Musik der Berge und Thäler, Wälder und Wüsten (1)

Textdaten
<<< >>>
Autor: Carus Sterne
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Musik der Berge und Thäler, Wälder und Wüsten. I.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 42, S. 702–704
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
vgl. Musik der Berge und Thäler, Wälder und Wüsten. II.
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[702]

Musik der Berge und Thäler, Wälder und Wüsten.

I.
Der Streit um das singende Thal von Thronecken. – Akustische Täuschungen. – Elektrische Musik bei Gewitterstürmen. – Die Alpenfee. – Singende Wälder im Schilluklande. – Eine neue Beobachtung im Thal von Thronecken. – Posaunenengel in den Wolken. – Das Geläut an der Koralpe auf der steirischen Grenze. – Die Musik der Wasserfälle und der Meeresbrandung.

Das „singende Thal von Thronecken“, über welches wir in Nummer 2 der „Gartenlaube“ von 1881 berichteten, verspricht eine Berühmtheit unseres Vaterlandes zu werden, sofern sich an dasselbe hoffentlich die Erklärung einer Naturerscheinung knüpfen wird, welche in den verschiedensten Theilen der Welt das Erstaunen der Bewohner wie der Reisenden erregt hat. Zwar sind die Beobachtungen des Herrn Reuleaux in Remagen, der bekanntlich zuerst weitere Kreise auf die Musik dieses Thales aufmerksam machte, aus nicht völlig klaren Gründen in forstlichen Blättern lebhaft angezweifelt und angegriffen worden, aber, wie wir bald sehen werden, mit dem größten Unrecht. Man hat gemeint, die Erscheinung der stundenlang über das Thal hinwegziehenden Glockentöne sei durch vom Winde hergewehte Hornsignale der Treibjagd oder durch über den Kopf des Beobachters (unsichtbar?) hinwegziehende Vögelschaaren oder durch das Rauschen der Baumwipfel hervorgebracht worden, und in älteren Nachrichten über das singende Thal soll es sich gar blos um einige Scherze des verstorbenen Oberförster Helbron gehandelt haben.

Was nun zunächst den letzteren Einwurf betrifft, so müßte dieser alte Herr den gänzlich sinn- und gedankenlosen Scherz sehr oft wiederholt haben; denn, abgesehen von den schon im vorigen Artikel erwähnten Gewährsmännern, haben ihn noch viele andere Personen bei den verschiedensten Gelegenheiten über sein „singendes Thal“ sprechen hören, wie sich dies aus zahlreichen, Herrn Reuleaux inzwischen zugegangenen Privatberichten ergab. Die Rentnerin Weckbecker in Honnef, deren verstorbener Gatte oft in der Nähe von Thronecken zur Jagd war, berichtet, daß bei den Unterhaltungen desselben mit den ihn besuchenden Förstern „hundertmal“ die Rede auf das Singen und Tönen eines Thales bei Thronecken gekommen sei, wobei dann darüber gescherzt wurde, daß die abergläubischen Leute der Gegend diese Töne für Geisterstimmen hielten und mit dem alten Schlosse Thronecken in Beziehung brächten.

Die obenerwähnten Deutungsversuche sind übrigens außerordentlich bezeichnend für die Schwierigkeit, ungewöhnliche akustische Naturerscheinungen aufzuklären, eine Schwierigkeit, welche hauptsächlich aus der Unsicherheit unseres Ohres den Schallrichtungen gegenüber entsteht. Nehmen wir mit dem Auge irgend eine ungewöhnliche Erscheinung wahr, so können wir darauf losgehen und sie näher betrachten, oder wenigstens aus der Lage, in der sie z. B. in hoher Luft erschien, Schlüsse über ihre Entstehungsweise ableiten, aber einer neuen Klangwirkung gegenüber befinden wir uns in der übelsten Lage; jeder Bauchredner kann uns mit Erfolg weismachen, nicht er, sondern eine hölzerne Figur spreche; den Ort eines Glockenthurmes suchen wir nach dem Geläut oft in geradezu entgegengesetzter Richtung, zumal wenn ein Widerhall im Spiele ist; wir drehen uns nach allen Richtungen herum, wenn wir auf weiter Haide einen Ruf vernehmen, ohne Jemand zu sehen; kurz, wir werden Klängen unbekannten Ursprungs gegenüber leicht zum Spiel der Phantasie.

Die Gegner des singenden Thales hätten darum noch sehr viele andere Möglichkeiten zur Begründung ihrer gegnerischen Behauptungen auffinden können, und ich wundere mich besonders, daß sie nicht auch das dumpfe und anhaltende Pfeifen erwähnt haben, welches Jäger nicht selten vernehmen, wenn der Wind auf der Mündung ihres schräg über die Schulter hängenden Gewehres bläst. Gebirgs- und Wüstenreisende hören öfter ein eigenthümliches Säuseln in ihrer unmittelbarsten Nähe, welches von ausströmender Elektricität herrührt, die, namentlich bei Schnee- oder Sandstürmen, mit lautem Geräusche aus allen nach oben gerichteten Theilen ihres Körpers oder ihrer Ausrüstung und Bekleidung hervorströmt. In der Dunkelheit erblickt man dann die sogenannten Elmsfeuer, welche sich, wie ein altgriechischer Schriftsteller sagt, „singenden Vögeln gleich“ auf allen emporragenden Spitzen zeigen. Es gehört nur eine besondere, etwas gehobene Stimmung dazu, um selbst solchen in unserer unmittelbarsten Nähe entstehenden Tönen einen geheimnißvollen Charakter beizulegen. Eine von mir gemachte Erfahrung mag als Beispiel dienen.

Vor einigen Jahren wanderte ich eines schönen, oder vielmehr recht unschönen Tages in Gesellschaft eines guten Freundes den bekannten Touristensteig von Meiringen über Rosenlaui und die große Scheidegg nach Grindelwald. Es regnete beinahe ohne Aufhören; der Boden war jämmerlich durchweicht, und von all den Herrlichkeiten des Berner Oberlandes, die Einem sonst auf diesem Wege entgegentreten, war nicht die Spur zu erblicken: Wellhorn, Wetterhorn, Engelhörner etc., sie alle lagen in dichtem Nebelkleide verborgen. [703] Wir waren über die große Scheidegg hinaus und hatten noch nichts gesehen. So unmittelbar neben den herrlichsten Panoramen vorüberzugehen, ohne sie zu erblicken, ist eine Schickung, die man nicht so leicht stumm erträgt: wir verwünschten laut unser Mißgeschick und beschworen alle Wetterheiligen, endlich mit ihrer Ungunst einzuhalten. Plötzlich, ohne alle Vorbereitung, zerriß der Nebelschleier von oben bis unten, schob sich wie eine Theatergardine nach beiden Seiten aus einander und ließ das Wetterhorn vom Fuße bis zum Gipfel frei und unmittelbar vor uns in seiner ganzen Majestät aufsteigen. Das war nun eine Wundererscheinung, die uns für alles Erduldete reichlich entschädigte; denn da unser Auge nicht durch stundenlanges Vorhererblicken und langsame Annäherung allmählich an die Großartigkeit der Erscheinung gewöhnt worden war, stürmte der Anblick über alle Maßen überraschend, ja überwältigend auf uns ein, und diese ergreifende Gewalt wurde noch dadurch vermehrt, daß er nicht länger währte, als die sogenannten Apotheosen der Feerieen: nach wenigen Secunden zog sich der Vorhang schnell und ebenso undurchdringlich wie vorher von beiden Seiten wieder zusammen. Nun, ich erfreue mich nicht einer übermäßig arbeitenden Phantasie, aber als sich dieses unvergleichliche Schauspiel wie auf unsern Dacaporuf nochmals für ebenso kurze Zeit wiederholte, da hatte ich doch den inneren Eindruck, als hätten ein paar Luftgenien im Dienste der Alpenfee unsere nicht unberechtigten Stoßseufzer und Wünsche erhört, und es war mir ordentlich, als sähe ich sie blitzschnell an den Rändern der Gardine herabgleiten und sie aus einander schieben.

Meinem Begleiter schien es ebenso zu gehen, denn wenige Minuten darauf kehrte er zu mir zurück – er war ein Stück voraus gegangen – und fragte mich in offenbarer Erregung:

„Hast Du das eigenthümliche Singen in der Luft gehört?“

„Ich habe nicht das Mindeste gehört.“

„Da, jetzt kommt es wieder – horch!“

Und wirklich, es kam wieder, ein eigenthümlich gehauchtes Klingen, wie dicht über uns in der Luft. Wir blickten um uns, aber rings, soweit der Nebelschleier uns zu sehen gestattete, war außer unserem Führer keine lebende Seele zu erblicken. Alphornbläser konnten es auch nicht sein; denn der eigenthümlich singende Ton hielt immer dieselbe Höhe, schwand einen Augenblick dahin, kam dann wieder – kurz, es war die reinste Zauberei, und wie wir endlich entdeckten, wirklich von denselben Luftgeistern ausgeführt, die vorhin den Nebelvorhang zurückgeschoben hatten; sie benutzten die Gelegenheit, auf der Feldflasche, die mein Begleiter am Riemen über der Schulter trug, und von welcher der Pfropfen abgefallen war, derweile ein Stücklein zu blasen.

Eine ganz ähnliche Ursache erzeugt die Musik der verzauberten Wälder im Schilluklande, welche uns Schweinfurth geschildert hat. In diesen Wäldern wächst die Flötenakazie (Acacia fistulosa), deren elfenbeinweiße Dornen durch die Thätigkeit von Insecten, die sich in ihrem Innern entwickeln, an der Basis zu runden weißen Blasen von Wallnußgröße ausgedehnt werden, worauf die Insecten bei dem Ausschlüpfen kreisrunde Löcher in den harten Blasenwandungen zurücklassen. Auf diesen Löchern bläst der Wind seine Flötenstücke, während die hohlen Kugeln als Resonanzböden dienen.

„In den Wintermonaten,“ erzählt Schweinfurth, „gewährt der entlaubte Wald der Flötenakazie, das kreideweiße gespenstige Astwerk, welches, mit den aufgeblasenen Stacheln bekleidet, wie von Schneeflocken bedeckt erscheint, einen sonderbaren Anblick; das Flöten und Pfeifen von tausend Stimmen erhöht das eigenthümliche Aussehen eines solchen Waldes von Schoffar.“

Schweinfurth hat diesen Schoffar oder Pfeifenbaum im Parke von Esbekieh bei Kairo angepflanzt, und auch dort haben sich die betreffenden Insecten, welche ihn mit Schalllöchern versehen, eingefunden, sodaß man den Zauberwald jetzt bequem auf der großen Touristenstraße nach dem Orient besuchen kann.

Aber, um nach dieser Abschweifung wieder auf unser Thema zu kommen: solche singende Bäume der Scheherazade giebt es bekanntlich bei Thronecken nicht, und die übrigen Erklärungsversuche, welche eine Täuschung des Beobachters durch zufälliges Zusammentreffen voraussetzen, werden dadurch hinfällig, daß die Erscheinung immer von Neuem an derselben Oertlichkeit wiederkehrt, sodaß jedenfalls in örtlichen Bedingungen der Schlüssel des Geheimnisses gesucht werden muß. Daß auch die Hornsignale der Treibjagd nichts damit zu thun haben, bewies zur rechten Zeit für den darüber entbrannten Streit eine Beobachtung, die bald darauf von einem Unparteiischen gemacht wurde. Der seit kurzer Zeit zu Thronecken angestellte Oberförster-Candidat Gericke vernahm nämlich (schon einige Wochen vor dem Erscheinen des „Gartenlauben“-Artikels) die Glockentöne von Neuem, und was besonders interessant ist, unter genau denselben atmosphärischen Verhältnissen und an derselben Stelle, nur mit dem Unterschiede, daß zur Zeit keine Treibjagd in der Nähe stattfand.

„Am 8. December 1880, einem herrlichen Morgen, war ich,“ so berichtete dieser Beobachter in einem Briefe an Herrn Reuleaux, auf dessen Broschüre er erst nachträglich aufmerksam gemacht wurde, als er das Erlebniß seinem Chef berichtete, „früh in den Wald gegangen, um im Thale zwischen Fuchsstein und Erbeskopf forsttaxatorische Arbeiten vorzunehmen. … Es hatte stark gereift, und der Boden war gefroren. … Bei dem völlig klaren Himmel wirkte die Sonne dermaßen, daß ihr im Laufe des Vormittags Reif und Frost selbst in geschlossenen Beständen weichen mußten. … Es mochte zwischen 1 und 2 Uhr sein, als ich mich im Ehlesbruch befand und wiederholt leises, eigenthümliches Säuseln über mir zu hören meinte, dem ich jedoch keine Beachtung schenkte. Punkt 2¾ Uhr kam ich an die Deuselbacher Försterwiese, wo ich stutzte; denn über mir zogen laute Schallwellen weg, bald näher, bald ferner erklingend, sodaß ich nach der Uhr sah und überlegte, wo wohl Glocken geläutet würden, die hier so eigenthümlich nachklängen. Es waren dieselben Töne, welche ich eine Stunde vorher bedeutend leiser gehört hatte. … Zwanzig Minuten lang hörte ich diese lauten Töne, deren Höhe ich nicht bestimmen kann, weil ich kein musikalisches Gehör habe. Meine Arbeit beschäftigte mich noch bis gegen Abend in jenen Districten, ohne daß ich noch weiter etwas vernahm; übrigens hatte sich der Wind Nachmittags fast gänzlich gelegt. …“

Besonders hervorzuheben ist, daß diese Beobachtung unter fast denselben meteorologischen Bedingungen stattfand, wie die ersten. Herr Reuleaux leitet, wie sich der geneigte Leser erinnern wird, das Tönen von einem Südwestwinde her, der, durch die enge Schlucht des Röderbaches gepreßt, sich in das weitere ansteigende Thal ergießt, und derselbe Wind mit demselben auffallenden Temperaturunterschiede zwischen Thal und Höhe war auch das zweite Mal vorhanden. Wohl nicht mit Unrecht legt Herr Reuleaux gerade auf den letzteren Umstand ein besonderes Gewicht; denn wenn der Südwestwind allein genügte, das Tönen hervorzurufen, würde dasselbe wohl öfter vernommen werden. Möglicher Weise ruft die höhere Wärme im Thale eine vom Berge herabkommende Gegenströmung hervor, welche den Südwest in das Schallrohr der Schlucht einpreßt und erst im Kampfe mit demselben die Töne erzeugt.

Bereits in dem obenerwähnten Aufsatze hatte ich darauf aufmerksam gemacht, daß mehrere andere Oertlichkeiten, in denen gelegentlich glockenartige Töne vernommen werden, sich durch eine dem singenden Thal von Thronecken ähnliche Terrainbildung auszeichnen. Daraufhin sind mir mehrere Zuschriften zugegangen, von denen ich zwei der lehrreichsten hier auszugsweise mittheilen will. Ein Herr L. aus Herdorf im Siegerlande hörte vor nun zwanzig Jahren an einem Sommermorgen gegen 4 Uhr unweit der Mündung einer Thalschlucht seiner Heimath, die leider nicht näher bezeichnet wird, eine halbe Stunde lang solche „herrliche harmonische Töne, ähnlich einem fernen Glockengeläute, aber viel harmonischer, durch die Lüfte ziehen“, und setzt folgende charakteristische Bemerkung hinzu: „Ein alter Mann, welcher nicht weit von mir stand und mit gefalteten Händen in die Luft sah, antwortete auf meine Frage, was das sei: ‚Jetzt fährt der Simon durch’s Thal; dann ziehen Engel mit Posaunen auf Wolken durch die Luft – das höre ich hier jetzt zum zweiten Mal, und fast auf derselben Stelle.‘“

Wolken waren übrigens nicht vorhanden, aber der Correspondent erfuhr, daß später ein Förster in demselben Thale die Musik von Neuem vernommen habe.

Viel genauer ist eine zweite Mittheilung, die ich Herrn Landesschulrath Dr. F. Ilwof[WS 1] in Graz verdanke.

„Auch in den steirisch-kärntnerischen Alpen,“ schreibt mir derselbe, „giebt es ein solches tönendes Thal, und zwar in nächster Nähe des Speikkogels der Koralpe, des höchsten Berges in dem Scheiderücken zwischen Kärnten und Steiermark. Unmittelbar unter diesem Gipfel breitet sich ein enger Felsenkessel aus, welcher gegen Süden, Westen und Osten von steil aufragenden Wänden [704] eingeschlossen ist und sich nur gegen Norden in einem schmalen Ausgange öffnet. Ungefähr die Mitte dieses Felsenkessels ist der Ort, wo das ‚Geläute‘ sich vernehmen läßt. Schon vor bald fünfzig Jahren machte der bekannte Botaniker Dr. Georg Mally in der Steiermärkischen Zeitschrift (Neue Folge II, 1. Seite 13. Graz 1835) auf diese Erscheinung aufmerksam; er sagt, daß sich, als er in die Mitte des erwähnten Felsenthales gekommen sei, über ihm ‚leise Töne in der Luft vernehmen ließen, die wundersam harmonirten und mit nichts anderem füglich verglichen werden konnten, als mit dem mehrstimmigen Geläute einer fernen Kirche. Obwohl ein leiser Luftzug von Norden her sich spüren ließ, waren die Töne doch vernehmbar. Merkwürdig war die regelmäßige Fortdauer derselben. Ich ging mehrere Schritte vorwärts, die Töne wurden schwächer und verhallten endlich gänzlich.‘“

Es wehte also auch hier der Wind durch die Schlucht in das Thal hinein, und der Beobachter glaubte, wie alle früher angeführten Gewährsmänner, die Töne hoch über sich in der Luft zu vernehmen. Besonders beachtenswerth erscheint in allen diesen Berichten die Betonung der Andauer oder des langsamen Dahinziehens der Töne über dem Haupte der Beobachter, was der in dem vorigen Artikel erwähnte Pyrenäen-Reisende mit dem seltsamen, aber sehr charakteristischen Ausdrucke „ein langsamer, klagender Ton“ bezeichnete, und was Herrn Reuleaux zur Annahme eines langsam vorüberziehenden, tönenden Luftwirbels veranlaßte. Auch Herrn Gericke fiel dieselbe Eigenthümlichkeit auf. Dr. Mally suchte sich das Phänomen übrigens aus dem Geräusche einer Quelle zu erklären, welche von der steilen Wand des Speikkogels in das Felsenthal herabsprudelt, wobei nach seiner Meinung die Schallstrahlen durch die sich von drei Seiten erhebenden Felswände und deren vielfache Vorsprünge tausendfältig zurückgeworfen und gerade dort, wo man die Töne hört, in einem Brennpunkte so vereinigt werden sollen, daß sie harmoniren und das Phänomen eines Geläutes erzeugen.

Es soll nun gewiß nicht behauptet werden, daß in dem Sprudeln, Murmeln und Brausen des Wassers wirkliche musikalische Töne nicht enthalten wären, die nicht auch unter Umständen durch zurückwerfende Felswände concentrirt und zu einem „Gesange der Quellnymphen“ oder der Wellennixen, wie in der Fingalsgrotte von Staffa, verdichtet werden könnten.

Nach den vor neun Jahren (1873) angestellten Untersuchungen von Albert und Ernst Heim hat das Brausen und Rauschen der Wasserfälle die Eigenthümlichkeit, daß in ihm stets der C-dur-Dreiklang (C, E, G) und daneben das tiefere, nicht zum Accord gehörige F gehört wird. Bei großen donnernden Wasserstürzen übertönt das F die übrigen Klänge und dringt schon von ferne um die Felsecke oder über den Wald zu den Ohren des sich nähernden Besuchers. Bei weniger brausenden Fällen tritt besonders das C deutlich hervor, und neben ihm G; je nach den Eigenarten des Falles ist der eine oder der andere Ton vorherrschend hörbar, sodaß jeder Wasserfall seine eigene Musik hat.

Die genannten Beobachter konnten diese vier Töne bei allen Wasserfällen mitunter in verschiedenen Octaven heraushören, und daraus entspringen für den Besucher eigenthümliche Folgen: Wenn man am Ufer eines rauschenden Wassers ein Lied in anderer Tonart als C-dur zu singen versucht, so entstehen sehr häßliche Dissonanzen zwischen dem Gesange des Menschen und dem des Wassers, sodaß unbewußt Niemand am rauschenden Wasser anders als in C-dur, und wenn der Strom recht gewaltig donnert, in F-dur zu singen versuchen wird. Es ist anders kaum möglich.

Den geneigten Leser wird es vielleicht überraschen, zu erfahren, daß nach den 1857 veröffentlichten Untersuchungen des bekannten englischen Physikers Tyndall diese Töne viel weniger durch das Aufschlagen der stürzenden Wassermassen als durch das Zerplatzen der zahllosen mit zusammengedrückter Luft gefüllten Bläschen, welche [si]e erzeugen, hervorgebracht werden. Das heißt also mit anderen Worten: das Schäumen der Wassermassen ist die nächste und hauptsächlichste Ursache des Gebrauses derselben; es finden gleichsam unendlich viele kleine Explosionen statt, die sich in schneller Aufeinanderfolge zu theilweise musikalischen Tönen an einander reihen.

Wahrscheinlich hängt aber mit den musikalischen Tönen des fallenden Wassers noch eine andere bekannte Erscheinung zusammen, nämlich das Vorkommen rhythmischer Zusammenziehungen und Erweiterungen fallender Wasserstrahlen, die ihnen eine gewisse Aehnlichkeit mit gewundenen oder geflochtenen Schnüren geben und für Musik, wie schon Savart beobachtete, äußerst empfindlich sind. Man sieht diese Anschwellungen der Wasserstrahlen, wenn man auf der Geige (selbst in einiger Entfernung) langgezogene Töne spielt, eigenthümlich sich ballen und aus einander rücken, sodaß der Wasserstrahl einem Bambusstock mit dicken Knoten ähnlich wird.

Wir müssen es künftigen Untersuchungen überlassen, zu entscheiden, ob bei dem „Geläut der schwanbacher Alpen“, wie das Phänomen bei den Umwohnenden heißt, wirklich die Musik des kleinen Wasserfalls mitwirkt, oder ob, wie unser Correspondent glaubt, dort dieselben Ursachen das Geläut hervorrufen, wie im singenden Thal von Thronecken. Da das betreffende Gebirgsthal leicht von mehreren Seiten mit der Bahn zu erreichen ist und überdem in einer an Naturschönheiten reichen Gegend liegt, so wird sich hoffentlich bald ein Physiker finden, der, den Naturgenuß mit dem Studium verbindend, uns darüber weitere Aufklärung verschafft.

Ebenso dürfen wir dies hoffentlich bald für das singende Thal von Thronecken erwarten, welches von drei Universitäten aus leicht und schnell zu erreichen ist. Klare Spätherbst- oder Frühjahrstage mit herrschendem Südwest und niedriger Temperatur dürften den Besuchern, nach den Beobachtungen Reuleaux’, die meiste Aussicht gewähren, die Musik gegen Mittag selbst zu vernehmen, während die der Broschüre desselben beigegebene Terrainkarte als Wegweiser dienen kann.

Carus Sterne.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ilwolf