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Autor: unbekannt
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Titel: Neue Gaunergenialität
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aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 480
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[480] Neue Gaunergenialität. Kürzlich flanirte ich auf den Boulevards, ein angenehmes Geschäft, dem man in Paris mit besonderer Vorliebe nachhängt. Von Weitem sah ich einen meiner Freunde in tiefer Trauerkleidung, was mich sehr erschreckte, aber er lächelte angenehm und verführerisch einer vorübereilenden kleinen Putzmacherin zu, und das beruhigte mich wieder, da es mir die Ueberzeugung beibrachte, daß die Veranlassung seiner Trauer ihn nicht für alle Freuden des Lebens abgestumpft hatte. Wir gingen aufeinander zu, und nach den üblichen Händedrücken erkundigte ich mich natürlich sogleich nach der Ursache seiner düstern Kleidung.

„O,“ erwiderte er, „es ist nichts, ich habe meinen Onkel verloren.“

„Gratulire, vermuthlich hast Du von ihm geerbt?“

„O nein, im Gegentheil! …“

„Wie so?“

Nun erzählte mir mein Freund die nachstehende Geschichte: „Mein armer Onkel – arm im eigentlichsten und weitesten Sinne des Wortes – starb vor mehreren Tagen. Ich, in meiner Eigenschaft als wohlhabender Verwandter, fühlte mich verpflichtet, ihn anständig bestatten zu lassen. Am Morgen jenes traurigen Tages und nachdem alle nöthigen Förmlichkeiten und vorgeschriebenen Weitläufigkeiten pünktlich erfüllt waren, begab ich mich in das Sterbehaus. An der Treppe hielt mich der Portier auf und reichte mir einen Brief, der eben angelangt und an den Verstorbenen adressirt war.

Ich öffnete den Brief; er war in englischer Sprache geschrieben und sagte Folgenden:

Geehrter Herr!

Ich beeile mich, Ihnen anzuzeigen, daß der Zeitpunkt heranrückt, wo Sie der Gesellschaft (hier folgte der Name der Gesellschaft mit Angabe der Straße und Hausnummer) die Summe von Frs. 99. Cts. 75. als jährlichen Beitrag Ihrer Lebens-Versicherungs-Prämie zu entrichten haben.

Es ist wohl kaum nothwendig, Sie auf die Unannehmlichkeiten aufmerksam zu machen, die Ihnen erwachsen würden, wenn Sie diese Zahlung verspäteten. Genehmigen Sie etc.

London, 20. Juni.’ 

„Ich steckte diesen Brief in die Tasche,“ fuhr mein Freund fort, „und geleitete meinen armen Onkel nach seiner letzten Ruhestätte. Wenige Tage danach bekam ich einen zweiten Brief, der ebenfalls auf feiner Postmarke das Bildniß Ihrer huldreichen britischen Majestät trug und diesmal direct an mich adressirt war. Er lautete:

‚Werther Herr!

Zu unserem schmerzlichen Bedauern empfingen wir durch unsern Pariser Correspondenten die betrübende Nachricht vom plötzlichen Hintritt Ihres Herrn Onkels. Der Verklärte hatte bei unserer Gesellschaft sein Leben versichert, und da Sie sein einziger Erbe sind, zeigen wir Ihnen an, daß wir, kraft unserer eingegangenen Verbindlichkeiten, die Summe von 8000 Frcs., als den Betrag der in Rede stehenden Versicherung, zu Ihrer Verfügung halten.

Dagegen ersuchen wir Sie, uns gefälligst die Summe von 99 Frcs. 75 Cts., welche der arme Dahingeschiedene uns noch für seine diesjährige Prämie schuldete, mit umgehender Post zukommen zu lassen.

 Empfangen Sie etc.

London, 24. Juni.‘

„Ich hatte natürlich nichts Eiligeres zu thun,“ erzählte mein Freund weiter, „als augenblicklich die verlangten 100 Francs weniger 5 Sous nach London abzuschicken, und seitdem –“

„Nun, seitdem?“ fragte ich neugierig.

„Seitdem,“ entgegnete mein Freund lachend, „warte ich noch immer, oder vielmehr ich warte nicht mehr, denn ich habe in Erfahrung gebracht, daß ich das Opfer einer geistreichen, aber durchaus nicht seltenen englischen Speculation geworden bin. Es giebt nämlich verschiedene kecke und verwegene Londoner – wahre Altmeister des Schwindels – die sich durch Agenten, die sie in Paris haben, von allen Todesfällen in Kenntniß setzen lassen, welche hier eintreten. Darnach richten sie nun ihre kleinen Manöver auf diese Weise ein, wie ich Dir soeben erzählt habe, und mein trauriges Beispiel beweist, daß ihr Schwindel zuweilen glückt. Wer Teufel möchte auch 100 Francs abschlagen, wenn Einem dafür 8000 in Aussicht gestellt werden?“

Hierauf trennten wir uns lachend. Ich aber fragte mich unwillkürlich, wenngleich täglich umschwirrt vom Pariser Schwindel, ob die Herren Engländer nicht, wie auf dem Gebiete der Reclame, auch im Artikel „Schwindel“ auch Ihresgleichen suchen?