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Noch einmal die Unglücklichen des Zillerthals

Textdaten
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Autor: O. F.
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Titel: Noch einmal die Unglücklichen des Zillerthals
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 800
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[800] Noch einmal die Unglücklichen des Zillerthals. Aus Augsburg gehen uns die nachfolgenden Zeilen zu, welche wir in warmer Theilnahme für den Unglücklichen, mit dem sie sich beschäftigen, unsern Lesern nicht vorenthalten wollen:

„Schon oft hat Ihr geschätztes Blatt wahrhaft Bedürftigen Hülfe gebracht. Gestatten Sie mir, Ihnen aus der entsetzlichen Katastrophe im Zillerthale einen Einzelfall mitzutheilen, wie er schrecklicher nicht gedacht werden kann, um zugleich für den armen Betroffenen die Mildthätigkeit der Leser der ‚Gartenlaube‘ anzurufen.

Jacob Wechselberger hatte vor etwa zwei Jahren nach dem Tode seines Vaters dessen Anwesen, ein Wirthaus nebst Alpe, mit Hypotheken belastet, übernommen. Durch eisernen Fleiß und Bravheit ist es ihm gelungen, sich nicht nur Achtung im ganzen Zillerthal zu erwerben, sondern sich auch eine Summe zur Tilgung seiner Schuld zu ersparen. In jener schreckensvollen Nacht, welche für so Viele verhängnisvoll wurde, hört er Geräusch und findet sein Haus derart umfluhtet, daß Entfliehen unmöglich. Er rettet sich, Frau, Kind und Mutter in den oberen Stock. Kaum nach einer halben Stunde bricht dieser zusammen, und die ganze Familie stürzt in die mit Wasser gefüllten unteren Räume. Er selbst liegt unter Balken und kann sich nur schwer frei machen. Als dies endlich gelungen, tappt er im Dunkeln um sich, erhascht einen Gegenstand - es war seine junge Frau, die in seinen Armen verscheidet. Er legt sie an eine erhöhte Stelle, sucht in Todesangst weiter und findet sein Kind sterbend. Nachdem er es zu seiner Frau gelegt hat, gelingt es ihm, seine Mutter noch lebend aus den Fluthen zu ziehen. Er holt ein Kleidungsstück, um die Erstarrende zuzudecken - als er zurückkehrt, ist sie weggeschwemmt, mit ihr die Leichen seines Kindes und seiner Frau. Letztere wurde eine halbe Stunde entfernt an einem Baume hängend gefunden, die beiden anderen unterhalb Zell sechs Stunden entfernt aus dem Schlamme ausgegraben.

Da das Haus ganz einzustürzen droht, flieht er verzweifelnd auf einen Felsen, an welchen das Haus angebaut ist; zuvor hat er noch seine Brieftasche mit 600 Gulden gefunden. Dort nun erwartet er den Tag. Seine Nachbarn werfen ihm ein Seil zu; er hascht mit der Hast der Verzweiflung nach demselben - da entfällt seiner Hand die Brieftasche mit dem letzten Reste seiner Habe, und als er gerettet ist, muß er mit ansehen, wie sein Haus vom Erdboden verschwindet, wie sein Feld mit Steinen und Geröll überschüttet wird, und bald erhält er die Nachricht, daß seine Alphütte ebenfalls weggeschwemmt sei. - Und nun, da die Katastrophe vorüber ist, kommen die Gläubiger und belegen, was ihm geblieben, mit Beschlag - er ist ein Bettler und hat Alles verloren was ihm lieb und theuer war.

Muß es nicht jedem Wohlhabenden eine Freude sein, in solchem Falle sein Scherflein zur Linderung des Jammers und zur Begründung einer neuen Existenz für den Unglücklichen beitragen zu können?

Ich für meine Person werde den Betrag von 100 Mark an Herrn Oberförster Hochleitner in Mayerhofen, Zillerthal, absenden, an welche Adresse auch eventuell Beiträge am besten zu adressiren wären.

Indem ich mir erlaube, Ihnen die Angelegenheit des armen, braven Mannes recht dringend an’s Herz zu legen, bin ich Euer Wohlgeboren ergebener

O. F.