Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: J. D. H. Temme
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Nobles Blut
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35–39, S. 545–548;561–564; 577–580;593–596; 609–614
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[545]
Nobles Blut.
Schloßgeschichte aus den Erinnerungen meines Vaters.


1. Geheimnisse des Schlosses.

In dem schönen Weserthale blühte seit dem frühen Mittelalter das mächtige Geschlecht der edlen Herren von Frankenberg, das im siebenzehnten Jahrhundert in den Grafenstand erhoben worden war. Die reiche Herrschaft Frankenfelde, die jetzt landesherrliche Domaine ist, war ihr Eigenthum.

An einem Sonnabende des Monats August, im Jahre 1808, war ein Franziskanermönch auf dem Wege zum Schlosse Frankenfelde, um dort am folgenden Morgen die Messe zu lesen. Er kam aus einem Kloster auf der anderen Seite der Weser, das schon seit langen Zeiten jeden Sonnabend einen Mönch nach Frankenfelde sandte, daselbst den sonntäglichen Gottesdienst zu besorgen. Warum schon seit vielen Jahren nicht mehr, wie früher, ein eigner Hausgeistlicher im Schlosse war, – darüber wurde in der Gegend viel gesprochen.

Der Mönch, welcher sich auf dem Wege nach Frankenfelde befand, war ein langer, hagerer, alter Mann; seine wenigen Haare, die ihm die breite Tonsur auf dem Haupte gelassen hatte, waren schneeweiß. Er schien gleichwohl noch kräftig zu sein und schritt rüstig einher, ohne auf den schweren Knotenstock, den er in der Hand trug, sich stützen zu müssen. Er mußte in früheren Jahren eine hohe, stolze Gestalt gewesen sein, denn er erhob sich noch manchmal plötzlich wie hoch und stolz in der groben grauen Mönchskutte, und die alten dunklen Augen blitzten dann wunderbar in dem blassen Gesichte.

Es war später Nachmittag geworden, als er die Weser erreichte, an deren anderem Ufer Frankenfelde lag. Er mußte in einer Fähre übergesetzt werden, deren Fährmann eben aus dem Fährhause trat.

„Gelobt sei Jesus Christus, Herr Pater!“ grüßte der Mann.

„In alle Ewigkeit, Amen!“

Der Fährmann stutzte, er sah den Mönch verwundert an. Die Kinder des Fährmanns waren herbeigekommen und wollten dem Pater die Händchen reichen, aber sie wichen fremd zurück. Das „Habit“ war ihnen wohl bekannt, aber der Mann war ihnen fremd.

Der Mönch hielt ihnen freundlich seine Hand hin.

„Wie sagt Ihr sonst zu dem Pater, Ihr Kinder?“

„Gelobt sei Jesus Christus, Herr Pater!“

„Amen, Ihr Kinder! Und so sagt es immer und vergeßt ihn nie. Denn er ist der beste Freund der frommen Kinder.“

Er zog hinten aus seiner Kapuze sein kleines altes Brevierbuch hervor, und aus dem Buche nahm er kleine Heiligenbilder, für jedes der Kinder eins, und schenkte sie ihnen. Die Kinder eilten glücklich zum Fährhause zurück, um die Bilder der Mutter zu zeigen.

Während der Ueberfahrt über den Strom sah der Fährmann den Mönch neugierig an, wagte aber keine Frage an ihn zu richten. Als sie das andere Ufer erreicht hatten, sagte er nur, als wenn er Jemanden vor sich habe, der in der Gegend fremd sei: „Sie müssen durch den Wald dort rechts, Herr Pater. Gleich hinter dem Walde liegt Frankenfelde. Den Weg werden Sie nicht verfehlen können, er führt mitten durch den Wald.“

„Ich danke,“ sagte der Mönch.

Der Fährmann fuhr zurück, und der Mönch schlug den Weg ein, den der Fährmann ihm bezeichnet hatte. Er ging ihn sicher, als wenn er ihn auch ohne die Bezeichnung des Fährmanns gekannt hätte. Trotzdem blickte er aufmerksam nach allen Seiten umher; jeder Baum, jeder Graben, jedes Acker- und Wiesenfeld, die Steine am Wege schienen ein eigenthümliches Interesse für ihn zu haben.

Der Feldweg, in dem er ging, brachte ihn nach rechts zu einer breiten Waldung. Eine Landstraße, die nach der Hauptstadt der Provinz führte, lief am Walde vorbei. Als der Mönch sie überschreiten wollte, bog um eine Krümmung des Waldes und der Straße die Spitze eines Haufens Reiterei. Der Mönch trat hinter ein paar Weidenbäume zurück, die am Wege standen und ihn verbargen.

Eine Escadron französischer Kürassiere ritt langsam und still in der Straße an dem Mönche vorüber. Es waren schöne, stattliche Leute in den blanken, schimmernden Kürassen, mit den stolzen rothen Federbüschen auf den hohen Helmen, mit den großen, kräftigen Rappen, auf denen sie so leicht saßen und so still und doch so stolz einherritten. Der Mönch sah sie mit einer edlen Trauer, mit einem stillen Zorne und murmelte einige Worte.

Die Escadron war vorüber geritten und in einer neuen Krümmung der Landstraße verschwunden. Nur ein einzelner Officier war zurückgeblieben und hielt mitten im Wege; er schien auf etwas zu warten. Gleich darauf erschienen auch unter den Bäumen des Waldes an der andern Seite der Landstraße zwei Reiter, die nicht zu der eben gesehenen Truppe gehörten. An den dunkelblauen Röcken mit den rothen Rabatten und an den hohen dreieckigen Hüten erkannte man französische Gensd’armen. Der Officier ritt auf sie zu. Sie sprachen eilig und angelegentlich mit ihm, dann kehrten sie in den Wald zurück, und der Officier sprengte im Galopp der Escadron nach. Alles war ganz still und heimlich geschehen.

[546] Die Gegend war menschenleer. Häuser standen nicht da. Der Abend war nahe, und am Sonnabende hatten die Arbeiter in Feld und Wald früh Feierabend gemacht, um noch im Hause Alles für die morgende Sonntagsruhe bestellen zu können.

Der Mönch setzte seinen Weg fort. Er durchschritt die Landstraße und ging in tiefem Nachdenken in den Wald hinein. Er dachte wohl an die Heimlichkeit der Fremden in dem deutschen Lande, die hier Herren und doch Feinde waren, weil sie wußten, daß sie selbst, gerade als Herren, die verhaßtesten Feinde waren. Was konnten sie da Gutes vorhaben? Er wurde in seinen Betrachtungen unterbrochen. Zur Seite im Gebüsche vernahm er einen leichten, behenden, raschen Schritt, der sich dem Wege näherte, den der Mönch verfolgte. Nach wenigen Augenblicken erschien hier ein Mann in ländlicher Tracht, mit einem langen Korbe, einer sogenannten Kiepe, auf dem Rücken. Er sah sich in dem Wege um, erblickte den Mönch und stutzte einen Moment; dann blieb er stehen, den Mönch zu erwarten, der zu ihm herankommen mußte.

„Guten Abend, Herr Pater,“ begrüßte ihn der Fremde.

„Guten Abend, und gelobt sei Jesus Christus.“

„Amen, Herr Pater. Aber ich bin lutherisch.“

„Der Herr Christus hat für uns Alle gelebt, ist für uns Alle gestorben.“

„Hm, ja –“

Der Mann wollte noch etwas hinzusetzen. Der Mönch sah ihn streng an. Der Mann schwieg, aber mit einem eigenthümlichen Lächeln des klugen Gesichtes und der fast lauernd forschenden Augen.

„Wir gehen einen Weg?“ fragte er dann.

„Ich weiß nicht, wohin Sie gehen,“ sagte der Mönch.

„Ich? Ich gehe nach Frankenfelde. Ich bin Lumpensammler, wie Sie hier in meiner Kiepe sehen können, und in Frankenfelde mache ich immer gute Geschäfte.“

Die Kiepe des Mannes war bis oben hin mit Lumpen gefüllt. Der Mönch antwortete ihm nicht. Er hatte sich die volle Kiepe angesehen und mochte wohl Vergleichungen anstellen über die Lumpen und über das kluge Gesicht und das leichte, gewisse Wesen des Mannes, der sie trug.

„Und wohin wollen Sie?“ fragte der Lumpensammler mit diesem dreisten Wesen.

„Ich gehe ebenfalls nach Frankenfelde,“ erwiderte der Mönch.

„Ah, Sie wollen da morgen den Gottesdienst halten?“

„Ja.“

„Lesen Sie jeden Sonntag die Messe dort?“

„Das Kloster schickt jeden Sonntag einen Pater hin.“

„So sind Sie wohl bekannt im Schlosse?“

„Ich bin heute zum ersten Male hingeschickt.“

„Potz Velten, Herr Pater, wie käme denn das? In Ihrem Kloster drüben – Heiligenkreuz heißt es ja wohl?“

„Heiligenkreuz heißt es.“

„Nun, da sind, so viel ich weiß, nur noch drei oder vier Paters?“

„Vier!“

„Also vier. Da müßte alle vier Wochen die Reihe an Sie kommen.“

„Ich bin erst seit drei Tagen im Kloster.“

„Potz Velten, und wie käme denn das? Das Kloster darf keine Mönche mehr annehmen. Es soll aussterben. Es ist ja schon todt.“

Der Mönch hatte schon lange den dreisten Frager mit scharfen Augen angesehen, aber nur anfangs mißtrauisch. Er antwortete ruhig und unbesorgt: „Ja, und darum bin ich da. Ich habe mit einem jüngeren Pater tauschen dürfen.“

„Und woher sind Sie gekommen?“ fragte der Lumpensammler, der in seiner Neugierde und in seinem Fragen unermüdlich war.

„Ich komme weit her,“ sagte der langmüthige Mönch.

„Aus – ?“

„Aus Polen.“

„Hm, das ist allerdings weit her. Aber Sie gehen so allein? Sie kennen die Wege?“

Der Lumpensammler sah den Mönch mißtrauisch von der Seite an. Der Mönch mußte es nicht bemerken.

„Ich habe sie mir zeigen lassen,“ sagte er unbefangen. „Jetzt führen Sie mich ja.“

„Freilich! – Waren Sie lange in Polen, Herr Pater?“

„Manches Jahr.“

„Und was führte Sie nach Deutschland zurück? Sie sind doch ein Deutscher?“

„Man stirbt am liebsten im Heimathlande.“

„Unter den Seinigen, Herr Pater. Haben Sie die Ihrigen hier?“

„Ich habe keine Verwandten mehr.“

In dem alten Mönche schienen wehmüthige Erinnerungen aufzutauchen.

Der Lumpensammler begann ein anderes Gespräch.

„Sahen Sie vorhin die französischen Soldaten, Herr Pater?“

„Ich sah sie.“

„Tüchtige Soldaten, diese Franzosen! Der deutsche Soldat ist nichts gegen sie.“

„Es war doch einmal anders,“ fuhr der Mönch etwas auf.

„Wann wäre das gewesen?“ forschte der Lumpensammler.

„Bei Roßbach zum Beispiel.“

„Hm, da waren die Reichssoldaten eben so schlecht.“

„Die Führer!“

„An den Führern liegt es immer. Wenn Deutschland noch einmal einen alten Fritz bekommen könnte, so würde ihm die Welt gehören. Aber treiben wir keine Politik, Herr Pater. Es ist gefährlich jetzt. Französische Spione treiben sich überall umher –“

Der Lumpensammler schwieg plötzlich. Er war stehen geblieben und horchte in den Wald hinein. Hinter den beiden Fußwanderern hörte man den Galopp eines Pferdes näher kommen. Der Lumpensammler schien ängstlich geworden zu sein.

„Treten wir einen Augenblick in das Gebüsch, Herr Pater.“

„Warum?“

„Es ist ein Franzose; er darf uns nicht sehen.“

„Und warum nicht?“

„Nachher. Kommen Sie.“

Der Lumpensammler sprang hinter ein Gebüsch, das ihn verbarg. Der Mönch blieb ruhig im Wege und trat nur zur Seite, um von dem mitten im Wege heransprengenden Reiter nicht überritten zu werden. Der Reiter war ein französischer Kürassierofficier, ein noch ziemlich junger Mann mit einem hübschen, kecken, südlich geformten und südlich gebräunten Gesichte. Mit seinen großen, blitzenden Augen sah er im Vorübersprengen den Mönch zuerst neugierig, dann mit einem leisen Spotte an. Der Mönch sandte ihm einen nachdenklichen Blick nach. Der Lumpensammler kam wieder aus dem Gebüsche hervor.

„Haben Sie sich den Reiter angesehen, Herr Pater?“

„Ja.“

„Es war der Oberst des Regiments, von dem Sie die Schwadron sahen. Einer der jüngsten, aber auch der tüchtigsten Obersten in der Armee des Kaisers. Darum auch der Liebling seines Kaisers und – hm, Herr Pater – und aller schönen Frauen.“

„Warum verbargen Sie sich vor ihm?“ fragte der Mönch.

Der Lumpensammler ließ die Frage unbeantwortet.

„Ja, Herr Pater,“ fuhr er in seiner fast ebenso leichtfertigen, wie dreisten Weise fort, „solch ein hübscher und tapferer französischer Officier kann von den deutschen Frauen erzählen, und wenn Sie hier Beichtvater wären, auch in dem Schlosse da hinten, von dem wir nicht mehr weit sind, hm, Herr Pater, Sie würden noch mehr erzählen können. Das Beichtgeheimniß freilich macht Sie stumm?“

Er sprach die Worte fragend. Diesmal antwortete der Mönch nicht. Aber er hatte eine strenge Bemerkung.

„Sie sind ein Deutscher, und sprechen so von deutschen Frauen!“

„Pah!“ sagte der Lumpensammler, „ich bin kein Deutscher, ich bin ein Holländer. Aber wenn ich auch ein Deutscher wäre, sollte ich loben, was Schlechtes in meinem Vaterlande ist? Und man lobt manchmal auch, wenn man verschweigt. Aber da ich ein Holländer bin, so schweigen wir von der Sache. Sie werden im Schlosse Frankenfelde ohnehin genug erfahren, mehr, als einen so frommen Pater lieb sein kann. Aber noch eine Frage, Herr Pater. Sie hatten vorhin die Kürassiere früher gesehen, als ich.

Da ich sie sah, kam ein einzelner Officier hinterher gesprengt; hatten auch Sie ihn bemerkt?“

„Ich hatte ihn bemerkt,“ antwortete der Mönch.

[547] „Und warum war er zurückgeblieben?“

„Er hatte ein Gespräch mit zwei Gensdarmen.“

„Ah!“ wollte der Lumpensammler ausrufen. Er erstickte den Ruf und fuhr gleichgültig fort: „Sehen Sie, Herr Pater, sagte ich Ihnen nicht, daß die Franzosen überall spioniren? Sprachen die Gensdarmen lange mit dem Officier?“

„Wie es schien, nur wenige Worte.“

„Und dann?“

„Kehrten sie in den Wald zurück.“

Der Lumpensammler fragte nicht mehr. Er war nachdenklich geworden, und damit still und sogar ernst. Die beiden Wanderer gingen schweigend neben einander weiter und kamen nach einer Weile an das Ende des Waldes. Noch unter den Bäumen machte der Lumpensammler Halt.

„Herr Pater, Sie sind ein frommer, gottesfürchtiger und auch ein ehrlicher Mann.“

„Ich denke es,“ sagte der Mönch.

„So werden Sie mir eine Bitte erfüllen. Verschweigen Sie im Schlosse, daß Sie mich gesehen haben.“

„Ich werde es.“

„Auch wenn Sie nach mir gefragt werden.“

„Ich spreche nie eine Unwahrheit.“

„Hm, Herr Pater, man kann viel verschweigen, ohne gerade die Unwahrheit zu sprechen. Sie werden hier ein gutes Werk thun.“

„Seien Sie beruhigt,“ sagte der Mönch.

„Und wenn Sie mich wieder sehen sollten, so kennen Sie mich nicht.“

„Beruhigen Sie sich auch darüber.“

„So leben Sie wohl, Herr Pater. Wir müssen uns hier trennen. Wenn ich katholisch wäre, so würde ich Sie um Ihren Segen bitten.“

„Der Segen ist des Himmels,“ sagte der Mönch, „und ihn erflehe ich täglich für alle Menschen. Er sei auch mit Ihnen.“

„Ich danke Ihnen, mein guter Pater.“

Der Lumpensammler verließ den Weg, in dem sie waren, aber nicht den Wald; er ging seitab unter den Bäumen weiter und war bald den Augen und den Ohren des Mönchs entschwunden.

Der Mönch verfolgte den Weg. Nach wenigen Minuten hatte er den Saum des Waldes erreicht und ließ sich unter einem der letzten Bäume nieder, um sich das Land anzusehen, in das er hineintreten sollte. Die Abendsonne sandte ihre letzten Strahlen über die Gegend.

Es war eine weite Ebene, in die der Mönch hineinblickte.

Blaue Berge begrenzten sie in der Ferne, Aecker und Wiesen bedeckten sie, von Waldungen durchschnitten. Im Vordergrunde lag ein weitläufiger Edelsitz. Bäume und Buschwerk, die sich noch vor ihm befanden, ließen ihn nur halb erkennen. Man sah nur eine Menge zusammenliegender Gebäude, die sich um ein großes, hohes, alles Schloß zu gruppiren schienen, das mit seinem grauen Dache und mit seinen Spitzen und Thürmen weit über alle die anderen Dächer empor ragte. Schloß und Gebäude lagen zur Seite des Weges, der durch die Ebene führte; eine dichte Allee von Pappeln verband ihn mit dieser.

Der Edelsitz war noch ungefähr zehn Minuten von der Stelle entfernt, an welcher der Mönch unter dem Baume saß. Der Blick des Greises war wie festgebannt auf das alte hohe Schloß, auf die Gebäude, die es umgaben, auf die Pappelallee, die hinführte.

Die Augen waren ihm feucht geworden. Er saß lange so. Der Abend war ruhig, tiefe Stille herrschte umher, auf den Feldern ruhte auch hier die Arbeit; die Sonne schien kaum noch; morgen war Sonntag. Von dem weitläufigen Edelsitze tönte kein Laut herüber.

Die Sonne ging unter. Ihr letzter Strahl war durch die Bäume auf das Schloß gefallen, dunkelroth auf die alten grauen Mauern und Thürme. In der Secunde darauf lagen sie wieder grau und fahl da, wie unter einem Leichentuche. Heute roth, morgen todt! sagt ein Sprüchwort.

Der Mönch hatte stumm gesessen. Als das graue Leichentuch sich über das Schloß legte, fuhr er mit der Hand über die Augen; sie waren ihm wieder trocken. Er wollte sich erheben, um seinen Weg fortzusetzen, wurde aber daran gehindert.

Von dem Schlosse her kam in der Allee ein Reiter in bürgerlicher Kleidung. Er ritt in scharfem Trab, als wenn es eilig sei.

Als er das Ende der Allee erreicht halte, bog er in den Landweg nach der Richtung des Waldes ein und ritt dann in diesen hinein.

Er war nahe an dem Mönche vorbeigekommen, hatte diesen aber nicht gesehen. Er konnte in dem Walde kaum hundert Schritte zurückgelegt haben, als er angerufen wurde.

„Doctor, halt!“ hörte der Mönch rufen.

Der Mönch erkannte die Stimme des Lumpensammlers. Der Reiter hielt sein Pferd an. Der Mönch blieb noch einmal auf seiner Stelle. Das Gespräch des Reiters und des Lumpensammlers fesselte ihn.

„Wie steht es, Doctor?“ sagte der Lumpensammler.

„Schlecht, sehr schlecht!“ war die Antwort.

„O, Sie haben doch noch Hoffnung?“

„Wenige. Bis Mitternacht hat sie die Krisis überstanden, oder sie ist todt. Und er, wenn er sie noch sehen will –“

„Herr des Himmels!“ unterbrach der Lumpensammler den Doctor.

„Was giebt’s, Hauptmann?“

„Was es giebt? Er kann heute unmöglich kommen.“

„Er muß, er muß.“

„Es ist nicht möglich, Doctor, sage ich Ihnen.“

„Es muß möglich werden. Hören Sie, Hauptmann, bis Mitternacht ist sie todt, wenn sie ihn bis dahin nicht gesehen hat.

Kann in der Welt etwas ihr zu Hülfe kommen, die Krisis zu überwinden, so ist es dieses Wiedersehen. Und welch ein entsetzlicher Tod wäre es, Hauptmann! ich habe bei manchem schweren Todeskampfe stehen müssen, stehen können, heute Nacht würde ich es nicht können. Ich beschwöre Sie, Hauptmann.“

Der Hauptmann, oder Lumpensammler, was er war, antwortete lange nicht. Er sann wohl nach, dann fragte er: „Hat man im Schlosse Nachrichten über ihn?“

„Man erwartet sie von Ihnen.“

„Ich habe nur schlechte.“

„Sie sind?“

„Vorhin zog jenseits des Waldes eine Schwadron Kürassiere vorüber.“

„Kürassiere? Wozu die hier?“

„Hören Sie weiter. Der Adjutant des Obersten war dabei. Er blieb eine Weile zurück. Dann trafen zwei Gensdarmen zu ihm. Sie kamen aus dem Walde und sprachen eilig mit ihm; verschwanden wieder im Walde; er sprengte der Schwadron nach.“

„Was hat man vor?“ fragte der Doctor.

„Hören Sie noch mehr. Vor einer halben Stunde kam der Oberst hier durch den Wald. Er war nicht bei der Schwadron gewesen und jagte eilig dem Schlosse zu.“

„O, das war es also!“ hörte der Mönch den Doctor ausrufen.

„Was war?“ fragte der Lumpensammler.

„Die Gräfin – Aber was geht sie uns an? Sprechen wir von der Anderen –“

„Erzählen Sie von der Gräfin! Was war es mit ihr?“

„Was es denn war? Ich hatte sie am Nachmittage wenig gesehen. Sie war unruhig, verdrießlich; sie schien etwas zu erwarten. Als ich vor zehn Minuten fortreiten wollte, begegnete sie mir zufällig; sie sah so glücklich aus, sie strahlte vor Freude.“

„Ja, ja, Freund Doctor, und wenn Weibern eine Lust im Busen brennt – mir will es fast grausig werden. Doctor, wenn sie zur Verrätherin würde?“

„Es ist nicht möglich!“

„Es ist Alles möglich, Alles einem Weibe, das von der Leidenschaft verblendet ist. Sie fragten, was man vorhabe? Fragen Sie es noch? Die arme Frau liegt im Sterben, bis heute Nacht ist es wahrscheinlich vorbei mit ihr. Heute Abend muß sie noch ihren Mann wiedersehen; sie könnte nicht leben, nicht sterben ohne ihn. Er muß sie wiedersehen; könnte er noch einen einzigen ruhigen Augenblick im Leben haben, wenn er sie nicht gesehen hätte und hinterher jenen entsetzlichen Tod der Frau erführe, von dem Sie eben selbst sprachen? Das Alles ist im Schlosse bekannt.

Man erwartet ihn, sobald es dunkel geworden ist. Da sind jene Gensdarmen im Walde; es sind ihrer noch mehrere da; da ziehen die Kürassiere am Walde entlang, unter irgend einem Vorwande, aber in Wahrheit, weil man den Gensdarmen nicht traut, oder ihrer nicht genug hat; da kommt gerade heute der Oberst an, hat die schöne Frau sofort flüchtig gesehen, das Versprechen eines längeren [548] Rendezvous für den späteren Abend von ihr erhalten, wohl wenn der Mann gefangen, die Frau todt ist, ah, zum Teufel, vielleicht während die arme Frau, nachdem die Gensdarmen den Mann ihr aus den Armen gerissen, im Todeskampfe liegt – Doctor, ich zittere vor Wuth bei dem Gedanken. Und – und – Doctor, wenn Weiber verblendet sind! – Aber wie könnte er bis zu ihr kommen? Alle Zugänge zu dem Schlosse sind besetzt, vielleicht in einem Umkreise von einer Meile; ich kenne diese französischen Gensdarmen und Spione. Man sieht keinen einzigen von ihnen. Auch Sie, Doctor, haben keinen gesehen, und sind in den fünf Minuten vom Schlosse bis hier vielleicht schon an fünfen vorbeigekommen. Die Burschen liegen im sichersten Versteck. So wie der Rechte kommt, dann sind sie da, wie der Dieb in der Nacht, wie der Blitz aus heiterem Himmel. Da sollte ich ihn hierher, den Menschen in die Hände, den Bluthunden in die Fänge führen? – Aber, Doctor, wenn es denn einmal so ist, wenn in diesem Schlosse denn einmal der Verrath, die Untreue, die Gemeinheit, der Wahnsinn herrschen sollen, dann mögen sie ganz darin herrschen, mit ihrer ganzen Gewalt, mit ihrer Gewalt der Vernichtung; dann mag auch Alles darin zu Grunde gehen. Aus den Ruinen wird dann kein neues Leben mehr erblühen. – Der Freiherr soll seine Frau wiedersehen, Doctor, damit sie in Ruhe sterben und damit er – sich, damit sie ihn todtschießen können. Um welche Zeit soll er da sein, Doctor?“

„Haben Sie ihn in der Nähe?“ fragte der Doctor.

„So ziemlich.“

„Kann er um neun Uhr heute Abend da sein?“

„Es ist jetzt halb acht. Ich denke.“

„Gut. Er muß kommen, Hauptmann. Es geht nicht anders.

Und Sie werden ihn sicher hin- und zurückbringen. Ich werde um halb neun wieder im Schlosse sein. Ich bin auf dem Wege zu einer armen Wöchnerin, die meiner Hülfe bedarf. Auf Wiedersehen, Hauptmann.“

„Gott sei mit Ihnen bei der armen Frau, Doctor. Sie sind ein braver Mensch; Sie vergessen die Armuth nicht über den Reichthum.“

Der Mönch hörte den Doctor weiter sprengen. Den Lumpensammler hörte er in die Tiefe des Waldes zurückgehen, in einer anderen Richtung, als die der Doctor eingeschlagen hatte.

Der Mönch hatte sich erhoben. Er setzte seinen Weg nach dem Schlosse fort. Er ging langsam, in tiefen Betrachtungen. Die Augen wurden ihm nicht wieder feucht; aber wie schwer ihm das Herz war, sah man dem langsamen Gange, der gedrückten Haltung, dem tief, fast ängstlich bekümmerten blassen Gesichte des alten Mannes an.

Auch der letzte Schimmer der Abendröthe war im Verschwinden, als er das Ende der Pappelallee erreichte. Er stand vor einem hohen, breiten, offenen Thore von Stein; durch das Thor blickte er in einen weiten Hof, der rund umher von Gebäuden umgeben war. Er trat in den Hof. In dem ersten Zwiedunkel des beginnenden Abends konnte er seine Umgebung noch unterscheiden. Der Hof war ein längliches, unregelmäßiges Viereck. Er hatte seine Gestalt durch die Gebäude empfangen, die um ihn herum gebaut waren; die Gebäude waren hingebaut, ganz wie Zufall oder Laune der Besitzer des Schlosses seit manchem Jahrhundert es eingegeben hatten. Das älteste und zugleich größte von ihnen war das Schloß selbst. Es lag an der rechten Seite des Hofes und war ein weitläufiges, hohes, unregelmäßiges, graues Gebäude, mit einem hohen, spitzigen Dache, mit runden und viereckigen Thürmen. So ragte es über alle die anderen Gebäude ringsum hoch empor.

Der Mönch sah keinen Menschen in dem weiten Hofe; er vernahm kein Geräusch in den sämmtlichen Gebäuden umher. Es war eine eigenthümliche Stille, in der er sich befand. Dazu das Zwielicht des Abends. Der Mönch stand zweifelhaft, wohin er sich wenden solle, um seine Ankunft anzukündigen und um Anweisung seines Quartiers zu bitten.

Hinten in dem Hofe sah er einen Menschen sich bewegen. Es war an der rechten Seite, an der das Schloß lag. Zu Ende des Schlosses und des Platzes trat dort ein dicker, runder Thurm hervor. Man konnte in der Entfernung und in dem Halbdunkel nicht unterscheiden, ob er frei oder noch mit dem Schlosse in Verbindung stand. An dem Thurme war die menschliche Gestalt erschienen, die der Mönch sah und die er ebenfalls nicht näher unterscheiden konnte. Er ging auf den Menschen zu, um weitere Nachricht von ihm zu erhalten. Als er ihm näher kam, glaubte er einen alten, gebückten Mann zu erkennen, der aber, wie gekrümmt der Rücken sein mochte, noch immer eine hohe Gestalt war. Der Mönch wollte ihn näher betrachten.

„Fass’, Hannibal!“ rief plötzlich mit einer rauhen Stimme der gebückte alte Mann.

Ein großer Hund sprang an seiner Seite hervor auf den Mönch zu, der seinen Knotenstock faßte. Der Stock war wohl derb und der Mönch war noch kräftig; sein Kampf mit der großen wild anspringenden Bulldogge wäre dennoch ein ungleicher gewesen.

„Zurück, Hannibal!“ sagte ruhig befehlend eine Stimme hinter dem Mönche.

Der Hund kehrte still und gehorsam zu dem alten Manne zurück, welcher schweigend auf seinem Platze an dem runden Thurme geblieben war. Der Mönch aber, als er sich nach dem umsah, der ihn von dem Hunde befreit hatte, stand einem Herrn in den dreißiger Jahren gegenüber.

„Sie sind der Pater, der hier morgen die Messe lesen wird?“ fragte der Herr.

„Der bin ich,“ erwiderte der Mönch.

„Folgen Sie mir.“

Damit wandte sich der Herr. Der Mönch folgte ihm, und beide schritten quer über den Hof zu einem kleinen Gebäude, das dem Schlosse gerade gegenüberlag. Sie traten in das Gebäude, stiegen eine Treppe hinauf und schritten bis an das Ende eines Ganges.

Dort öffnete der Herr, der auf dem ganzen Wege kein Wort gesprochen hatte, eine Thür.

„Das ist Ihr Zimmer,“ sagte er jetzt. „Ein Diener wird gleich kommen.“

Er kehrte zurück. Der Mönch sah ihm eine Weile sinnend nach. Er hatte nur einen Augenblick in das Gesicht des Herrn blicken können und hatte vornehme Züge gesehen, aber mit einem stillen, trüben, melancholischen Ausdruck. Der Blick des Auges war ihm besonders eigen vorgekommen. Dem stillen, melancholischen Wesen des Herrn hatte der Ton der Stimme entsprochen, mit der er jene wenigen Worte gesagt.

Der Mönch trat in sein Zimmer. Es war, soviel er in der schon mehr als halben Dunkelheit unterscheiden konnte, ein sehr einfach, aber bequem möblirtes kleines Stübchen. Ein Bett stand darin, dem Bett gegenüber ein kleiner Altar, auf dem Altar ein Crucifix, vor ihm ein Betpult. Das einzige Fenster ging auf den Schloßhof.

Der Mönch warf einen Blick durch das Fenster auf den Hof, auf das hohe alte Schloß, dessen Portal dem Fenster in der geradesten Richtung gegenüberlag. Der Hof war dunkel und leer, wie er gewesen war; kein Mensch war darauf zu sehen. Das Portal war nicht erleuchtet, kein Fenster hell. Der Mönch sah nur wenige Augenblicke hin. Ein Seufzer wollte sich aus seiner Brust hervorringen; er drängte ihn zurück, ging zu dem Altar und kniete auf beiden Knieen vor dem Bilde des Gekreuzigten.

Sein Gebet wurde unterbrochen. Ein Diener trat in das Stübchen mit Licht und mit dem Abendbrode für den Mönch. Es war ein alter Mann mit nur noch wenigen schneeweißen Haaren.

Der Mönch schien zusammenzufahren, als er ihn sah. Der alte Diener hatte es nicht wahrgenommen. Als er aber Licht und Speisen auf den Tisch gestellt hatte und nun den Mönch näher ansah, stutzte auch er und zuckte leicht zusammen.

„Sie waren noch nicht hier, Herr Pater?“ fragte er.

Der Mönch war wieder vollkommen ruhig.

„Ich bin der Nachfolger des Pater Ambrosius im Kloster,“ sprach er.

„Ja, ja,“ erwiderte der alte Diener. „Der Pater Ambrosius sagte das letzte Mal, daß er wegkommen werde, und an ihm wäre heute hier die Reihe gewesen.“

Er warf dennoch sonderbar zweifelhafte Blicke auf den Mönch.

Er schien ihn etwas fragen zu wollen; er gab es wieder auf. Aber ehe er ging, hatte er noch etwas zu sagen.

„Herr Pater, wenn Sie heute Abend oder morgen früh in’s Freie gehen wollen, der große Hund wird Ihnen nicht wieder im Wege sein.“

[561] „Wer war der Herr, der mich von dem Hunde befreite und dann hierher führte?“ frug der Mönch.

„Es war der Herr Graf.“

„Und wer war der alte Herr, mit dem der Hund war?“

„Der Großvater des Herrn Grafen. Der alte Herr ist sehr alt,“ setzte der Diener von selbst hinzu, „schon in den neunziger Jahren. Da kommt der Mensch in seine Kindheit zurück.“

Er wollte noch mehr hinzufügen, brach aber das Gespräch ab.

Der Mönch war wieder allein. Er genoß ein halbes Glas von dem Weine, den der alte Diener ihm gebracht hatte, dann setzte er sich in einen großen, alten ledernen Lehnsessel, der in dem Zimmer stand, und überließ sich seinen Gedanken. War doch so Manches hier, was sie ihm beschäftigen konnte. Was er davon nicht selbst gesehen und gehört, hatte er durch den Lumpensammler und den Doctor erfahren. Und Alles, was er gesehen und gehört und erfahren hatte, waren Räthsel. Die kranke Frau, die nicht leben und nicht sterben konnte, bis sie ihren Mann wiedergesehen habe; ihr Mann, der sie nur wiedersehen konnte unter der Gefahr, von den rund umher auf ihn lauernden Franzosen erschossen zu werden; die schöne Gräfin, die verblendet war von der Leidenschaft zu dem schönen französischen Obersten, dem sie für den späteren Abend ein Rendez-vous versprochen hatte, dem sie dann den Gatten der sterbenden Frau verrathen sollte; der alte, neunzigjährige gebückte Graf, der in seine Kindheit zurückgekommen, dem der Geist vielleicht wohl ganz und gar zerrüttet war; der Enkel dieses alten Grafen, dessen stilles Wesen ebenfalls einen so eigenthümlichen Charakter gehabt hatte; jener Lumpensammler endlich noch: das Alles waren Räthsel. Dazu diese tiefe Stille des Schlosses und seiner Umgebung, die schon für sich allein ein Räthsel war. Einige von diesen Räthseln, vielleicht alle, mußten sich noch in der Nacht lösen, die angebrochen war. –

Der Mönch wurde in seinen Gedanken unterbrochen. Es klopfte Jemand an seine Thür.

„Herein!“ rief er.

Ein stattlicher, etwas runder Herr trat in das Stübchen.

„Guten Abend, Herr Pater.“

Der Pater erkannte die Stimme des Doctors, dessen Gespräch mit dem Lumpensammler im Walde er angehört hatte.

„Guten Abend,“ erwiderte er.

Der Doctor gehörte zu den vortrefflichen Aerzten, die immer klar, entschieden und entschlossen, ohne Umstände, dabei freilich auch etwas derb und kurz angebunden sind.

„Herr Pater, ich soll Sie zu einer Dame hier im Schlosse führen, die schwer krank liegt und wahrscheinlich die Nacht nicht überleben wird. Sie wünscht, Ihnen zu beichten und die Sterbesacramente von Ihnen zu empfangen. Ich bin selbst zu Ihnen gekommen, weil ich eine Bitte an Sie hätte.“

Der Mönch hatte sich den Arzt näher angesehen. Daß der Doctor ein braver, wohlwollender Mann sein müsse, hatte er schon aus dessen Worten im Walde entnommen. Er sah jetzt in ein braves, wohlwollendes, rundes Gesicht.

„Herr Doctor!“ sagte er.

„Was, Sie kennen mich?“ rief der Doctor.

„Sie sollen es hören. Ich wollte es Ihnen sagen, bevor Sie Ihre Bitte an mich aussprechen. Ich war vorhin im Walde Zeuge Ihrer Unterredung mit einem Fremden, den Sie Hauptmann nannten, und der sich mir gegenüber für einen Lumpensammler ausgegeben hatte. Ich weiß also vielleicht Manches von dem, was Sie mir sagen wollten.“

Der Arzt war einen Augenblick stutzig geworden. Dann sah er dem Mönch forschend in das Gesicht, und auch er hatte in ein ehrliches, braves Gesicht gesehen und war wieder beruhigt.

„Ich brauche meine Bitte kaum noch auszusprechen,“ sagte er. „Sie werden einer frommen edlen Frau die Beichte hören, die sich dennoch Manches vorwerfen wird, gerade weil sie so fromm und edel ist. Machen Sie ihr nicht ebenfalls Vorwürfe. Das sollte meine Bitte sein. Der Geistliche und der Arzt, sie haben ja, wenn es einmal zum Sterben kommt, eine Aufgabe: dem armen Sterbenden den Tod so leicht wie möglich zu machen. Der liebe Gott weiß ohnehin, was er ihm geben will. Aber ich sehe, ich brauche meine Bitte nicht niehr auszusprechen. Ist es Ihnen gefällig, Herr Pater?“

„Muß die Frau sterben?“ fragte der Mönch.

„Ich fürchte, ja.“

„Sie hat ihren Mann gesehen?“

„Nein. Und sie wird ihn wohl nicht mehr sehen. Es ist neun Uhr vorbei – Sie wissen ja Alles – und von allen Seiten kommen bestätigende Nachrichten, daß das Schloß von allen Seiten besetzt ist. Der – Lumpensammler ist ein kluger und gewandter Mann; hier wird alle seine Klugheit und Gewandtheit scheitern.“

„Gehen wir, Herr Doctor,“ sagte der Mönch. „Und was Ihre Bitte betrifft, so seien Sie unbesorgt.“

Der Mönch sprach die Worte in einem so eigenthümlichen Tone, daß der Doctor ihn darauf ansehen mußte. Das blasse Gesicht [562] des Greises war aber verschlossen. Sie verließen die Rentmeisterei, in der das Stübchen des Mönches lag, durchschritten quer den Schloßhof und traten in das große, weite Schloß. Sie waren aber nicht durch das hohe Mittelportal eingetreten. Der Arzt führte den Mönch durch ein schmales, dunkles Seitenpförtchen, das offen stand.

„Wir müssen,“ sagte er zu dem Mönche, „durch den unbewohnten Theil des Schlosses und durch Hinterthüren zu der Kranken kommen. Das Bedientenvolk darf Sie nicht sehen, es könnten Verräther darunter sein. Ihr Besuch bei der Kranken würde ihnen deren nahen Tod anzeigen; man würde weitere Vermuthungen daran knüpfen.“

Sie stiegen eine schmale, dunkle Treppe hinauf; oben mußten sie lange Gänge durchschreiten, die matt erleuchtet waren. Der Doctor war auf dem langen Wege gesprächig, der Mönch desto einsylbiger.

„Sie hatten hier schon ein Abenteuer, Herr Pater? Der alte Conrad hat mir davon erzählt.“

Der Mönch antwortete nicht.

„Es sind hier,“ fuhr der Doctor fort, „überhaupt absonderliche Zustände. In alten Schlössern und Familien kommt das vor. Alter Samen artet aus. Nun, Sie werden es erfahren, wenn Sie öfter hierher kommen. Aber wenn Sie mein ganzes Gespräch mit dem Freunde Lumpensammler da hinten im Walde gehört haben –“

„Ich habe es ganz gehört.“

„Dann haben Sie schon ein gut Theil von den Dingen hier erfahren. Es war nur nicht viel Gutes, Herr Pater!“

„Nein!“

„Ja, ja, der alte Herr – Sie sahen ihn ja bei Ihrem Abentener – er ist wieder ein Kind geworden, sagte Ihnen der alte Conrad; hm, er ist wahnsinnig und das war er schon lange, schon sehr lange. Alter Samen artet aus, und bei dem Alten kam noch etwas Besonderes hinzu;, kein Mensch weiß nur recht, was es war; aber Gutes war es wahrhaftig nicht, und davon ist all das weitere Uebel ausgegangen. Reichlich, Herr Pater! Da war seine einzige Tochter ihr Leben lang ein armes, unglückliches Geschöpf gewesen – ich habe sie nicht mehr gekannt; sie war früh gestorben – eine Wohlthat für sie; da sind seine beiden Enkel, – der junge Herr – ja, Herr Pater, der ist ein Kind, ein gutmüthiges Kind; aber mehr ist er auch nie geworden, nie gewesen; daß er gerade blödsinnig sei, darf man nicht sagen; Sie haben ihn ja auch gesehen. Und von seiner schönen Frau haben Sie gehört – aber von der jetzt nicht. Von der armen Frau, zu der wir gehen, muß ich Ihnen noch etwas sagen. Sie ist die Enkelin des alten Grafen – das vortrefflichste Wesen auf der Welt – aber still, Herr Pater –“

Der Doctor flüsterte die Worte. Er hatte seinen Schritt gehemmt und er horchte.

„Herr Pater,“ sagte er dann noch leiser, „gehen wir in jene Nische; aber treten Sie so leise wie möglich auf; wir dürfen nicht gehört werden.“

Sie waren mitten in einem der langen, halb erleuchteten Gänge, die sie zu durchschreiten hatten. Fünf Schritte von ihnen war eine tief eingeschnittene Fensternische, in diese führte der Arzt den Mönch. Sie gingen mit fast unhörbaren Schritten und standen darin in völliger Dunkelheit. Sie horchten von neuem und vernahmen einen raschen, leichten Schritt, der näher kam.

„Teufel!“ fluchte der Doctor in sich hinein.

Es war eine Ahnung in ihm aufgestiegen, die ihn vergessen ließ, daß er in Gegenwart des alten frommen Geistlichen fluchte.

„Halten wir den Athem an, wenn sie vorbeikommt,“ flüsterte er noch dem Mönche zu.

In dem dunkeln Lichte des Ganges kam eine hohe Frauengestalt vorbei. Sie war schwarz gekleidet; man hörte die Seide rauschen: ein Capuchon umgab ihren Kopf, verdeckte ihr Gesicht. Ihr Gang war eilig, leicht, dennoch stolz. Leise trat sie nicht auf; sie war also entweder in diesem dunklen, abgelegenen Gange auf rechtem Wege, oder sie hatte nicht daran denken können, hier von Jemandem gesehen oder auch nur gehört zu werden. Sie war vorüber gegangen.

„Pater,“ sagte der Arzt, „wissen Sie, wer das war?“

„Nein, Herr Doctor.“

„Es war die schöne Frau, von der Sie den Hauptmann, den Lumpensammler und mich sprechen hörten, die Gräfin, die Schloßherrin, die Gemahlin des schwachsinnigen Grafen, der Sie von dem Hunde befreite.“

Der Mönch erwiderte nichts.

„Und wissen Sie, wohin sie geht?“ fuhr der Arzt fort. „Zu dem Rendezvous geht sie! Zu dem Buhlen! Zu dem hübschen französischen Obersten. O, diese Franzosen! Nein, nein! Sie sind nicht schlechter, als Andere! Aber diese deutschen Weiber! Auf sie alle Schmach der Untreue, des Verraths, der Gemeinheit! Der Hauptmann hatte Recht. Da läuft sie zu dem Buhlen, die Ehrvergessene! Die deutsche Edelfrau zu dem Feinde ihres Vaterlandes, zu dem Unterdrücker ihres Volkes! O, und indem sie den einen Verrath begeht, fügt sie vielleicht den zweiten hinzu. Während ihre arme Schwägerin im Sterben liegt, verräth sie ihr den Gatten, und dieser Gatte ist einer der bravsten, der edelsten deutschen Männer. Sie haben den Namen des Freiherrn von ** gehört, Pater?“

Der Arzt sprach den Namen eines edlen deutschen Mannes aus.

„Ich habe ihn gehört,“ sagte der Mönch.

„Zu seiner sterbenden Gattin führe ich Sie. Ihn wollen die Franzosen in der heutigen Nacht abfangen, und dazu alle die Anstalten, von denen Sie den Hauptmann mit mir sprechen hörten. Er hat ihren Kaiser beleidigt; er hat sein Volk zum Widerstande gegen die französische Tyrannei aufgefordert. Da ist sein Tod beschlossen, da wird auf ihn gefahndet von allen Seiten, da ist er gehetzt, wie ein flüchtiges, edles Wild. Es gelang ihm endlich, über die Elbe in sicheres Land zu entkommen, seine Frau mit einem Kinde mußte er zurücklassen. Sie waren lange mit ihm geflohen; sie hatte den Mann, den sie liebte, auf den sie so stolz war, nicht verlassen wollen. Da erkrankte das Kind, mit dem Kinde sie, und er mußte allein weiter fliehen. Sie suchte und fand ein Unterkommen in dem Schlosse ihrer Väter. Ihr Kind starb, mit ihr selbst wurde es schlimmer. Sie fühlte, daß sie sterben müsse, und hatte nur noch einen Wunsch für das Leben: noch einmal den Gatten wiederzusehen. Und sie hatte den Wunsch wieder nicht: sie wußte, daß seine Befriedigung dem edlen Gatten das Leben kosten könne. Da konnte sie nicht leben und nicht sterben. Ich schritt ein. Mit keinem der Ihrigen konnte ich mich berathen, nicht mit dem wahnsinnigen Großvater, nicht mit dem schwachsinnigen Bruder, nicht mit jenem ehrvergessenen Weibe. Mit dem alten treuen Conrad sprach ich, dann mit dem ehrlichen Hauptmann, meinem Freunde und dem Freunde des Freiherrn. Er übernahm es, den Freiherrn herzuführen. Es mußte gewagt werden. Er war selbst früher Gensdarmeriehauptmann; er hatte dem Feinde des Vaterlandes nicht dienen wollen und darum seinen Abschied genommen. Er kennt Land und Leute, Wege und Schliche. Er holte den Freiherrn und er hat ihn in der Nähe. Aber seine Anwesenheit muß den Franzosen verrathen sein, denn sie haben überall ihre Spione. Ich hatte die Kranke auf das Wiedersehen vorbereiten müssen, sie hat ihre Freude gegen ihre Umgebung nicht verbergen können. Die Dienerschaft hat davon gesprochen, heimlich genug; die Spione haben es dennoch erfahren. Das Schloß und die ganze Gegend ist besetzt. Wir glaubten gleichwohl, es noch wagen zu müssen. Sie müssen sich wiedersehen, Beide. – Lassen Sie uns gehen, Herr Pater! Ich sollte eigentlich jenem ehebrecherischen Weibe nachgehen, ihr ihre Schande vorhalten, sie– O, und ich weiß nicht, was ich thue, während Sie bei der Kranken sind. Kommen Sie – Aber halt! Was ist denn das wieder? Da geht wieder Jemand in diesem alten Gange, in dem man sonst Monate lang wandeln kann, ohne einem Menschen zu begegnen!“

Der Arzt hatte wieder leiser gesprochen. In dem Gange nahete sich wieder ein Schritt, aus derselben Richtung, aus welcher die stolze Dame gekommen war, und ging ebenfalls rasch, ebenfalls nicht leise, aber er war schwerfällig.

„Sollten die Franzosen, die Verfolger des Freiherrn, in das Schloß eingedrungen sein?“ fragte sich der Doctor. „Alle Wetter, nein! Es ist der alte Graf, der Verrückte! Wie kommt der in diese Gegend des Schlosses? Wohin mag er wollen? Aber still! Keinen Laut! Der Alte hat Augen wie ein Luchs und Ohren wie ein Dachs.“

Sie verhielten sich still. Die lange, gekrümmte Gestalt des alten Grafen schritt mit raschem, schwerem Tritt vorüber. Der wahnsinnige Greis schien irgend etwas eifrig zu verfolgen; man [563] glaubte es seinem stieren Auge anzusehen, das nicht rechts, nicht links blickte.

„Sollte er ihr folgen?“ sagte der Doctor. „Sollte er etwas gesehen, erfahren haben? Er ist nicht ganz unvernünftig und hat für manche Dinge sogar ein scharfes Urtheil. Er soll schon vor einiger Zeit etwas gemerkt haben, meinte der alte Conrad. Ich muß es wissen. – Aber gehen wir zu der Sterbenden.“

Sie verließen den Ort, der sie verborgen hatte. Sie mußten noch weit in den langen Gang hineingehen, dann Seitengänge einschlagen, bis sie in den bewohnten Theil des weitläufigen Schlosses gelangten, in welchem die Zimmer der kranken Freifrau sich befanden. In einem der Seitengänge erreichten sie diese.

Der Arzt klopfte fast unhörbar an eine Thür, und eben so leise wurde die Thür von innen geöffnet. Eine alte Kammerfrau hatte sie geöffnet, sie ließ die Beiden in ein matterhelltes Zimmer treten, in welchem die tiefste Stille herrschte. Es war die Stille der Nähe des Krankengemachs, vielleicht, wahrscheinlich, bald des Todes. Wer hätte sie stören mögen!

„Was macht die Kranke?“ fragte der Arzt mit seiner leisesten Stimme die Frau.

„Sie ist ruhig geblieben, seitdem Sie fort waren. Sie erwartet den Herrn Pater.“

„Melden Sie ihn.“

Die Kammerfrau verschwand durch eine Seitenthür. Man hatte sie kaum gehen, die Thür kaum öffnen und wieder zumachen hören. Nach kurzer Zeit kam sie zurück, und mit ihr kam der alte Diener Conrad, der bei der Kranken gewesen war. Der alte Mann hatte Thränen in den Augen. Als er an dem Mönche vorbeiging, ergriff er dessen Hand; er drückte, er küßte sie.

„O Herr Pater, Sie gehen zu einem Engel des Himmels –“ Er konnte vor Schluchzen nicht weiter sprechen.

„Die gnädige Frau ist bereit,“ sagte die Kammerfrau.

Sie führte den Mönch in das Krankenzimmer, in diesem zu einem Bett.

„Der Herr Pater, gnädige Frau,“ sagte sie.

Sie kehrte in das Zimmer nebenan zurück, in dem sie gewartet hatte, um dort ferner zu warten.

Der Mönch war allein mit der Kranken, der er die Beichte hören und die er zum Sterben vorbereiten sollte, die ein Engel des Himmels war. Er stand an ihrem Bett. Auch in dem Krankenzimmer war nur eine halbe Helle; nur eine Nachtlampe brannte darin. In ihrem matten Scheine sah der Mönch die Kranke. Es war eine junge Frau, vielleicht im Anfange der dreißiger Jahre. Sie war schön; aber das schöne Gesicht war weißer als die weißen Kissen, auf denen sie lag. Dem alten Mönche weinte das Herz, wie er sie so sah. Er mußte gewaltsam das Schluchzen unterdrücken, das ihm in der Brust heraufzog. Aber immer mußte er sie wieder ansehen, wie man ein Bild ansieht, das wir schon früher einmal gesehen haben, als Kind vielleicht schon, das seitdem nie aus unserer Erinnerung hat entweichen können, und das nun auf einmal vor unser leibhaftes Auge wieder hintritt.

„Sie wollen mir beichten, meine Tochter!“ sagte der Mönch, und seine Stimme zitterte.

„Ja, ehrwürdiger Vater.“

„Sind Sie sofort bereit?“

„Ja, ehrwürdiger Vater,“ sagte sie noch einmal mit ihrer schwachen Stimme.

Er kniete vor dem Bette nieder. Da sie, die Kranke, es nicht konnte, that er es für sie.

„Der Herr der Wahrheit sei mit Ihnen!“

Er empfing ihre Beichte, ertheilte ihr die Absolution und sprach den Segen über sie. Er wollte ihr das Abendmahl und die letzte Oelung geben, aber in dem Vorzimmer war ein Geräusch entstanden.

Es war die erste Unterbrechung der lautlosen Stille, die, so weit das Ohr reichte, geherrscht hatte. Die Kranke horchte hin.

„Mein Mann!“ fuhr, jauchzte sie auf einmal auf. „Georg! Georg!“

Die Thür wurde leise geöffnet, und noch leiser trat ein Herr in das Zimmer.

„Georg, mein Georg, bist du es?“

Da flog, stürzte der Mann zu dem Bette.

„Ich bin es, meine Margarethe!“

Der Gatte umfing die Gattin. Sie umschlang mit den schneeweißen, abgezehrten Armen seinen Hals.

„O, nun kann ich sterben. In Deinen Armen, Du theurer Mann! Du meine Liebe, mein Stolz! Du Stolz Deines Vaterlandes, Du Freude Deines Volkes!“

Der Gatte konnte vor Weinen nicht sprechen. Der Mönch verließ das Zimmer.

„Ja, nachher, mein Vater!“ rief ihm die Kranke zu. „Warten Sie in dem Nebenzimmer.“

Der Mönch ging in das Nebenzimmer, um zu warten. Er fand den alten Diener Conrad darin und den Hauptmann. Die Kammerfrau war hinausgegangen. Der Hauptmann trug noch die Kleidung des Lumpensammlers und war sehr vergnügt.

„Ah, Herr Pater, da sehen wir uns ja wieder! Aber was habe ich unterdeß von Ihnen hören müssen, durch meinen Freund, den Doctor? Sie haben uns belauscht! Nun, Sie konnten nicht anders. Aber ich, ich! Ich hätte die Vorsicht selbst sein sollen – ich wollte es sein! Und an Ihrer Stelle hätte eben so gut ein französischer Spion horchen können. Aber der liebe Gott hat uns ja beigestanden. Danken wir ihm.“

„Sie haben keine Sorge, keine Furcht weiter?“ fragte der Mönch.

„Wovor? Den Freiherrn herein zu bringen, das war die Gefahr, die Furcht. Ist er einmal im Schlosse – ei, da kann ein ganzes Regiment Gensdarmen und ein Regiment Kürassiere dazu kommen, und sie können einen ganzen Monat lang suchen – wir haben hier so viele alte und neue Burg- und andere Verließe, Souterrains, Keller, geheime Gänge und Fallthüren, Thürme und Wendeltreppen, Leitern und Stricke, einen ganzen Wald von Geheimnissen. – Aber was macht die Kranke, Herr Pater? Das war wohl eine Freude des Wiedersehens? Nun wird der Doctor sie auch wieder curiren können.“

Der Mönch kam nicht zum Antworten. Der Doctor trat in das Zimmer. Er war eilig ; er sah besorgt, wenn nicht gar ängstlich aus.

„He, was giebt’s, Doctor?“ rief ihm der Hauptmann entgegen.

„Nichts Gutes.“

„Erzählen Sie.“

„Sie wissen, ich wollte sehen, wo der alte Herr und die Gräfin geblieben sein. Ich ging ihnen nach und fand sie.“

„Und wo und wo? Und wie?“

„Nachher davon. Lassen Sie uns zunächst das abmachen, was uns am nächsten angeht. Ich fand die Spur des Alten am runden Thurm.“

Der alte Diener Conrad war unruhig geworden. „Am runden Thurm?“ unterbrach er den Erzähler.

„Ja, Alter. Verwundert Sie das?“

„Was that er dort, Herr Doctor?“

„Er – Aber nachher davon. Bleiben wir bei der Stange.

Ich hatte mich in einen Winkel gestellt, um den Alten zu betrachten. Auf einmal höre ich hinter mir Jemanden schleichen. Ich sehe mich um, erkenne den Louis und dachte, er wolle seiner Herrin nach; er habe etwas erfahren, was er ihr selbst in ihrem Rendezvous mittheilen müsse; vielleicht geradezu eine Gefahr für sie und ihren Obersten. Er ist ja nicht blos der Kammerdiener, sondern auch der Vertraute seiner Herrin, der französische Lump.

Ich lasse also den alten Grafen fahren und sehe dem Burschen nach. In der Mauer hinter dem Thurme ist ein Pförtchen, das in’s Freie führt. Er schleicht zu dem Pförtchen, zu dem er den Schlüssel hat – Gott weiß, woher.“

„Von der Gräfin – von wem anders?“ sagte der Hauptmann.

Der alte Conrad nickte stumm mit dem Kopfe.

Der Doctor fuhr fort: „Er schloß das Pförtchen auf und trat in’s Freie. Ich folgte ihm bis an die Schwelle. Hinauszugehen wagte ich nicht sogleich. Ich horchte. Aber das dauerte keine Minute, da hörte ich von allen Seiten leise, leichte Schritte heraneilen. Der Schuft mußte einem Nahestehenden ein Zeichen gegeben haben; dieser hatte es weitergegeben. Das Gesindel hatte eine ganze Kette gebildet. Und wie sie beisammen waren, da hätten Sie das Zischeln und Zascheln, das Fragen und Antworten hören sollen, und auch wohl das Hin- und Herüberlegen. Ich konnte nur leider nichts verstehen. Sie sprachen so leise, und ihr Französisch flog ihnen so schnell über die glatten Lippen, daß man meinte, nur Pfeile oder Kugeln durch [564] die Luft schwirren zu hören. In ein paar Minuten war Alles vorbei. Gesehen hatte ich in der Dunkelheit nichts. Der Louis kam zu dem Pförtchen zurück; die Anderen gingen wohl wieder auf ihre Posten, oder holten vielleicht noch mehr Mannschaft herbei. Ich hatte mich wieder verborgen. Der Louis schloß das Pförtchen wieder zu und kehrte in das Schloß zurück. – Und nun, Hauptmann, und Sie, alter Conrad?“

„Pah, Doctor,“ sagte der Hauptmann, „daß das Alles dem Freiherrn gilt, daß der spitzbübische Kammerdiener hier auf der Lauer gelegen und seine Ankunft sofort ausspionirt hat, daran zweifle ich keinen Augenblick; auch daran nicht, daß wir nun bald ein paar Dutzend Gensdarmen im Schlosse haben werden. Aber was dann? Und käme ihrer auch ein ganzes Regiment – ich sagte es schon vorhin – wie sollten sie ihn in allen den Winkeln und Löchern und Spelunken des Schlosses und seiner Nebengebäude finden und fangen?“

„Aber,“ erwiderte der Doctor, „er ist hier mitten im Schlosse, weit von allen Löchern und Spelunken.“

„Wir sind auf unserer Hut, Doctor.“

„Vor einem geheimen Ueberfall, der plötzlich, von allen Seiten losbricht, vielleicht schon in diesem Augenblicke vorbereitet, eingeleitet ist?“

„Pah, wenn auch das! Wir haben Alles überlegt, Doctor. In die Krankenstube kann man nur durch dieses Zimmer; alle ihre anderen Thüren sind von innen verschlossen und verriegelt. Das heißt mit Ausnahme einer. Diese eine aber, Doctor, führt in einen geheimen Gang, und dieser geheime Gang führt unmittelbar in die verborgensten jener Löcher und Spelunken, und von ihm weiß Niemand, als der alte Conrad, der mir ihn gezeigt hat, und seitdem also auch ich, und jetzt Sie und der fromme Pater. Freilich ganz hineingegangen ist wohl noch Niemand von uns.“

„Und der alte Graf kennt ihn nicht?“ fragte der Doctor.

„Was soll der Wahnsinnige?“

„Ich weiß es nicht. Man muß aber an Alles denken.“

„Der Herr Graf kennt ihn,“ sagte der alte Kammerdiener des Grafen.

„Aber er hat kein Gedächtniß mehr,“ rief der Hauptmann.

„Und die Gräfin?“ fragte der Doctor.

Das wußte Niemand.

„Sie hat früher ein Jahr lang diese Gemächer bewohnt,“ sagte nur der alte Conrad.

Doch der Hauptmann verlor seinen Muth und also auch sein Vertrauen nicht.

„Wer wird gleich das Schlimmste fürchten? Indeß, wir wollen es jetzt einmal, um der äußersten Vorsicht willen. Kommen Sie, Doctor, wir Beide wollen den Gang untersuchen bis unten hin. Finden wir das geringste Verdächtige, so muß der Freiherr sofort weiter. Gehen wir in das Krankenzimmer. Sie sehen nach der Kranken; ich spreche unterdeß mit dem Freiherrn. So merkt sie nichts, wenn wir durch die geheime Thür wieder abgehen. Ziehen Sie sich an, da unten ist eine nichtswürdige Luft.“

Der Arzt warf einen Ueberzieher über.

„Hm, Doctor, was that der Alte an dem Thurme?“ fragte der Hauptmann unterdeß.

„Er suchte die Thür aufzuschließen, die hineinführt. Er hatte einen Bund von Schlüsseln bei sich. Ich hörte ihn damit rasseln.“

„Hm, was mochte er in dem alten Thurme wollen?“

„Wer kann das wissen? Sein großer Hund war mit ihm.“

„Sahen Sie auch die Gräfin, Doctor?“

„Nein.“

„Auch den französischen Obersten nicht?“

„Auch ihn nicht.“

„Ah, Sie sind fertig. Kommen Sie.“

Der Hauptmann und der Arzt gingen in das Krankenzimmer.

Der alte Mönch und der alte Kammerdiener waren in dem Vorzimmer allein. Die Kammerfrau der Kranken war einmal gekommen, um sich nach der Herrin zu erkundigen; als ihre Hülfe nicht nöthig war, hatte sie sich in ein anderes Nebengemach zurückbegeben.

Der Kammerdiener hatte das Vertrauen des Hauptmannes nicht getheilt. Er hatte mehrmals dazu den Kopf geschüttelt. Seine Unruhe, seine Besorgniß und seine Angst hielten an, als der Arzt und der Hauptmann fort waren. Dabei warf er so sonderbare Blicke auf den Mönch. Es war, als wenn er Fragen über Fragen an den alten Geistlichen habe, als wenn er selbst sein altes Herz gegen ihn ausschütten müsse, aber er hatte nicht den Muth dazu. Er nahm ihn sich doch zuletzt, er mußte es. Er ging auf den Mönch zu.

Der Geistliche saß trübe in sich gekehrt. Der Diener redete ihn an.

„Das sind traurige Geschichten hier, Herr Pater.“

„Und sie sollten nicht so sein.“

„Sie gehen auch Ihnen zu Herzen?“

„Müssen sie nicht jedes menschliche Herz tief berühren?“

„Und sie werden ein noch traurigeres Ende nehmen, Herr Pater. Es kann ja nicht anders sein, denn es liegt ein Fluch auf diesem alten Schlosse, auf diesem alten, edlen Geschlecht. Es ist mir, als wenn es noch in dieser Nacht sich erfüllen müsse, als wenn in der nächsten Stunde schon hier Alles vorbei sein werde. Es liegt mir so recht drückend schwer auf dem Herzen.“

Der Mönch antwortete nicht. Der alte Diener stand noch einmal unschlüssig. Dann hatte er noch einmal seinen Muth wieder.

„Herr Pater, darf ich mir das Herz gegen Sie leicht machen?“

Der Mönch nickte.

„Ich will Ihnen die alten Geschichten dieses Hauses erzählen. Sie werden dann erfahren, welcher Fluch auf ihm liegt, und wie er sich erfüllen muß.“

„Ja, ja,“ sagte der Mönch leise. „Aber Gott weiß Alles am besten, und er ist in Allem gnädig, auch in seinem Strafen. Erzählen Sie.“

[577]
2. Alte Geschichten des Schlosses.

Der alte Diener Conrad erzählte: „Seit wenigen Wochen sind es gerade fünfzig Jahre, da wurde der Grund zu alle dem Unglück gelegt, das sich so vielfach in diesem Schlosse zugetragen hat. Damals lebten zwei Brüder auf Frankenfelde, die Grafen Curt und Moritz von Frankenberg. Der Graf Curt war der Aeltere, der Graf Moritz der Jüngere. Nach einem alten Rechte des Hauses hätte also der Graf Curt der Herr aller der großen und reichen Frankenbergischen Güter sein müssen, welche die Herrschaft Frankenfelde ausmachen, und Graf Moritz hätte nur eine Apanage bekommen. Es war aber anders; der Graf Moritz war der regierende Herr hier, und der Graf Curt lebte von der Apanage, die ihm der jüngere Bruder gab. Das war so gekommen: der Graf Curt war früh in preußische Kriegsdienste getreten, um in den tapferen Heeren Friedrich’s des Großen sich Ruhm zu erwerben. Schon das hatte sein Bruder ihm verargt. Der Graf Moritz war hochfahrend; ein deutscher Reichsgraf, meinte er, sei eben so gut ein regierender Herr, wie der Markgraf von Brandenburg; wollte er einem Potentaten dienen, so könne es nur ein auswärtiger, oder der deutsche Kaiser sein. Die Religion kam dazu. Der Graf Curt hatte jedoch seinen Willen durchgesetzt, und die beiden Brüder schieden mit erbittertem Herzen. Schon nach drei Jahren kehrte der Graf Curt zurück. In der Schlacht bei Hohenfriedberg war ihm der rechte Arm zerschossen und er hatte seinen Abschied nehmen müssen; er hatte ihn als Major erhalten, in besonderer Anerkennung seiner Tapferkeit. Er kam nicht allein nach Frankenfelde zurück, sondern brachte eine Frau mit und ein Kind, einen Knaben von dreiviertel Jahren. Nun war aber die Frau eine Bürgerliche, die Tochter eines Advocaten in Sachsen, in deren elterlichem Hause der junge Officier schon in dem ersten Feldzuge des Königs, als er in einem Gefecht verwundet worden, Pflege und Heilung seiner Wunden erhalten hatte. Er hatte die junge Dame geliebt und sie ihn, und sie hatten sich geheirathet. Dabei hatten sie an Eines nicht gedacht, oder sie hatten nicht besonderen Werth darauf gelegt. Nach den alten Rechten des Frankenbergischen Hauses konnten in die Güter nur Kinder aus ebenbürtigen Ehen succediren; die Gemahlinnen der Grafen von Frankenberg mußten mindestens dem stiftsmäßigen Adel angehören. Die Kinder der bürgerlich geborenen Gräfin konnten also niemals Herren auf Frankenfelde werden, auch der Sohn nicht, den er mitbrachte. Das konnte nur anders werden durch einen ausdrücklichen Vertrag der beiden Brüder, durch welchen der Graf Moritz die Kinder des Grafen Curt als successionsfähig anerkannte. Die beiden Brüder waren die einzigen Lebenden des Frankenbergischen Mannsstammes. Zu dem Vertrage wollte der Graf Moritz sich nicht herbeilassen. Ein ganzes Jahr lang suchte der Graf Curt ihn dazu zu bestimmen. Es war vergeblich. Der Graf Moritz berief sich auf sein Recht und heirathete auf dieses Recht ein Fräulein aus einem alten Hause, deren Kinder künftig die einzigen rechtmäßigen Frankenbergischen Erben und Herren sein mußten. Starb dagegen der Graf Curt, so hatten seine Wittwe und Kinder nichts, sie konnten von Haus und Hof gejagt werden. Da entschloß sich der Graf Curt endlich nachzugeben, und es kam ein Vertrag unter den beiden Brüdern zu Stande, durch welchen der Graf Curt sein Recht der Erstgeburt an den Grafen Moritz abtrat, wogegen dann dieser die Kinder des Grafen Curt als aus standesmäßiger, ebenbürtiger Ehe geboren anerkannte. Die Folge war, daß jetzt zwar in erster Linie die Söhne des Grafen Moritz zur Succession und Regierung kamen, daß aber, wenn der Graf Moritz ohne männliche Nachkommen starb, die Güter an die Söhne des Grafen Curt zurückfielen. Nun begab sich aber Folgendes: Die Gemahlin des Grafen Moritz gebar ihm nur ein einziges Kind, und das war eine Tochter. Die Gemahlin des Grafen Curt war zwar nach einigen Jahren gestorben, ohne daß sie außer dem einzigen Sohne noch Kinder zur Welt gebracht hätte; aber dieser Sohn war als ein kräftiger und prächtiger Knabe herangewachsen. So war das Jahr 1758 gekommen, und in ihm ein Tag, der mir keinen weiteren Tag meines Lebens aus dem Gedächtnisse gekommen ist. Ehe ich von ihm erzähle, muß ich Sie noch mit ein paar Umständen bekannt machen.

Der Graf Moritz war immer ein hochfahrender, gewaltthätiger und dabei mißtrauischer und argwöhnischer, finsterer Herr gewesen, und die Wahrheit zu sagen, die Leute hatten wohl Recht, wenn sie von ihm meinten, er habe kein gutes Herz. Er behandelte auch seine Gemahlin nicht gut, und ich habe manchmal selbst gehört, wie er ihr vorwarf, daß sie keine Liebe zu ihm habe. Dazu kam, daß sie ihm nur die eine Tochter, keinen männlichen Erben geboren hatte. Die Gräfin war eine zarte Dame; sie hatte das beste Herz von der Welt. Die Behandlung ihres Gemahls machte sie unglücklich, menschenscheu, sie verließ fast ihre Zimmer nicht, und die einzigen Menschen, die sie sah, waren ihre Tochter, ihr Neffe und ihr Schwager, der Graf Curt. Auch der Graf Curt war nicht glücklich. Der Verlust seiner Gemahlin, die er so innig liebte, hatte ihn schwer und hart angegriffen; er hatte ihn nie verschmerzen [578] schmerzen können, denn er hatte ein weiches gutes Herz. So war es natürlich, daß die Beiden, der Graf Curt und seine unglückliche Schwägerin, oft zusammen waren und auch beieinander Trost fanden. Es war in allen Ehren, ich schwöre es Ihnen zu, Herr Pater. Der Graf Moritz war dennoch eifersüchtig geworden. Es war auch natürlich bei seinem argwöhnischen Charakter, und bei seinem finsteren, verschlossenen Wesen wußte er es auch zu verbergen. Man sah nur, daß er einen tödtlichen Haß gegen seinen Bruder hatte. Das konnte aber auch einen andern Grund haben. Der Graf Curt war von Jedermann im Schlosse geliebt und verehrt; der Graf Moritz mußte sehen, daß er nur scheu gefürchtet war. Dazu hatte er keine männliche Nachkommen, dem Grafen Curt wurde der Sohn immer frischer und blühender. Noch mehr haßte er diesen Sohn, der nun doch künftig hier Herr, der, mit Ausschließung seiner eigenen Tochter, sein Erbe werden sollte. Und der junge Graf Adolph und die Tochter des Grafen Moritz, die Comtesse Caroline, waren immer beisammen, waren unzertrennlich, wenn ihr strenger Vater sie nicht auseinanderriß, und hatten, wenn er sie getrennt hatte, keine Ruhe und mochten nicht essen und nicht trinken, bis sie wieder zusammen waren.

Der Graf Moritz haßte den Knaben um so mehr. Wo er ihn sah, tadelte, schalt, schimpfte er ihn. Der junge Graf Adolph war stolz, ehrgeizig. Er weinte oft Thränen des Zornes, der Wuth über solche Behandlung des Oheims, und er haßte den Mann, der ihn so behandelte, vielleicht mehr, als dieser ihn. Der Oheim hatte ihn einmal mit Ohrfeigen bedroht. Ich vergesse es nicht, wie der junge Herr da mit dem verweinten und blassen Gesichte zu mir kam, um sein Herz gegen mich auszuschütten, und wie er in seinem Zorne rief: ,Wenn er mich anrührt, so schieße ich ihn oder mich todt!’ Nur die Comtesse Caroline, die ihm nachgeschlichen war, um ihn zu trösten, konnte ihn wieder aufrichten. Der junge Herr war damals bald vierzehn, die Comtesse war eilf Jahre alt. Sie waren Beide ein paar so schöne, brave und liebe Kinder. Ein Jahr nachher passirte das, was ich Ihnen nun erzählen will.

Es war an einem warmen Maitage. Der Graf hatte den ganzen Tag in seinem Zimmer zugebracht. Sein Zimmer war in dem alten runden Thurme, oberhalb des Schlosses, an dessen Thür ihn vorhin der Herr Doctor mit dem Schlüsselbunde gesehen hatte. In den Thurm hatte er sich schon seit Jahr und Tag zurückgezogen; er war seit Jahr und Tag immer finsterer und verschlossener geworden; er mochte Niemanden mehr sehen. Da hatte ich ihm in dem Thurme eine Treppe hoch ein Zimmer einrichten müssen. Ich war schon damals sein Kammerdiener. In dem Zimmer vergrub er sich Tag und Nacht, Wochen lang, Monate lang, ein ganzes Jahr lang. Nur selten verließ er es, um des Abends, wenn Alles still und dunkel war, einen Spaziergang in den Park zu machen. An jenem Tage hatte er es schon vor dem Abende verlassen. Es fiel mir auf, daß er so früh ging, und ich fühlte eine gewisse Unruhe, da er mir so besonders finster vorgekommen war, als ich ihm beim Ankleiden half. Ich sah ihm nach, wohin er ging. Er begab sich in den Park und ging dort eine Weile in tiefen Gedanken unter den Schloßfenstern auf und ab. Die Fenster des Grafen Curt lagen nach dem Park hin. Ich meinte ein paar Mal zu sehen, wie er nach diesen Fenstern hinaufblickte. Nach einiger Zeit schritt er weiter in den Park hinein. Ich wartete wohl noch eine halbe Stunde; als er immer nicht zurückkam, dachte ich, er sei in den Wald hinter dem Park gegangen, was er auch auf seinen Abendspaziergängen zu thun pflegte, und ging endlich in meine Stube, wo ich zu arbeiten hatte.

Ich war noch nicht lange dagewesen, als ich plötzlich einen Schuß hörte. Meine Stube war in dem Nebengebäude, gerade dem oberen Ende des Schlosses und dem runden Thurme gegenüber. In dieser Gegend war der Schuß gefallen. Ich erschrak. Da war ein Unglück geschehen, wenn nicht etwas noch Schlimmeres. Ich eilte zu dem Thurme. Auf dem Hofe standen mehrere Diener, sie sprachen untereinander mit verstörten Gesichtern. Sie hatten ebenfalls den Schuß gehört, in der Gegend des runden Thurmes sei er gefallen, ob in dem Thurme selbst oder dicht neben ihm im Schlosse, wußten sie nicht. Zu dem Thurme oder in das Schloß zu gehen, wagten sie nicht. Bei dem gewaltthätigen Charakter und bei der Stimmung des Grafen fürchteten sie für ihr Leben, wenn sie auf ihn trafen. An etwas Schreckliches dachten sie wohl Alle. Ich mußte wissen, was geschehen war, und ging zu dem Thurme. Die einzige Thür, die von außen hineinführt, war verschlossen. Der Thurm steht aber mit dem Schlosse in Verbindung; er ist unmittelbar an dieses angebaut, und eine Thür führte aus einem Gemache seines ersten Stockes in einen Corridor des Schlosses. So war es damals. Das Gemach hatte der Graf zu seinem Schlafzimmer genommen; es war mit seinem Wohnzimmer durch eine Thür verbunden. An dem Corridor des Schlosses aber lagen die Zimmer der Gräfin, seiner Gemahlin. Das fiel mir auf einmal glühend heiß auf die Seele. Ich eilte in das Schloß und flog die Treppe zum ersten Stock hinauf, in den Corridor hinein, Niemand begegnete mir, es war überall still. An jenem Corridor wohnte keine Dienerschaft; diese saß überdies gerade beim Abendbrod in einem andern entfernten Flügel des Schlosses, wo sie den Schuß wohl hatten überhören können. Ich eilte weiter in den Corridor und kam bis in seine Mitte. Da öffnete sich hinten an dem Ende eine Thür. Es war die Thür des runden Thurmes. Der Graf Moritz stand in der Thür. Es war noch hell, auch in dem Gange. Das Gesicht des Grafen war leichenblaß; seine Hände –“

Der alte Diener unterbrach sich in seiner Erzählung.

„Der Hund heult, der Hannibal. Was mag das sein?“

Man hörte einen Hund unten im Hofe heulen. Mit einem Male war es still. Der Diener schüttelte den Kopf.

„Der Alte hat etwas vor – auch heute wieder. Das Heulen war am Thurme, also ist er dort wieder oder noch immer. Was kann er da suchen? Der Graf Adolph hatte doch den Hund eingeschlossen. Das Herz will mir beinahe so schwer werden, wie an jenem Abende vor fünfzig Jahren. Und auch der Doctor und der Hauptmann kommen noch immer nicht zurück. Wo sie nur bleiben mögen da unten in dem geheimen Gange? Sie könnten längst wieder hier sein.“

Plötzlich erschrak der alte Mann.

„Wenn sie überfallen wären! Wenn der Louis die Franzosen schon hingeführt hätte! Es ist ein frecher, listiger, gewandter Schurke. Großer Gott, sie könnten dann im nächsten Augenblick schon in dem Zimmer der Kranken sein, den Freiherrn überraschen und überfallen, wie die Beiden da unten!

Er horchte. Es war Alles still und war auch still gewesen. Seine Angst hatte ihn getäuscht, wie er selbst sagte.

„Ich war närrisch. Der Hauptmann und der Doctor sind Beide klug und vorsichtig. Und wenn auch Einer von ihnen hätte können gefangen werden, der Zweite wäre um so gewisser entkommen. Und wie sollte der Louis da unten Alles so genau kennen?

Der Hauptmann hat Recht: man muß nicht immer gerade das Schlimmste fürchten. Lassen Sie mich fortfahren, Herr Pater.

Ich sah den Grafen Moritz, erzählte ich Ihnen. Er stand in der Thür des Thurmes. Er war herausgetreten, als er meinen Schritt in dem Gange gehört hatte, und hatte die Thür hinter sich zugezogen. Er sah schrecklich aus. Sein Gesicht war kreideweiß; seine Hände waren blutig. In der einen Hand hielt er ein Pistol.

,Was willst Du hier? Zurück!’ rief er mir entgegen.

,Gnädiger Herr Graf – ’ sagte ich.

Er erhob das Pistol. ,Zurück!’ rief er noch einmal. Er war mein Herr. Er hätte mich niedergeschossen, wenn ich einen Schritt weiter gegangen wäre. Ich kehrte also um; nur langsam.

Plötzlich hörte ich ein Stöhnen da hinten; es schien aus dem Thurme zu kommen. Der Graf stand noch immer an der Thür, die er nur hinter sich zugezogen hatte. Der Schreck lähmte mir die Füße – ich blieb stehen.

,Willst Du einen Schuß in die Beine haben, um fortzukommen?’ rief der Graf.

Ich eilte fort, aus dem Schlosse, auf den Hof. Die Leute standen noch da und warteten auf meine Rückkehr. Sie mußten mit ansehen, daß etwas Entsetzliches geschehen sei. Aber ich durfte ihnen nichts sagen. Was es war, wußte ich ja auch selbst nicht.

,Geht an Eure Arbeit,’ sagte ich ihnen, ,damit kein Unglück passirt.’ Sie gingen, und ich kehrte in mein Stübchen zurück. Arbeiten konnte ich nicht wieder. Auch die Andern konnten es wohl nicht.

Ich wollte beten, aber ich konnte auch das nicht, die Angst ließ mir keine Ruhe. Ich mußte nur immer horchen und nach dem Thurme mir gegenüber, nach den Fenstern des Schlosses in der Nähe des Thurmes sehen. Ich sah und hörte nichts. Was [579] ich gehört und gesehen hatte, stand dann um so schrecklicher vor mir: der Graf mit dem weißen Gesichte und den blutigen Händen, das Stöhnen, das ich deutlich gehört hatte, das Wimmern, das ich geglaubt hatte zu hören. Und ich hatte die Gräfin nicht gesehen, die an dem Corridor wohnte, und auch den Grafen Curt nicht, der zwar einen Stock höher, aber in demselben Flügel wohnte, und daher den Schuß hatte hören müssen, und dennoch nicht da war. Wo waren die Beiden? Und wie war der Graf Moritz aus dem Park zurückgekommen? Und warum jedenfalls so heimlich? Ich mußte wieder hinaus und faßte mir ein Herz. Ich ging wieder auf den Hof. Es war noch hell draußen, die Sonne war soeben untergegangen, es war still auf dem Hofe. Von den Leuten hatte sich Niemand wieder sehen lassen. Ich wollte zu dem Thurme gehen, wurde aber auf meinem Wege aufgehalten. Ich bekam etwas vor Augen, was ich von Allem, das ich an jenem Abende sah, am allerwenigsten werde vergessen können. Es war so freundlich, so überaus lieblich. Hinter dem Thurme her kamen in den Hof der junge Herr Graf Adolph und die Comtesse Caroline. Der junge Herr war damals vierzehn, beinahe fünfzehn Jahre alt; die Comtesse war in ihrem zwölften Jahre. Sie waren ein paar bildschöne Kinder. Der Graf Adolph sah dabei so stolz und vornehm aus, mit seinen großen, blitzenden Augen und den vollen braunen Locken, und die Comtesse mit den blauen Augen, der durchsichtigen feinen Haut und ihren langen hellblonden Haarzöpfen war wie ein wahrer Engel anzusehen. Sie kamen aus dem Park, wo sie in dem Blumengarten gewesen waren. Die Comtesse trug in ihrem Haar eine rothe und eine weiße Rose, und in der Hand hielt sie einen Fliederstrauß. Der junge Herr hatte eine rothe Rose auf der Brust in dem Knopfloche stecken. Sie hatten die Blumen wohl einander gepflückt und geschenkt und sich gegenseitig damit geschmückt. So kamen sie daher, Hand in Hand, sorglos, glücklich; mit den schönen Augen lachten sie einander still an und dachten wohl nur daran, wie sie so glücklich beisammen waren.

Herr Pater, es war das schönste Bild, das ich in meinem Leben gesehen hatte, und nachher – was hätten meine Augen hier in diesem Schlosse noch Schönes sehen können? Aber die Thränen wollten mir in die Augen kommen, wie ich die armen, schönen Kinder so sah. Sie waren so arglos, so sorglos, so glücklich. Sie dachten an kein Unglück, keine Gefahr, an kein Verbrechen, an keine Entehrung. – Die armen Kinder wollten zu dem Vater, zu der Mutter, wollten ihnen die Blumen zeigen, wollten ihnen erzählen von ihrer Freude, ihrem Glück! Und vorher der Schuß!

Da öffnete sich ganz leise die Thür des runden Thurmes.

Der Graf Moritz stand darin, er trug eine große Peitsche in der Hand, eine Hetzpeitsche, mit der die Hunde gehauen wurden, wenn sie nicht gehorchen wollten. Die Hände des Grafen waren nicht mehr blutig; sein Gesicht war nicht mehr weiß; es hatte eine dunkle Farbe, als wenn alles Blut seines Körpers ihm zum Kopfe gestiegen sei. In der Abendröthe sah es kupfrig aus. Ein wilder Zorn mußte ihm das Blut in das Gesicht getrieben haben, und in diesem Zorn, in Haß und Rache stand er da, mit der großen Peitsche, wartend, lauernd. Er hatte von dem Thurme aus die Kinder sehen können, wie sie aus dem Garten zurückkamen. Er hatte sie gesehen, wie sie Hand in Hand gingen, wie sie sich mit den Blumen geschmückt hatten, wie sie mit den Augen sich anlachten, wie sie so glücklich beisammen waren. Und sie sollten nicht beisammen sein, die Kinder. Der verhaßte Sohn des verhaßten Bruders, der künftige Herr hier, der dies nur durch einen Raub gegen ihn, gegen sein Kind wurde, sollte seine Tochter gar nicht einmal ansehen dürfen; er hatte ihn so oft von ihrer Seite gerissen. Und gerade heute, gerade jetzt, gerade in diesem Augenblicke, unmittelbar nach dem Schrecklichen, was soeben geschehen war, mußte er ihn wieder bei ihr sehen, mußte er ihn so glücklich an ihrer Seite sehen, sie Beide so glücklich, so vertraulich, mit den umschlungenen Händen.

Er stand wartend, lauernd mit der großen Peitsche da. Die Kinder konnten ihn nicht sehen; sie waren noch hinter dem Thurme. In fünf Secunden mußten sie hinter dem Thurme hervorkommen. Ich wollte ihnen, ich wollte ihm zurufen. Aber es war das Alles nur ein paar, nur ein einziger Augenblick gewesen, und der Athem war mir vor plötzlichem Schreck ausgegangen und das Herz schnürte sich mir zusammen. Als ich rufen wollte, war es zu spät. Die beiden Kinder waren hervorgekommen. Wie der Graf sie sah, sprang er auf sie zu. ,Hund!’ schrie er. Und nun – Aber ich kann nicht weiter erzählen –“

Der alte Diener konnte nicht weiter erzählen. Er konnte es nicht vor Weinen, vor Schluchzen. Dabei sah er den Mönch wieder so sonderbar an und wurde unruhiger, aufgeregter.

Auch der alte Mönch hatte ein paar Augenblicke lang eine tiefe innere Unruhe gezeigt. In sein blasses Gesicht war eine helle Röthe gestiegen; es war dann wieder weiß geworden, wie die weiße Gypsdecke des Zimmers. Er hatte mit der Hand über die Augen fahren müssen, und dann war er wieder ruhig, und seine Ruhe war zugleich die einer erhabenen, einer heiligen Ergebung.

Der alte Diener aber konnte nicht wieder Herr über sich werden. Es lag ihm zu schwer auf dem Herzen; er mußte es herunter haben. Er ging durch das Zimmer, kehrte zu dem Mönche zurück und wandte sich wieder zu dem Fenster; er kam nochmals zu dem Mönche.

„Herr Pater,“ sagte er, „kann ich es Ihnen erzählen, was dem braven Grafen Adolph geschah, dem jungen Herrn, den ich mehr liebte, als mich selbst, was Ihnen geschah, lieber Herr Graf Adolph? Denn sind Sie es nicht? Sind Sie es nicht?“

Er hatte sich vor dem Mönche zur Erde geworfen und die mageren, weißen Hände des alten Geistlichen ergriffen; er küßte sie und ließ seine Thränen darauf fallen.

Der Mönch erhob sich; er erhob den alten Diener. Ein wunderbar stiller Friede lag auf seinem blassen Gesichte. Er war anzusehen wie ein Friedensapostel, den der Himmel auf die Erde heruntergesandt hat. So sprach er: „Ja, alter Conrad, ich bin der Graf Adolph, den Du mehr liebst, als Dein Leben, für den Du Dein Leben hingeben wolltest, der Dir durch sein ganzes Leben dafür seinen Dank bewahrt hat. Stehe auf, mein Freund, mein alter, treuer Conrad.“

Der alte Mönch umarmte den alten Diener. Dann mußte er ihn zu einem Stuhle führen. Schreck, Freude, Aufregung, Furcht und Angst hatten den alten, fast achtzigjährigen Diener des Hauses zu heftig angegriffen; er konnte sich nicht mehr aufrechthalten; er konnte mit seiner matten Stimme nur noch sagen: „Es war mir gleich so, daß Sie es sein mußten, gleich als ich Sie sah. Aber ich wagte nicht, es Ihnen zu sagen. Ich mußte erst meiner Sache gewiß sein. Aber erzählen mußte ich Ihnen, dadurch mußte ich ja auch erfahren, ob ich Recht hatte. Und wie ich nun nicht mehr weiter erzählen konnte, da sah ich, daß ich Recht hatte.“ .

„So will ich Dir jetzt weiter erzählen, Du treue Seele,“ sagte der Mönch. „Der Graf, mein Oheim, sprang auf mich zu.

,Hund!’ schrie er. Mit dem Worte hatte er mich gefaßt und zu Boden geworfen, sein eigenes Kind zur Seite geschleudert. Dann hatte er seine große Peitsche erhoben, um auf mich loszuhauen. ,Onkel,’ rief ich, ,entehren Sie mich nicht! Sie entehren Ihr eigenes Blut, sich selbst.’ ,Bube!’ rief er noch zorniger. Er schwang die Peitsche. Da warst Du da, Du treuer Conrad. Du fielst ihm in den Arm, Du ergriffst die Peitsche und entrangst sie ihm. Aber es half mir nicht. Er lachte, und ich vergesse nie das Lachen. Er rief mit lauter Stimme in den Hof hinein, die Bedienten, die Jäger, die Kutscher, die Reit- und Stallknechte. Sie kamen gehorsam herbei; sie waren die Diener. Er hatte mich festgehalten an der Erde, mit seinen Füßen. Wie einen Hund trat er mich. ,Gieb die Peitsche ab!’ befahl er Dir. Du wolltest es nicht. ,Bindet ihn,’ befahl er den Andern. Du wurdest überwältigt, die Peitsche wurde Dir abgenommen. Er gab sie einem Stallknechte. ,Der Hund bekomme die Hundepeitsche.’ Der Hund war ich. Und nun – Aber nein, auch ich will nicht weiter erzählen. Und doch eins noch. ,Gnädigster Herr,’ riefest, batest, flehetest Du, ,lassen Sie mich für den Grafen Adolph schlagen. Verschonen Sie ihn. Thuen Sie dem jungen Herrn die Schmach nicht an. Lassen Sie mich todtschlagcn, wenn es nicht anders sein kann.’ Auch das half nicht.

Der Wille des schrecklichen Mannes mußte geschehen, mußte sich ganz erfüllen. Es war vielleicht gut so. Ich hatte ein stolzes, ein trotziges Herz und wäre vielleicht auch so geworden, wie der Oheim, vielleicht schlimmer als er, wenn der Herr im Himmel, ohne dessen Willen kein Haar von unserem Haupte fällt, nicht Jenes über mich verhängt und mich dadurch zur Erkenntniß meiner selbst und auf die Bahn der Demuth und der Ergebung in seinen Willen geleitet hätte. Und es bedurfte noch lange Zeit und noch [580] mancher schweren Prüfung, bis ich zu jener Erkenntniß, auf diese Bahn gelangte. Wie war ich noch trotzig und verstockt, als ich die entsetzliche Mißhandlung erlitten hatte, als darauf das Weitere geschah, der Oheim die Hunde aus dem Stalle herbeiholen ließ, und den Hundenjungen befahl, mich durch die Thiere vom Hofe hetzen zu lassen; wie die armen Burschen und die treuen Thiere nicht wollten; wie auch sie zuletzt seinem fürchterlichen Willen gehorchen mußten; wie er mir darauf nachrief, so werde es mir immer geschehen, wenn ich mich auf dem Hofe wieder sehen lasse! Ich ging weinend von dannen; aber es war ein Weinen der Wuth, des Trotzes, des Hasses, der Rache. War ich da besser, als er?“

„Sie waren beschimpft,“ unterbrach der alte Diener den Mönch. „Sie hatten das junge Blut, den adligen Sinn, das edle Herz.“

„Und Jesus Christus vergab seinen Feinden, die ihn kreuzigten,“ sagte der Mönch.

„Aber Jesus Christus war der Sohn Gottes.“

„Und vergab als Mensch, mit dem menschlichen, dem wahrhaft menschlichen, christlichen Herzen. In meinem Herzen aber wurde die Rache immer wilder. Ich hatte anfangs wohl gar nicht gewußt, was ich that, was ich wollte, wo ich nur war. Ich war bewußtlos in Wald und Finsterniß umhergerannt. Dann kam ein wildes Leben in mein Inneres. Ich mußte an dem Manne, der mich beschimpft, vernichtet hatte, Rache üben; ich konnte es nur, indem ich ihn ermordete. Das wollte ich, das mußte ich. Ich rannte zum Schlosse zurück. Es war Mitternacht, als ich ankam. Alles war dunkel; alle Thore waren verschlossen. Ich konnte nicht in das Schloß, ich konnte nicht einmal in den Hof gelangen. Ich hatte einen knabenhaften Racheplan gehabt. Wie hätte ich, auch wenn mir das Schloß offen stand, bis zu ihm dringen können, den ich ermorden wollte? Womit hätte ich ihm das Leben nehmen sollen? Ich hatte keine Waffe, nicht einmal ein Messer. Ich weinte von neuem, vor Wuth, daß ich mich nicht rächen konnte, daß in dem ganzen Schlosse Niemand war, der an mich dachte, der sich um mich kümmerte, daß kein Mensch es wagte, an mich zu denken. Carolinens Fenster war dunkel; ihre Gestalt war nicht zwischen den Vorhängen zu sehen. Ihr konnte ich es verzeihen, wenn die Furcht vor dem Vater die Zuneigung zu mir überwog. Auch ihrer Mutter verzieh ich am Ende. Aber auch die Fenster meines Vaters waren dunkel; ich hörte keinen Laut, keine Bewegung in seinem Zimmer. Schlafen konnte er wohl nicht, nach jener Beschimpfung, die seinem einzigen Kinde widerfahren war, bei der Ungewißheit, in der er über mich sein mußte. Aber auch er hatte nicht einmal den Muth, nach mir auszusehen. Das Herz zog sich mir in dem bittersten Schmerz und Zorne zusammen. Ich rannte wieder fort, und wollte nie irgend einen von allen diesen Menschen wiedersehen, auch meinen eigenen Vater nicht. Ich wollte keine Rache an ihnen nehmen; ich konnte es ja nicht. Aber ich wollte sie Alle hassen, verachten. Und das Gefühl kam über mich. Es war nicht minder knabenhaft, als das jener Rache. Aber mein trotziger, verstockter Sinn nährte, steigerte es. Mit ihm ging ich in die Welt, verließ ich meine Heimath, mein Vaterland und endlich das ganze Treiben der Welt selbst. Ich war hinten in Schlesien krank und elend geworden und konnte nicht weiter. Ich schleppte mich zu einem Kloster, das in der Nähe lag und mich aufnahm, und in dem ich auch ferner blieb, nachdem ich lange schon genesen war. Ich wollte nicht in die Welt zurück und wurde Mönch. Nicht aus Frömmigkeit, aus Demuth, aus Liebe zu Gott. Wie vielen Antheil hatte an meinem Schritte gerade noch immer jener Trotz, der Hochmuth, das Gefühl, daß ich der Beschimpfte, Entehrte sei, auf den die Hetzpeitsche ein unverlöschliches Brandmal gedrückt habe! Es mußten Jahre vergehen, ehe mein Sinn geläutert, mein Herz gereinigt wurde. Und da war ich glücklich. Meine Brust kannte keinen Haß mehr, sie kannte nur noch die Liebe.

Aus dem schlesischen Kloster war ich in ein polnisches versetzt worden. In dieses kam vor einiger Zeit ein Bruder aus einem der von den Franzosen aufgehobenen Klöster. Ich erfuhr von ihm, was seit fünfzig Jahren sich in der Heimath zugetragen hatte. Ich hatte nie etwas darüber gehört, hören wollen; es hätte mir nur die Ruhe, den Frieden meines Innern nehmen können. Von den Meinigen wußte er mir nichts mitzutheilen. Um so mehr erfaßte mich die Sehnsucht, noch einmal die alte Heimath wiederzusehen, mein müdes Haupt hier zum ewigen Frieden niederzulegen. Ich vermittele meine Versetzung hierher und betrete heute zum ersten Male wieder das Schloß meiner Väter. Ich sah und vernahm seit fünfzig Jahren nichts von ihm und war dennoch mit dem Vertrauen gekommen, der Friede meines Innern werde nicht wieder gestört werden können. Und ich hoffe seine Kraft nicht überschätzt zu haben; wie viel Trauriges ich auch in den wenigen Stunden erfahren mußte, die ich hier bin, es hat mir nur die Heiterkeit meines Herzens trüben können. Du hast mir noch mehr mitzutheilen, treuer Conrad. Ich lese in Deinen Augen, daß es sehr Schweres ist. Es wird mir das Herz noch mehr mit Trauer umhüllen, aber den Frieden wird mir auch das Schrecklichste nicht rauben, was Du mir sagen könntest. Und nun sprich, was ist aus den Meinigen geworden, aus jenen Lieben, die ich hassen und verachten wollte und die ich doch im Grunde meines Herzens immer nur lieben und verehren konnte?“

[593] Der Mönch hatte wohl richtig gelesen in den Augen des Dieners. Sie verkündeten Entsetzliches, bevor die Lippen es aussprechen konnten.

„Sie sind vorbereitet, gnädigster Herr?“ sagte er.

„Ich bin,“ unterbrach ihn der Mönch, „für Dich wie für alle Anderen der Franziskanerpater Antonius.“

Der Diener neigte sich gehorsam, während die Augen ihm feucht wurden.

„Sie sind vorbereitet, frommer Pater, das Traurigste zu hören. So lassen Sie es mich denn kurz machen. – Der Herr hatte mich binden lassen, als Jenes mit Ihnen geschah. Gebunden wurde ich in den Hundestall geworfen, kein Mensch durfte zu mir. Da öffnete sich um Mitternacht die Thür des Stalles, der Graf trat ein und löste meine Bande.

,Du wirst mir folgen,’ sagte er dabei. ,Du wirst thun, was ich Dir befehle. Sprichst Du ein einziges Wort von dem, was Du siehst und hörst, so bist Du des Todes.’

Er mußte schrecklich anzusehen sein, wie er so sprach. Ich konnte es in der Dunkelheit nicht sehen, doch ich hörte es an der Stimme. Es überlief mich heiß und kalt, aber ich folgte ihm. Er ging in das Schloß, die Treppe zum ersten Stock hinauf, hier in den Corridor links, an dessen Ende sich die Thür befand, die in den runden Thurm führte. An einer der letzten Thüren des Corridors blieb er stehen. Es war die Thür zu dem Wohngemach der Gräfin, seiner Gemahlin. Er zog einen Schlüssel hervor und schloß die Thür auf. Wir waren bisher im Dunkeln gegangen. In dem Zimmer brannte ein trübes Licht.

,Reinige hier,’ befahl er mir. „In einer Stunde darf man hier keinen Fleck mehr sehen, wenn Dir Dein Leben lieb ist.“

In dem Zimmer war eine Blutlache. Ich schleppte Wasser herbei, Tücher und was sonst zum Reinigen gehörte. Er stand in der Thür und sah mir zu. Wie er aussah, ich weiß es nicht; ich hatte nicht den Muth ihn anzusehen, und ehe die Stunde um war, war ich fertig. Er verschloß die Thür.

,Jetzt hier,’ befahl er.

Er zeigte auf den Boden des Corridors vor der Thür des Zimmers, aus dem wir kamen, bis zu der Thür des Thurmes.

Er hatte das Licht aus dem Zimmer mitgenommen. Ein Strich von Blut zog sich von der einen Thür zur andern. Ein Blutender war hier an der Erde geschleppt. Ich reinigte auch hier. Er stand mitten im Corridor und sah mir zu. Als ich bald fertig war mit meiner Arbeit, wollten mich meine Kräfte verlassen. Ich war in die Nähe der Thurmthür gekommen und hörte in dem Thurme ein leises Wimmern. Ich hörte es diesmal deutlich, erschrecklich deutlich. Das Tuch, mit dem ich wischte, fiel mir aus der Hand.

,Wird’s bald?’ rief er mir drohend zu.

Ich arbeitete wie wahnsinnig weiter. Ehe der Morgen anbrach, war ich fertig.

,Du kannst gehen,’ sagte der Graf. ,Du bleibst in meinen Diensten. Du bist der einzige Treue hier. Werde nicht zum Verräther. Gehe zu Bett und spionire nicht!’ rief er mir noch drohend nach.

Er blieb in dem Corridor. Ich ging, ohne mich umzusehen, in meine Stube, in mein Bett. Schlafen konnte ich nicht. Als die ersten Leute im Schlosse aufstanden, wagte auch ich mich hinaus und ging in den Schloßhof, nach dem runden Thurme zu.

Die Fenster des Grafen waren von innen noch fest mit den Vorhängen verhüllt, in seinem Wohn- wie in seinem Schlafzimmer.

Der Graf schlief also noch. Ich ging um das Schloß herum, ich sah zu den Fenstern der Gräfin und des Grafen Curt hinauf. Sie waren verschlossen, wie sonst, als wenn die Bewohner noch in voller Ruhe des Schlafes wären. Ich wartete bis zu der Stunde, wo der Herr regelmäßig aufzustehen pflegte. Ich mußte dann in sein Schlafgemach kommen, ihm das Frühstück bringen und ihm beim Ankleiden helfen. Er bewohnte ganz allein den Thurm, und verschloß daher jeden Abend dessen nach außen auf den Hof führende Thür, und ich konnte nur vom Schlosse aus zu ihm gelangen. Ich ging in das Schloß, in jenen Corridor, der bis in den Thurm führte, an und in dem ich in der vergangenen Nacht jene entsetzliche Arbeit hatte vornehmen müssen. Ich sah noch die Spuren des Waschens und Fegens und Reibens. Eine Blutspur war nigends mehr zu erblicken. Ich hatte meine Arbeit gut gemacht. Ein Grausen ergriff mich; in dem Gange war Niemand, die Thüren zu den Gemächern der Gräfin waren verschlossen, wie immer zu dieser Stunde; sie stand erst später auf. Ich klopfte an die Thür, die in den Thurm, in das Schlafzimmer des Grafen führte. Ich erhielt keine Antwort, selbst als ich stärker klopfte. Es blieb auch still, als ich zum dritten Male klopfte. Der Graf mußte es gehört haben, wenn er auch noch so fest schlief; er hatte einen leisen Schlaf. Er wollte mir also nicht antworten. Ich kehrte um. An der Treppe begegnete mir der Bediente des Grafen Curt. Er sah verstört aus.

,Wissen Sie nichts von meinem Herrn?’ fragte er mich.

[594] ,Warum fragen Sie nach ihm?’

,Als ich ihn eben wecken wollte, fand ich ihn nicht. Alle seine Zimmer sind leer. Er hat sein Bett nicht berührt. Schon gestern Abend hatte ihn Niemand mehr gesehen. Es fiel mir jetzt erst auf. Und – und – Conrad, das Schießen gestern Abend, der Zorn des regierenden Herrn – all das Andere – Herr des Himmels, was mag aus dem armen Grafen Curt geworden sein?’

Wir wußten es Beide nicht. Nach einer Weile kam mit kreideweißem Gesichte die Kammerfrau der Gräfin zu mir.

,Conrad, was ist aus der gnädigen Gräfin geworden?’

,Warum fragen Sie nach ihr?’ mußte ich auch sie fragen.

Sie hatte ihre Herrin wecken wollen; hatte aber ihre Thür, die Thüren aller ihrer Zimmer verschlossen gefunden. Sie hatte geklopft, gerufen, Niemand hatte ihr geantwortet; nichts hatte sich drinnen geregt. Auch sie hatte ihre Herrin schon am gestrigen Abende nicht mehr gesehen. Ich hatte auch für sie keinen Bescheid und kehrte in den Corridor zurück, um zu erwarten, daß der Graf sein Schlafgemach öffne und mich rufe. Eine Stunde später öffnete sich die Thür; der Graf trat heraus wie immer, finster, drohend, zornig, wie alle die Tage, alle die Zeit vorher. Das Gesicht war nur etwas müde, als wenn er die Nacht nicht geschlafen hätte.

Er verschloß die Thür des Thurmes hinter sich.

,Folge mir!’ sagte er mir dann.

Er verließ den Corridor und bog in einen Seitengang ein. In diesem Gange lagen die Zimmer, die zur Aufnahme von Besuch bestimmt waren. Er trat in eins der Zimmer.

,Ich werde künftig hier wohnen. Besorge mein Frühstück.’

Er sagte es in seiner finstern Weise, aber kalt, ruhig, als wenn am gestrigen Abende, in der vergangenen Stacht nichts vorgefallen sei. Ich konnte ihn ohne Grausen nicht ansehen. Ich brachte ihm sein Frühstück, er ordnete ruhig etwas in dem Zimmer, und als ich das Frühstück hingestellt hatte, rief er mich zu sich heran.

,Höre mir wohl zu. Die Thür, die vom Corridor in den runden Thurm führt, wird noch vor Mittag vermauert. Ist die Arbeit fertig, so wird der ganze Corridor durch eine Gitterthür abgeschlossen, daß ihn kein Mensch wieder betreten kann. Zum Abend muß das Ganze beendet sein.’

Ich ließ es ausführen, wie er es angeordnet hatte. Vorher hatte ich doch noch an der Thurmthür horchen müssen. Ich hörte kein Stöhnen und kein Wimmern mehr. Lebendige wurden nicht eingemauert. Aber nicht die Gräfin, nicht den Grafen Curt hat je ein Menschenauge wiedergesehen. Das Gerücht wurde ausgesprengt, Graf Curt sei mit der Gräfin entwichen. Jenen Corridor hat bis heute nie wieder eines Menschen Fuß betreten. Die Fenster des Thurmes sind noch heute von innen dicht verhängt, wie ich sie am Morgen jener schrecklichen Nacht sah. In das Innere des Thurmes ist nie wieder Jemand getreten, auch der Graf nicht. Es führt nur noch die eine Thür hinein, vom Schloßhofe aus. Sie ist seit jenem Abende nicht wieder geöffnet worden. Der Graf hat die Schlüssel zu ihr; wo er sie verwahrt hält, weiß Niemand. Die sämmtlichen Fenster des Thurmes sind von innen dicht mit festen eisernen Stäben versehen; auch durch Hinansteigen hat also kein Mensch in den Thurm gelangen können.

Frommer Pater, Sie wissen jetzt, warum nicht die Gräfin, nicht der Graf Curt, Ihr Vater, nach Ihnen fragen, sich um Sie bekümmern konnte. Und auch die Comtesse Caroline konnte es nicht. Die Unglückliche – Aber wozu soll ich Ihnen allen Schrecken, alle Angst, allen Jammer, die Verzweiflung der armen Comtesse erzählen? Ich weiß ja auch nicht viel davon. Sie wurde schon nach wenigen Tagen in ein Kloster gebracht zu ihrer Erziehung und blieb dort auf ihren Wunsch, bis sie fünfundzwanzig Jahre alt geworden war. Da mußte sie zurückkehren, um sich zu vermählen. Von Ihnen, frommer Pater, hatte man nichts wieder gehört; Sie waren verschollen. Der Graf wollte sein altes Geschlecht nicht aussterben lassen, es sollte in den Nachkommen der Tochter fortblühen. Er hatte der Gräfin Caroline einen stillen jungen Herrn aus einem alten gräflichen Hause zum Gemahl ausgesucht, der seinen Namen ablegen und dafür den Namen Graf von Frankenberg annehmen mußte.

Auf dem Schlosse war es wie im Grabe. Die Gräfin Caroline war zurückgekommen wie eine Grabesblume, die nur aus einem Grabe in ein anderes verpflanzt war. Der junge Graf war im Schlosse nicht mehr, als ein Bedienter. Still war er hergekommen; er wurde immer stiller, an Büchern und Beschäftigung hatte er keine Freude. Nach einem Jahre hatte er sich dem Trunke ergeben. Die Gräfin Caroline welkte von Tage zu Tage mehr dem Grabe zu. Nachdem sie ihrem Gemahl zwei Kinder geboren hatte, einen Knaben und ein Mädchen, starb sie. Ein paar Jahre nachher starb ihr Gemahl; die hitzigen Getränke hatten ihin Körper und Geist zerstört.

Der Sohn der Beiden war still, wie sein Valer; er hatte einen noch schwächeren Verstand als dieser. Die Tochter war das Ebenbild ihrer Mutter, als die Gräfin Caroline noch das schöne und glückliche Kind war, das mit Ihnen spielte. Sie hat leider auch von dem späteren Unglück ihrer Mutter erben müssen, wenn auch nicht Alles. Sie durfte nach ihrer Neigung und Wahl einem edlen Manne ihre Hand reichen. Der Name des Freiherrn, ihres Gemahls, ist in ganz Deutschland ebenso geliebt und geehrt, wie die Franzosen ihn hassen und verfolgen, weil ihr mächtiger Kaiser den deutschen Edelmann fürchtet. Die beiden Gatten lieben sich auch über Alles. Aber ihre Kinder sind ihnen gestorben, bevor sie ein Jahr alt wurden. Kann auf den Nachkommen des Grafen Moritz Anderes als ein Fluch ruhen? Und jetzt liegt die arme Frau in den Armen des Todes – derselbe Fluch muß sich ganz erfüllen, wie an ihr, vielleicht mit an ihrem edlen Gemahl.

Ihrem Bruder, dem Sohne der Gräfin Caroline, suchte der alte Graf die Gemahlin aus, eine schöne stolze Dame aus einem alten, vornehmen Hause. Ach, sie war nicht zu vornehm und stolz, die deutsche Gräfin, die Geliebte eines leichtfertigen, hochmüthigen Franzosen zu werden, und das ist sie, ehrwürdiger Herr! Es ist ein Glück, daß sie ohne Kinder ist. Ihr Gemahl ist völlig schwachsinnig geworden. Er sieht ihren Lebenswandel nicht.

Der alte Graf – er zählt bald neunzig Jahre – ist noch immer körperlich rüstig; der Verstand war ihm schon gleich nach jenen Vorfällen angegriffen; vielleicht war es schon vorher so gewesen; ich hoffe es zu Gott. Später hatte er Perioden, in denen er völlig wahnsinnig war; dann wurde es wieder besser mit ihm. So ist es noch; nur wechseln in der letzteren Zeit der Wahnsinn und die Vernunft häufiger in ihm. Er kann ganz verständig sprechen, aber man ist keinen Augenblick sicher, daß nicht plötzlich mitten in seiner Rede der Wahnsinn in ihm losbricht. Bösartig ist er dabei immer, und immer hat man sich vor ihm zu hüten, daß man nicht von einem seiner bösen Streiche getroffen werde. Der Einzige, der manchmal Gewalt über ihn hat, ist sein Enkel mit seinem stillen, blödsinnigen Wesen. So geht dies alte Grafengeschlecht zu Grunde.“

Der Diener schwieg. Auch der Mönch gab sich schweigend seinen Gedanken hin. Die beiden Greise saßen lange still einander gegenüber.



3. Neue Geschichten des Schlosses.

Der Doctor und der Hauptmann waren in das Krankenzimmer gegangen. Die beiden Gatten waren allein darin, sie hatten sich so viel zu sagen, so viel mitzutheilen, da sie sich seit langer Zeii nicht gesehen hatten. Fortwährend hatte ja der Freiherr auf wirklicher Flucht oder in Besorgniß gegen geheime französische Verfolgung sein müssen; denn er wäre erschossen worden, wenn er in die Hände der Verfolger fiel. Wie waren sie jetzt glücklich zusammen nach so langer schmerzlicher Entbehrung!

„Wie geht es der gnädigen Frau?“ fragte der Doctor.

„Ich lebe auf, Doctor,“ sagte so glücklich die matte Stimme der Kranken.

„Und Sie sollen recht lange leben.“

Der Hauptmann hatte die in der Tapete verborgene Thür zu dem geheimen Gange gefunden und geöffnet. Er trat mit dem Doctor in den Gang und zog die Thür hinter sich zu. Sie waren in voller Dunkelheit.

„Wohin nun weiter, Hauptmann?“ fragte der Doctor. „Man sieht nicht die Hand vor den Augen.“

„Ja, Doctor, wohin? Das ist die Frage.“

„Ich meinte, Sie kennen den Gang.“

„Der alte Conrad hat mir von ihm erzählt. Weiter weiß ich nichts. Und auch er war nur die paar ersten Stufen einer Wendeltreppe hinuntergekommen, er hatte nur gehört, daß man unten in einen langen schmalen Gang komme, der zu der Thür irgend eines Gemaches führe, aus dem man dann in das Freie gelange.“

[595] Der Hauptmann tappte in der Finsterniß umher.

„Hier!“ rief er. „Eine Treppe! Und richtig eine Wendeltreppe. Und es ist auch ein Strick da, um sich daran zu halten, damit man nicht unten den Hals bricht. Man muß also verdammt tief fallen können. Folgen Sie mir, Doctor.“

„Ich bin schon da.“

„Halten Sie sich nicht zu fest an dem Stricke, das alte Seil kann morsch sein, seit Jahrhunderten da hängen. Wenn es reißt, brechen wir Beide da unten die Hälse.“

„Und wo sind wir, Hauptmann?“

Der Angeredete suchte von Neuem umher. „Auf trocknem, festem Boden von Erde.“

„Und hier links fühle ich eine steinerne Mauer. Der Gang muß sich also nach rechts ziehen.“

„Und da habe ich ihn auch. Der trockne, feste Boden zieht sich hier fort. Und ich kann Ihnen auch sagen, wie breit der Gang ist, Doctor. Ich messe fünf Fuß, acht Zoll. Wenn ich meine beiden Arme ausstrecke, so berühren meine Fingerspitzen rechts und links die beiden Seitenmauern. Denn nicht wahr, Doctor, die Länge der beiden ausgestreckten Arme eines Menschen entspricht der Länge seines Körpers?“

„Wenn uns in diesem schmalen Gange Franzosen begegneten, so wären wir ein paar verlorene Menschen.“

„Ja, das wären wir. Gehen wir weiter.“

„Ich folge Ihnen.“

„Horch! Hörten Sie da nicht etwas, Doctor?“

„Da hinten vor uns! Es kam mir auch so vor.“

„Und in der Höhe war es.“

„Sollten wir an dem Ende des Ganges sein?“

„Wir werden es sehen. Es ist wieder still. Gehen wir um so vorsichtiger.“

„Teufel, da ist es wieder! Und ganz nahe vor uns.“

„Und es lautet, als wenn an einem Schlosse gedreht, an einer Thür gearbeitet würde.“

„So ist es auch, und, Hauptmann, wenn da die Franzosen wären, um in den Gang einzudringen?“

„Und wer sollte sie hingeführt haben, Doctor?“

„Der Louis! Wir sprachen schon vorhin von ihm. Der Bursch ist mit allen Hunden gehetzt, kennt alle Winkel des Hauses, hat, wie alle Welt hier, von einem geheimen, unterirdischen Gange im Schlosse gehört, hat sicher nicht eher geruht, als bis er ihn ausspionirt, hat ihn dann von einem Ende bis zum anderen verfolgt und gebraucht ihn jetzt zu seinem schändlichen Verrathe.

Sie hätten sehen sollen, wie der Schuft den ganzen Tag, den ganzen Abend immer auf den Beinen, bald hier, bald dort, überall schlich, überall hin horchte. – Aber still! Da wurde deutlich ein Schlüssel gedreht.“

„Wer in dieser verdammten Finsterniß sehen könnte! Aber gehen wir darauf zu.“

„Und wenn es die Franzosen wären, Hauptmann? Wir liefen ihnen geradezu in die Hände!“

„Entkommen könnten wir ihnen ohnehin nicht. Aber im Gegentheil, wenn wir es können, so ist es mir gerade durch ein Drafsgehen möglich. Jene Thür ist nicht unmittelbar am Gange. Sie müssen also noch eine zweite Thür passiren und vorher öffnen; kommen wir ihnen an dieser zuvor! Vielleicht ist sie von hieraus zu verriegeln, oder sonst zu versperren. Voran, Doctor! Nur dem Muthigen gehört die Welt.“

Sie gingen vorwärts. Nach dem Oeffnen der Thür hatten sie gar nichts weiter gehört.

Sie waren nach zehn Schritten am Ende des Ganges. Aber wo und wie war dieses Ende des Ganges? Sehen konnten sie nicht das Geringste. Sie mußten fühlen.

„Wir stehen vor einer Thür von massivem Eisen, Doctor – sie ist so breit wie der Gang und verschlossen.“

„Versuchen Sie, ob sie zu öffnen ist.“

„Still, Doctor! Das würde Geräusch machen und uns verrathen. Mich dünkt, ich höre etwas jenseits.“

Beide legten horchend das Ohr an die Wand.

„Wahrhaftig,“ rief der Doctor, „da spricht Jemand.“

„Und wissen Sie, wer es ist?“

„Nun?“

„Der junge Graf.“

„Der Blödsinnige?“

„Gewiß. Mit wem mag er nur sprechen?“

„Und wo könnte er sein? Wo wären wir also?“

„Da antwortet ihm Jemand, und – Teufel, das ist die Stimme des alten Grafen.“

„Großvater und Enkel beisammen ? Der Verrückte und der Blödsinnige? Die haben seit Jahren kein Wort mit einander gesprochen.

Was mögen sie jetzt haben?“

„Da wird eine Thür geöffnet. Sie knarrt fast ärger als die andere, als wenn sie seit einem halben Jahrhundert nicht geöffnet wäre.“

„Seit einem halben Jahrhundert, Hauptmann? Wissen Sie, daß gerade seit fünfzig Jahren die Frau und der Bruder des Alten verschwunden sind?“

„Teufel, Doctor, worauf bringen Sie mich da? In dem alten Thurme sollen die Beiden verschwunden sein. An dem alten Thurme sahen Sie vorhin den Alten mit den Schlüsseln. Wir müssen hier vor diesem Thurme stehen. Der verborgene Gang mündet hinein.“

„Aber still, still, Hauptmrnn! Hören Sie die sonderbaren Töne!“

„Das ist ein Hund.“

„Der Alte hatte seine Dogge bei sich, den Hannibal.“

„Und hören Sie, wie das Thier heult! Und da winselt es wieder. Das überläuft einen ja heiß und kalt. Was mag das sein?“

„Horchen wir weiter. Da lacht einer. Es ist der Alte. Ich kenne sein heiseres, boshaftes Lachen des Wahnsinns. Das fährt erst recht durch Mark und Bein.“

Sie schwiegen und horchten gespannt, indem sie Beide das Ohr fest an die eiserne Thür gelegt hatten. Großvater und Enkel, der verrückte und der blödsinnige Graf, sprachen miteinander. Aber von dem, was sie sprachen, waren nur einzelne, abgerissene Worte zu verstehen.

„Ja, ja, hier!“ sagte der Alte, als wenn er auf eine Frage geantwortet hätte.

„Und wie?“ fragte der Enkel.

Die Antwort war diesmal nicht zu verstehen. Die Horcher unterschieden nur das Wort „Hannibal“. Von dem, was darauf wieder der Enkel sprach, waren nur die zwei Worte „die Franzosen“ zu verstehen. Der Alte lachte darauf, fast so heiser und boshaft, wie vorhin. Dann sprachen Beide lange, ohne daß eine einzige Sylbe zu unterscheiden war.

„Hannibal, komm!“ rief jetzt der Alte dem Hunde zu.

Die Thür, die zuletzt aufgeschlossen war, wurde wieder zugemacht. Man hörte deutlich das schwere Knarren, aber am Schlosse wurde nicht wieder gedreht; sie war also nur angelehnt. Zwei Schritte bewegten sich. Eine zweite Thür wurde geöffnet; es war dieselbe, welche die Horchenden zuerst, da sie noch weiter zurück im Gange waren, hatten aufschließen hören. Sie wurde wieder abgeschlossen, und man vernahm nichts mehr.

„Hm, Doctor, was war das Alles?“

„Gott weiß es, Hauptmann: Die Beiden haben etwas vor, die beiden armen Thoren zusammen. Gutes ist es nicht, obwohl der Blödsinnige dabei ist. Das Lachen des Alten war zu boshaft.

Und auch die Bosheit des Wahnsinns steckt an, wie der Wahnsinn selbst. – Gehen wir, Hauptmann!“

„Ja, kehren wir zurück! Was gehen uns die Narren an?

Ich habe da zwar einen Gedanken über das, was sie vorhaben konnten; aber er ist zu wüst, als daß ich ihn aussprechen mag. – Wir haben eins gewonnen. Dieser Gang mündet in den alten runden Thurm; darüber ist kein Zweifel. So kann kein Franzose hinein. Die Thüren des Thurmes sind von Eisen; die Fenster sind mit den schwersten eisernen Stäben versehen. Die Schlüssel zu den Thüren hat außer dem Alten und dem alten Conrad kein lebender Mensch gesehen. Der Alte giebt sie nicht aus der Hand.

So ist der Freiherr sicher vor jeder Gefahr.“ – Sie waren schon auf dem Rückwege und konnten, trotz der tiefsten Dunkelheit, schneller gehen in dem Gange, der ihnen nun bekannt war. Aber auf einmal mußten sie auf der Mitte ihres Weges ihre Schritte einhalten. Sie hörten plötzlich vor sich ein Geräusch, einen Lärm.

„Herr des Himmels, was ist das?“

„Das ist Waffengetöse!“

„Vor uns! In dem Zimmer der Freifrau!“

„Die Franzosen?“

[596] „Sie sind es!“

„Hören Sie den Schrei, Doctor!“

„Hauptmann, das ist der Schrei einer Sterbenden!“

„Die arme Frau! Der arme Mann!“

„Eilen wir!“

„Wir kommen zu spät.“


Die beiden Greise im Vorzimmer der kranken Freifrau hatten lange still beisammen gesessen. Bei einem plötzlichen Geräusche waren sie aufgefahren. Das Vorzimmer lag an einem Seitengange in dem bewohnten Theile des Schlosses. Man konnte in diesen Seitengang auf kurzem, geradem Wege von dem Hauptcorridor aus gelangen, in welchen von dem großen Treppenhause des Schlosses unmittelbar die breite Doppeltreppe führte; man kam aber auch hin aus jener engeren Treppe und durch jene schmalen, gewundenen, dunklen und abgelegenen Gänge, durch welche der Arzt den alten Mönch geleitet hatte.

Das große Portal, das in das Treppenhaus führte, war am Abende verschlossen, von Dienern bewacht. Von dem Hauptcorridor aus konnte daher unangemeldet Niemand zu den Zimmern der Freifrau gelangen. Jene schmalen, gewundenen, meist durch unbewohnte Theile des Schlosses führenden Gänge waren vielleicht nicht einmal den sämmtlichen Bewohnern des Schlosses bekannt; ein Fremder hätte sich, zumal am Abend, da sie nicht erleuchtet waren, in ihnen und durch sie gar nicht zurechtfinden können. Das Geräusch, das die beiden Greise hörten, schien aus der unbewohnten Gegend des Schlosses, aus den schmalen, dunklen Gängen, zu kommen. Es kam rasch näher. Schritte von Menschen schlichen leise, aber schnell, als wenn der Nachtwind durch die alten Gänge fahre.

„Wer kann da kommen?“

„Die Franzosen, geführt von einem Verräther, dem Louis.“

„Schließen wir die Thür ab.“

Der Kammerdiener schloß die Thür ab, die in den Gang führte.

„Zum Freiherrn! Er muß in den verborgenen Gang!“

Die Kammerfrau kam durch die Seitenthür, durch die sie sich in ihre Stube nebenan begeben hatte, in das Zimmer gestürzt.

„Franzosen!“ rief sie. „Rettet den Herrn.“

Ihr Rufen war in dem Krankenzimmer gehört. Der Freiherr öffnete die Thür des Zimmers.

„Was giebt es?“

„Die Franzosen, gnädiger Herr! Retten Sie sich!“

Der Freiherr kehrte in das Krankenzimmer zurück. Der alte Diener trat mit ihm ein, flog zu der verborgenen Tapetenthür und riß dieselbe auf.

„Hier, hier, Herr Baron! In den Gang! Da unten sind Sie sicher.“

Aber die Kranke hatte laut aufgeschrieen. Der Freiherr eilte zu ihr. Sie umfing ihn krampfhaft.

„Georg, ich sterbe! Aber rette Dich, rette Dich!“ rief sie dann.

Sie konnte es rufen, die edle Frau, in dem furchtbaren Krampfe, in den Schreck und Angst sie geworfen hatten, der alle ihre Glieder schüttelte. Es war der Krampf und der Kampf ihres Todes. Konnte der Gatte sie in diesem Kampfe verlassen?

„Margaretha, mein Weib, mein Alles, stirb nicht!“

Er beugte sich über sie; er umfaßte sie, dem Krampfe zu wehren, den Kampf zu mildern.

„Gnädiger Herr, ich beschwöre Sie!“ rief der Diener.

Er erhielt keine Antwort.

„Ich beschwöre Sie bei Allem, was Ihnen heilig ist,“ rief er noch einmal. „Da sind die Verfolger.“

Er stürzte zu dem Krankenbette, zu dem Freiherrn. Die Verfolger waren da. Sie waren wie im Sturm an die Thür des Vorzimmers geflogen und fanden sie verschlossen. Drei Kolbenstöße stießen die Thür ein. Bewaffnete Gensdarmen drangen in das Zimmer, rannten hindurch zu der Thür des Krankenzimmers. Der Verräther hatte sie von Allem unterrichtet, mit Allem bekannt gemacht. Der alte Mönch hatte sich vor die Thür gestellt und trat ihnen entgegen.

„Zurück! Dort liegt eine Sterbende! Zurück im Namen des allbarmherzigen Gottes, den auch Ihr in Eurer Sterbestunde anrufen werdet.“

Man hörte nicht auf ihn. Er wurde zur Seite gestoßen. Die Thür des Krankenzimmers war von innen verriegelt. Der Kammerdiener hatte es gethan; er hatte die Gegenwart seines Geistes nicht verloren. Die Thür wurde mit dem Kolben eingestoßen, wie die erste. Die Verfolger waren in dem Krankenzimmer.

Der Freiherr hatte noch seine Arme um die Sterbende geschlungen. Der treue Diener suchte ihn von ihr fortzureißen, aber er konnte es nicht. Die französischen Gensdarmen hatten ihn schon gefaßt und rissen ihn von ihr. Sie konnten es und schleppten ihn fort.

Der Diener stürzte hinter ihnen her, als wenn die Ohnmacht noch etwas retten könne aus den Klauen des Verraths und der Gewalt. Die Sterbende stieß einen durchdringenden Schrei aus. Der Mönch trat an ihr Bett. Eine Todte lag vor ihm. Die arme Frau hatte ausgerungen, war erlöset von ihrem Schreck, von ihrer Angst, von allen ihren Leiden. Der Mönch kniete nieder am Bette und betete still für die Seele seiner todten Verwandten.

Der Arzt und der Hauptmann kamen aus dem geheimen Gange hervor. Sie sahen die Leiche und den still vor ihr auf den Knieen betenden Mönch. Sie standen unwillkürlich schweigend. Da kehrte der alte Diener Conrad in das Zimmer zurück. Sein Gesicht war leichenblaß.

„Kommen Sie,“ sagte er zu dem Hauptmann und zu dem Arzte. „Retten können Sie nicht mehr. Der Fluch dieses unglücklichen Hauses muß in der heutigen Nacht sich ganz erfüllen; aber kommen Sie.“

Sie folgten dem alten Diener. Der Mönch betete still weiter. Nach einer Weile öffnete sich leise die Thür. Die Kammerfrau der Verstorbenen trat ein. Ihr verweintes Gesicht war zugleich verstört.

„Herr Pater, Sie möchten zu dem runden Thurme kommen.

Der alte Conrad läßt Sie dringend bitten. Ich werde unterdeß bei der Leiche beten.“

Der Mönch erhob sich und verließ das Zimmer. Die Frau kniete an seiner Stelle nieder.

[609] Der weitläufige Park, der zum Schlosse Frankenfelde gehörte, schloß sich unmittelbar an die Hofgebäude an. Man hatte auch einen besonderen Eingang zu ihm dicht an dem dicken runden Thurme; der Weg dazu führte vom Schloßhofe aus um den Thurm herum. Auf diesem Wege waren vor fünfzig Jahren glücklich, Arm in Arm, die beiden Kinder, der Graf Adolph und die Comtesse Caroline gekommen, um von dem Grafen Moritz mißhandelt und auseinander gerissen zu werden und sich dann niemals wiederzusehen.

An diesem Tage, da der alte greise Mönch das Schloß seiner Väter nach fünfzig Jahren zum ersten Male wiedersah, war den Weg eine schöne junge Frau gegangen, die hohe Gestalt von der schweren, rauschenden, dunklen Seide umhüllt, das feingeformte Gesicht unter dem Capuchon von schwarzer Seide verborgen. Sie war in dem Dunkel des Abends aus einem Seitenpförtchen des weiten Schlosses hervorgekommen, war, ehe sie in den Hof hineintrat, lauschend und spähend nach allen Seiten stehen geblieben, hatte mit ihrem leichten Schritt rasch die Strecke des Hofes um den runden Thurm herum durchmessen, und war durch das Pförtchen in den Park eingetreten. An dem Thurme hatte sie doch einmal unwillkürlich anhalten müssen, nur eine Secunde lang. Es schien ihr plötzlich unheimlich zu werden, so dicht an dem alten Gebäude, das in der Finsterniß des Abends so dunkel und still neben ihr lag. Erzählten ihr die alten Mauern mit ihrem seit fünfzig Jahren nicht betretenen Innern, mit der fest verschlossenen Thür, mit den dichtverhangenen Fenstern, die keiner der im Schlosse lebenden Menschen mit Ausnahme des alten Grafen und des alten Conrad, jemals frei und offen gesehen hatte – und der alte Graf und der alte Diener waren Beide stumm wie das Grab – erzählten ihr die alten stummen Mauern alte Geschichten, die vor fünfzig Jahren in ihnen passirt und noch heute grausig waren? Oder sprachen sie ihr von der Gegenwart prophetische Worte, gar von der nächsten Stunde? Süß mußten auch diese in ihrem Ohre nicht klingen und in ihrem Innern nicht nachklingen. Die schöne junge Gräfin, das untreue Weib des schwachsinnigen Mannes, schüttelte sich, wie vor plötzlichem Frost, fuhr rasch mit der Hand über die Augen, als wenn sie ein recht häßliches Bild verscheuchen wolle, und beschleunigte hastig ihren Schritt.

In dem Park wandte sie sich rechts zu einer kleinen, dunklen Kastanienallee, durcheilte diese und stand an ihrem Ende vor einem Pavillon. Das kleine chinesische Häuschen war mit Thür und Fenstern versehen. Die Fenster waren dunkel, die Thür schien verschlossen zu sein. Die junge Dame wollte leise in die Hände klatschen, um ihre Ankunft anzukündigen. Sie war schon gesehen worden; die Thür wurde von innen geöffnet. Ein Mann flog auf die Gräfin zu. Die knappe, eng anliegende Uniform des Obersten der Kürassiere hob auch in dem Dunkel des Abends die schöne und stolze Gestalt des Mannes hervor. Sie lagen einander in den Armen. Arm in Arm gingen sie zu der Thür des Pavillons, verschwanden durch sie in seinem verschwiegenen Innern. Rund umher herrschten nur Finsterniß und Stille der Nacht. Das dauerte lange so, doch endlich wurden Finsterniß und Stille der Nacht unterbrochen.

„Höre ich nicht Stimmen?“ fuhr der Oberst auf.

„Und leise Schritte!“ sagte die Gräfin bebend.

„Zittere nicht, Adele. Was es auch sei, Du stehst unter meinem Schutze!“

„Auch gegen den Ruf der Welt?“

„Horchen wir!“

„Es ist die Stimme meines Gatten. Mit wem kann er sprechen?“

„Pah, es ist sein Großvater, der wahnsinnige Graf. Ein Spaß! Zwei Verrückte beisammen.“

„Du kannst scherzen, Alphons! Ich vergehe vor Angst. Was kann sie hergeführt haben?“

„Horchen wir, ob ein Dritter bei ihnen ist.“

„Sie sprechen nur miteinander.“

„Welche Gefahr könnte uns dann drohen?“

„Aber es ist doch noch Jemand bei ihnen. Ich höre so eigenthümliche Töne.“

„Ich werde mit den Augen zu erkennen suchen, was es ist. Meine Augen sind scharf.“

Der Oberst erhob sich leise, ging langsam an das Fenster, brachte seine Augen vorsichtig dem Glase näher. Er hatte scharfe Augen.

„Es sind die beiden Herren. Sie stehen zehn Schritte weit von hier, an einer Kastanie der Allee. Es ist Niemand bei ihnen. Ah doch! Der Hund des Alten ist mit ihnen. Er steht unmittelbar vor ihnen; darum sah ich ihn nicht gleich. Das Thier scheint fort zu wollen – wohl hierher – der alte Graf hält es zurück, an dem Ringe, den es um den Hals trägt.“

Die Dame unterbrach den Officier. „Den Hannibal? So sind sie nicht durch Zufall hier. Sie sind auf unserer Spur. Wir sind verloren!“

[610] „Ich habe Waffen bei mir, Adele – meinen Säbel, zwei geladene Pistolen.“

„Der Hund wird Lärm machen –“

„Still, sie kommen näher –“

„Großer Gott!“

„Ich beschwöre Dich, bleibe ruhig, Adele. Sie können nicht zu uns herein, die Thür ist verschlossen.“

„Aber der Hund wird das ganze Schloß zusammenrufen.“

„Ich werde ihn erschießen.“

„Damit der Schuß noch mehr Menschen herbeiführt?“

„Sie machen Halt. Sie sprechen wieder mit einander. Hören wir, was sie reden. Wir werden jetzt ihre Worte verstehen können.“

Sie konnten die Worte der Beiden verstehen, von denen der Eine wahnsinnig, aber in seinem Wahnsinn zuweilen vernünftig, der Andere nur schwachen Sinns, aber in seinem Schwachsinn wohl auf dem Wege zum Wahnsinn war.

„Hannibal, mein treues Thier,“ sagte der alte Graf, „warum bist du denn so ungeduldig? Ist es ein Wolf oder ein Dachs, was du witterst? Oder wäre es gar ein Fuchs? – Moritz!“

Er erhielt von dem Blödsinnigen, an den er sich gewandt hatte, keine Antwort. Der Alte lachte.

„Hm, haben sie dem blödsinnigen Burschen die Ehre angethan, ihm meinen Namen zu geben – die Ehre sollte für den Großvater sein, meinten sie – Heuchelei in der Welt, nichts als Lug und Trug, unter den nächsten Verwandten am meisten. Ist es nicht so, Moritz?“

„Wenn Du es befiehlst, gnädiger Großvater,“ antwortete der junge Graf.

„Ja, ich befehle es. Aber was meinst Du, was der Hund, der Hannibal, wittert? Einen Wolf oder einen Fuchs? Oder meinst Du, daß es ein Hase sei?“

„Ich sehe gar nichts, Großvater.“

„Du sollst auch nichts sehen. Der Hund sieht nicht einmal und er weiß es. Und wenn ich noch in Deinen Jahren wäre, so wüßte ich es durch das Ansehen des Hundes. Aber die Jugend taugt jetzt nichts mehr, verkommt von Jahr zu Jahr, und ich – he, wie alt bin ich denn schon? He, mein Sohn, mein theurer Enkel, kannst Du rechnen?“

„Ich habe die vier Species gelernt, gnädiger Großvater.“

„So rechne mir einmal aus, wie alt ich bin.“

„Das weiß ich nicht.“

„Dann will ich es Dir sagen. Ich bin dreiundneunzig Jahre alt und drei Monate und so und so viele Tage. Und sieh, ich kann noch auf die Jagd gehen – Du warst nie ein Jäger, Moritz!“

„Nein, gnädiger Großvater.“

„So sollst Du es heute werden. Du bist es schon geworden.

Wir stehen hier auf dem Anstande.“

„Aber wir haben ja keine Gewehre, gnädiger Großvater!“

„Recht edles Wild hetzt man zu Tode, mein Sohn.“

„Du meinst, durch den Hannibal, gnädiger Großvater?“

„So meine ich. Und weißt Du, was man mit dem gemeinen Vieh im Walde macht?“

„Ich weiß es nicht, gnädiger Großpapa.“

„Das läßt man von den Hunden zerreißen.“

„Ah!“ sagte der junge Graf verwundert.

„Ah!“ sagte im Pavillon die Dame mit einer von der Angst erstickten Stimme.

Wie bleich mochte das schöne Gesicht sein, das vor einer Viertelstunde noch von dem Glücke der unheiligen Liebe geglüht hatte! Ihr Geliebter – man sah in der Dunkelheit auch sein Gesicht nicht – aber er stand starr; seine einzige Bewegung war, daß er dann und wann mit der flachen Hand über die Stirn wischte – dem tapferen Oberst der großen Armee, der in so mancher heißen und blutigen Feldschlacht nicht gebebt und nicht gewankt hatte, mochte der kalte Schweiß auf die Stirn treten.

Die da draußen unter dem Fenster des Pavillons fuhren fort:

„Und wir haben hier ein edles Wild und eine gemeine Bestie, mein Sohn.“

„Ah, wo, gnädiger Großvater?“

„Wo ist Deine Frau, Moritz?“

„Ich denke, in ihrem Zimmer.“

„Hm, sie ist eine Edelfrau!“

„Aus einem sehr alten Hause, gnädiger Großvater.“

„Und in ein eben so altes, hm, in ein noch älteres hineingekommen. Sie ist Hochgeboren, sie ist gar Erlaucht und darf von den Hunden nicht zerrissen werden, nicht wahr, Moritz?“

„Ich denke nicht, gnädiger Großvater.“

„Ja, sie muß zu Tode gehetzt werden.“

„Befiehlst Du es, gnädiger Großvater?“

„Ich sagte es.“

„Und wer soll von den Hunden zerrissen werden?“

„Warte einen Augenblick, mein Sohn.“ – „Gott, du Gerechter!“ rief die Dame im Pavillon. Sie hatte in ihrer entsetzlichen Angst nicht gewußt, was sie sprach, indem sie den Gott der Gerechtigkeit anrief. „Gott der Barmherzigkeit, Gott der Gnade, schenke mir deine Gnade, deine Barmherzigkeit!“ Sie sank in die Kniee und rang die Hände.

Draußen wurde an die Thür des Pavillons gepocht.

„Mein Herr Oberst, öffnen Sie!“ rief laut eine befehlende Stimme. Es war die Stimme des alten Grafen. Der alte, reichsfreie Edelmann sprach in dem reinsten Französisch. Er stand unmittelbar an der Thür des Pavillons.

Der Oberst hatte seinen Säbel umgegürtet, seinen Helm aufgesetzt. Er zog seine beiden Pistolen hervor. Sie waren geladen, hatte er gesagt. Er spannte den Hahn an jeder; dann sah er nach der Frau, die knieend, die Hände ringend, betend am Boden lag.

Er stand unschlüssig.

„Mein Herr Oberst,“ wiederholte der alte Graf, „ich fordere Sie auf, zu öffnen.“

Der Oberst hielt eine der beiden geladenen Pistolen in der Hand, die andere unter dem Arme. Er hatte seinen Entschluß gefaßt.

„Tritt zurück, Adele,“ sagte er zu der Frau.

„Was willst Du thun?“

„Uns befreien.“

„Sie werden Dich tödten.“

„Die beiden Wahnsinnigen?“

„Der Hund wird Dich zerreißen. Der Alte sagte es. Du kennst den Hund nicht.“

„Pah, meine Kugel wird ihn sicherer treffen, als mich seine Zähne. Tritt zurück.“

„Ich beschwöre Dich, Alphons. Schone Deinen und meinen Ruf. Oeffne nicht. Was wollen sie, wenn Du es nicht thust? Mit Gewalt eindringen? Sie können es nicht. Sie können die Thür nicht öffnen, die stark und fest verschlossen ist, die Fenster nicht, wenn wir die Läden vorschieben; sieh, hier sind sie; sie sind fest, verschließbar. Sie haben uns ja auch noch nicht gesehen und nicht gehört. Es ist ihnen noch ungewiß, ob wir hier sind. Halten wir uns ferner still, noch eine Weile. Der Sinn verwirrt sich ihnen vielleicht dann ganz; sie kehren zurück.“

Die Dame hatte die Gegenwart des Geistes zurückbekommen. Der Oberst gab ihr nach; vielleicht ihren Gründen, vielleicht ihrer Liebe; vielleicht etwas Anderem; vielleicht schien es nur so, und er sann über Anderes nach. Draußen war der alte Graf ein paar Schritt von der Thür zurückgetreten.

„Moritz, mein Sohn,“ sagte er, „kennst Du die Geschichte Deiner Vorfahren?“

„O ja, gnädiger Großvater, sie waren ein mächtiges und edles Geschlecht.“

„Und Raubritter dazu, mein Sohn. Und weißt Du, wie sie es machten, wenn sie einen Feind in einem festen Thurm belagerten, aus dem sie ihn nicht heraustreiben und herauslocken konnten?“

„Ich weiß das nicht, gnädiger Großvater.“

„Sie legten Feuer rund um den Thurm, und wenn das recht hoch und lustig brannte, dann wurde dem Gefangenen drinnen recht heiß und immer heißer, und zuletzt verdammt schlimm zu Muthe, und er mußte heraus, er mochte wollen, oder nicht. Hm, Moritz, legen wir Feuer an das Ding hier. Es soll ein recht großes, lustiges Feuer werden.“

Der alte Wahnsinnige lachte boshaft. Der junge Blödsinnige mochte sich still freuen.

„Du reibst die Hände, Moritz?“ sagte sein Großvater. „Ah, Du wirst Dich noch mehr freuen, wenn ich Dir sage, wen wir da herauslocken werden.“

[611] „Du sprachst von einem edlen Wild und einem gemeinen Vieh, gnädiger Großvater, und dann riefst Du wieder: mein Herr Oberst.“

„Ja, mein Sohn, und der Herr Oberst, der französische Oberst von den Kürassieren, er ist das gemeine Vieh, ein räudiger Hund, der sich in diesem Pavillon versteckt hat –“

„Und der soll darin verbrennen, Großvater?“

„Wenn er nicht herauskommen will!“

„Und wer ist das edle Wild, gnädiger Großvater?“

„Deine Frau, Moritz! Deine erlauchte Gemahlin.“

„Meine Frau hier?“ fragte verwundert der Blödsinnige. „Und nicht in ihrem Zimmer? Es muß ja beinahe Mitternacht sein!“

„Ja, mein Sohn, es ist gleich Mitternacht, und bis in die Mitternacht war Deine edle Frau hier allein mit dem französischen Obersten –“

„Großvater!“ schrie der Blödsinnige auf. „Großvater! Großvater –“

„Komm, mein Sohn, laß uns das Feuer anmachen.“

„Ja, ja! Ja, ja!“

„Ich habe für Alles gesorgt, Moritz. Hier rechts liegt Stroh, hier links ein Reiserhaufen. Feuerzeug habe ich in der Tasche.

Tragen wir das Holz und das Stroh zusammen. Legen wir einen Theil an die Thür, den anderen unter dieses Fenster. So kommen sie in ein Kreuzfeuer. Und du, Hannibal, stehst unterdeß auf Wache, und wenn du das Geringste hörst oder siehst, so bist du da, mit deiner Stimme, mit deinen Zähnen, mit deinen Tatzen.“

Er sprach zu dem Hunde, wie er zu dem Blödsinnigen gesprochen hatte. In dem Pavillon hörten sie, wie die beiden Herren geschäftig das Stroh und das Holz zusammentrugen und an die Thür und unter das Fenster legten.

„Großvater,“ sagte der junge Graf dabei, „sie sollen nicht heraus, sie sollen darin verbrennen.“

„Wenn sie so wollen!“ sagte der alte Graf. „Ich hatte es eigentlich anders vor.“

„Nein, nein, Großvater! Ich will das Weib nicht wiedersehen, nie, nie.“

„Einmal noch, mein Sohn, hätte ich mir gedacht.“

„Nie, nie, Großvater!“

Der Blödsinnige war in Wuth. Der Alte lachte heiser in sich hinein. Sie mußten fertig sein.

„Machen wir Feuer,“ sagte der Alte.

Im Pavillon hörten sie draußen Stahl und Stein an einander schlagen. Der Muth des untreuen Weibes hatte nur wenige Minuten anhalten können; es war kein sittlicher Muth; es war der feige Muth des Verbrechens. Ihm folgte die Angst des Verbrechens, dann die Angst der Verzweiflung.

„Wir sind doch verloren!“ jammerte sie. „Es ist Alles vorbei, mein Ruf, mein Leben! Wie werden wir uns retten können? Lebendig hier verbrennen? Zu entkommen suchen? Wie wäre es möglich? Der Alte ist die Bosheit selbst; er war es immer. Des Blödsinnigen hat sich die Wuth bemächtigt; da ist er fürchterlicher, blutgieriger, als jener. Der große Hund –! Was wollte der Wahnsinnige mit mir? Ich habe nicht verbrennen sollen; er habe es anders mit mir vorgehabt! Noch schlimmer, als verbrennen?

Und noch einmal habe der Andere mich wiedersehen sollen! Was hatte er vor? Was hat er noch vor, wenn ich hier nicht in den Flammen umkomme? Und es brennt schon! Es brennt! Alphons, was machen wir? Rette mich, rette Dich!“

Es brannte draußen. Man hatte Stahl und Stein aneinander schlagen hören. Eine halbe Minute nachher drang ein heller Lichtstreif durch das Fenster des Pavillons; eine halbe Minute später war es ein heller Feuerschein. Das Stroh mußte lichterloh brennen; das Reiserwerk hörte man knistern. Der Blödsinnige jubelte laut.

„Hei, gnädigster Großvater, wie das lustig brennt!“

„Ja, mein Sohn,“ erwiderte der Wahnsinnige, „es ist ein hübsches, munteres Feuerchen.“

„Und jetzt müssen sie heraus, Großvater, nicht wahr?“

„Ja, mein Sohn, und sie müssen recht bald heraus, wenn sie nicht verbrennen wollen. Der Pavillon ist alt; das Holz daran ist morsch und trocken und fängt Feuer und brennt wie Zunder, die Thür, die Thürpfosten, die Fenstergesimse, das Dach. Ha, an das Dach leckt die Flamme schon heran. Es ist mit Schindeln gedeckt!“

„Alphons, rette uns!“ Die Dame rief es, selbst beinahe wahnsinnig in ihrer Angst, in dem Bewußtsein ihrer ehebrecherischen Schuld, in ihrer Verzweiflung. Sie warf sich in die Arme des Obersten.

„Komm!“ raffte der Oberst sich auf.

Er hatte nachdenkend, dann stillbrütend gestanden. Der frische, offene, tapfere Muth schien ganz von ihm gewichen zu sein. Die Flamme, deren heller Schein durch das Fenster drang, zeigte ein blasses, verstörtes Gesicht, eine Gestalt die sich mühsam mußte aufrecht zu erhalten suchen. Es war ein so kühn und muthvoll geformtes Gesicht, und die Gestalt war so kräftig und edel gebaut. Und an seiner Schulter lag das entstellte, schneeweiße Gesicht, in seinen Armen die zusammengesunkene Gestalt der Frau. Und auch dieses Gesicht trug die schönen und edlen Züge, und die hingesunkene Gestalt zeigte die wunderbar schönen, feinen und runden Formen, mit denen der Schöpfer dieses Weib, gewiß zu einer besseren Bestimmung, ausgestattet hatte.

„Komm!“ raffte der Oberst sich auf. „Hier müssen wir verbrennen. Es ist kein Zweifel. Nur die Kühnheit kann uns retten. Stelle Dich zu mir. Halte Dich an mir fest, mit beiden Armen. Laß mich nicht los. Klammere Dich an mich, wie fest Du kannst. So folge mir. Trenne Dich keine Secunde von mir. Du wärst verloren. Ich würde Dich nicht wieder mit mir vereinigen, an mich zurückziehen können. Ich werde meine Arme zu etwas Anderem gebrauchen müssen. Komm!“

Sie konnte sich an ihm festhalten. Er ergriff wieder seine beiden Pistolen und ging an die Thür des Pavillons. Die Frau schleppte sich mit ihm hin. Er öffnete das Schloß der Thür und riß die Thür auf. Unmittelbar vor der Thür brannte der Reiserhaufen. Rauch und Feuer drangen in den Pavillon.

„Halten Sie sich fest, Madame!“ rief der Oberst.

Nur durch den brennenden Haufen war ein Ausgang. Er mußte hindurch springen.

„Halten Sie sich krampfhaft fest, Madame!“

Er drang in das Feuer und kam hindurch. Aber er war allein hineingedrungen, er stand allein, als er hindurch gekommen war. Die Frau war von allen ihren Kräften verlassen worden, von denen der Seele, von denen des Körpers. Ihre Arme hatten den Mann, der sie befreien wollte, nicht mehr umfassen können. Sie war zurückgesunken und lag halb auf der Schwelle der Thür, halb im Pavillon.

Der Oberst wollte zurück zu ihr. Aber er konnte nicht zurück, er konnte nicht voran. Der große, wilde, kräftige Hund des Grafen hatte ihn gefaßt, war von hinten, ehe er das Thier nur sah, an ihm emporgesprungen, hatte seine Tatzen in seine Schultern geschlagen, zerfleischte ihm mit den Zähnen den Nacken, hing sich mit seiner ganzen Schwere und Kraft an ihn, riß ihn nieder.

„Rühre ihn nicht an, Moritz!“ rief der alte Graf. „ Besudle Deine Hände nicht an ihm. Hannibal, mein Thier, faß ihn – faß ihn.“

Und das Thier zerriß ihn.

„Aber zu ihr, Moritz, mein Sohn! Sie ist ein edles Wild.“

Der Wahnsinnige riß die brennenden Reiser vor der Thür auseinander, um in den Pavillon gelangen zu können. Der andere Irre half ihm. Sie waren fertig. Eine Hetzjagd begann. Die Gräfin hatte sich erhoben. Die furchtbarste Angst des Todes hatte sie ergriffen. Sie war in den Pavillon zurückgeflogen und wollte die Thür hinter sich zuwerfen, aber sie konnte es nicht. Sie wollte wieder niederknieen, der bebende Körper versagte ihr den Dienst. Sie wollte wieder beten. „Großer, allmächtiger Gott –“ Die Zunge erlahmte ihr. Die Gedanken verwirrten sich ihr.

Die beiden Wahnsinnigen waren in das Zimmer gedrungen. Auch den Schwachsinnigen hatte die Wuth des Wahnsinns ergriffen.

„Da ist das ehrlose Weib!“

Er sprang auf sie zu. Sie rannte vor ihm fort, sie rannte in dem engen Raume umher und wollte zu der Thür; darin stand der alte Graf; sie sprang an das Fenster und riß es auf; sie wollte hindurch springen; Rauch und Flammen schlugen ihr entgegen. Sie wollte die Fenster wieder zuwerfen, sie wußte nicht mehr, was sie that. Sie fiel bewußtlos zu Boden.

„Hei, Großvater, ich habe sie!“

„Hebe sie auf, mein Sohn, und folge mir mit ihr.“

„Und der Andere?“

„Hannibal ist mit ihm fertig. Mag er bleiben, wo er liegt. Folge mir.“

„Wohin?“

„Du wirst es sehen.“

[612] Der alte Diener Conrad war dem Freiherrn nachgeeilt, den die Franzosen aus den Armen der sterbenden Gattin gerissen hatten, den sie fortschleppten. Die Ohnmacht konnte nicht mehr retten. Die französischen Gensdarmen entfernten sich rasch mit ihrem Gefangenen, wie in eiliger Flucht. Sie waren, von einem Verräther geführt, auf den verborgenen, abgelegenen Wegen in das Schloß eingedrungen; sie verließen es auf dem kürzesten und geradesten Wege. Sie hätten der Eile nicht bedurft. Niemand im Schlosse trat ihnen entgegen, Niemand wagte nur, sich ihnen zu zeigen. Die Tyrannei und die Gewaltthätigkeit der Franzosen erfüllte den Deutschen damals noch mit Schrecken und Furcht.

Der alte, treue Diener Conrad war der einzige, der es wagte, den französischen Räubern nachzueilen, sie einholen zu wollen. Er erreichte sie nicht. Sie eilten die große, breite Treppe des Schlosses hinunter und flogen durch den Schloßhof, an dem runden Thurme zu Ende des Schlosses vorbei, durch das Pförtchen, das sich dort in der Mauer befand, an dem der Arzt vorhin den verrätherischen Kammerdiener der Gräfin im Gespräche mit den Franzosen getroffen hatte. Sie flohen weiter in’s Freie, dem Walde zu. Der alte Conrad kam zu der Erkenntniß, daß seine Verfolgung keinen Zweck habe. Er wollte umkehren.

Da sah er seitwärts im Park eine plötzliche Helle aufblitzen, aufflammen. Ein Feuer im Park? fast um die Mitternachtstunde? Was konnte das sein? Er ging dem Scheine nach und kam in die Nähe des Pavillons. Sehen konnte er nichts, als die Helle des Feuers durch die Gebüsche. Aber was er hörte, hemmte ihm den Schritt. Er vernahm das wilde, wüthende Schnauben eines Thieres – unter dem Schnauben den unterdrückten Angst- und Schmerzensschrei eines Menschen; es war der Schrei der letzten Todesangst, der nicht mehr hervorkonnte. Er vernahm noch mehr: den entsetzlichsten Angstschrei einer weiblichen Stimme. Eine furchtbare Ahnung ergriff ihn. Da hörte er andere Stimmen.

„Hei, Großvater!“

„Auf, mein Sohn!“

Er erkannte die Stimmen. Seine Ahnung wurde zur Gewißheit und die Gewißheit erfüllte ihn mit Todesangst. Er eilte zum Schlosse und holte den Arzt und den Hauptmann herbei. Er eilte mit ihnen zurück und theilte ihnen auf dem Wege mit, was er gesehen und gehört hatte. Draußen begegnete ihnen die Kammerfrau der Freifrau; er ließ durch sie auch den Pater berbeibitten. Ein Gedanke war in ihm aufgezuckt: bei dem, was geschah und kam, mußte der letzte Vernünftige des alten, dem Untergange geweihten Geschlechts sein. Er kam mit seinen beiden Gefährten in die Nähe des Thurmes. Es war dunkel dort. Ein Geräusch kam ihnen entgegen, von der Parkseite her.

„Der alte und der junge Graf!“ flüsterte der Diener.

„Sie kommen hierher.“

„Sie werden zum Thurme wollen.“

„Unzweifelhaft! Sie sind es gewesen, die wir vorhin in dem verborgenen Gange hörten. Sie konnten nur in dem Thurme sein.“

„Was mögen sie vorhaben?“

„Verbergen wir uns.“

Sie verbargen sich an der anderen Seite des Thurmes. Zwei Personen kamen vom Parke her näher.

„Sie sind es, der alte und der junge Graf,“ sagte der Hauptmann.

„Sie tragen etwas!“

„Einen Menschen!“

„Allmächtiger Gott, es ist die Gräfin. Ich höre das Rauschen ihres seidenen Kleides.“

Der alte Graf und der junge Graf waren an der Thür angelangt, die in den Thurm führte. Sie standen still.

„Lassen wir sie zur Erde,“ sagte der alte Graf. „Ich muß die Thür aufschließen.“

Sie ließen den menschlichen Körper, den sie trugen, zur Erde nieder. Man hörte das dumpfe Stöhnen einer Frau.

„Sie lebt!“ flüsterten sich die entsetzten Stimmen der Dreie zu, die an der Seite des Thurmes verborgen standen.

„Was wollen sie mit ihr in dem Thurme?“

„Ich ahne es,“ sagte der alte Conrad. „Wir müssen retten.“

„Nur nicht ihnen jetzt entgegentreten,“ sagte der alte Conrad.

„Der alte Graf wird Waffen bei sich tragen; der Hund, der Hannibal – er ist nicht bei ihnen; aber er wird in der Nähe sein, dort – mich schaudert, wenn ich an das Schnauben zurückdenke! Ein Ruf des Grafen führt ihn her.“

„Warten wir das Weitere ab,“ sagte der Arzt.

Der alte Graf hatte die Thür des Thurmes aufgeschlossen.

„Nehmen wir sie wieder auf, Moritz.“

Sie nahmen die Frau wieder auf. Man hörte wieder ihr entsetzliches, unterdrücktes Stöhnen. Konnte sie nicht laut rufen, um Hülfe? Sie verschwanden mit der Frau in dem Innern des Thurmes. Die Thür wurde nicht wieder zugeschlossen.

Die drei Verborgenen traten hinter dem Thurme hervor und nahten sich der Thür. Gleich an der Thür führte eine Wendeltreppe in den oberen Theil des Thurmes. Sie blieben an der untersten Stufe der Treppe stehen. Die Treppe hinauf trugen die beiden wahnsinnigen Grafen die Frau. Es war ein langsames und mühsames Schleppen.

„Wohin werde ich gebracht?“ stöhnte die Frau.

„Gieb ihr keine Antwort, Moritz,“ befahl der alte Graf seinem Enkel.

Sie trugen schweigend die Frau weiter. Auch die Gräfin schwieg. Sie erreichten das obere Ende der Treppe. Eine Thür wurde aufgestoßen; sie war nur angelehnt gewesen.

„Die Thür zu dem frühern Wohnzimmer des Grafen,“ sagte der alte Kammerdiener des Grafen zu seinen beiden Gefährten.

„Hier, mein Sohn,“ sagte der alte Graf, „sind wir an unserem Ziele; lassen wir sie los.“

„Gehen wir hinauf!“ flüsterte der Hauptmann. „Jetzt gilt es. Aber sie dürfen uns nicht hören, wenn wir nicht zu spät kommen wollen, wenn nicht geschehen sein soll, was wir verhindern müssen.“

Sie erstiegen mit leisen Schritten die Treppe und standen vor der offenen Thür des ehemaligen Wohnzimmers des alten Grafen, das er aber seit fünfzig Jahren heut zum ersten Male wieder betreten hatte. Es herrschte tiefes Dunkel in dem Zimmer. Man konnte nichts von dem unterscheiden, was darin war. Aber das Ohr vernahm durch die Dunkelheit desto schärfer. Und – vor fünfzig Jahren hatte der alte Diener dort ein Stöhnen und ein Wimmern gehört, dessen Erinnerung ihn noch immer mit lähmendem Schreck durchfuhr – was jetzt sein Ohr vernahm, und was mit ihm seine beiden Gefährten vernahmen, und was sie dann sahen, das sollte mit seinen furchtbaren Schrecken sie zu Bildsäulen erstarren machen, mit den Schrecknissen der Gegenwart, des Augenblicks, mit jenen noch immer ungelösten entsetzlichen Räthseln der Vergangenheit eines halben Jahrhunderts.

Der alte Graf sprach zu der Verbrecherin. Seine Stimme war nicht mehr heiser; sie erklang klar und volltönend. Die Worte, die er sprach, legten Zeugniß ab, daß in diesem Momente sein Geist von den Fesseln des Wahnsinns befreit war.

„Und nun, meine Gnädige, Sie wollten wissen, wohin man Sie bringe? Vernehmen Sie es von mir. Ich bringe Sie in Gesellschaft. Es ist eine edle Gesellschaft und Sie sind ihrer nicht würdig. Sie sollen dennoch in ihr sterben. Die Nähe der Edlen wird vielleicht die Buße desto reuiger in Ihnen erwecken, und der Himmel wird Ihnen dann vielleicht verzeihen, was wir, die Menschen, Ihnen nicht verzeihen konnten. Hören Sie mir zu. Vor fünfzig Jahren lebten hier eine tugendhafte und gottesfürchtige Frau und ein edler und frommer Mann, aber auch zugleich ein Mensch, der durch böse Leidenschaften sich das Herz schlecht und verhärtet gemacht hatte. Der verhärtete Mensch war ich; die tugendhafte Frau war meine Gemahlin; der edle Mann war mein Bruder. Meine Härte ließ mich Beide hassen. Meine eigene Schlechtigkeit ließ mich gegen Beide einen unwürdigen Verdacht fassen. Meine Leidenschaftlichkeit steigerte den Verdacht zum Wahnsinn. Die Unglücklichen fielen als Opfer meiner Eifersucht. Sie war kein untreues Weib, er war kein verrätherischer Bruder. Als es zu spät war, erkannte ich es. Ich verfiel in Wahnsinn. Er war meine Strafe. Ich hatte das Bewußtsein meines Wahnsinns; es war die entsetzlichste Strafe, die die Gerechtigkeit Gottes über den Menschen verhängen kann. Mein Herz verhärtete sich noch mehr, immer mehr – ach, das war doch wohl meine schwerste Strafe. – Mein Wahnsinn war keine völlige Nacht des Geistes. Er ließ mich Vieles erkennen. Er ließ mich auch Sie erkennen, meine gnädige Frau, Sie, der ich die Ehre erwiesen hatte, einem edlen und erlauchten Geschlechte angehören zu dürfen. Ich erkannte Sie schon seit einiger Zeit als ein ungetreues, verrätherisches Weib, das die eigene Ehre und die Ehre eines erlauchten Hauses frech und schamlos mit Füßen trat. Heute – heute trieben Sie [614] Ihre Frechheit und Schamlosigkeit mit einer fast herausfordernden Offenheit, gaben Sie mir selbst das Schwert der Züchtigung in die Hand – heute haben Sie zum letzten Male ein menschliches Angesicht, das Licht des Himmels erblickt. Folge mir mit ihr, Moritz, mein Sohn! Es ist Alles bereit.“

Man hörte ihn drei Schritte vorantreten, eine Thür aufreißen. Es war die Thür seines ehemaligen Schlafgemachs. Ein mächtiger Lichtstrahl drang plötzlich durch die Thür. Wachskerzen ohne Zahl verbreiteten die Helle des Tages in dem Gemach. In dieser Helle gewahrte man gerade der geöffneten Thür gegenüber ein hohes Himmelbett. Die weißen Vorhänge waren dicht zugezogen. Vor dem Bett lagen an der Erde zwei menschliche Gestalten. Sie lagen nebeneinander, lang ausgestreckt. Es waren ein Mann und eine Frau. Sie lagen in ihrer vollen Bekleidung da: die Frau in einem Kleide von schwarzer Seide; die Kleider des Mannes waren von Blut bedeckt. Aber die volle Bekleidung umhüllte keine menschlichen Körper mehr. Zwei Skelete waren von ihr umschlossen, seit fünfzig Jahren so.

Das Räthsel des halben Jahrhunderts war gelöst. Ein Grausen durchfuhr, lähmte die drei Männer an der Thür. Ein furchtbarer Schrei drang aus der Brust der Frau.

„Auf, auf, mein Sohn!“ rief der alte Graf.

Mit dem blöden Lachen des Blödsinns hob der junge Graf seine Gemahlin auf. Er trug sie zu der Thür des hellen Schlafgemachs. Sie ließ sich willenlos tragen. Der alte Graf stand an der Thür, in der Hand den Schlüssel zum Verschließen, sobald die Unglückliche in das Gemach gestoßen war.

„Wirf sie hinein!“ sagte der alte Graf.

Der Blödsinnige wollte sie hineinwerfen.

„Zurück – haltet ein!“ rief eine Stimme.

Es war eine mächtige, befehlende Stimme. Sie kam wie die Stimme Gottes, und ein Diener Gottes hatte die Worte gerufen. Der alte Mönch war auf den Ruf der Kammerfrau zu dem Thurme gegangen, hatte die Treppe erstiegen, sich still hinter die Drei gestellt, die oben an der Thür standen. Er war vorgetreten, mitten in das Zimmer. Seine Gestalt war hoch aufgerichtet.

„Haltet ein!“ rief er. „Ich befehle es Euch im Namen des Herrn. Und ich habe noch ein anderes Recht und eine andere Pflicht, es Euch zu befehlen. Ich, Eures Stammes der Letzte, dem der Himmel das Licht des Geistes bewahrt hat, ich, der Graf Adolph von Frankenberg, bin das Haupt der Familie, das außer mir nur noch zwei Mitglieder zählt, und diesen ist der Verstand verwirrt. Ich bin der Herr hier! Ich bin Euer Herr! Und ich befehle Euch, lasset ab von dieser Frau, vermesset Euch nicht in Eurer Thorheit, Gerechtigkeit üben zu wollen im Namen des ewigen Gottes! Du aber, sündiges Weib, entweiche aus diesem Hause, das Du entweiht hast; kehre nimmer – nie hierher zurück!“

Der alte Graf war zusammengezuckt, als er die Stimme des Mönchs vernahm. Er hatte einen Blick des Entsetzens auf den hohen Priester Gottes geworfen. Nur eine Secunde lang. Er hatte den Verwandten, den von ihm mißhandelten Verwandten erkannt. Der Geist verwirrte sich ihm wieder. Er lachte laut auf. Das Lachen wurde heiser, krampfhaft. Er sank um und fiel zu den Skeleten am Boden. Der Schlag hatte den mehr als neunzigjährigen Greis getroffen. Der Todte war zu den Todten gefallen.

Der Mönch kniete nieder zu den drei Entseelten und betete lange still, wie er bei der Leiche der Freifrau gebetet hatte. Er erhob sich. Die Gräfin hatte sich entfernt. Der blödsinnige junge Graf war ihr singend gefolgt. Der Sinn war ihm ganz verwirrt.

Der Mönch wandte sich zu dem Arzte, dem Hauptmann und dem alten Diener.

„Ich bin Mitglied des Ordens der Franziskaner und habe das Gelübde der Armuth abgelegt. Ich kann nicht Herr dieses Schlosses und dieser Güter werden. Sie fallen zurück an den Fürsten, von dem meine Familie sie zu Lehn trägt. An seiner Statt regiert jetzt ein despotischer Feind im Lande. Er wird die Güter in Besitz nehmen. Aber die Zeit, in der wir leben, geht vorüber; auch die Tage dieses Feindes sind gemessen. Deutschland wird wieder frei werden. Dann werden auch diese Güter wieder ihrem rechtmäßigen Herrn zufallen. Tragt Sorge für die Bestattung der Leichen.“

Er wandte sich und kehrte zurück zu dem Zimmer der todten Freifrau. Er betete die ganze Nacht bei ihrer Leiche und betete gewiß auch für Andere. Am Morgen las er die Messe in der Schloßkapelle. Dann kehrte er in sein Kloster zurück. Wie das Gelübde der Armuth, so hatte er auch das des Gehorsams zu erfüllen.

Der Freiherr wurde bekanntlich nicht erschossen. Er wurde längere Zeit in Frankreich gefangen gehalten und später hat er seinem Vaterlande noch lange und viele Dienste geleistet.

Die Gebeine des Mönches ruhen in dem Kirchhofe des aufgehobenen Klosters Heiligenkreuz.

Das edle Geschlecht der Grafen von Frankenberg ist ausgestorben. Schloß und Herrschaft Frankenfelde sind landesherrliche Domaine.

J. D. H. Temme.