Textdaten
<<< >>>
Autor: Ludwig Lantz
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Mein Bub’
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 543
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[543]
„Mein Bub’.“


Ich soll „Mein Bub’!“ nicht zu dir sagen,
Weil du schon über zwanzig zählst,
Weil du des Königs Rock getragen
Und nächstens gar zum Reichstag wählst?
Du meinst es nicht so! – Ich vergebe!
Ich weiß, du bist nicht so gesinnt;
Doch wenn ich hundert Jahre lebe,
Bleibst du mein Bub’, bleibst du mein Kind!

Wohl bist du groß, und doch! – ich sehe
Dich heute noch wie dazumal,
Als dich nach langem, bitt’rem Wehe
Beschien der erste Sonnenstrahl.
Dein Vater stand von Glanz umflossen,
Als er dich in die Höhe hob,
Als er dich froh ans Herz geschlossen
Und selig rief: „Ein Bub’! Gott Lob!“

Und unsre Anverwandten kamen,
Um dich zu sehn, der Reihe nach.
Ich weist noch all’ die zarten Namen,
Die Jedes schmeichelnd zu dir sprach,
Und deine lieben Aeuglein schauten
Verwundert in die Welt hinein.
Und rings erklang’s in Himmelslauten:
„Der liebste, schönste Bub’ ist dein!“

Sieh her! Kennst du die blonden Haare?
Du warst ein Kind noch, winzig klein:
Da lag auf schwarzbehängter Bahre
Dein holdes, ältstes Schwesterlein.
Entsetzlich war des Vaters Jammer,
Als man das schöne Kind begrub;
Doch ich schlich still in meine Kammer –
Und weinte leis’ bei meinem Bub’.

Und zwanzig lange Jahre flogen
Vorbei seit jener schlimmen Nacht.
Ich hab’ gelehrt dich und erzogen,
Hab’ dich zum braven Mann gemacht. –
Stets warst du gut; doch auch nicht selten
Bei einem wilden Bubenstreich –
Ach, deines Vaters Zornesschelten
Riß in das Herz mir dornengleich.

Und wenn man bös und schlecht dich nannte,
Dann sah ich schmerzlich himmelwärts.
Ich war die Einz’ge, die dich kannte:
„Mein Bub’ hat doch ein gutes Herz!“ –
An eins nur will ich dich noch mahnen,
An eine kaum vergang’ne Zeit;
Da zog mit seines Königs Fahnen
Mein lieber Bub’ zum blut’gen Streit.

Dann war’s in einer Mittagsstunde;
Ein Brief kam an von Freundeshand:
Es lag mit schwerer Todeswunde
Mein lieber Bub’ im fernen Land. –
Ich fand ihn in dem Lazarethe,
Mit Wunden seine Brust bedeckt,
Bleich lag er da, auf hartem Bette,
Starr, wie ein Todter hingestreckt.

Ich kann es keinem Menschen sagen,
Was ich gelitten und durchlebt,
Als er die Augen aufgeschlagen,
Da rief ich wild: „Mein Bube lebt!“
Dann stürzt ich hin und weinte leise
Und wachte, weinte nächtelang,
Bis mich nach altgewohnter Weise
Ein lieber, theurer Arm umschlang.

Ich riß mich los aus diesem Arme,
Ich schrie hinaus in Nacht und Wind:
„Barmherz’ger, guter Gott, erbarme
Dich meiner, lasse nur mein Kind!“
Du bist gerettet durch ein Wunder,
Nun danke Gott, du stolzer Mann,
Daß dich ein Mund noch, ein gesunder:
„Mein Kind, mein Bube“ nennen kann!

Ludwig Lantz.