verkauft ist. Niemand weiß von diesem Verkaufe; man hat dieselbe Wohnung vom Notar gemiethet, die man als Eigenthümer bewohnt hatte, und so wohnt man noch immer im „eigenen Hause“. Die ganze Bekanntschaft hält Madame Faussimont für eine Proprietaire, nur der Portier weiß, daß er einer fremden, außer dem Hause wohnenden Macht gehorcht, und da er eine gewisse Anhänglichkeit an die alten Eigenthümer hat, läßt er die Bekannten in ihrem Wahn und achtet das Geheimniß der Familie Faussimont. Seit lange plagt sich Madame Faussimont mit einer Rente von 6–7000 Francs; in ihrer Stellung, in ihrem Kreise ist es schwer, sich mit 7000 Francs durch’s Jahr zu schlagen. Die Revolution ließ sie einige Zeit aufathmen. Es war damals Mode, ruinirt zu sein, und Madame Faussimont erklärte sich für ruinirt und lebte in den Jahren 1848 und 1849 sehr behaglich. Sie konnte sich in ihrer Gene gehen lassen; sie und ihre Kinder trugen sehr schäbige Kleider, sie gab keine Gesellschaften und war in zwei Sommern nicht gezwungen, auf’s Land zu gehen.

Indessen haben sich alle durch die Revolution Ruinirten wieder erholt; Alles lebt wieder auf großem Fuße, die Familie Faussimont kann nicht zurückbleiben, um so weniger als Pauline und Zelia längst herangewachsene Fräulein sind, die sich, wenn sie heirathen wollen, in der Welt müssen sehen lassen. Um in die Welt zu gehen, muß man auch die Welt zu sich kommen lassen. Das kostet in Paris eigentlich nicht viel: etwas Thee, etwas Kuchen, zwei Lampen mehr, als gewöhnlich, voilà tout – aber es kostet doch etwas. Auch sind die Möbels so schrecklich alt; der Plüsch derselben, aus dem Empire stammend, so abgeschabt, daß man sie kaum mehr sehen lassen kann. Zelia beklagt sich gegen alle Welt über den schrecklichen Conservatismus der Mutter, die sich von den Großvaterstühlen nicht trennen kann, welche den achtzehnten Thermidore gesehen. – „Was willst Du, mein Kind?“ – sagt die Mutter lächelnd, „ich bin nun einmal so: ich hänge am Alten; übrigens passen diese Möbel zu unserem Hause. Auch unser Haus ist altmodisch – aber diese großen Räume, die von Ludwig XIV. erzählen, sind mir lieber als die modernen Häuser des Faubourg St. Honoré. Willst Du vielleicht auch, daß ich unser Haus restaurire, daß ich es vielleicht verkaufe, um ein so modernes aufzubauen? Nicht um alle Schätze der Welt. Nenne Du mich nur pedantisch, Zelia; ich liebe das Alte. Wenn ich erst todt bin, dann mögt ihr euch moderne Fauteuils und Kanapees und kleine Möbelstückchen von Tahan und Odiot anschaffen, dann werde ich euch nicht mehr geniren mit meinen alten Ideen.“

„Aber Mama,“ ruft Zelia, und wirft sich der Mutter weinend an den Hals, „was sprichst Du vom Tod? Nicht ein Nagel soll an diesen Möbeln verändert werden.“

Nun weiß die Welt, warum die Familie Fausimont so elende, alte Möbel hat – wahrhaftig, sie könnten so schöne Möbel haben, wie irgend Jemand; man weiß, daß Madame Faussimont Renten hat, und das Haus Nr. 5, Quai Voltaire, ist eins der schönsten und einträglichsten Häuser an der Seine.

Aber Thee, Kuchen, Zuckerwasser, Lampenöl kosten auch Geld, und alle die Krämer, Bäcker, Patissiers der Umgegend kennen die inneren Angelegenheiten und Finanzverhältnisse des Hauses besser, als alle intimen Freunde. Auf diese Epiciers ist nicht zu hoffen; sie denken klein, sie sind gemein, sie wollen bezahlt sein und zwar sogleich bezahlt sein. Pauline, Zelia und Gustave legen sich die härtesten Entbehrungen auf; sie versagen sich des Morgens zum Kaffee das Weißbrod und dergl. mehr, nur um ihren Mittwoch Abend aufrecht zu halten. Gustave ist eine sehr gute Haut; er ist zwar zu Nichts zu brauchen, man hat ihn schon aus den verschiedensten Bureaux der verschiedensten Ministerien fortgeschickt, und er wartet nun schon lange vergebens, daß man ihn bei irgend einer Gesandtschaft anstelle, aber die Schwestern machen aus ihm und mit ihm, was sie wollen. Er muß so viel als möglich außer dem Hause essen, bei ehemaligen Schulcameraden, bei neuen Bekanntschaften, die er fortwährend vermehrt, und was an Gustave’s Kost erspart wird, legt man ebenfalls dem Thee zu. Der kostet nicht sehr viel, denn man kauft nicht eigentlichen Thee, sondern man kauft bei Marquis im Passage Panorama Theestaub, der nur schlechter anzusehen ist, aber das beste Getränk gibt. Zelia bereitet ihn nicht im Salon, so sieht man auch nicht, daß es Staub ist.

Aber trotz dieser Anstrengungen vergeht doch ein Winter nach dem andern, und weder Pauline noch Zelia hat einen Mann gefunden, und es ist doch hohe Zeit, daß eine oder die andere unter die Haube komme. Da hört man, wie ein ganz armes Fräulein, aber aus der „guten Gesellschaft“, im Bade St. Sauveur einen Bräutigam gefunden. Eine lichte Idee erleuchtet die ganze Familie Faussimont; man muß in ein Bad, coûte qui coûte, man muß in ein Bad. Die letzten Anstrengungen dürfen nicht gescheut werden. Nach Monaten der Entbehrung wird Gustave auf’s Land geschickt zu einem Freunde – er soll nur acht Tage bleiben, aber seine geheimen Instructionen lauten auf Monate – und Madame Faussimont mit Töchtern setzen sich in der Nacht in einen Waggon zweiter Classe, und ehe das Tageslicht diese Schmach beleuchten kann, sind sie in Dieppe, im Seebade.

Mehrere Tage verfließen ereignißlos. Die Damen treten sehr bescheiden auf, sind aber überall zu sehen: auf der schönen Plage, im Badehause, am Hafen, am Leuchtthurm, und wenn große Partien nach den Ruinen von Arques gemacht werden, auch dort und in dem nahen Parke. Schon sind sie bekannt, aber sie haben keine Bekannte. Nachmittags sitzt man am Ufer des Meeres, auf der Düne; die Mama arbeitet, Pauline liest ihr Verse vor, Zelia springt im Sande und Kiese umher und sucht Muscheln. Manchmal eilt sie mit kindischem Geschrei herbei und zeigt der Mama und der Schwester irgend eine besonders schön gezeichnete Schale. „Wie kindisch Du bist, liebe Zelia!“ sagt die Mutter, wenn eben Leute vorübergehen. – Schon nach zwei Tagen sammelt auch ein junger Mann aus der Gascogne Muscheln; ein Herr v. Faillet, der an der Garonne Weinberge besitzt. Am dritten Tage gleitet Zelia aus und fällt bis an die Knöchel in’s Wasser; sie schreit auf, der junge Mann eilt herbei und führt die Erschrockene der Mutter zu, ist verlegen, lächelt und entfernt sich wieder. Aber er ist in den nächsten Tagen wieder an der Düne und bewundert das Heranrauschen der Fluth; so thut auch Zelia, die auf einem Felsen steht. Herr v. Faillet erlaubt sich, sie zu warnen; der Felsen wird in wenigen Minuten von der Fluth umgeben sein. Aber Zelia ist so kindisch. „Desto besser,“ sagt sie, „das wird herrlich sein!“ – Schon ist der Felsen von der Fluth umgeben; Zelia bemerkt es nicht, endlich sieht sie sich ängstlich um, und ihr Blick weilt Hülfe flehend auf Herrn v. Faillet. Das hat er nur erwartet; er stürzt herbei, er schreitet bis an’s Knie durch die salzige Fluth, [122] er faßt die Jungfrau, die sich in Verschämtheit sträubt, und trägt sie auf seinen Armen auf’s Trockene. Jetzt erst bemerkt die Mutter, was vorgeht; sie eilt herzu, sie ist außer sich, sie faßt die Hände des Fremden, sie nennt ihn ihren Wohlthäter, den Retter ihres theuren Kindes. In Aufregung bewegt sich die ganze Gruppe der Wohnung zu.

Ein Roman wäre denn glücklich eingeleitet. Zelia ist zwar die Jüngere, aber Pauline ergibt sich gern in ihr Schicksal; die Geschichte, die Verhältnisse der Familie müssen doch eine Wendung nehmen. Wenn nur Zelia verheirathet ist, und zwar mit einem reichen jungen Manne, der hoffentlich Freunde hat!

Der Roman wird hoffentlich seinen guten Gang gehen. Man kann es nicht leugnen, daß die beiden Mädchen ihre Reize haben, die selbst erfahrenere Männer, als es Herr v. Faillet ist, umstricken könnten. Sie sind nicht eben außerordentlich schön, aber sie haben feine, braunblasse, regelmäßige Gesichtchen mit großen, braunen Augen; die Komödie selbst, die sie im Leben spielen müssen und die sie lieber nicht spielen möchten, gibt ihnen einen intelligenten, zugleich geheim traurigen Ausdruck, der desto anziehender ist, je schwerer man sich ihn erklären kann. Hinter diesem Ausdruck ahnt man tiefe Seelenvorgänge, obwohl es eigentlich nur traurige häusliche Angelegenheiten sind, sogar sehr prosaische. Aber was schadet das? die Mädchen sind interessant; das muß jeder gestehen, der sie in Dieppe zum ersten Male sieht.

In der Familie wird beschlossen, daß der junge Mann fern gehalten werden müsse, auf daß er nicht einen Blick in die Geheimnisse der Familie werfe. Man empfängt ihn doch einige Male, und nachdem er mit einem Worte, mit einem Blicke gegen Zelia Muth und Liebe gezeigt, bittet ihn die Mutter auf das Freundschaftlichste, seltener zu kommen, es sei um seinet- und um Zelia’s wegen. Zwei Tage lang macht Herr v. Faillet einen großen Umweg, sobald er die Familie Faussimont aus weiter Ferne erblickt. Am dritten Tage erhält Zelia einen geheimen Brief; er kann nicht ohne sie leben, er muß sie sprechen. Triumph und Familienrath!

Nachmittags trifft man ihn auf der Düne. Die Mutter erklärt ihm, daß sie die Sache nicht so arg genommen; er solle ihnen doch nicht so ausweichen; sie seien ja gute Freunde. Er müsse nur verstehen, daß eine Wittwe mit zwei Töchtern mehr als andere Mütter auf ihrer Hut etc. etc. Und sie kenne ja Herrn v. Faillet nicht, und er müsse bedenken, daß sich so viele junge Leute, Glücksritter, épousseurs, Mitgiftjäger etc. herandrängen etc. etc. Sie sagt das Alles auf die zarteste Weise, und Herr v. Faillet kann nicht umhin, er muß ihr Recht geben, er muß sie nur höher achten. Nur Eines thut ihm weh, daß Madame Faussimont glauben könne, er nähere sich Fräulein Zelia wegen der Mitgift.

Indessen geht er an Zelia’s Seite, von Mutter und Schwester gefolgt, am Ufer des Meeres auf und ab, manchmal im Mondenschein, und er weiß es schon, daß seine Liebe erwidert wird. Aber was nützt das Alles? der Bruder Zelia’s – ein schrecklicher Bruder, vor dem Alles zittert und der glücklicherweise nicht in Dieppe ist, sonst hätte er Herrn v. Faillet längst den Hals gebrochen – hat andere Pläne mit ihr. Pläne, bei denen sie mit ihrem Herzen nicht im Geringsten betheiligt ist, denen sie sich aber, einmal nach Paris zurückgekehrt, nicht wird entziehen können. Das Alles erfährt Herr v. Faillet nur stückweise, in abgebrochenen Sätzen, an verschiedenen Tagen; er muß sich die Geschichte selbst zusammensetzen. Seine Leidenschaft und sein Unglück sind grenzenlos. Schon hat er einmal von Entführung gesprochen, aber der zornige Blick Zelia’s wies ihn wieder in die Schranken des Anstandes zurück. Am Abende jenes Tages, da das Wort „Entführung“ gefallen, findet wieder großer Familienrath statt. Die Sache muß so rasch als möglich zu Ende geführt werden. Einmal nach Paris zurückkehrt, werden sich die Verwandten Faillets drein mischen, wird Alles seinen regelmäßigen, langsamen Schritt gehen, und wie Vieles kann in so langer Zeit hindernd dazwischen treten!

Nächsten Tag vertraut Zelia dem erschrockenen Geliebten das Geheimniß, daß die Mutter in sehr kurzer Zeit in ihr Hotel nach Paris zurückkehren wolle; sie wird dann Faillet nie wieder sehen. – Die letzten Worte sind von einer fließenden und einer unterdrückten Thräne begleitet. Herr v. Faillet sieht sie mit einem eben so vielsagenden, als verzweifelnden Blicke an. Mit ausgestreckten Armen ruft er aus: „Dort drüben liegt England!“ – „Alles, alles will ich für Dich thun, Alles gebe ich für Dich hin, die Achtung meines stolzen Bruders, die Liebe meiner theuren Mutter und meine Ehre.“

Das Dampfschiff im Hafen braust und lärmt, aber gewaltiger lärmt es im Herzen des jungen Herrn v. Faillet, der vor der Landungsbrücke auf- und abgeht; über dem lärmenden Herzen eine Brieftasche tragend, in welcher viele Pfundnoten und ein falscher Paß für Zelia neben einander ruhen. – Wird sie kommen? wird sie nicht kommen? Gott, wenn die Mutter das Complott durchschaut hätte! – Aber nein! sie kommt, sie eilt athemlos herbei, ohne das mindeste Gepäck, selbst ohne Porte-Monnaie; Pauline hat Alles an sich genommen, als man sich Adieu sagte, ein heiteres, glückliches Adieu. – Zelia spricht kein Wort. Faillet führt sie auf’s Schiff wie sein Opfer und kommt sich vor wie ein Opferer, wie ein Verbrecher. Und hinaus, gegen Brighton zu, dampft der Jean Bart. Lächelnd sehen ihm hinter dem Fenstervorhange Madame und Mademoiselle Faussimont nach.

Tags darauf kehrt man nach Paris zurück. Dort erhält man den ersten Brief von Zelia; auf ihren Knieen bittet sie die Mutter um Verzeihung, sie ist zerknirscht, ihr Herz ist voll Reue, aber auch voll Liebe. – Herr v. Faillet wagt es, seine Bitten mit denen Zelia’s zu verbinden. – Die Mutter ist unbarmherzig. – Sie bleibt es, als sie drei Wochen später die Nachricht erhält, daß Zelia Frau v. Faillet geworden. Erst mit Anbruch des Winters kehrt das junge Ehepaar nach Paris zurück und im Dunkel des Spätabends wagen sie es, in Nr. 5 Quai Voltaire einzudringen; die Mutter ist überrascht, gerührt – sie verzeiht.

Glaubt der Leser, ich hätte ihm die Geschichte einer Spitzbubenfamilie erzählen wollen? Nein, nur die Geschichte einer Pariser Familie. Unter anderen, weniger drängenden Verhältnissen, unter minder tyrannischen Ansprüchen der Gesellschaft wäre die Familie Faussimont so ehrlich geblieben, wie tausend andere ehrliche Familien in kleinen Städten. Sie aber schwamm mitten in einem grossen Meere auf einem schwankenden Balken, in ewiger Angst, verschlungen zu werden. Zelia ist eine gute und treue Frau geworden, und man kann nicht leugnen, daß sie die Bekanntschaften und das große Vermögen ihres Mannes gewissenhaft benutzt hat, um auch ihrer älteren Schwester einen Mann zu verschaffen. Es ist ihr gelungen. Pauline ist die sehr wirtschaftliche Ehegattin eines Unterpräfecten im Departement der Gironde und bringt jeden Sommer auf dem Landgute ihrer Schwester Madame de Faillet zu.