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Textdaten
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Autor: Vinzenz Chiavacci
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Titel: Ostermorgen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 239
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Gartenlaube (1897) b 225.jpg

Am Ostermorgen.
Nach einer Originalzeichnung von A. Schmidhammer.

[239]

Blätter und Blüten.

Ostermorgen. (Zu dem Bilde S. 225.) Paarweise können sie nicht über die schmale Stiege gehen, die von dem Thore des Friedhofes in die mauerumfriedete Bergstraße des steirischen Dorfes führt. Deshalb geht er voran, stolz und frohgestimmt. In den Augen der jungen Frau ist ein feuchter Glanz, der an die hervordringenden Blütenbolzen der Kastanien gemahnt, die sich schon nach den ersten warmen Strahlen zum lustigen Frühlingswerk gemeldet haben, und in seinem Herzen läuten frohe Osterglocken, das sieht und fühlt man, wenn man das glückstrahlende Antlitz mit den hellen blauen Augen und dem keck aufgezwirbelten Schnurrbart betrachtet. In der Kirche sind sie gewesen und haben dem auferstandenen Heiland gedankt, daß er ihnen ein so schönes bausbackiges Osterhäslein in die Wiege gelegt. Es war zwar kein Häslein, sondern ein Hänslein. Das war aber ihr schönes leuchtendes Osterglück. Und als sie an dem Grabe der Mutter der jungen Bäuerin standen, da erzählten sie ihr von ihrem Ostersegen, und zum erstenmal fielen die Tauperlen der Freude aus den Augen der glücklichen Mutter in den Epheu. Die da unten schwieg zwar dazu, aber sie ließ die Vöglein in den Zweigen einen jubelnden Hymnus anstimmen, der so gut zu den Stimmen im Herzen der Tochter taugte, die sich an dem heiligen Orte nur nicht so hervorzujauchzen trauten. –

Lang war der Schnee liegen geblieben in dem kleinen Gebirgsdorfe, bis der Frühling, der in den großen Thalniederungen seine Ankunft längst mit Blütenglocken eingeläutet hatte, den ungebärdigen Föhn von den Bergen heruntersandte, um Toilette zu machen für seinen prunkliebenden Herrn. Dann kam er selbst auf leisen Sohlen, hauchte ein zartes Grün über die Wintersaaten, nestelte schwellende Bolzen an die mächtigen Baumkronen, zarte Blattknospen an die Sträucher und verspottete den fliehenden Winter, indem er Kirsch- und Maulbeerbäume mit einem blendend weißen Hermelin verbrämte. Da drinnen in der Mulde, wo das mit dem welsch-gotischen Glockenturm gezierte Kirchlein steht, hat sich, geschützt vom rauhen Nord, der Lenz viel früher eingenistet. An der Mauer des Pfarrgartens blüht, an Staketen gezogen, ein Aprikosenbäumchen. Hier bummelt die Sonne den ganzen lieben Vormittag herum und wärmt die „Steinplätzer“ – ehemalige Selterskrüge – unter deren dunklen Glocken des Pfarrers Spargel trefflich gedeihen. Die klein’ Annamirl, welche der Ahnl das Gebetbuch nachträgt, schaut auf der Stiege staunend zu, wie die Sepherl ein Osterei nach dem andern aus dem Grase holt. Geschwindigkeit ist keine Zauberei, denkt sich diese und weiß mit geschickten Taschenspielerkunststückchen die Ostereier, welche ihr die Mutter am Morgen gegeben, immer wieder im Grase zu finden. Die kleinen Nachbarskinder geben sich alle Mühe – sie finden nicht ein einziges. Das vierjährige Everl geht mit ihrer älteren Schwester, der Vroni, zum Ahnl (Großvater) in der Klausen. Dem bringt sie den Buschen mit Primeln und Veilchen, den sie im Pfarrgarten gepflückt, und der Ahnl erzählt ihr dafür die Gschicht’ vom Achkatzl und von der Hausotter mit dem goldenen Krönchen, die nur lauter „Supperl“ und keine „Brockerl“ hat essen wollen. – Der Herr Lehrer, ein hoher Siebziger, geht still und sinnend, doch heiteren Gemütes heim. Er hat dem Auferstandenen gedankt, daß er ihn noch einmal die Frühlingssonne schauen ließ, während so viele seiner Schüler – einst ungebärdige Jungen – unter den kleinen Rasenhügeln gar manierlich und schweigsam auf die letzten Osterglocken harren. Und wie er dann durch die Dorfstraße schreitet, da wird ihm so jugendlich froh ums Herz, denn der warme Sonnenstrahl hat sie alle hervorgelockt „aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, aus dem Druck von Giebeln und Dächern.“

Und da ist so alles wieder auferstanden, was er verstorben gegeglaubt – da sind sie alle wieder, die flachshaarigen Buben und Mädel, über die er seit fünfzig Jahren das Scepter geschwungen, und da sind die alten Kinderspiele noch, die auch sein Großvater schon gespielt, das „Kugelscheiben“, das „Eierpicken“, das „Anmäuerln“, und er kommt sich vor, als hätte er siebzig Jahre geträumt und als riefen ihn die Kameraden zu den wohlbekannten Spielen – denn das ist ja dieselbe Sonne, die Mauern und Straßen so festlich durchleuchtet, das sind dieselben Berge, die sich zart begrünen, und Lerche, Meise, Fink sind noch die alten Musikanten – nein, nein, es giebt keinen Tod, murmelt er vor sich hin. Dann setzt er sich auf den Platze vor dem Wirtshaus hinter ein Glas Wein und seine alten Augen glänzen immer jugendlicher und all die Zeit und all das Ungemach der langen Jahre verdämmert in freundlicher Ausschau hinter dem verklärenden Sonnenglast des Ostermorgens.
V. Chiavacci
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