Noch einmal die Wacht am Rhein

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Titel: Noch einmal die Wacht am Rhein
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 563–564
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[563] Noch einmal „die Wacht am Rhein“. Während wir noch in der letzten Nummer der „Gartenlaube“ unserem Bedauern Ausdruck gaben, daß es bis zur Stunde nicht gelungen sei, den Namen des Dichters aufzufinden, dem Deutschland sein neuestes Nationallied verdankt, scheint plötzlich das Geheimniß endgültig gelöst: eine ausführliche Einsendung in der „Kölnischen Zeitung“ aus der Hand des Universitätsprofessors Dr. K. Hundeshagen in Bonn bezeichnet als den Dichter der „Wacht am Rhein“ den um das Jahr 1851 zu Burgdorf in der Schweiz verstorbenen Max Schneckenburger.

Hundeshagen hat denselben 1834 zu Bern kennen lernen, wo er, etwa zwanzig Jahre alt, als ein sehr begabter und strebsamer Jüngling in einem Droguerie-Geschäft die bescheidene Stellung eines Gehülfen inne hatte. Im Jahre 1838 oder 39 trat M. Schneckenburger als Theilhaber in eine unter der Firma „Schnell und Schneckenburger“ neugegründete Eisengießerei in der zum Canton Bern gehörigen Stadt Burgdorf. Dort war damals ein reges Leben und die ziemlich zahlreiche deutsche Colonie, zu welcher auch der nachmals durch die Begründung der Musterturnanstalten zu Darmstadt so berühmt gewordene Pädagog A. Spieß gehörte, und an die sich Schneckenburger, seiner Geburt nach ein Würtemberger (er war aus Thalheim), eng anschloß, pflegte namentlich mit Eifer das um jene Zeit neu erwachte deutsche Nationalgefühl. In diesem Kreise erregte natürlich die berüchtigte Thiers’sche Kriegsdrohung die größte Aufregung, und wie anderswo das Becker’sche Rheinlied, so entstand durch sie hier „die Wacht am Rhein“, gedichtet von Max Schneckenburger. Hundeshagen hat es den Dichter selbst im Kreise seiner Freunde unter größter Begeisterung der letzteren declamiren hören. Seit jenen Tagen sind dreißig Jahre verflossen, die meisten der Genossen von damals sind schon heimgegangen, und unter ihnen, wie schon gesagt, auch der Dichter des Liedes, der um 1851 starb, nachdem er unter den Einwohnern Burgdorfs sich eine geachtete Stellung erworben. Das Lied ist, wie Hundeshagen zu wissen glaubt, sein einziger poetischer Versuch geblieben.

Nachdem so der Dichter des Liedes von uns gegangen, ahnungslos, daß noch zwanzig Jahre nach seinem Tode durch die wenigen und einzigen von ihm gedichteten Strophen sein Name der schon drohenden Vergessenheit [564] werde entrissen und sein schöne Lied in allen Gauen des Vaterlandes in jubelnder Begeisterung werde gesungen werden, ist es uns um so mehr Pflicht, uns des noch lebenden Componisten zu erinnern, der dem Liede die Melodie, den Worten die Flügel gab. Schon sind uns denn auch auf unsere jüngste Aufforderung hin zu einer Ehrengabe an Karl Wilhelm von vielen Seiten Zeichen freudigster Zustimmung geworden, und wir glauben unsere Aufforderung hier nur erneuern zu dürfen, um des besten Erfolgs gewiß zu sein. Wilhelm hat sich, wie wir neulich schon mittheilten, vor Jahren durch zunehmende Kränklichkeit genöthigt gesehen, einer seinen Fähigkeiten als Clavier-Virtuose und Musikdirektor angemessenen Thätigkeit zu entsagen und sich in die Stille seines Thüringer Geburtsortes Schmalkalden zurückzuziehen, wo er lediglich seinen Studien lebt und soweit Unterricht in classischer Musik ertheilt, als es eben seine Gesundheitsverhältnisse gestatten.

Es freut uns, hier die Mittheilung anfügen zu können, daß sich in Crefeld auf Anregung der dortigen Liedertafel, als deren Director der Componist so vieler herrlicher Männerchöre während einer Reihe von vierundzwanzig Jahren in uneigennützigster Weise gewirkt, ein Centralcomité gebildet hat, welches zu Beiträgen und, „soweit die deutsche Zunge klingt“, zur Bildung von Comités an allen Orten auffordert, wo Sänger und Krieger weilen, die ihr Herz durch Wilhelm’s Gesänge erhoben haben und noch erheben. „Gebe Gott,“ schließt der Aufruf, „daß die sich so bewährende Nationaldankbarkeit von dem Gemüthe des Meisters den Druck nehme, der ihn in letzter Zeit nur zu selten zu neuem Schaffen kommen ließ.“

Schließlich wird vielen unserer Leser die Nachricht willkommen sein, daß soeben das vorzüglich getroffene Photographische Bildniß Wilhelm’s im Verlage von Feodor Wilisch in Schmalkalden erschienen ist.