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Textdaten
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Autor: G.
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Titel: Meine Fledermaus
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 48
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[48] Meine Fledermaus. Während meiner Universitätsjahre hielt ich mir häufig zum Behufe anatomischer und physiologischer Studien Thiere der mannigfaltigsten Arten, deren Lebensweise ich auch wohl längere Zeit beobachtete. – Eines Abends verirrte sich eine Zwergfledermaus (Vespertilio pipistrellus) in mein Zimmer und wurde wohlbehalten eingefangen. In der irrigen Meinung, daß die Fledermäuse Speck fressen, gab ich ihr dieses Futter, aber sie rührte es nicht an und war nach zwei Tagen dem Hungertode nahe. Eine Fliege, die ich dem zum Sterben schwachen Thierchen hinhielt, wurde mir begierig aus der Hand genommen und verschluckt. Von nun an fütterte ich die Fledermaus mit Fliegen, die ich sie, aus meiner Hand sitzend, theils an den Fensterscheiben selbst fangen ließ, meist aber ihr lebend hinreichte. Sie fraß am Tage nichts, sondern schlief sehr fest in einem dunkelen Winkel meines Büchergestelles, wo sie sich auf die bekannte Weise, den Kopf nach unten, mit den Hinterfüßen an ein Buch aufhängte und so von Mitternacht bis zum nächsten Abende der Ruhe pflegte. Erst bei anbrechender Abenddämmerung kam sie hervor, um Insecten zu fangen. Schon nach wenigen Tagen war sie so an mich gewöhnt, daß sie bei meinem Herankommen ihr Verlangen nach Futter durch pfeifende Töne und Flattern kund gab, wie ein junger Vogel, welcher von den Alten gefüttert wird. Nach einigen Wochen hatte sie sich gewöhnt, nach dem Erwachen von ihrer Schlafstelle aus auf dem Boden zu mir an meinen Arbeitstisch zu kriechen, sie kletterte dann an mir empor, fraß aus meiner Hand eine Anzahl Fliegen und begann von meiner Schulter aus ihren Flug durch die Stube, um dort selbst der Jagd obzuliegen. – An einem jungen Sperlinge, der frei durch das offene Fenster aus- und einflog, hatte sie, wenn sich dieser am Abend noch nicht zur Ruhe begeben hatte, einen Rivalen, welcher mit der diesem Vogel eigenen Dreistigkeit mir immer die für die Fledermaus bestimmten Fliegen mit Gewalt wegzunehmen suchte. Es entspann sich aus dieser Rivalität bald eine tödtliche Feindschaft, in Folge welcher der Sperling einst die kleine Fledermaus durch einen Biß auf den Kopf tödtete, nachdem sie über zwei Monate bei mir gelebt hatte. Eigenthümlich war die Art, wie die Fledermaus mit besonders lebhaften Fliegen verfuhr. Durch einen Schlag mit dem Flügel warf sie die Fliege gegen ihren Bauch, bildete in demselben Momente aus der Flughaut ihres Schwanzes eine Tasche, in welcher nun die Fliege sich abzappelte, und holte aus dieser Falle die Fliege mit ihrem Maule heraus. Die ganze Procedur war das Werk eines Augenblickes, ich habe häufig Gelegenheit gehabt, sie zu beobachten.

Es spricht sehr für die Intelligenz dieses kleinen Thierchens, daß es schon nach wenigen Tagen in mir seinen Wohlthäter erkannte und in so kurzer Zeit bis zu dem beschriebenen Grade gezähmt werden konnte. – Masius in seiner „Thierwelt“ behauptet zwar, die Zähmung von Fledermäusen sei bis jetzt nur bei einigen ausländischen Arten gelungen, aus vorstehender Beobachtung geht aber das Irrige dieser Behauptung hervor; vielleicht hatte man den eingefangenen Fledermäusen nicht das richtige Futter gegeben, und der Hungertod ereilte sie, ehe an Zähmung zu denken war. Ich habe seitdem mehrere Arten von Fledermäusen, die zum Theil in Rauchkammern gefangen worden waren, mit Speck eingesperrt, keine einzige war, selbst nicht durch den äußersten Hunger, dazu zu bewegen, daß sie Speck gefressen hätte. (Die Spuren von Zähnen an angenagtem Speck beweisen immer, daß ein Nagethier, eine Maus oder Ratte, dort genascht hat.) Um so lächerlicher ist es, daß man in Lebensmittelmagazinen die Fenster sorgfältig mit Drahtgittern verwahrt, die den schädlichen Insecten, den Speckkäfern, schwarzen Kornwürmern, Mehlkäfern, Motten etc. den ungehinderten Zutritt gestatten, deren Hauptfeind aber, die Fledermaus, abhalten.

G.