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Autor: N. N.
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Titel: Militärische Kleinigkeiten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 11–12, 162, 200-202, 341-346
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Logistikfragen bei Armeen
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[11]
Militärische Kleinigkeiten.
Zum Verständniß der Kriegsbegebenheiten.

Wenn zwei, seien es Staaten oder Menschen, sich bekämpfen, so ist es wohl natürlich, daß sie die Stelle angreifen, wo dem Andern am Leichtesten beizukommen; daß sie sich aus dem Gleichgewicht bringen wollen, – daß sie also den Schwerpunkt der gegnerischen Masse aufsuchen und gegen diesen ihre Stöße richten.

Der Schwerpunkt staatlicher Massen liegt nicht sowohl in der Kompaktität dieser Masse selbst, in ihrem absoluten Zahlengehalte, als hauptsächlich in dem relativen Zahlengehalte. Das Verhältniß der Bewohner zur bewohnten Bodenoberfläche, das Verhältniß der Bodenfläche und ihrer Erzeugnisse zur Zahl und Lebensart der Bewohner, das ist der Maßstab, nach welchem die Lebensthätigkeit der Masse ermessen werden kann. Mit der Lebensthätigkeit gehen die Verkehrsverhältnisse Hand in Hand; in den Verkehrsverhältnissen, in ihrer Spannung oder Erschlaffung sind die Kräfte des Staats begründet, und mit ihnen ihre Steigerungsfähigkeit und Verwendbarkeit – mit einem Worte der Reichthum eines Staats an Mitteln.

Diesen, wo nicht zu zerstören, so doch der Art zu erschüttern, daß die Verwendung derselben noch größere Opfer verlangt, als die Erfüllung des feindlichen Willens: das ist das Ziel eines jeden Krieges – und wenn der augenblicklich im Osten Europa’s, jedoch nur scheinbar stillstehende Kampf uns in jeder seiner Phasen großartige Kraftentwickelung zeigt, so liegt Das eben sowohl im Umfange und in der Bedeutung der in Konflikt gerathenen Staaten, als auch in dem Umfange und der Bedeutung der orientalischen Frage für die gesammte sociale Organisation Europa’s.

Daß bei einem Kampfe von so tief in alle socialen Verhältnisse eingreifendem Ziele alle Hülfsmittel aufgeboten werden, welche Kriegskunst und Kriegswissenschaft an die Hand geben, ist naturgemäß, und eine Betrachtung derselben wohl nicht ganz ohne Interesse.


Nr. 1. Die Verpflegung der Armeen.

Man glaubt in der That kaum, mit welchen großen Zahlen die Administration eines Heeres zu thun hat, wenn man nicht selbst einmal gelegentlich hinter die Coulissen geblickt hat. Wer da weiß, wie viel darauf ankommt, ob der Soldat, wenn er sich schlagen soll, gegessen hat, oder nicht satt ist, oder hungert, müde oder kräftig, vom Fieber durchschüttelt, oder von Kampfbegier erhoben, der wird auch dem Ausspruche eines Veteranen beipflichten, der einmal sagte: „Die Grundfäden aller Strategie liegen eben so gut im Magen, wie die erhabensten Gedanken und Handlungen auf dem Begriffe „Satt sein“ fußen.

Mit welchen Schwierigkeiten die Administration eines Heeres zu kämpfen haben kann: davon giebt der Kriegsschauplatz in der Krim Zeugniß.

Nimmt man das Heer Mentschikoff’s, wie es ungefähr auch besteht, zu 120,000 Mann, mit Einschluß von 30,000 Pferden der Cavallerie und Artillerie an, und berechnet man den täglichen Bedarf

für den Mann:       für Reit- und Zugpferd:
1 Pfd. Zwieback      2 Metzen Hafer,
1/4 Pfd. Speck,      6 Pfd. Heu,
1/4 Pfd. trockne Gemüse,      4 Pfd. Stroh,
1 Loth Salz,
1/4 Kanne Schnaps,

[12] so ergiebt sich derselbe für die Armee:

 120,000 Pfund Zwieback,
030,000 Pfund Speck,
030,000 Pfund trockne Gemüse,
004,000 Pfund Salz,
030,000 Kannen Schnaps (mindestens 50,000 Pfd. wiegend),
060,000 Metzen Hafer (3750 Scheffel, à 95 Pfund = 356,250 Pfund),
180,000 Pfund Heu,
120,000 Pfund Stroh.

Es repräsentirt demnach der tägliche Bedarf eine Last von 850,000 Pfund, oder von 340 zweispännigen Wagenladungen zu 2500 Pfund. - Es wachsen daher dem Bedarfe für jeden Tagesmarsch, den die Verpflegung auf der Achse zurücklegen muß, Futter für 680 Pferde, Ration für mindestens 350 Mann zu, und beträgt dies für eine Entfernung von 40 Meilen, welche im günstigsten Falle in 11 Märschen von der Verpflegungskolonne zurückgelegt werden würde, einen Zuwachs von

 3850 Pfund Zwieback,
9621/2 Pfund Speck,
621/2 Pfund trockene Gemüse,
120 Pfund Salz,
9621/2 Kanne Schnaps,
14,960 Metzen Hafer (935 Scheffel),
44,800 Pfund Heu,
29,920 Pfund Stroh.

Dieser Zuwachs ist für einen jeden Tag Transport also mindestens auf 1,82, weit eher jedoch auf 2, ja wohl gar 2,5 Prozent des Bedarfes zu setzen.

Die Schlußfolgerung liegt nahe, daß eine Armee, welche per Achse ihre Verpflegsbedürfnisse aus der Ferne bezieht, in hohem Grade von der Wegsamkeit des zwischenliegenden Landes, wie von der Nachhaltigkeit der eröffneten Hülfsquellen abhängt; auf die Jahreszeit, den nöthigen Ersatz, die Ungleichmäßigkeit der Kraftleistung etc. Rücksicht nehmend, kann man jedoch die Verpflegs-Kolonne, so täglich bei dem russischen Heere eintreffen muß, nicht unter 500 zweispännige Fahrzeuge veranschlagen. - Die Wegsamkeit der südrussischen Steppen, durch welche ein großer Theil, wo nicht Alles des Nachschubes an Lebens- und Lagerbedürfnissen der Armee des Fürsten Mentschikoff dirigirt werden muß, hängt eben so sehr von der Jahreszeit ab, wie die Fahrbarkeit des schwarzen Meeres, schleudert hier der Sturm Schiffe an die felsige Küste, – so begräbt ein einziges Schneewetter leicht einen ganzen Transport.

Dies Verhältniß wird um so ungünstiger, je mehr die russische Armee auf das tägliche Eintreffen von Lebensmittel-Convois angewiesen ist, je weniger eine kurze, günstige Zeit dazu benutzt werden kann, große Vorräthe an Ort und Stelle zu bringen. – Hierzu eignet sich allerdings allein der Transport zur See; – ein Schiff von 300 Tonnen, was ungefähr einen mäßig großen Kauffahrer bezeichnet, hat ein Tragvermögen von 600,000 Pfund. - Rechnen wir die Armee der Alliirten in der Krim 75,000 Mann mit 3000 Pferden, so ergiebt der tägliche Bedarf an:

 150,000 Pfund Brot,
37,500 Pfund Fleisch,
18,750 Pfund trockene Gemüse,
2,350 Pfund Salz,
18,750 Kannen Wein (mindestens 30,000 Pfund),
37,500 Pfund Stroh zur Ergänzung des Lagerstrohes, pro Mann täglich 1/2 Pfund oder in 8 Tagen 4 Pfund,
375 Klaftern 6/4 ellig weiches Scheitholz zu Wärme- und Kochfeuern, auf 200 Mann täglich eine Klafter gerechnet (14,000 Cubikfuß oder circa 90,000 Pfund),
6,000 Metzen Hafer (375 Scheffel = 35,625 Pfd.),
18,000 Pfund Heu,
12,000 Pfund Stroh,

demnach in Hauptsumma 421,725 Pfund. Es erscheint sonach weit leichter in Balaklava einen mehrwöchentlichen Vorrath anzuhäufen, als in Simferopol, und wenn man annimmt, daß die Bedürfnisse der russischen Armee zweifelsohne ihren Hauptdepot in Ickaterinostan haben, also in gerader Linie 50 Meilen, oder ungefähr 15 Tagemärsche von Simferopol, so stehen die Alliirten selbst bei einer Verproviantirung von Toulon oder Malta aus im Vortheil, da man von Toulon bequem in acht, von Malta in sieben Tagen die Bucht von Balaklava erreicht.

[162]

Die Krim aus der Vogelschau.

Die Gartenlaube (1855) b 162.jpg

Kriegslager bei Sebastopol.
A. Engländer. – F. Franzosen – T. Türken – R. Russen.

[200]
Nr. 2. Die kriegführenden Mächte.
(Mit Abbildung.)

Rußland umfaßt 343,240 Q.-Meilen: nehmen wir Großbritannien, Frankreich und die Türkei zusammen, mit Einschluß aller Kolonien, so erreicht ihr Gebiet immer erst einen Inhalt von 314,662 Q.-Meilen, was ungefähr 11/12 des Flächenraumes vom russischen Reiche entspricht. – Dasselbe bildet einen ungeheuren Komplex, eine vollständig arrondirte Masse, von welcher die großbritannischen Inseln allein nur den sechzigsten Theil ausmachen. Die Hauptmasse Rußlands jedoch sind seine asiatischen Besitzungen, über 2/3 des Ganzen, über 60,000 Q.-Meilen größer als Europa. - Sind England, Frankreich und die Türkei mit ihren außereuropäischen Besitzungen durch Oceane und Meere verbunden, so ist Rußland in seinen Theilen mehr durch die ungeheuren Flächen, durch den Gebirgszug des Ural, wie durch die klimatischen Verhältnisse getrennt, – und während der europäische Kontinent bis zur Prasna von zahlreichen Verkehrslinien durchkreuzt ist, welche die innere Entwickelung desselben gewaltig fördern, so ist Rußland – ein Giied asiatischen Lebens und Verkehrs – blos durch vier große Handelsstraßen durchschnitten, welche man mit Recht wohl Karavanenstraßen nennen könnte. Wenngleich ein vollständig entwickeltes Kanalsystem dem Verkehr die größte Unterstützung bietet, so ist doch Rußlands Verkehr im Vergleich zu dem seiner Gegner nur 2/25 des Ganzen. Wenn wenn Großbritanniens Verkehr die Summe von 100 Mill. Pfund Ster. an Einfuhr und von 180 Mill. Pfund Sterl. an Ausfuhr repräsentirt, Frankreichs Einfuhr 44 Mill. Pfund Sterl. und Ausfuhr 547/10 Mill. Pfund Sterl., der Türkei Einfuhr 12 Mill. Pfund Sterl., Ausfuhr 105/10 Mill. Pfund Sterl., so ist Rußlands Einfuhr nur 166/10 Mill. Pfund Sterl., Ausfuhr 16 Mill. Pfund Sterl., so daß sich seine Handelsbewegungen nur als 2/17 der Großbritanniens ergiebt.

Im Zusammenhange mit der Verkehrsentwickelung steht natürlich die Bevölkerung. Wenn Rußland in Europa eine Durchschnittsbevölkerung von 800 Köpfen auf die Q.-Meile hat, so zählt Großbritannien in Europa 4792 Köpfe, Frankreich 3630, die Türkei 1270 Köpfe auf die Q.-Meile, und bleibt man bei der europäischen Bevölkerung stehen, so repräsentirt die Handelsbewegung Großbritanniens 10 Pfund Sterl., Frankreichs 25/10, der Türkei 19/10, Rußlands 5/10 Pfund Sterl. auf den Kopf. – Die europäische Gesammtbevölkerung von Rußland ist ungefähr 54 Millionen, die von Großbritannien 271/4 Millionen, von Frankreich 351/2, von der Türkei 121/2 Millionen. Vergleicht man die Bevölkerungsdichtheit und die Verkehrslebendigkeit, so könnte man annähernd die Leistungsfähigkeit auf die Q.-Meile bei Großbritannien 48, bei Frankreich 9, bei der Türkei 24/10, bei Rußland 4/10 nennen, – und abgesehen von allen andern Verhältnissen, betrüge sie hiernach für Großbritannien (477,792) 131/4, für Frankreich (87,732) 21/4, für die Türkei (41,294) 11/7, für Rußland (36,046) 1.

Dieser Faktor erleidet durch die Produktionsfähigkeit eines jeden Staates eine bedeutende Abänderung, ingleichen für den speziellen Fall durch die Lage des Landes zum Kriegsschauplatz, – ob nämlich die Leistungsfähigkeit in ihrem vollen Umfange sofort auf demselben in Anwendung kommen kann oder nicht.

Die Produktionsfähigkeit ist annähernd:

Edle Metalle: Eisen:
Großbritannien  80,000 Pfd. 3 Millionen Tonnen.
Frankreich 5000 Pfd. 600,000 Tonnen.
Türkei unbedeutend. unbedeutend.
Rußland 118.000 Pfd. 200,000 Tonnen.
Getreide-Einfuhr: Menschen (Wachsth. d. Bev.)
Großbritannien 3 Mill. Pfd. St. 34/7 % od. jährl. 300,000.
Frankreich 13/4 Mill. Pfd. St. 1/2 % od. jährl. 188,800.
Türkei Ausfuhr: 1/2 Mill.[1] unbedeutend.
Rußland Ausfuhr: 62/3 M. Pf. St. 1/4 % od. jährl. 135,000.

Es ergiebt sich aus Vorstehendem ungefähr folgendes Resultat: Rußland, welches eine bedeutende Masse edler Metalle erzeugt, aber in Bezug des Eisens und der ganzen Eisenindustrie an das Ausland gewiesen ist, hat wohl hinreichende Bevölkerungszunahme, um einen mehrjährigen Kampf führen zu können; da jedoch ein großer Theil seiner Produktion (Getreide etc.) auf den Export gewisen ist, kann es einen längeren Kampf nicht führen, ohne seine inneren Verhältnisse nicht gänzlich zu zerrütten.

Großbritannien und Frankreich, welche nahezu 5/6 der von Rußland erzeugten edlen Metalle selbst produziren, und eine Bevölkerungszunahme von jährlich über 450,000 Menschen nachweisen können, sind in dem großen Vortheil, daß ihre Verkehrsverhältnisse mit Ausnahme einer einzigen Richtung dieselben bleiben, daß sie vollständig unabhängig von jeder fremden Industrie sind, und von überseeischen Märkten das Getreide zu beziehen vermögen, das an ihrem Bedarf fehlt. Sie sind im Stande, einen jahrelangen Krieg zu führen, welcher nicht ohne Resultate sein wird, sobald Führung und innere Organisation die Fehler vermeiden lassen, welche bis jetzt geschehen.

Die Türkei leidet am meisten durch den Krieg, da sie weder edle Metalle noch Eisen in bemerkenswerther Quantität erzeugt.

[201] 
Die Gartenlaube (1855) b 201.jpg

Das Innere einer Parallele auf der französischen Linie.

[202] Ihr Getreidehandel, wie ihr Getreidebau liegen zum großen Theile darnieder, – und kraftlos, wie sie ist, wird sie vor Allem dem Kriege als Opfer fallen.

Vorläufig aber dauert der Kampf vor Sebastopol noch mit der alten Heftigkeit fort. Die Aliirten, so sehr man auch ihre Thätigkeit und Tapferkeit anerkennen muß, haben wenig Fortschritte gemacht und der oft avisirte Sturm läßt jetzt nach sechs Monaten noch auf sich warten. Indeß ist nicht zu leugnen, daß die Belagerung mit mehr Ernst betrieben wird, seitdem die Franzosen die bisher von den Engländern besetzten Positionen eingenommen haben. Ihre Laufgräben und Parallelen (Verbindung zwischen zwei Laufgräben) rücken rasch vorwärts, die Batterien werden schneller armirt, die Feldposten sind aufmerksamer und machen die russische Spionage fast unmöglich. Einzelne Affairen in letzter Zeit beweisen, daß man sich ernstlicher schlägt, als sonst.

Der Künstler giebt uns heute eine Abbildung der letzten französischen Parallele, welche am Weitesten an die Festung vorgerückt ist. Man sieht die Brustwehr ist von Schanzkörben gebildet, die mit Erde und Sandsäcken belegt sind. Hier und da sind kleine Löcher angebracht, damit die Scharfschützen auf den Feind zielen können, ohne von diesem bemerkt zu werden. An dem durch die Schanzen gedeckten Wege arbeiten eine kleine Anzahl Soldaten eifrig mit Spitzhacke und andern Werkzeugen an der Durchbrechung des Felsens zur Fortsetzung der Laufgräben. Für einen thätigen Soldaten ist das Leben hinter solcher Brustwehr ein langweiliges und ermüdendes, das wenig Annehmlichkeiten und eben so wenig Ruhm bietet.

[341]
Die Gartenlaube (1855) b 341.jpg

Pelissier.
Befehlshaber der französischen Armee im Orient.

[345]
Zum Verständniß des Kampfes vor Sebastopol.
Militairische Kleinigkeiten Nr. 3.

Die regelrechte Belagerung einer Festung besteht aus so einer Menge einzelner Handlungen, fußt auf so Vielem, was erst in der Technik und in der Wissenschaft begründet worden ist und sich entwickelt hat, daß es wohl gerechtfertigt ist, hier ein Wenig ausführlicher zu werden.

Sie besteht ihrem Wesen nach in dem langsamen, aber sichern, durch alle Hülfsmittel der Kunst unterstütztem Vorgehen des Angreifers gegen den angegriffenen Platz, in der Bemächtigung der

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Außenwerke, in der Errichtung verschanzter Batterien vor und auf diesen und in der Zerstörung der Vertheidigungsmittel und Vertheidigungswerke dergestalt, daß die auf das Aeußerste zurückgedrängte Vertheidigungskraft die Vertheidigung aufgiebt oder eine in den Werken erzeugte Lücke (Bresche) den Sturm ermöglicht.

Ehe der Angreifer zur Belagerung vorschreitet, unternimmt er die Berennung, wie man sagt, die vollständige Einschließung der Festung, und ist diese zweifelsohne ein wesentliches Merkmal der regelmäßigen Belagerung, da von einer solchen eigentlich nicht die Rede sein kann, so lange die zu belagernde Festung nur einseitig eingeschlossen ist und ihr eine der wichtigsten Lebensadern, die Verkehrsline nach ihren Hülfsmitteln, offen bleibt. – Die Berennung, der Blokade sehr ähnlich, besteht in der Besetzung aller zur Festung führenden Wege durch ein der Stärke der Besatzung angemessenes Truppencorps, um jedes gewaltsame Eröffnen der dieser verschlossenen Verkehrsrichtung zu verhindern. – Je vollständiger die Abschließung, die Isolirung, einer Festung von ihren Hülfsquellen geschehen kann, um so größer wird die Wahrscheinlichkeit des Erfolges der Belagerung. Je vollständiger diese Abschließung ist, um so mehr wird der ganze Angriff den Charakter der regelmäßigen Belagerung inne halten können, in welchem nach Maßgabe des gegenseitig möglichen Kräfteaufwandes, sich Schritt für Schritt, der vom Belagerer vorwärts geschieht, im Voraus bestimmen läßt, so daß man wohl im Stande ist, unter diesen Verhältnissen eine Wahrscheinlichkeitsrechnung über den Fall einer Befestigung zu unternehmen. – Je weniger vollständig die Einschließung einer Festung geschieht, je mehr ihr also Gelegenheit bleibt, ihre Besatzung durch Nachschube von Außen zu ergänzen oder zu ersetzen, ihre Munitions- und Lebensmittel-Vorräthe zu erneuen, ihr zerstörten Geschütze gegen brauchbare auszutauschen etc. – um so weniger lassen sich die Fortschritte des Angreifers nach dem gewöhnlichen Maaßstabe beurtheilen, – um so weniger wird es aber auch möglich, die einmal errungenen Vortheile in der Art zu benutzen, wie man sie wohl bei einer vollständig eingeschlossenen, von den Geschossen des Angreifers, wie durch entstehende Krankheiten verringerten, durch den eintretenden Mangel geschwächten und von den täglichen Fortschritten des Angreifers wohl leicht entmuthigten Besatzung auszunutzen im Stande ist.

Da man wohl nie vermag, den ganzen Umfang einer Festung auf ein Mal mit Geschütz anzugreifen, so wählt man in der Regel diejenige Seite einer Festung zum Angriffe, welche als die schwächste erscheint, deren Angriff also die meiste Unterstützung in der Gestaltung der Erdoberfläche oder in der Gestaltung und dem Zustande der Festungswerke findet. – Man nennt die Seite, gegen welche der Angriff sich richtet, die –Angriffs-Front–, und da beim Bastionär-System mindestens ein Bollwerk und die zwei nebenliegenden Ravelins oder zwei Bollwerke und des dazwischen liegende Ravelin angegriffen werden, so bezeichnet man diese ebenfalls [346] gewöhnlich als solche. Die auf der Angriffs-Front befindlichen Geschütze zu zerstören ist nun einestheils, die Erzeugung einer gangbaren Sturmlucke anderntheils das Bestreben des Angreifers. Um mit möglichst wenigen Verlusten allmälig bis in und auf die Festungswerke selbst zu gelangen, bedient er sich flüchtig aufgeworfener Schanzen von Erde, welche von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht dem Vertheidiger und seinen Werken näher rücken.

Hat der Angreifer seine größeren und kleineren Depots an Materialien, Handwerkzeug etc., die Parks seiner Geschütze, seine Munitionsvorräthe aufgestellt, so beginnt er die Arbeiten. Erscheint es ihm nothwendig, diese ersteren und mittelbar hierdurch den ungestörten Fortgang der letzteren durch besondere Befestigungsarbeiten zu schützen, so legt er sogenannte Circumvallationslinien zum Schutze derselben gegen Angriffe von Außen, z. B. durch ein Entsatzcorps an. – Die Befestigungen im Rücken der Alliirten, vom Dorfe Kadikoj sowohl auf dem Plateaurande nach Inkerman zu, als auch die östlich von demselben liegenden Verschanzungen zur Sicherung Balaklava’s und seiner Verbindung mit der Armee sind nicht anders zu betrachten, als eine aus einzelnen Werken bestehende Circumvallation. – Der Verlust zweier der östlich von Balaklava liegenden Redouten bedrohte daher die Verbindung der Alliirten mit ihrem Depot und mit ihren Schiffen auf das Ernsteste, und hieraus wird wohl erklärlich, warum die Russen so bedeutende Anstrengungen machten, auf dieser Seite noch mehr Fortschritte zu machen. – Fürchtet der Angreifer besonders starke und nachdrückliche Ausfälle der Besatzung, hauptsächlich gegen seine Materialiendepots, Parks, Munitionsvorräthe etc., so verstärkt er diese durch besonders zu ihrer Vertheidigung angelegte Werke, welche man insgemein als Contravallationslinien bezeichnet. Wenn es auch nicht mehr Brauch ist, die ganze Front des Angreifers mit einem Schanzengürtel umschlossen zu sehen, so verabsäumt derselbe jedoch nie, seine Vorräte etc. gegen jedes Mißgeschick auf das Sorgsamste zu verwahren (siehe Abbildung). [2]

Von der Stellung der Belagerungs-Armee führen Verbindungswege nach den Belagerungsarbeiten.

Ungefähr 150 Ruthen (1300 Ellen) vom Fuße des Glacis wird in einer Nacht, nachdem die nöthigen Vorbereitungen dazu getroffen sind, ein den halben Umfang der Festung in weitem Bogen umschließender Verbindungsweg der einzelnen Angriffsarbeiten angelegt, welchen man die erste Parallele nennt, weil er ungefähr parallel mit dem äußersten Umfassungskreise der Befestigung geht.

Eine jede Parallele besteht aus einem hinreichend breiten, um einige Fuß in die Bodenoberfläche eingesenkten Wege, der dadurch die nöthige Deckung gegen feindliche Geschosse erhält, daß man das gewonnene Erdreich nach der Festung zu aufwirft und so eine mehr oder weniger kunstreiche Brustwehr erhält, die im Nothfalle auch von Infanterie vertheidigt werden kann.

Von der ersten Parallele geht der Angreifer auf den Capitallinien der angegriffenen Werke mittelst der Sape vor. Versteht man hier unter Capitale diejenige Linie, welche die Theilung durch die Spitze desselben bezeichnet, so versteht man andererseits unter Sape alle diejenigen Erdarbeiten, welche Fuß für Fuß vorrücken und unter steter Deckung gegen das feindliche Feuer vom schmalen Graben bis zum geräumigen Verbindungswege sich erweitern. Die Sape, deren verschiedene Gattungen durch entsprechende Beiwörter als flüchtige, halbe, völlige Sape etc. bezeichnet werden, wird von besonders dazu eingeübten Soldaten, den Sapeuren, z. B. dergestalt errichtet, daß der vorderste Sapeur unter dem Schutze eines großen Rollkorbes einen 11/2 Fuß breiten und eben so tiefen Graben aushebt, und die Erde aus selbigem nach der feindlichen Seite zu wirft. Der zweite, dritte und vierte Sapeur erweitern und vertiefen diesen Graben jeder um sechs Zoll, so daß derselbe drei Fuß breit und tief wird und durch die aufgeworfene, an der innern Seite durch aufgestellte Schanzkörbe verstärkte Brustwehr vollständig gedeckt ist. Bei dieser Sape ist es allerdings nothwendig, daß vorher der größere Theil der Festungskanonen zum Schweigen gebracht, da außerdem die anfangs nur schwache Brustwehr zu wenig Schutz gewähren würde.

Noch ist zu erwähnen, daß man die Sape in gebrochener Linie, im Zickzack führt, um keinen Theil derselben einer Seitenbestreichung durch das feindliche Feuer auszusetzen.

Die Parallelen, auch Laufgräben oder Tranchéen genannt, von denen nach hinreichendem Vorschreiten der Sapen eine zweite, am Fuße des Glacis eine dritte und häufig noch zwischen diesen eine halbe errichtet werden, nehmen die Artillerie auf, welche die vorliegenden Festungswerke beschießen, die Infanterie, welche den Gang der ganzen Arbeit gegen die Ausfälle der Belagerten decken soll.

Die in der ersten Parallele errichteten Batterieen sind die Rikochettbatterien. Sie liegen in der Verlängerung der einzelnen angegriffenen Linien und sind bestimmt, ihre Geschosse in höheren, kurzen Bögen zu schleudern, so daß dieselben die auf den Wallgängen befindlichen Traversen überspringen und die dazwischen stehenden Geschütze zerstören oder unbrauchbar machen.

in die zweite Parallele legt man die Demontirbatterieen. Fassen die Rikochettbatterien die angegriffenen Geschütze von der Seite, so greifen sie diese in der Front an; bestehen die ersteren meist nur aus drei Geschützen, so zählen diese meist acht; schleudern die ersteren meist Hohlgeschosse, so schießen diese Vollkugeln von 24 und mehr Pfunden Gewicht. Die Demontirbatterieen schießen gegen die feindlichen Scharten und zerstören diese wie die hinter ihnen aufgestellten Geschütze.

In der dritten, wie auf den Kapitalen in der ersten und zweiten und in den halben Parallelen werden Mörserbatterieen angebracht, um den inneren Raum der angegriffenen Werke mit Hohlgeschossen zu überschütten.

Ist der Angreifer bis an das Glacis vorgedrungen, so bemächtigt er sich desselben, um auf seinem Kamme die Breschbatterieen anzulegen. Sie liegen den angegriffenen Werken, nur durch den Graben getrennt, gegenüber, und bringen die Geschütze derselben vollends zum Schweigen, während sie zu gleicher Zeit den Wall derart durch ihre Geschosse zerstören, daß der Sturm desselben möglich wird.

Oft zwingen die Anstalten des Vertheidigers, die Abschnitte in den Werken, zu Wiederholung des Grabenüberganges und zu erneuter Errichtung von Breschbatterien auf den eroberten Werken. Doch wie sich der Angegriffene auch sträube, wie er durch immer neue und kräftige Ausfälle die Arbeiten des Belagerers zu zerstören, seine Fortschritte aufzuhalten suche, ihm fehlt der Ersatz an Mannschaften, Geschützen, Munition und Lebensmitteln, und wenn er nicht so viel Zeit durch seine hartnäckige Vertheidigung gewinnen kann, daß Entsatz von Außen ihm komme - - die Hülfsmittel des Angreifers sind bei der regelmäßigen Belagerung denen des Vertheidigers dergestalt überlegen, daß sich nach dem Verluste des Glaciskammes der Zeitpunkt wohl berechnen läßt, bis zu welchem eine Festung noch Widerstand zu leisten vermöge.

Angriff und Vertheidigung von Festungen haben durch Anwendung der Minen ein Element in sich aufgenommen, welches die Hartnäckigkeit, das Furchtbare in der äußern Erscheinung beider nicht wenig steigert. Zu dem Kriege über der Erde gesellt sich ein Kampf, der oft in den Minengängen schon blutig genug wird, dessen Hauptäußerung aber sich in Explosionen kund giebt, welche ganze Werke zerstören, riesige Gebäude in Schutthaufen verwandeln, und Hunderten von Menschen das Leben kosten.

Noch haben vor Sebastopol wenig Minen gespielt. – Aber diesem Kampfe, welcher in seiner ganzen Entwickelung alle Hülfsmittel der Kriegskunst aufbietet, um einestheils die Zerstörung und Einnahme dieses Waffenplatzes zu erringen, anderntheils sie auf’s Nachdrücklichste zu verhindern, wird es auch nicht an dieser Erscheinung fehlen, so wie die Arbeiten der Belagerer dem Kamme des Glacis näher rücken. – In dieser letzten Periode pflegt der Vertheidiger alle seine Hülfsmittel aufzubieten, um die Besitznahme, das Logement auf dem Glacis, zu verhindern und zu verzögern. – Der Kampf um Sebastopol hat schon Hunderttausende verlangt; es werden keine geringen Opfer sein, die noch von beiden Seiten werden gebracht werden, ehe die Stunde der Entscheidung schlägt.



  1. Die Ausfuhr an Getreide könnte im türkischen Reiche bei nur einiger Entwickelung der vorhandenen günstigen Vorbedingungen auf das 5-10fache gesteigert werden.
  2. Um den Lesern ein deutliches Bild einer regelrechten Belagerung zu geben, fügen wir eine Abbildung bei, die in übersichtlicher Weise veranschaulicht, was wir in Worten nur kurz andeuten können.