Hauptmenü öffnen

Musik der Berge und Thäler, Wälder und Wüsten (2)

Textdaten
<<< >>>
Autor: Carus Sterne
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Musik der Berge und Thäler, Wälder und Wüsten. II.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 718–720
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: „Akustische Naturerscheinungen“ und ihre physische Erklärung
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[718]
Musik der Berge und Thäler, Wälder und Wüsten.
II.
Der tönende Berg (Gebel Nakus) am Sinai. – Die Musik der Granitfelsen am Orinoko und die Memnonssäule. – Streit der Gelehrten über die Entstehung dieser Töne und neue Beobachtungen – Ein „Bramador“ (Schreier) genannter Berg in Chile. – Trompetenartige Töne der Sanddünen in der Wüste nach den Beobachtungen von O. Lenz.


Im ersten Artikel wurde bereits auf die eigenthümlichen Schwierigkeiten hingedeutet, welche die richtige Erklärung akustischer Naturerscheinungen bietet, deren Ursprung man weder mit den Augen sehen, noch mit den Händen greifen kann. Für diese Thatsache liefert der in den letzten Jahren auf Grund einiger neuen Besuche wieder vielfach in naturwissenschaftlichen und belletristischen Journalen, sowie in gelehrten Vereinen besprochene Glockenberg (Gebel Nakus) am Sinai einen höchst merkwürdigen Beleg, sofern er sich nicht nur durch den Streit um den Ursprung seiner Töne als ein Seitenstück zum singenden Thale von Thronecken darstellt, sondern sogar zeigt, wie neuere Besucher trotz der ihnen wohl bekannten richtigen Erklärung immer wieder nach anderen Deutungen suchen, sodaß für den unbefangenen Leser die Frage wirklich zweifelhaft werden kann, wie sie denn auch selbst in naturwissenschaftlichen Journalen neuerdings von einem sehr verkehrten Standpunkte behandelt worden ist. Angesichts der hierüber kürzlich vielfach in die Oeffentlichkeit gedrungenen falschen Auffassungen halte ich es daher für angezeigt, auf die nicht uninteressante Geschichte der Ergründung dieses Naturwunders ausführlicher einzugehen.

Der Glockenberg oder Gebel Nakus ist, seitdem man im Anfange unseres Jahrhunderts durch Seetzen nähere Kunde von ihm erhielt, sehr häufig sowohl von Naturforschern wie von Touristen und Bibelforschern besucht worden, wozu freilich seine Lage zwischen zwei Wallfahrtsorten verschiedener Pilgerclassen viel beigetragen hat. Der eine dieser Wallfahrtsorte ist der Sinai, welcher stets Schaaren von jüdischen, christlichen und mohammedanischen Pilgern angezogen hat, der andere das armselige Fischerdorf Tor oder Tur am rothen Meere, welches wieder und wieder naturforschende Pilger zu sich lockte, weil das Ufermeer hier die herrlichsten Korallenklippen und eine Menge von darin hausenden Thieren darbietet, die (wie die gesammte Fauna des rothen Meeres) von denjenigen des Mittelmeeres, trotz des unbedeutenden, sie trennenden Erdstriches von Grund aus verschieden sind. Hier haben daher nach einander Ehrenberg, Frauenfeld, Ransonnet, Häckel, Panzeri und viele andere Zoologen ihr Arbeitsfeld aufgeschlagen und reiche Ausbeute gefunden. In einer Tiefe von zehn bis zwanzig Fuß erblickt man in dem krystallklaren Wasser unter dem Boote eine Thierwelt, die in ihrer Farbenpracht dem herrlichsten Blumengarten gleicht oder ihn vielmehr weit übertrifft. Häckel hat auf einer Farbentafel seines Prachtwerkes über die „Arabischen Korallen“ (Berlin 1876) versucht, uns diesen feenhaften Anblick im Bilde wiederzugeben. Der Hafendamm, ja das ganze Dorf ist aus den schneeweißen Skeleten von Korallen aufgebaut, und herrliche, wunderbar zierliche Blöcke dieser aus dem Meere gefischten Bausteine liegen überall umher. Manche der elenden Hütten dieses Ortes birgt in einer einzigen Wand, wie Häckel sagt, eine größere Sammlung von schönen Korallenarten, als sie in vielen europäischen Museen zu finden ist.

Natürlich haben verschiedene der mit der Untersuchung dieser herrlichen Meeresfauna beschäftigten Naturforscher auch den nur drei Meilen weit entfernten Glockenberg besucht, und namentlich verdanken wir dem berühmten Naturforscher Ehrenberg, welcher 1823 hier zoologischen Studien oblag, die genaueste Untersuchung des Phänomens. Außerdem ist er vielfach von Sinai-Reisenden, denen er sozusagen am Wege lag, aufgesucht worden, und als solche waren Seetzen, Gray, G. H. von Schubert, Wellstedt, Palmer und viele andere weniger bekannte Reisende dort, die uns mehr oder weniger ausführliche Schilderungen des tönenden Berges hinterlassen haben. Es ist ein nur wenige tausend Schritte vom Ufer entfernter, höchstens dreihundert Fuß hoher, steiler Sandsteinkegel, der etwas aus der hinter ihm belegenen höheren Gebirgswand hervorspringt und auf seinen beiden Seiten Abhänge von hundertfünfzig Fuß Höhe und so starker Neigung darbietet, daß der durch Verwitterung des porösen Felsens entstehende, sehr gleichmäßig grobe Quarzsand sich eben noch auf demselben im Gleichgewicht erhalten kann, so lange er nicht durch äußere Veranlassung in seiner Ruhelage gestört wird.

Die Erkletterer dieses Felskegels vernehmen ziemlich regelmäßig eigenthümliche, glockenartige Töne, die denen am ähnlichsten sind, welche man durch Anschlagen größerer metallener Lineale oder Teller mit einem hölzernen Hammer erzeugt, wie man sich dieser sogenannten Gong-Gongs oder Tamtams in den chinesischen und arabischen Tempeln und auch in den Sinai-Klöstern statt der Glocken bedient, um die Gläubigen an bestimmten Stunden zum Gebete zu rufen. Die Sage der Beduinen berichtet darnach, daß innerhalb des Felsens ein verzaubertes christliches Kloster liege, dessen Mönche unterhalb der Erde auf wunderbare Art fortleben und deren Nakus- oder Tamtamgeläute man besonders an Sonn- und Feiertagen aus dem Berge vernehme, welcher hiervon seinen Namen erhalten habe. Einzelne Beduinen hätten an bestimmten Tagen den Berg offen gefunden und von den schönen unterirdischen Gärten und Springbrunnen daselbst Kunde gebracht.

Man sieht, es hat sich hier zur Erklärung der Glockentöne ein Märchen nach Art der arabischen Erzählungen der Scheherazade gebildet, wobei das Katharinen-Kloster am Sinai mit seinen festungsartigen Mauern und seinen schönen, dahinter verborgenen Gärten und Brunnen offenbar als Vorbild gedient hat. Natürlich gelten die in dem Felsen eingeschlossenen Mönche für verdammt, und daher erkläre sich die Wuth, in welche die Kameele gerathen, wenn sie die Töne aus dem Berge vernehmen. Wegen seiner merkwürdigen Eigenschaften und der daran sich knüpfenden Sagen ist der Berg wahrscheinlich schon in früheren Jahrhunderten besucht worden; denn auf den benachbarten Felswänden finden sich koptische, griechische und arabische Inschriften und Namen aus dem alten Geschlechte Derer von Kieselack.

Der erste Europäer, welcher von dem Wüstenwunder Kunde gab und, was noch bemerkenswerther ist, auch sogleich die richtige [719] Erklärung desselben fand, war der treffliche deutsche Reisende Ulrich Jasper Seetzen, welcher im Beginne unseres Jahrhunderts den Orient durchforschte und an einem Junitage dem tönenden Berge einen Besuch abstattete. Es war eine kleine Gesellschaft, die von dem Wunder gehört und mit Mühe den sandigen Abhang bis zu einer Höhe von siebenzig bis achtzig Fuß erklettert hatte, um sich an der Stelle zu lagern, wo die Pilger, den Tönen lauschend, zu verweilen pflegen. Bereits beim Hinaufklettern hatte Seetzen unter seinen Knieen einen eigenthümlichen säuselnden Ton vernommen, der ihn auf die Vermuthung brachte, es sei nicht der Felsberg, sondern vielmehr der auf dem steilen Abhange liegende Sand, der die Töne erzeuge. Aber erst gegen ein Uhr Nachmittags drang ein stärkerer Ton zu den Ohren der Besucher, worauf das Tönen stärker wurde und gegen drei Uhr eine solche Stärke erreichte, daß es, einmal erregt, sechs Minuten anhielt. Der Ton hatte im Beginn große Aehnlichkeit mit dem Geräusche eines Brummkreisels, fiel und stieg aber dabei, wie die Klänge einer Aeolsharfe und ging schließlich in ein lautes Dröhnen über. Um sich zu überzeugen, ob es wirklich nur der trockene Sand sei, welcher, durch den Wind oder durch die Füße der Besucher in Bewegung gesetzt, den Klang hervorbringe, kletterte Seetzen nunmehr mit größter Anstrengung bis zu dem höchsten Theile des Sandabhangs hinauf und glitt dann so schnell, als er konnte, hinunter, indem er zugleich mit Händen und Füßen den Sand in Bewegung zu setzen versuchte. Der Erfolg übertraf seine Erwartungen bei Weitem; denn der unter ihm fortrollende Sand brachte ein solches Getöse hervor, daß der ganze Berg in einem schreckenerregenden Grade zu beben und bis in seine Grundtiefen erschüttert zu sein schien. Schon damals verglich Seetzen die lange, allmählich in Bewegung gesetzte Sandschicht mit einem riesenhaften Violinbogen, der über die rauhe Unterlage hinabstreicht und sie in tönende Schwingungen versetzt. Wir werden bald erfahren, wie sehr dieser Vergleich das Richtige trifft.

Fast um dieselbe Zeit, in welcher diese Beobachtungen von Seetzen angestellt wurden, hatte Alexander von Humboldt am Orinoko die von den Eingeborenen für verzaubert gehaltenen musikalischen Felsen (loxas de musica), Granitfelsen, aus denen bei Sonnenaufgang orgelartige Klänge hervorbrechen, besucht und diese Töne von den starken Temperaturunterschieden abgeleitet, welche dort zwischen Nacht und Morgen sich fühlbar machen und nach seiner Meinung in den tiefen Spalten des Granits tönende Luftströmungen erzeugen sollen.

Humboldt wandte seine übrigens durch nichts näher bewiesene Vermuthung alsbald auf die Erklärung jenes Wunders der alten Welt an, welches bereits in den römischen Kaiserzeiten ganze Touristenzüge nach dem alten Theben lockte und über welches man noch im vorigen Jahrhundert dicke Bände geschrieben hat, auf die beim Scheine der Morgensonne ertönende sogenannte Memnonsstatue. Seine Erklärung wurde noch plausibler, als die Mitglieder der Napoleonischen Expedition in Aegypten, Jomard, Jollois und Devilliers, in einem granitnen Monumente unweit Karnak bei Sonnenaufgang einen Klang vernahmen, wie den einer springenden Saite, mit welchem schon der alte Pausanias den Klang der Memnonssäule verglichen hatte. Man wollte nun diese Erklärung alsbald auch auf die Töne des Glockenberges anwenden, indem man annahm, der Wind bringe die Töne in seinen Felsspalten hervor.

Wir wollen nur im Vorbeigehen bemerken, daß uns die Humboldt’sche Erklärung des Tönens der nächtlich abgekühlten Felsen in der glühenden Morgensonne der Tropen sehr unwahrscheinlich erscheint, und daß es viel näher liegt, an jenes von Afrika- und Orientreisenden – ich nenne Wetzstein, O. Fraas und Livingstone – wiederholt mit Auge und Ohr wahrgenommene oberflächliche Zerspringen und Absplittern der Steine durch den jähen Temperaturwechsel zu denken. Wie dem auch sein mag, daß jedenfalls das Tönen des Glockenberges nichts mit Luftströmungen zu thun hat, bezeugte bald darauf der Professor Gray aus Oxford, der den Berg wiederholt besuchte. Er konnte lediglich Seetzen’s Beobachtungen bestätigen, suchte vergeblich an dem Felsen nach Luftspalten[WS 1] und hörte den Berg an zwei verschiedenen Tagen bei völlig ruhiger Luft tönen. Dasselbe bestätigte der berühmte Naturforscher Ehrenberg, welcher den Berg 1823 besuchte. Die Reisenden hörten bei jedem Schritt eine kleine Verstärkung des Tones, welcher immerfort mit der Menge des in Bewegung gesetzten Sandes lawinenartig anschwoll und endlich eine Stärke erreichte, welche Ehrenberg mit einem fernen Kanonendonner verglich. Als alle Personen die Sandschicht verlassen hatten, erlosch das Geräusch allmählich an allen Punkten.

Ehrenberg hat darauf das Phänomen genau analysirt und die Mächtigkeit der Schlußwirkung durch die Anhäufung kleiner Wirkungen ähnlich wie beim Lawinensturz erklärt. Die ungefähr 150 Fuß hohe und unten ebenso breite Sandfläche erhebt sich unter einem Neigungswinkel von fünfzig Grad und ruht daher mehr auf sich selbst, als auf dem Felsen, der ihr nur ein schwaches Anlehnen gestattet. Der Sand ist grobkörnig und aus sehr reinen gleichmäßigen Quarzkörnchen von 1/6 bis ½ Linie Durchmesser gebildet. Die große Hitze dörrt den Sand am Tage bis auf eine gewisse Tiefe aus (während derselbe allnächtlich vom Thau durchfeuchtet wird) und macht ihn dann ebenso trocken wie klangfähig. Wird nun durch das tiefe Einsinken eines menschlichen Fußes ein leerer Raum im Sande gebildet, so wird dadurch die ganze über diesem Punkte befindliche hohe Sandschicht ihres Stützpunktes beraubt und beginnt langsam in ihrer ganzen Länge sich in Bewegung zu setzen. Durch das seitliche Zufließen des Sandes und die wiederholten Tritte gelangt endlich ein großer Theil der gesammten Sandschicht des Abhanges in Bewegung und bewirkt durch die Reibung auf den darunter liegenden ruhenden Theilen ein Geräusch, welches aus einem Summen in ein Murmeln und endlich in ein Dröhnen übergeht und um so überraschender ist, als man von dem Rieseln und der allgemeinen Bewegung der oberflächlichen Sandschicht nicht viel sieht. Nach dem Aufhören der Störungen nimmt allmählich auch das Rutschen ab, je nachdem sich die Lücken wieder geschlossen, die Sandsäule unten eine stärkere Basis erhalten und wieder in eine Ruhelage zurückgekehrt ist.

Ich bin, wie gesagt, nochmals so ausführlich auf diese wohlbegründete Erklärung eingegangen, weil in den letzten Jahren deutsche Reisende, Th. Löbbecke und H. Palmé, nach ihren eigenen Beobachtungen sich von Neuem ganz entschieden gegen die Seetzen’sche Erklärung ausgesprochen haben. Löbbecke hat darüber in den Sitzungen der Niederrheinischen Gesellschaft für Naturkunde (März 1880) einen Bericht gegeben, nach welchem bei seinem Besuche alles Laufen, ja Löchergraben im Sande vergeblich gewesen sei, bis sich gegen Abend der Wind erhob und das Phänomen nun mit aller Stärke eintrat.

Ganz Aehnliches erlebte Palmé zum großen Erstaunen des von ihm gemietheten Negers, der unterwegs unaufhörlich versichert hatte, er und kein Anderer sei der Beherrscher des Berges und er allein könne den darin wohnenden Teufel zum Singen bringen. Aber all sein Toben und Steinewerfen war vergeblich; der Berg blieb stumm, und das Vibriren begann erst, als sich ein leichter Wind erhob. Palmé giebt daher ebenfalls die Sandtheorie auf und nimmt an, daß sich in dem Berge große von außen nicht sichtbare Höhlungen befinden, aus welchen durch die brennende Sonne oder den Wind angeregte Luftströmungen hervorbrechen und das Gewölbe des Berges in Vibration versetzen – mit einem Worte: er kehrt zu der Humboldt’schen Erklärung zurück.

Es kann wohl kein besseres Beispiel geben, um die Schwierigkeiten darzulegen, die sich der Auflösung akustischer Naturräthsel entgegenstellen. Und doch liegt die Erklärung der abweichenden Erfahrungen der beiden letztgenannten Beobachter so außerordentlich nahe. Palmé selbst erwähnt, daß der Sand an dem Morgen seines Besuchs stark vom Thau durchfeuchtet war. Schon der Reisende Wellstedt hat nun bemerkt, daß der Sand am Gebel Nakus, wenn er durchnäßt ist, auf keine Weise zum Tönen gebracht werden kann; bei trocknem Sande hörte er dagegen das Dröhnen so stark, daß es dem Donner gleich kam, wobei die Treiber nur mit Mühe die auf dem zitternden Boden wildgewordenen Kameele bändigen und festhalten konnten.

Der englische Reisende M. A. Palmer bemerkt in seinem 1871 gedruckten Werke über die Wüste des Moses, daß selbst der an schattigen und kühlen Stellen liegende Sand, dessen Temperatur 17° C. betrug, trotz seiner Trockenheit viel weniger gut tönte, als der in der Sonne auf 45° C. erhitzte. Der Wind mag bei den Besuchen Löbbecke’s und Palmé’s die doppelte Wirkung gehabt haben, den nicht ganz trockenen Sand vollends auszutrocknen und außerdem aus mechanischen Gründen seine Beweglichkeit zu erhöhen, sicher liegt aber nicht der mindeste Grund vor, nach diesen [720] beiden verneinenden Berichten die alte, so wohlverständliche und von so vielen scharfsinnigen Beobachtern unterstützte Erklärung zu verlassen.

Wie man sich leicht vorstellen kann, findet das Phänomen des tönenden Sandes nicht blos am Sinai, sondern auch an anderen Orten der Erdkugel statt, wo sich dieselben Bedingungen zusammenfinden: heißes, trockenes Klima, grober Sand und eine stark geneigte Rutschfläche. Während sich Darwin auf seiner Reise um die Welt in Copiapo im nördlichen Chile befand, erzählte man ihm von einem nahen Berge, den die Einwohner „El Bramador“ oder „den Schreier“ nannten, und er erfuhr, daß dieser Berg ganz mit Sand bedeckt sei, und nur dann ein Geräusch von sich gäbe, wenn Personen ihn erkletterten und dabei den Sand in Bewegung setzten. Die neueste Beobachtung des tönenden Sandes rührt von dem Afrikareisenden Oscar Lenz her, welcher die Erscheinung im Winter 1879 bis 1880 auf seiner von Tenduf aus angetretenen Wüstenreise durch das südliche Marokko nach Timbuktu, und zwar in dem Igidi genannten Gebiete der Sanddünen, wiederholt beobachtete.

Es war ein eigenthümliches, erst leise knisterndes Geräusch, welches bald in einen dumpfen, trompetenartigen Schall überging, der in der todtenstillen menschenleeren Wüste ein unheimliches Gefühl erweckte und bald von der einen Stelle der Dünen, bald von einer anderen erklang. Diese Dünen bestehen aus einem groben, trockenen Quarzsand, der sehr leicht in Bewegung geräth. Den Leser aber, der sich nicht vorstellen kann, wie das kleine Geräusch der fallenden Quarzkörnchen zu Trompeten-, ja zu Donnertönen anschwellen kann, müssen wir eben an die sich steigernde Wirkung der kleinen Anstöße und an das rollende Schneekörnchen erinnern, welches, von einem leichten Windhauche, ja von dem Laute einer menschlichen Stimme in Bewegung gesetzt, zur donnernden Lawine anschwillt, welche ganze Wälder und Ortschaften in den Abgrund reißt. Der Hauptunterschied ist der, daß die Bewegung der Sandlawine eine oberflächliche bleibt, weil die Ausdörrung wegen des starken Nachtthaus nur bis zu einer gewissen Tiefe fortschreitet.

Aber wie in dem Ellicot’schen Uhren-Experiment der leise Pendelschlag einer Uhr allmählich eine ganze Bretterwand in Schwingungen versetzt, sodaß eine zweite, entfernt von der ersten aufgehängte und stehende Pendeluhr davon in Gang gesetzt wird, so bringen hier die unzähligen hinabrieselnden Quarzkörnchen trotz ihrer Winzigkeit schließlich den ganzen Berg in Bewegung und erzeugen ein Klangphänomen, welches nach den einstimmigen Schilderungen aller Besucher zu den ergreifendsten Naturerscheinungen gehört, welche dem Weltreisenden winken.

Carus Sterne.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Luftpalten