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Autor: Feodor Wehl
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Titel: Meine Begegnungen mit Meister Heinz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 736–738
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[736]
Meine Begegnungen mit Meister Heinz.
Von Feodor Wehl.


So ist nun auch Marr in Hamburg dahingegangen, ein glänzender Schauspieler, ein berühmter Regisseur, einer der tüchtigsten Vertreter der alten, heute nun fast ausgestorbenen Schule, mit einem Worte: ein echter Meister in seiner Kunst. Ich lernte Meister Heinz, wie Marr im Kreise seiner näheren Freunde genannt wurde, zuerst in Berlin Anfang der vierziger Jahre flüchtig kennen. Es wurde damals Laube’s Lustspiel „Rococo“ neu in Scene gesetzt und dazu war zugleich mit dem Verfasser auch Marr, der Schöpfer des alten Marquis von Brissar, von Leipzig mit herübergekommen.

Wie der berühmte Schauspieler damals ausgesehen, weiß ich mich nicht mehr zu erinnern; ich war zu jener Zeit noch sehr jung und von dem Ereigniß der bevorstehenden Darstellung vollkommen in Anspruch genommen. Ich gehörte zu den Anhängern und Parteigängern des jungen Deutschland, zu Laube’s näheren Freunden und den ständigen Mitarbeitern seiner Wochenschrift „Zeitung für die elegante Welt“. Selbstverständlich, daß mir aus diesen Ursachen die Darstellung eines Stückes von Laube von höchster Wichtigkeit war. Ich hatte den Vermittler zwischen Laube und dem damaligen Berliner Intendanten, Herrn von Küstner, abgegeben, war der Ueberbringer aller Winke und Rathschläge des Ersteren an die Schauspieler gewesen und ließ es mir zuletzt natürlich auch[1] nicht nehmen, durch die Presse die Aufmerksamkeit des Publicums auf die Arbeit meines literarischen Herrn und Meisters hinzulenken.

Alles dies hatte mich in große Erregung versetzt: zu jener Epoche gab es in Berlin eben noch sehr wenig politisches Interesse, und die öffentliche Meinung gipfelte in der lebhaftesten Theilnahme für Literatur und Theater. Eine Recension Gutzkow’s im „Telegraphen“ über ein neues Buch, eine Kritik Kühne’s in der „Europa“ über das Spiel eines bekannten Darstellers setzten noch die ganze gebildete Welt in Bewegung. An den Tagen, an denen die neuen Nummern jener Zeitschriften in Berlin einzutreffen pflegten, waren die Conditoreien bei Stehely und Spargnapani den ganzen Tag über gefüllt und die Blätter flogen aus einer Hand in die andere. Was Wunder, daß der Gedanke an das Ge- oder das Mißfallen des fünfactigen Lustspiels „Rococo“ meine ganze Seele erfüllte, noch obenein, da nun Laube selbst erschienen war, der Aufführung in Person beizuwohnen. Mit einer nicht zu schildernden Spannung saß ich neben Laube im Parquet.

Der erste Act des Lustspiels fand Anklang, namentlich erhielt der Komiker Gern in der Rolle des Dieners Tulpe am Schluß desselben lebhaftesten Beifall. Ich war erfreut von diesem Erfolg und flüsterte dem Verfasser eben meinen Glückwunsch zu, als sich plötzlich ein Kopf zwischen uns schob, der Laube kurz angebunden in die Ohren raunte: „Das Stück ist verloren; man applaudirt eine nebensächliche Episode in der Exposition und vergißt darüber auf den Schlüssel des Ganzen Acht zu geben.“

Mir stockte das Wort im Munde.

„Wer ist der Mann?“ fragte ich leise.

„Marr,“ antwortete dieser, augenscheinlich sehr verstimmt und stutzig geworden.

Ich sah dem sich wieder Entfernenden kopfschüttelnd nach, indem ich Laube über diese lächerliche Prophezeiung, wie ich meinte, zu besänftigen und zu trösten suchte. „Abgeschmackt,“ sagte ich zuversichtlich. „Das Publicum, ist in gute Laune versetzt, angeregt und lustig. Wie könnte da ein solcher Umschlag kommen?“

Aber er kam doch in der That. Im zweiten Act waren die Zuschauer zerstreut, enttäuscht vor Allem auch darüber, daß der komische Diener nicht so viel Spielraum gewann, als sie gehofft. Sie hatten den Sinn für die Hauptintrigue, die eigentliche Idee der Komödie versäumt; sie verstanden sie nicht und verloren die Theilnahme. Man wurde mehr und mehr unruhig und abgespannt; im dritten Act verließ Laube das Haus, und mit dem vierten war das Stück todt, wie Marr es vorausgesagt. Daß seine Voraussagung so vollkommen eingetroffen, hat mir einen unvergeßlichen Eindruck und den Mann selbst bedeutsam gemacht. Ich habe von da an vor Marr einen besonderen Respect gehabt und auch später alle Ursache erhalten, denselben bestätigt zu finden.

Ich lernte Marr näher in Hamburg kennen, wohin er von Weimar kam. Er hatte dort seine Stellung als Director des [737] Hoftheaters aufgeben müssen, weil, wie es heißt, er sich nicht allen Launen fügen, sondern seinen Kopf behaupten wollte. Und das wollte er denn in der That auch stets und meist mit gutem Grunde. Meister Heinz hatte feste, bestimmte Anschauungen und Grundsätze, für die er tapfer und so zu sagen auf Tod und Leben einstand. Nachgeben, sich finden, accommodiren, wie man sich auszudrücken pflegt, war seine Art nicht. Man hat Marr vielfach als lieblos und ohne Gemüth geschildert, von ihm gemeint, er besäße kein Herz. Wer so über ihn urtheilt, hat ihn nicht gekannt. Meister Heinz war wie jedes echte Künstlerwesen fein besaitet und dem wahren Gefühl zugänglich, aber zugleich auch eine strenge Natur, der die Sache höher stand, als die Person. Wo es die Sache galt, da verschwand ihm der Mensch. Ich kenne keinen Schauspieler, mit dem ich so viel über Kunst gesprochen hätte, wie mit Marr, ohne dabei auf die Namen und die Interessen der Leute zu kommen.

Wir haben so manche Stunde im angeregtesten Verkehr zugebracht. Jede Unterhaltung mit ihm war nützlich und lehrreich; noch auf seinem Sterbebett habe ich das empfunden. Marr wünschte nichts so sehr, als die letzten Jahre seines Lebens als Director einer schauspielerischen Bildungsschule oder eines Hoftheaters verleben zu können, wo er nicht genöthigt sei, aus der Kunst eine milchende Kuh zu machen.


Die Gartenlaube (1871) b 737.jpg

Heinrich Marr.


Er wollte seine gesammelten Erfahrungen, Anschauungen und Grundsätze noch einmal möglichst rein und voll zur Anwendung gebracht sehen. Als er im Anfang der sechsziger Jahre auf dem Hoftheater in Dresden gastirte, war viel die Rede davon, ihn dort zum technischen Director zu machen. Nur sein vorgerücktes Alter war schließlich die Ursache, daß man den Plan wieder fahren ließ. Nicht anders ist es mit ähnlichen Ideen in München gegangen. In Stuttgart wäre er gleichfalls gern als künstlerischer Leiter der Hofbühne angestellt gewesen, als aber endlich ich dafür berufen wurde, entfaltete Marr einen so uneigennützigen Eifer, mir mit Rath und That zur Hand zu gehen, daß ich mich ihm immer im tiefsten Herzen dafür verpflichtet fühlen werde. Der alte Freund hat mir manchen langen und eingehenden Brief geschrieben, um mir wegen eines Ersatzes für Grunert, wegen Rollenbesetzung und Repertoire seine Meinung mitzutheilen. Er hegte zu Anfang meiner dramaturgischen Leitung Besorgniß, ich würde in meinem ganzen Verfahren zu literarisch bleiben. Noch unter dem 20. Januar 1871 ließ er sich wie folgt vernehmen:

„Ich bleibe dabei: das alte Repertoire allein kann als Bildungsschule für Schauspieler dienen. Zuerst müssen die jungen Bursche lernen Menschen darstellen, Menschen in ihrer natürlichen Einfachheit und Wahrheit; wenn poetisches Element vorhanden, werden sie dies späterhin um so bedeutender zur Geltung bringen, weil sie auf Grundlage des Realen wandeln und nicht Gefahr laufen, das Ideale in unnatürliche Fratze zu verkehren.“

„Pardon! Aber der alte Komödiantenschulmeister kann das Dociren nicht lassen. Leider wird heutigen Tages nicht viel damit gewonnen, denn – der Schulmeister darf ja nicht den Bakel schwingen. Ach, und wie heilsam könnte dieser oft wirken, denn die verfluchte Libertinage beim Theater richtet so manches Talent zu Grunde.“

„So, nun bin ich schon still, lieber Fedor. Sie sehen, ich habe meine Ihnen bekannte Polterei auf ein bescheidenes Duodezmaß beschränkt. Möge Ihnen und Ihrem sanfteren Wesen gelingen, so gute Resultate zu erzielen, daß Sie Ihr Streben belohnt sehen.“

„Ihre Thätigkeit, welche sich in Vorführung der neueren und auch älteren bedeutenden Werke kundgiebt, ist anerkennenswerth, aber – verstehen Sie mich recht, es ist ein mehr literarisches als schauspielerisches Streben. Finden Sie, daß Ihre Schauspieler auf diesem Wege an künstlerischer Bedeutung gewinnen, dann haben natürlich auch Sie nach beiden Richtungen hin gewonnen.“

„Ich hätte gern eine Vorstellung der ‚Miß Sara Sampson‘ gesehen, um mich von den Darstellungsfähigkeiten zu überzeugen. Wahrscheinlich war der Eindruck mächtig, ich hoffe es und hoffe, daß nicht allein die Dichtung diese Macht ausübte, sonst wäre die Wirkung doch nicht nachhaltig und die Vorführung des Stückes bliebe dann nur ein literarisches Experiment.“

Diese briefliche Auslassung mag und kann beweisen, wie zartfühlend und schonend der schroffe und polternde Meister Heinz sich auszusprechen vermochte, wo er zwar seine Meinung sagen, aber nicht verletzen wollte.

Praktiker, Kenner des Theaters, wie er es war, beunruhigte ihn zunächst das alte Vorurtheil, wonach ein Schriftsteller nun einmal nie ein die Gewohnheiten des Publicums und die Bedürfnisse der Casse befriedigender Director werden können soll. Er fürchtete, ich würde mich in literarische Bühnen-Experimente verrennen, und beruhigte sich erst, als er sah, daß ich dergleichen nur dann und wann vornahm, nur älteren Dichtern und bevorzugten Begabungen an unserer Bühne Rechnung zu tragen. Daher sein Bedenken und sein Interesse für Lessing’s „Miß Sara Sampson“.

Ein zweiter Punkt des Zwiespalts zwischen uns war die Ausbildung junger schauspielerischer Begabungen. Der dramatische Altmeister behauptete, wie ja auch zur Genüge aus der angeführten Briefstelle hervorgeht, daß der Jünger der Bühne, ehe er Rhetorik und Declamation lernt, lerne Menschen darzustellen. Ich bin der Ansicht, daß diese Darstellung der Gipfel, so zu sagen die Krönung der Schauspielkunst und somit die Vollendung derselben ist. Sie ist das Schwerste, aber auch Höchste und Letzte der Kunst. Die Kunst des Vortrags, die wahre, echte Kunst des Vortrags ist zwar auch nicht leicht, aber minder schwierig zu erreichen. Begeisterung, Schwung, ein volles Herz und ein lebhafter Geist können hier schon viel erlangen, und da man diese Eigenschaften doch mehrentheils immer bei der Jugend trifft, so habe ich dafür gehalten, daß man junge Schauspieler zunächst darin bilden soll, mit einem Wort: ich habe geglaubt und glaube noch heute, Anfänger in declamatorischen Rollen zuerst beschäftigen und vor das Publicum hinausstellen zu dürfen und erst langsam und nach und nach zu solchen Aufgaben hinüberführen zu müssen, die mehr von natürlicher Wahrheit und Wirklichkeit an sich haben, kurz, ich will aus dem Idealismus in den Realismus und in dem Letzteren noch so viel von dem Ersteren bewahren, als die Schönheit der Kunst dies zur Bedingung macht. Marr wollte das auch, aber auf umgekehrte Weise: er verlangte die realistische Schule und dieser zur Zierde einen gewissen idealen Hauch, welcher, nach seinem Dafürhalten, sich schon im Wesen der Kunst selbst bedinge und erzeuge.

So hat er verfahren, meiner Verfahrungsweise entgegengesetzt, und sicher ist, daß er vorzügliche Resultate erzielt. Er hat nicht nur gute Schauspieler, er hat Künstler gebildet, und dieses Bilden habe ich mehrfach Gelegenheit gehabt unter meinen Augen vor sich gehen zu sehen. Es war ganz eigenthümlicher Art. Marr gab eigentlich seinen Unterricht nur auf Proben und dann sehr heftig und dicatorisch. Er fuhr die Darsteller an und hunzte sie tüchtig herunter, wenn sie etwas boten, was er nicht gelten ließ. Zehn Mal ließ er einen Auftritt probiren, der nicht klappte, zehn Mal rief er einem Mitgliede an derselben Stelle sein Veto zu. Er schonte nie, ersparte keine Beschämung, und doch war er stets der Abgott aller strebenden Jünger.

Woher kam das?

Ganz einfach daher, daß der junge Schauspieler überall empfand, wie Marr sein „Metier“ bis auf’s Kleinste hinab verstand, ihn mit kurzen Winken und Fingerzeigen auf den rechten [738] Weg darin führte. Aber nicht daher allein; die Anhänglichkeit junger Schauspieler an Meister Heinz entsprang auch zugleich dem Umstande, daß er eine wahrhaft feine und bezaubernde Weise besaß, mit ihnen collegialisch zu verkehren. Wenn er auf der Probe gescholten, gezankt und gewettert, wenn er über ein Vergreifen oder Mißverstehen der Rolle oder der Situation wie ein Rasender gewüthet, wenn Alles verstimmt, verdutzt und beleidigt war, dann am Schlusse der Probe trat Marr’s glänzendste Seite an’s Licht. Dann lächelte er verschmitzt, rief die Getadelten um sich und wußte sie durch ein paar gut angebrachte Worte wieder aufzurichten. Vorher ganz Director oder Regisseur, war er jetzt ganz College und welch liebenswürdiger College!

Es war wahrhaft reizend, ihn im näheren Umgange mit seinen „Komödianten“ zu sehen. Da konnte er toll und lustig sein, wie der Jüngsten einer. Und war er nicht auch jung und frisch bis in sein hohes Alter, bis in den Tod hinein? Noch sehe ich ihn im Geiste vor mir, Meister Heinz, mit seinen hellen, großen blauen Augen, seinen langen weißen Locken, seiner straffen strammen Gestalt – die ewige Jugend gaukelte um sein Haupt, „jene Jugend, die uns nie entfliegt“ und welche immer, „früher oder später, den Widerstand der stumpfen Welt besiegt“. Ja, Marr ist jung geblieben, jung in und mit seiner Kunst.

Wie lebhaft empfand er nicht auch ihre Stellung während des letzten Krieges! Unter dem 2. Januar 1871 schrieb er mir:

„Alle Theater bringen jetzt sogenannte patriotische Stücke! – Ich bin gewiß aus vollem Herzen ein redlicher Patriot, ja, ich habe es tief bedauert, daß meine Jahre mir die Anstrengung eines Feldzugs nicht mehr gestatten; aber diese sogenannten patriotischen Machwerke, deren ganzer Werth darin besteht, die Franzosen lächerlich zu machen und in trivialen Couplets zu beschimpfen, diese Machwerke sind mir verhaßt. Ein gewaltiger Muth, den geschlagenen Feind zu verhöhnen! Die nämlichen geistreichen Autoren würden dem Napoleon huldigen, wenn er als Sieger bei uns eingezogen wäre, und die nämlichen Coupletsänger dem siegenden Feinde ihren Sang mit dem nämlichen feurigen Accent darbringen. Pfui! Die Bühne soll sich nie zum Tummelplatz politischer Leidenschaft herabwürdigen. Man schreibe doch Stücke, die den Patriotismus, die Vaterlandsliebe auf eine würdige Weise heben und stärken. Ist das nicht ein testimonium pauperatis unserer deutschen Autoren?“

Seine geliebte Kunst beschäftigte ihn noch unausgesetzt auf dem Krankenbette, von dem er nicht wieder aufstehen sollte. Als ich im August dieses Jahres nach Hamburg kam und mich beeilte, ihn zu besuchen, fand ich ihn schon von den Aerzten aufgegeben.

Schon wurden alle Freunde abgewiesen, schon war seine liebevoll ihn pflegende Gattin auf sein Ende gefaßt. Mit einem fernher kommenden Vertrauten machte man jedoch eine Ausnahme; ich habe den sterbenden, von entsetzlichen Körperleiden gefolterten Marr noch dreimal gesprochen. Es war schon so weit mit ihm, daß er fast nichts mehr genoß und daß die geringste Bewegung an seinem Lager ihm unerträgliches Mißbehagen verursachte. Er lag meist und dämmerte vor sich hin. Aber sobald der Arme meinen Namen hörte, richtete er sich mühsam von seinem Kissen empor, öffnete seine großen blauen Augen und reichte mir die Hand, um dann sofort mit mir ein Gespräch über Theater zu beginnen. Er sprach von meinen Bestrebungen in Stuttgart, von Eleonore Wahlmann, in der er ein bedeutendes Talent erkannte, von Laube, von seinen eigenen Hoffnungen und Wünschen. „Ich werde nicht mehr spielen,“ sagte er, „aber ich werde auch an Krücken noch die Regie führen können. Ach, lieber Freund,“ fuhr er dann mit leiser, schwindender Stimme fort, „sie ist doch schön, unsere Kunst! Sie sitzt mit meiner guten Elsbeth“ (so nannte er seine Gattin) „an meinem Schmerzenslager, und während diese mich körperlich pflegt und hegt, richtet mich jene geistig auf. Sie ist meine Scheherizade, die mir die wunderbarsten und lachendsten Märchen erzählt. Ich kann Ihnen nicht sagen Fedor“ (er liebte im vertrauten Umgange die Vornamen), „ich kann Ihnen nicht sagen, Fedor, was für reizende und schöne Pläne noch jede meiner Stunden beschäftigen, die mir die Krankheit von Schmerzen noch frei läßt. Wie viel bleibt mir noch zu wirken und zu schaffen, und welche Lust ist es, zu wirken und zu schaffen in einer Kunst, die wir lieben und welche unsere ganze Seele erfüllt!“

Ich kann nicht sagen, wie mich diese Auslassungen ergriffen. Sie berührten mich auf’s Traurigste; aber sie gaben mir auch zugleich eine versöhnende Empfindung. Marr sah und empfand den Tod nicht, der an seiner Seite stand, vor lauter Liebe und Begeisterung für seine Kunst. Seine Kunst verdeckte und verbarg ihm den Tod. Von ihr redend, von ihr träumend, ist er, wie die Wittwe mir telegraphirte, „wie ein Hauch dahin gegangen.“ Ehre seinem Andenken, ein großer Meister ist in ihm entschlafen, ein Meister, der dramatische Aufgaben mit seltener Wahrheit, Einfachheit und Natürlichkeit zu spielen verstand. Viele seiner Leistungen waren nicht leicht zu übertreffende Cabinetstücke der darstellenden Kunst. Sein alter Feldern, sein Riccaut, sein Kaufmann, sein Jude im Cumberland’schen Stücke dieses Namens, sein Baruch in „Dienstpflicht“, sein alter Marquis in „Helene von Seiglière“ – welche Rollen waren das von ihm noch in seinem hohen Alter! Wer sie sah, wird sie nie vergessen.

  1. Vorlage: „euch“