MKL1888:Lichtenberg

Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Lichtenberg“ in Meyers Konversations-Lexikon
Band 10 (1888), Seite 766767
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Wiktionary: Lichtenberg
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Lichtenberg. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 10, Seite 766–767. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Lichtenberg (Version vom 14.04.2021)

[766] Lichtenberg, ehemaliges deutsches Fürstentum, jetzt ein Kreis (St. Wendel) des preuß. Regierungsbezirks Trier, von Oldenburgisch-Birkenfeld, Rheinbayern und der preußischen Rheinprovinz begrenzt, 537 qkm (9,7 QM.) groß mit 43,000 Einw. L., früher die Herrschaft Baumholder genannt, zusammengesetzt aus Teilen von Nassau-Saarbrücken, Zweibrücken u. a., die dem französischen Departement Saar einverleibt waren, wurde von dem Herzog Ernst von Sachsen-Koburg, dem Preußen infolge des Wiener Kongresses 1816 das Ländchen für geleistete Kriegsdienste abgetreten hatte, 5. März 1819 zu einem Fürstentum erhoben und nach der alten pfälzischen Burg L. benannt, 1834 aber gegen eine Jahresrente von 80,000 Thlr. mit allen Souveränitätsrechten an Preußen abgetreten.

Lichtenberg, 1) Stadt im bayr. Regierungsbezirk Oberfranken, Bezirksamt Naila, im Frankenwald und unweit der Selbitz, hat eine evang. Kirche, eine Oberförsterei, Tuchfabrikation und Gerberei und (1885) 813 Einw. – 2) Dorf im preuß. Regierungsbezirk Potsdam, Kreis Niederbarnim, östlich bei Berlin, an der Linie Berlin-Schneidemühl der Preußischen Staatsbahn, hat eine alte Kirche, viele Landhäuser der Berliner und (1885) 15,842 meist evang. Einwohner, von denen die Mehrzahl in der zu L. gehörigen Kolonie Friedrichsberg wohnt. Die Feldmark von L., in welcher der neue städtische Zentralviehhof erbaut ist, wurde 1878 der Stadt Berlin einverleibt. L. wurde 1391 von Markgraf Jobst an Berlin verkauft. – 3) Gebirgsdorf im deutschen Bezirk Unterelsaß, Kreis Zabern, auf schroffer Felswand, hat eine Eisenquelle und (1885) 1053 meist kath. Einwohner. Das dabei gelegene, im 11. Jahrh. erbaute Bergschloß wurde 10. Aug. 1870 von den Württembergern genommen und zum großen Teil verwüstet. Das Geschlecht der Grafen von L. erlosch 1480, das der Grafen von Hanau-L. 1736; darauf besaßen unter französischer Oberhoheit die Landgrafen von Hessen-Darmstadt L. bis 1793 (s. Hanau, Grafschaft).

Lichtenberg, Georg Christoph, ausgezeichneter deutscher Satiriker und bedeutender Physiker, geb. 1. Juli 1742 zu Oberramstädt bei Darmstadt als Sohn eines Predigers, zeigte früh, als Schüler des Darmstädter Gymnasiums, hervorragendes Talent für mathematische Studien und bezog 1763 die Universität Göttingen, wo Kästner und Meister seine Lehrer und bald seine Freunde wurden. Er erhielt 1770 eine außerordentliche Professur daselbst und wurde 1774 Mitglied der Göttinger Societät der Wissenschaften. Zwei Reisen nach England (1769 und 1774) brachten ihn in Verkehr mit einer Reihe der wissenschaftlich bedeutendsten Persönlichkeiten und verschafften ihm gründliche Kenntnis englischer Verhältnisse. Besonders zog ihn auch das englische Theater an, wo damals Garrick glänzte. Bald nach der Heimkehr (1775) zum ordentlichen Professor ernannt, redigierte er seit 1778 den „Göttingischen Taschenkalender“, welcher in einer Reihe von Jahrgängen zahlreiche wissenschaftliche und popularphilosophische Aufsätze von klassischer Klarheit und unübertrefflicher Laune aus seiner Feder brachte. Die spätern Jahre seines Lebens verlebte er infolge von Körperleiden in hypochondrischer Abgeschlossenheit und starb 24. Febr. 1799. Als Naturforscher ist er vorzüglich wegen seiner durch ausgezeichnete Apparate unterstützten Vorlesungen über Experimentalphysik sowie durch die Entdeckung der nach ihm benannten elektrischen Figuren berühmt geworden. Weitverbreiteten Ruf erwarben ihm aber besonders seine witzigen und satirischen Aufsätze popularphilosophischer Art, in denen er sich namentlich als schonungsloser Gegner der sentimentalen Phantastik der Sturm- und Drangperiode und alles wirklichen und vermeinten Mystizismus erwies. Als Muster echter Satire sind unter Lichtenbergs Aufsätzen vor allen zu bezeichnen: die gegen den berüchtigten Nachdrucker Tobias Göbhardt in Bamberg gerichteten Episteln, der berühmte „Anschlagzettel im Namen von Philadelphia“, der sich wider Lavaters thörichten Bekehrungseifer wendende „Timorus“ und das köstliche „Fragment von Schwänzen“, in welchem sich desselben Schwärmers dithyrambisch-hyperbolische Ausdrucksweise im Text seiner „Physiognomik“ ergötzlich karikiert findet. Seit 1794 ließ L. fünf Lieferungen einer „Ausführlichen Erklärung der Hogarthschen Kupferstiche“ mit Kopien derselben von Riepenhausen (der Text zu den spätern Lieferungen rührt von Bouterwerk her) erscheinen, in denen er die glänzendsten Proben seiner witzigen [767] Beobachtungsgabe durch die Interpretation der Werke des großen englischen Humoristen gab (s. Hogarth). L. gehört zu den besten deutschen Stilisten. Ungemeine Klarheit und Natürlichkeit der Darstellung zeichnen seine Schriften aus. Dieselben erschienen als „Vermischte Schriften“ (Götting. 1800–1805, 9 Bde.), vollständiger, mit Lichtenbergs „Erklärung der Hogarthschen Kupferstiche“, herausgegeben von seinen Söhnen (das. 1844–53, 14 Bde.). Vgl. Grisebach, Gedanken und Maximen aus Lichtenbergs Schriften, (mit Biographie, Leipz. 1871); Meyer, Jonathan Swift und L., zwei Satiriker (Berl. 1886).