Neu-Deutschland im Orient

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Titel: Neu-Deutschland im Orient
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 727–728
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[727] Neu-Deutschland im Orient. Bekanntlich war bis vor Kurzem unsere deutsche Vertretung in fernen Ländern die allerkläglichste, der Schutz, dessen sich unsere Nation, namentlich im Orient, zu erfreuen hatte, glich Null, tausend Rücksichten nach innen und außen traten jedem energischen Versuch zur eigenen Werthfühlung hemmend entgegen. Die General-Consuln und die Unterthanen der vielköpfigen deutschen Regierungen mußten sich ducken, nachgeben und schweigen, selbst wenn das Recht schreiend auf ihrer Seite war. Im Gegensatz zu dieser unglaublichen Mißachtung hob französische Anmaßung dictatorisch in jeglicher Willkür das Haupt; in jede Forderung, war selbe auch noch so rechtslos und aus der Luft gegriffen, wurde eingewilligt aus Scheu vor der „Grande Nation“, die ja nicht einmal den Schein eines Rechtes bedurfte, um blutig einzugreifen in die Geschicke friedlicher Nationen. In Aegypten nahm dieser französische Einfluß noch grellere Gestalt und Farbe an, als sonst irgendwo im Orient. Bei allen guten Eigenschaften, bei aller Klugheit des Vicekönigs ist derselbe von der ausgesprochensten Vorliebe für Franzosen und Franzosenthum befangen. Die Sprache derselben ist das einzige fremde Idiom, das er versteht, ihre Literatur die, welche er kennt. Alle Handelsverbindungen von Aegypten wurzeln in Frankreich, die Personen der nächsten Umgebung des Herrschers sind fast alle Franzosen. Besteht ein Theil derselben, wie zum Beispiel der Leibarzt des Khedive, und Barrot-Bey, dessen vertrauter Secretär, und noch ein Bruchtheil, auch aus ehrenhaften, braven [728] Männern, so haben selbe selbstverständlich doch mehr Sympathien für ihre Landsleute und ihr Vaterland, als gegen fremde Nationen, ihre Abneigung gegen Alles, was deutsch heißt, kann man ihnen, von ihrem Standpunkt aus, weder verdenken, noch übelnehmen. Es ist begreiflich, daß sich alle diese Uebelstände für uns, die „Aschenbrödel aller Nationen“, so fern von der Heimath, breiter und peinlicher fühlbar machten, als sonst irgendwo. Das Jahr 1870, welches so Manches gebrochen, was unzerstörbar schien, scheint auch hier rüstig vorzuarbeiten, man wird endlich auch am Hofe in Kairo und Alexandrien begreifen, daß im Falle der Noth der Schwerpunkt, der Anker, an dem ein fester Halt zu finden, in Berlin liegt, nicht wie bisher in Paris.

Die Umstände zwingen den Schreiber Dieses, der aus eigener Anschauung berichtet, zu dieser Einleitung, die länger zu werden droht, als die Geschichte selbst, die nur als Beleg für obige Behauptungen gelten mag.

Bekanntlich dürfen laut den Tractaten keine Zeitungen in fremden Sprachen ohne Zustimmung der Behörden im Orient erscheinen. Ein Franzose, wenn wir nicht irren, der Vicomte de Macorri, der in seiner Eigenschaft als solcher über dem Gesetz zu stehen dachte, gründete in Aegypten ein Journal, unter dem Titel: „Independant“. Die Tendenz dieses Blattes war: Schmähung gegen die dortigen Behörden, Schmähungen in maßloser Heftigkeit, – die Absicht lag auf der Hand. Selbst seinen eigenen General-Consul, den Vicomte Brenier du Montmeraud, schonte der Redacteur nicht, er beschimpfte diesen so gut wie die Regierung des Landes, als dessen Gast er lebte. Gegen diesen Rochefort von Alexandrien trat nun Nubar Pascha, der kluge und besonnene Minister des Aeußern, klagbar auf, indem er sich zu wiederholten Malen an das französische Generalconsulat wandte, das ungesetzliche Verfahren des Herausgebers des rechtlos erscheinenden Journals hervorhob, und um sofortige Aufhebung desselben nachsuchte. Der Minister erhielt die absonderliche Antwort: „man möge sich aus den Schmähungen des Mannes nichts machen, da ja auch er, der Generalconsul, die Beschimpfungen desselben schweigend hinnehme.“ Dies wunderliche Argument scheint denn doch Nubar Pascha nicht eingeleuchtet zu haben, und eines schönen Tages wurde die Zeitung confiscirt, und ein Colporteur, auch Franzose, der trotzdem eben mit einer großen Anzahl von Exemplaren die Druckerei verließ, wurde von ägyptischen Beamten verhaftet und direct dem Generalconsulat zur Bestrafung übergeben. Der Vertreter der grande nation antwortete damit, daß er den Arretirten sofort auf freien Fuß setzte, und dafür, daß die ägyptische Behörde gewagt habe, einen französischen Unterthan zu verhaften, die eclatanteste Satisfaction verlangte. Als diese nach einigen Tagen nicht erfolgte, erschien zum maßlosen Erstaunen der ganzen Bevölkerung eine Ordonnanz, worin alle Franzosen ermächtigt wurden, „Waffen zu tragen, um sich selbst vertheidigen zu können, ja er, der Generalconsul, gestatte seinen Landsleuten, im fremden Lande sich selbst Recht zu verschaffen, und wenn sie irgend wie angegriffen würden, von ihren Waffen Gebrauch zu machen.“

Die Bekanntmachung dieser frechen Ordonnanz à la commune, die allem Menschen-, allem Völkerrechte Hohn sprach, sich zum Kläger und Richter in eigener Sache aufwarf, erregte bei allen Rechtlichdenkenden die tiefste Entrüstung.

Der älteste der politischen Agenten in Aegypten, der österreichische Generalconsul Baron von Schreiner, berief eine Zusammenkunft sämmtlicher Generalconsuln, in welcher die obige Ordonnanz des französischen Vertreters für unlegal, gegen die bestehenden Tractate und die allgemeinen Menschenrechte – droits des gens – verstoßend, erklärt wurde. Als unter einigen der Anwesenden die Stimmung schwankend und aus Aengstlichkeit für etwaige Folgen zweifelhaft wurde – zu obigem Beschluß war die volle Stimmeneinheit nöthig –, als namentlich der Vertreter des gerade abwesenden tüchtigen englischen Generalconsuls ungewiß erklärte, er müsse in so wichtigen und vielleicht von schweren Folgen begleiteten Angelegenheiten erst die speciellen Befehle seiner Regierung einholen, da trat der deutsche Generalconsul und politische Agent des neuen Kaiserreiches, Herr von Jasmund, auf und riß die Versammlung durch eine hinreißende und bewältigende Rede zum einstimmigen Beschluß hin. Er erklärte, daß durch diese völkerrechtswidrige, unnatürliche und unmoralische Ordonnanz die Sicherheit aller übrigen Nationalitäten auf’s Aeußerste gefährdet sei, daß der französische Generalconsul weder ein Recht noch eine Veranlassung zu einer solch unerhört willkürlichen Ordonnanz habe, daß sich Frankreich überhaupt im Orient in unlegitimster Weise stets eine Ueberhebung zu Schulden kommen lasse, welche die Ehre und Würde der anderen Nationen auf das empfindlichste verletze. Diese Ueberhebung, die sich bei jeder Gelegenheit geltend gemacht, müsse von jetzt an ein Ende haben!

Er – Herr von Jasmund – beanspruche nicht den geringsten Vorzug vor den übrigen Vertretern der Großmächte, aber nie werde er zugeben, daß ein anderer sich herausnehme, eine höhere Machtstellung gebrauchen zu wollen, als die deutsche. Zu große Opfer seien gebracht für diese Berechtigung, zu viel edles Blut sei geflossen für dieselbe, als daß Deutschland solch schlecht begründeten Ansprüchen gegenüber ruhig zusehen könne. Er stelle es dem französischen General-Consul frei, die übereilt gegebene Ordonnanz zurückzunehmen, ehe er von seiner Regierung gezwungen werde, dies zu thun.

Eine so männlich kühne Sprache war aus deutschem Munde an dieser Stelle noch nicht vernommen worden. „Die Kanonen von Sedan haben gesprochen!“ erzählten sich die erstaunten Einwohner am nächsten Morgen in Kairo. „Wird er nachgeben, oder nicht?“ frugen die Franzosen. „Lächerlich, er wird, er kann und darf nicht!“ Und doch – er mußte: Jules Favre rief den Vertreter seiner Regierung nach drei Tagen telegraphisch ab und hob die Ordonnanz auf. Die Kanonen von Sedan hatten gesprochen! Zum ersten Male wurde eine Satisfaction verweigert, welche der französische General-Consul in Kairo forderte, zum ersten Male protestirten alle Vertreter fremder Mächte einstimmig französischer Anmaßung gegenüber, zum ersten Male gelang es nicht, eine Maßregel der Willkür gewaltsam durchzuführen. Möchte der Vicekönig endlich einsehen, daß bisher nur Eigennutz den größten Theil seiner Umgebung an ihn kettet, und daß das Wort „Deutsche Treue“ kein leerer Schall sei. An dem tapferen Benehmen des General-Consuls v. Jasmund kann er sehen, wie fest und treu der Deutsche steht, wenn es gilt: als Wacht am Rhein oder als Wacht am Nil!