Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Vēnus“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 16 (1890), Seite 9091
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Vēnus. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 16, Seite 90–91. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:V%C4%93nus (Version vom 03.05.2021)

[90] Vēnus, ursprünglich eine latinische Göttin der Vegetation, des Frühlings und als solche von Gärtnern und Winzern verehrt, später als Göttin der Liebe mit der griechischen Aphrodite (s. d.), deren Kultus von Sizilien und zwar besonders wohl vom Berg Eryx nach Italien gedrungen war, identifiziert. Sie gelangte zu besonderer Bedeutung als Göttin des latinischen Bundes und hatte als solche Heiligtümer in Lavinium und Ardea. Die Sage, daß Äneas der Sohn von ihr und Anchises war, wurde dahin erweitert, daß er nach der Zerstörung Trojas nach Latium auswanderte. In Rom hatte sie in alter Zeit besondere Verehrung als Murcia, worin man später fälschlich die „Myrtenfreundin“ (Myrtea) sehen wollte, als Cloacina, Libitina (Göttin der Lust, aber auch der Vergänglichkeit, des Todes). Die älteste historische Nachricht von einer Verehrung der V. als Aphrodite ist, daß 217 v. Chr. nach der Schlacht am Trasimenischen See auf Geheiß der Sibyllinischen Bücher der V. vom Berg Eryx (s. d.) in Sizilien ein Tempel gelobt und auf dem Kapitol erbaut wurde. Neben den mannigfachen dem griechischen Aphroditekultus entsprechenden Formen der Verehrung, die sie genoß, hat eine besondere Bedeutung die als V. genetrix, d. h. als Stammmutter des römischen Volkes durch ihren Sohn Äneas. Speziell verehrte sie als Stammmutter das Geschlecht der Julier, das seine Abstammung von ihrem Enkel Julus, dem Sohn des Äneas, herleitete; in diesem Sinn errichtete ihr Cäsar als V. genetrix auf dem von ihm angelegten Forum 46 v. Chr. einen prächtigen Tempel, bei dem alljährlich elftägige Spiele gefeiert wurden. Als Stammmutter des ganzen römischen Volkes war ihr nebst der Roma (s. d.) von Hadrian der 135 n. Chr. vollendete, in den Ruinen noch vorhandene herrliche Doppeltempel in der Nähe des Kolosseums (später templum Urbis genannt) geweiht. Geheiligt war der V. der 1. April, wo sie von den römischen Matronen neben der Fortuna virilis, der Göttin des Glücks der Frauen bei den Männern, und der Concordia als V. verticordia (Wenderin der weiblichen Herzen zu Zucht und Sitte) verehrt wurde. Von geringerer Bedeutung war der Kult der V. Obsequens (der Willfährigen), Salacia (Göttin der Buhlerinnen) u. a. Auch in Kampanien stand, wohl infolge griechischer Einflüsse, der Kult der V. in hohem Ansehen; dahin gehört die V. Fisica (Stadtgöttin von Pompeji). Über die künstlerischen Darstellungen s. Aphrodite. S. auch Venusberg.

Vēnus, bei den Alchimisten das Kupfer, weil dieses den Namen (lat. cuprum, griech. chalkos kyprios) von der der Venus heiligen Insel Cypern bekommen hatte.

Vēnus, der zweite Planet des Sonnensystems, der glänzendste aller Sterne, schon im Altertum als Hesperos (Abendstern) und Phosphoros (Lucifer, Morgenstern) allbekannt; doch soll erst Pythagoras [91] die Identität beider erkannt haben. Da Merkur und V. sich innerhalb der Erdbahn um die Sonne bewegen, so zeigen sie uns einen ähnlichen Wechsel der Lichtgestalt wie unser Mond; vgl. Planeten (scheinbare Bewegung der Planeten). Indessen sind diese Phasen dem bloßen Auge nicht sichtbar, und erst Galilei hat 1610 durch das Fernrohr die Sichelgestalt der V. beobachtet. V. hat unter allen Planeten die am wenigsten von einem Kreis abweichende Bahn; die Exzentrizität derselben beträgt nur 0,0068641 (ungefähr 1/150), der mittlere Halbmesser aber 0,723331 mittlere Erdbahnhalbmesser = 107,535,000 km oder ungefähr 14½ Mill. geogr. Meilen. Diese Bahn durchläuft V. in 224,70079 Tagen oder 224 Tagen 16 Stunden 49 Minuten 9 Sekunden, sie legt also in der Sekunde durchschnittlich 4,7 geogr. Meilen zurück. Der Erde kommt sie zur Zeit ihrer untern Konjunktion näher als irgend ein andrer Planet, nämlich bis auf 5½ Mill. Meilen, während sie in der obern Konjunktion 34½ Mill. Meilen von ihr entfernt ist. Die größte Helligkeit zeigt V. nicht zu der Zeit, wenn sie uns ihre vollständig beleuchtete Scheibe zukehrt, weil sie dann am weitesten von uns entfernt ist, auch nicht in ihrer größten Erdnähe (in der untern Konjunktion), weil sie uns hier ihre dunkle Seite zukehrt, sondern dann, wenn sie vor und nach der untern Konjunktion etwa 40° von der Sonne absteht. Ihr scheinbarer Durchmesser ist dann nur ungefähr 40″ und die größte Breite der Lichtgestalt kaum 10″; aber die Lichtstärke ist so groß, daß sie am hellen Mittag mit bloßem Auge gesehen werden kann. Infolge der wechselnden Entfernung schwankt der scheinbare Durchmesser zwischen 9,5 und 62″; in der Entfernung Eins (mittlerer Abstand der Erde von der Sonne) beträgt er im Mittel aus den Beobachtungen von Main, Kaiser und Hartwig 17,55″. Danach ist (die Sonnenparallaxe = 8,85″ gesetzt) ihr wahrer Durchmesser = 0,992 Erddurchmesser oder 12,603 km = 1698,5 geogr. Meilen und ihr Volumen 0,976 von dem der Erde. Die Masse der V. beträgt 0,787 von der der Erde (1/412150 der Sonnenmasse), die mittlere Dichte 0,806 von der der Erde oder 4,5 von der des Wassers; die Schwerkraft ist daher auf der Oberfläche der V. 0,8 von der auf der Erde, und die Fallbeschleunigung beträgt dort 7,8 m. Eine Abplattung ist bei der V. nicht wahrgenommen worden. Aus der Beobachtung einiger matter Flecke auf der Scheibe des Planeten, namentlich aber aus der regelmäßigen Wiederkehr einer Abstumpfung des südlichen Horns der Lichtgestalt hat de Vico in Rom 1839–42 die Rotationsdauer zu 23 Stund. 21 Min. 21,93 Sek. bestimmt, ziemlich genau übereinstimmend mit dem ältern Resultat Schröters: 23 Stund. 21 Min. 19 Sek. Für die Anwesenheit einer Atmosphäre auf der V. sprechen mehrere Umstände. Namentlich machen das nebelartige Aussehen der bereits erwähnten Flecke und die auffallende Abnahme des Lichts nach der Lichtgrenze hin es wahrscheinlich, daß V. von einer Atmosphäre umhüllt ist, in welcher eine sehr dichte und dicke Schicht von Kondensationsprodukten schwebt. Das Spektrum der V. stimmt fast vollständig mit dem der Sonne überein und zeigt nicht die breiten Absorptionsbanden, welche den Spektren der obern Planeten eigen sind; nach Vogel und Lohse rührt dies wahrscheinlich daher, daß das Sonnenlicht nicht tief in die Atmosphäre der V. eindringt, sondern größtenteils an der Wolkenschicht derselben reflektiert wird. Auch die Thatsache, daß V. in der untern Konjunktion, wenn sie uns ihre dunkle Seite zukehrt, von einem zarten leuchtenden Ring umgeben erscheint, spricht für die Anwesenheit einer Atmosphäre. Nach Messungen Lymans beträgt die Horizontalrefraktion derselben 44½′, ein Viertel mehr als die der Erdatmosphäre. Die von Schröter in seinen „Aphroditographischen Fragmenten“ (1796) erwähnten Berge auf der V., die bis 5,8 geogr. Meilen Höhe erreichen sollen, hat kein späterer Beobachter wiedergefunden. Eigentümlich und bis jetzt noch nicht genügend erklärt ist das zuerst 1712 von Derham bemerkte aschfarbene Licht, welches die unerleuchtete Seite der V. bisweilen aussendet. Klein hat 1871 auf die Möglichkeit der Beleuchtung des Planeten durch einen Mond hingewiesen. Einen solchen wollte allerdings schon 1645 Fontana in Neapel beobachtet haben, und von Dom. Cassini (1762 und 1786), Short (1740) u. a. existieren ebenfalls vermeintliche Beobachtungen des Venusmondes, für welchen Lambert 11 Tage 5 Stunden Umlaufszeit berechnet hat. Neuere Beobachter seit 1764 haben denselben indessen nicht gesehen. (Vgl. Schorr, Der Venusmond, Braunschw. 1875; Stroobant in den „Astronomischen Nachrichten“, Bd. 118, Nr. 2809.) Wie bei dem Merkur, so findet auch bei der V., wenn ihre untere Konjunktion in der Nähe eines Knotens ihrer Bahn stattfindet, ein sogen. Durchgang durch die Sonne statt, wobei der Planet in Gestalt einer kleinen schwarzen Scheibe von O. nach W. über die Sonne zieht. Zum erstenmal wurde ein solcher Durchgang beobachtet in England von Horrox und Crabtree 24. Nov. 1639; die nächsten Durchgänge fallen auf

1761, 09. Juni 2004, 08. Juni 2247, 11. Juni
1769, 08. Dez. 2012, 06. „ 2255, 08. „
1874, 09. „ 2117, 11. Dez. 2360, 13. Dez.
1882, 06. „ 2125, 08. „ 2368, 10. „

Dieselben sind deshalb von Wichtigkeit, weil ihre Beobachtung das zuverlässigste Mittel zur Bestimmung der Sonnenparallaxe und damit der Entfernung der Sonne von der Erde bildet, wie zuerst Halley 1677 bemerkt hat.


Jahres-Supplement 1890–1891
Band 18 (1891), Seite 956
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[956] Venus (Planet). Eine kritische Untersuchung der frühern Arbeiten zur Bestimmung der Rotationsdauer der V. hat Schiaparelli zu dem Ergebnis geführt, daß dieser Planet höchst wahrscheinlich in derselben Zeit von 224,7 Tagen sich einmal um seine Achse dreht, in welcher er seinen Umlauf um die Sonne vollendet, und daß die Drehungsachse nahezu senkrecht auf der Bahnebene steht, höchstens um 10–15° von der senkrechten Stellung abweicht. Die Beobachtungen einzelner dunkler Flecke auf der Planetenscheibe durch D. Cassini (1669) und J. Cassini (1732), aus denen eine Rotationsdauer von ungefähr 24 Stunden abgeleitet wurde, waren zu selten, und die Anzahl der Rotationen zwischen zwei Beobachtungen war zu wenig bekannt, als daß sie einer sichern Bestimmung hatten als Grundlage dienen können; Schiaparelli findet übrigens, daß die Beobachtungen des ältern Cassini sich leichter durch eine Periode von 224,7 Tagen als durch eine solche von 24 Stunden erklären lassen. Die Flecke, welche Bianchini (1726–28) beobachtete, waren zu schlecht begrenzt, als daß die von ihm gefundene Rotationsdauer von 24 Tagen Vertrauen verdiente. Ebenso zeigt sich, daß Schröter, Flaugergues, Hussey und de Vico nur durch übereilte Schlüsse zu einer Rotationszeit von ungefähr 24 Stunden gelangt sind. Schiaparelli selbst hat die V. vom 5. Nov. 1877 bis 7. Febr. 1878 in Mailand beobachtet, und gleichzeitig sind von Holden in Washington, Niesten in Brüssel und Trouvelot in Cambridge (Vereinigte Staaten) Beobachtungen angestellt worden. Aus diesen gleichzeitigen Beobachtungen ergibt sich, daß die Rotation sehr langsam von statten gehen muß, da die Lage der Flecke gegen die Lichtgrenze während eines ganzen Monats keine wahrnehmbaren Veränderungen erleidet. Gegen eine Periode von 24 Stunden sprechen am deutlichsten ein paar Beobachtungen von Schiaparelli und Holden vom 15. Dez. 1877, welche um ungefähr 8 Stunden auseinander liegen. Dieselben beziehen sich auf zwei helle Flecke am südlichen Horn der V., einen dazwischenliegenden tiefdunkeln Schatten und einen von den Flecken nach Norden verlaufenden dunkeln Streifen. Die von den beiden Beobachtern entworfenen Zeichnungen dieser Objekte stimmen so genau überein, wie es unmöglich der Fall sein könnte, wenn der Planet in der Zwischenzeit von 8 Stunden ein Drittel Rotation vollendet hätte. Auch blieb die Lage des Streifens während der dreistündigen Dauer der Beobachtung ungeändert. Auf die geringe Veränderung, welche die Flecke von einem Tage zum andern erleiden, hat übrigens schon Bianchini hingewiesen; es scheint aber, daß ihn gewisse Veränderungen im Aussehen der Flecke, die vom Wechsel der atmosphärischen Zustände auf der V. herrühren, auf die Annahme einer Rotationsdauer von 24 Stunden geführt haben. Im allgemeinen erweisen sich übrigens die Flecke auf der V. ziemlich unbeständig, und die Bestimmung der Umdrehungszeit erreicht daher nicht die Sicherheit wie beim Merkur; dieselbe ist vielmehr um einige Wochen unsicher, und es lassen sich Perioden von 6–9 Monaten mit den Beobachtungen vereinigen. Die schnellen, in Zwischenzeiten von etwa 24 Stunden sich wiederholenden Veränderungen im Aussehen des Planeten, besonders seiner Hörner, welche manche Beobachter bemerkt haben, setzt Schiaparelli auf Rechnung der mit der wechselnden Höhe überm Horizont wachsenden Sichtbarkeitsbedingungen und der wechselnden Helligkeit des Himmelsgrundes. Schiaparelli macht ferner aufmerksam auf bisweilen gut begrenzte, helle wie dunkle Flecke, die in den südlichern Teilen der V. von Zeit zu Zeit unter gleicher Form sich zu bilden scheinen und wahrscheinlich von Ursachen abhängen, die auf der Oberfläche der V. ihren Sitz haben. Endlich weist er noch hin auf die Wichtigkeit des Studiums gewisser sehr kleiner, heller, scharf begrenzter runder Flecke, umgeben oder einseitig begrenzt von tiefen Schatten, meist paarweise auftretend, die sich namentlich in der Nähe der Schattengrenze zeigen, aber nur wenige Tage dauern. Die Ergebnisse Schiaparellis werden bestätigt durch neuere Beobachtungen von Terby in Löwen und Perrotin in Nizza.