Notgedrungene Epistel des berühmten Schneiders Johannes Schere an Seinen Grosgünstigen Mäzen

Textdaten
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Autor: Gottfried August Bürger
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Titel: Notgedrungene Epistel des berühmten Schneiders Johannes Schere an Seinen Grosgünstigen Mäzen
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 198–202
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1775
Erscheinungsdatum: 1778
Verlag: Johann Christian Dieterich
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Erscheinungsort: Göttingen
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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Notgedrungene Epistel
des
berühmten Schneiders
Johannes Schere
an
Seinen Grosgünstigen Mäzen.
Im Oktober 1775.


     Wie kümmerlich, troz seiner Göttlichkeit,
Sich oft Genie hier unterm Monde nähre,
Beweisen uns die Keppler, die Homere,
Und hundert grosse Geister, jeder Zeit,

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Und jeder Erdenzone, weit und breit:

Doch warlich nicht zu sonderlicher Ehre
Der undankbaren Menschlichkeit,
Die ihnen späte Dankaltäre
Und Opfer nach dem Tod’ erst weiht.

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     Auch mir verlieh, durch Schere, Zwirn und Nadel,

Minerva Kunst und nicht gemeinen Adel.
Allein der Lohn, für meine Treflichkeit,
Ist Hungersnot, ein Haderlumpenkleid,
Ist obenein der schwachen Seelen Tadel,

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Und dann einmal, nach Ablauf dürrer Zeit,

Des Namens Ruhm und Ewigkeit.

     Allein was hilft’s, wenn nach dem Tode,
Mich Leichenpredigt oder Ode
Den grösten aller Schneider nent,

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Und ein vergüldet Marmormonument,

An welchem Schere, Zwirn und Nadel hangen,
Und Fingerhut und Bügeleisen prangen,
Der späten Nachwelt dies bekent?
Wenn lebend mich mein Zeitgenosse

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Zu Stalle, gleich dem edlen Rosse,

Auf Stroh zu schlafen, von sich stöst,
Und nackend gehn und hungern läst?

     Der Stümper, der zu meinen Füssen kreucht,
Beschmizet zwar mit seines Neides Geifer,

30
Weil nicht sein Blik an meine Höhe reicht,

Oft meinen Ruhm, und schreit: Ich wär’ ein Säufer,
Und stets bedacht, mein Gütchen zu verthun,
Und liess’ indeß die edle Nadel ruhn.
O schnöder Neid! Denn überlegt man’s reifer,

35
Gesezt den Fal, die Lästerung sey wahr,

So ist dabei doch ausgemacht und klar,
Und es bestätigt dies die Menge der Exempel,
Daß solch ein Zug von je und je im Stempel
Erhabener Genieen war.

40
     Sie binden sich nicht sklavisch an die Regel

Der Lebensart, und fahren auf gut Glük,
So wie der Wind der Laun’ in ihre Segel
Just stossen mag, bald vorwärts bald zurük,
Und lassen das gemeine Volk laviren.

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Sie haben vor den seltnen Wunderthieren

Ein Stärkerrecht, daß man sie sorgsam hegt,
Dankbar bekleidet und verpflegt,
Zu hoch und frei, sich selber zu geniren.
Und, wenn der Ueberflus verkehrter Welt

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Oft Affen, Murmelthier’ und Raben,

Und Kakadu, und Papagei erhält:
So solten sie den Leckerbissen haben,
Der von des Reichen Tische fält.
Allein wie karg ist die verkehrte Welt,

55
Für ein Genie, mit ihren Gaben!


     Wilst du davon ein redend Beispiel sehn,
So schau auf mich, grosgünstiger Mäzen,
So guck’ einmal, nebst deinem theuren Weibe,
Auf meinen Rok, durch deines Fensters Scheibe,

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Und sieh die Luft in hundert Hadern wehn,

Und meinen Leib dem Winter offen stehn!
Sprich selbst einmal, ist’s nicht die gröste Schande,
Daß mich, der ich mit seidenem Gewande

So oft bekleidete des Landes Grazien,

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Die Welt nun läst in Haderlumpen gehn?

Kan dies dich nicht zu mildem Mitleid reizen,
Mit einer Kleinigkeit mir hülfreich beizustehn,
Zur Menschheit Ehre nicht zu geizen? –
O ja! Ich kan auf deine Güte baun!

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Mich stärkt manch Beispiel deiner Liebesthaten,

Und hält allein, mein wankendes Vertraun.
Sonst wüst’ ich mich fürwahr nicht zu berathen.
Drum borge du mir, für ein besser Kleid,
Zu Schuz und Truz, in dieser rauhen Zeit,

75
Nur Einen lumpigen Dukaten!

Mit Dank bin ich ihn jederzeit,
Durch künstliche und dauerhafte Rathen,
Abzuverdienen gern bereit.