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Meyers Konversations-Lexikon
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Originalseite(n)
570, 571, 572

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Lautlehre. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1888–1889, Bd. 10, S. 570. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=MKL1888:Lautlehre&oldid=- (Version vom 21.03.2015)

Lautlehre (Phonologie) zerfällt in zwei Teile: die Lautphysiologie und die Lautgeschichte.

I. Die Lautphysiologie oder allgemeine L. ist die Lehre von der Erzeugung der Sprachlaute (Vokale und Konsonanten) in den menschlichen Stimmwerkzeugen, die erst in der neuesten Zeit durch die von der Erfindung des Kehlkopfspiegels unterstützten Forschungen der Physiologen (Brücke, Helmholtz, Czermak, Merkel u. a.) und die daran sich knüpfenden Untersuchungen der Sprachforscher (Ellis, Sweet, Sievers, Lepsius, R. v. Raumer, Rumpelt u. a.) eine glänzende Förderung und wissenschaftliche Vertiefung erfahren hat. Das menschliche Sprachorgan ist ein Instrument, das zum Tönen gebracht wird, indem eine aus den Lungen entsendete Luftsäule durch den Kehlkopf hinausgetrieben wird, wo sie vermittelst der Schwingungen der im Kehlkopf befindlichen Stimmbänder zum Tönen gebracht werden kann, stets aber beim Durchgang durch die Mundhöhle durch Zunge, Zähne, Mundstellung etc. näher individualisiert wird. Finden regelmäßige, sich rasch wiederholende Schwingungen der Stimmbänder statt, so entsteht ein Ton, der je nach der raschern oder langsamern Aufeinanderfolge der Schwingungen höher oder tiefer, je nach der größern oder geringern Intensität derselben lauter oder leiser erklingt. Solche Töne sind namentlich die Vokale. Welcher Vokal in jedem Fall entsteht, hängt von der Gestalt der Schwingungen ab, welche bewirkt, daß von den „Obertönen“, welche man bei jedem Vokalton neben dem Grundton unterscheiden kann, bald der, bald jener verstärkt und dadurch die „Klangfarbe“ desselben eine verschiedene wird, gerade wie jeder beliebige Ton der musikalischen Skala anders klingt, je nachdem er auf einer Violine, einer Flöte oder einem Pianoforte hervorgebracht wird. Wie durch den verschiedenen Bau dieser Instrumente, so kann im menschlichen Sprachorgan der nämliche Ton sehr verschiedene Färbungen annehmen, wenn die Stellung des Mundes, der Zunge, der Lippen etc. sich ändert, und es ist daher theoretisch eine fast unbegrenzte Anzahl von Vokalen denkbar. Thatsächlich lassen sich jedoch alle in den Sprachen vorhandenen Vokalnüancen in die drei Hauptvokale a, i, u einteilen, die sich durch das verstärkte Auftreten je eines tiefern, mittlern oder hohen Obertons unterscheiden. Alle andern Vokale sind nur Nüancen dieser drei, indem z. B. e zwischen a und i, o zwischen a und u in der Mitte liegt; die Diphthonge sind zusammengesetzte Vokale, z. B. au = a–u. Die Konsonanten oder Mitlauter haben ihren Namen insofern mit Recht, als sie, im Gegensatz zu den Vokalen (deshalb Selbstlauter genannt), in der Regel nicht allein eine Silbe bilden können, sondern nur mit einem Vokal zusammen, welcher dann stets den Accent erhält. Doch gibt es nicht bloß in den slawischen Sprachen und im Sanskrit viele Silben, welche anstatt eines Vokals bloß ein r oder l enthalten, das dann auch der Träger des Accents ist, sondern auch im Deutschen sind Wörter, wie z. B. ritten, Handel, ohne Frage zweisilbig, obschon man die zweite Silbe wie n, l (ohne e) ausspricht; und ganz irrig ist die schon durch die übliche Lautiermethode der Kinder und der Taubstummen leicht zu widerlegende Vorstellung, als ob man die Konsonanten gar nicht ohne einen Vokal aussprechen könnte. Der Kehlkopfspiegel zeigt, daß z. B. die Nasenlaute oder Nasale, z. B. m, n, und die sogen. Liquidä oder Zitterlaute r, l (nach gewöhnlicher Aussprache) ebensogut Töne sind, d. h. durch regelmäßige Schwingungen der Stimmbänder entstehen, wie die Vokale. Doch stellt sich schon bei der Aussprache des r und l neben diesem Ton auch (nach Brücke) mehr oder weniger intensiv ein in der Mundhöhle erzeugtes Geräusch, d. h. ein aus unregelmäßigen Schwingungen bestehender Schall, ein, und solche Geräusche treten auch bei allen andern Konsonanten, mit Ausnahme der Nasale und Halbvokale, auf oder sind allein vorhanden. Auf diesem Vorhandensein oder Fehlen des Stimmtons beruht die Haupteinteilung der Konsonanten in tönende und tonlose, die teilweise mit der volkstümlichen, aber unklaren und leicht zu Mißverständnissen führenden Unterscheidung zwischen harten und weichen Konsonanten zusammenfällt (z. B. zwischen „weichem b“ und „hartem p“). Nach einem zweiten Einteilungsprinzip erhält man die teilweise schon genannten Klassen: 1) Halbvokale, d. h. rasch und ohne Accent ausgesprochene Vokale, z. B. w, y nach der englischen Aussprache; 2) Hauche, wie die Vokale an den Stimmbändern gebildet, aber ohne regelmäßiges Schwingen derselben, also Kehlkopfgeräusche, wie z. B. das deutsche h; 3) Nasale oder Nasenlaute, durch Öffnung des Gaumensegels gebildet, wodurch der Stimmton, anstatt durch die Mund-, durch die Nasenhöhle ausströmt; 4) Liquidä oder Zitterlaute, entweder am Vordersaum der Zunge [571] gebildet (r-Laute) oder an den Seitenrändern derselben (l-Laute); 5) Frikative oder Reibelaute, durch Verengerung des Mundkanals an irgend einer Stelle gebildet, indem sich die Luft an derselben reibt; man teilt sie ein in Sibilanten oder Zischlaute und Spiranten oder Hauchlaute; 6) Explosivlaute oder Verschlußlaute, auch Mutae (stumme) genannt, bei deren Hervorbringung irgend ein Teil der Mundhöhle ganz geschlossen wird, so daß die Luft plötzlich mit Geräusch daraus hervorplatzt. Man bezeichnet auch die letzte Klasse als die der momentanen Konsonanten, die übrigen, mit Ausnahme der Hauche, als Dauerlaute, weil sie längere Zeit hindurch ausgehalten werden und daher wie die Vokale auch Silben bilden können. Am weitesten von der Qualität der Vokale entfernt sind dagegen die tonlosen Explosivlaute, die weder im Kehlkopf hervorgebracht, noch angehalten werden können wie die Vokale. Am durchgreifendsten ist eine dritte Einteilung der Konsonanten, welche sich sogar auf alle Vokale ausdehnen läßt, nämlich die Einteilung nach der Artikulationsstelle. Man unterscheidet hiernach schon von alters her zwischen Gutturalen oder Palatalen (Kehl- oder Gaumenlauten), Dentalen oder Lingualen (Zahn- oder Zungenlauten) und Labialen (Lippenlauten). Die Mundstellung bei den Gutturalen (Palatalen) und Labialen gleicht ungefähr derjenigen, die bei Aussprache des i und u eintritt, die Mundstellung bei den Dentalen hat eine freilich nur entfernte Ähnlichkeit mit der Aussprache des a. Freilich ist nun diese Lehre von den Artikulationsstellen durch die neuern Forschungen sehr erweitert worden; so gibt es nach Brücke außer den eigentlichen Dentalen auch alveolare, cerebrale oder cacuminale oder linguale (im Sanskrit, durch Zurückbiegung der Zungenspitze und Berührung des Gaumens mit derselben gebildet), endlich dorsale Zungenlaute und drei Hauptarten von Gaumenlauten; auch die Labialen teilt man in zwei Klassen, die der rein labialen und der labiodentalen Laute. So werden durch diese noch keineswegs abgeschlossenen Forschungen immer genauer die Grundlagen eines natürlichen Lautsystems festgestellt, nach dem jedes Alphabet der Welt wissenschaftlich angeordnet werden kann. Das physiologische Alphabet der deutschen Sprache ist hiernach für die einfachen Laute so aufzustellen:

tönend a Vokale
ä ö
e   o
i ü u
tonlos h Hauch
tönend n (in Ding) n m Nasenlaute
tönend r, l Zitterlaute
tönend j w Reibelaute
tonlos 2 ch (in ich, auch) f
tönend s (in sein) Sibilanten
tonlos s, sch
tönend g d b Verschlußlaute
tonlos k t p
Gutturale Dentale Labiale

Provinzielle Verschiedenheiten und feinere Nüancen der Aussprache sind hierbei nicht berücksichtigt: so ist das tönende oder weiche s in ganz Süddeutschland unbekannt; g, d, b sind in der süd- und mitteldeutschen und der rheinischen Aussprache keine tönenden Laute, sondern klingen wie schwächer artikulierte k, t, p; r wird in vielen Gegenden Deutschlands guttural ausgesprochen, ä selbst in langen Silben von e nicht unterschieden; w ist in schwer ein andrer Laut als in war, ö klingt in Hölle viel heller als in Höhle, überhaupt vermag unsre Schrift viele vorhandene Lautunterschiede nicht auszudrücken (s. Orthographie). Um alle in irgend einer Sprache vorkommenden Laute gleichmäßig zu bezeichnen, ist neuerdings teils von Sprachforschern, wie Lepsius, Max Müller, Sweet, Ellis, dem Prinzen L. Bonaparte u. a., und von Physiologen, wie Brücke, ein „allgemeines linguistisches Alphabet“ in Vorschlag gebracht worden, das aus den gewöhnlichen Buchstaben mit beigefügten Zahlen, Accenten, Punkten u. dgl. besteht. Doch gehen die verschiedenen Systeme, von denen z. B. dasjenige von Sweet 125, das von dem Prinzen Bonaparte sogar 390 verschiedene Laute bezeichnet, stark auseinander. Vgl. Brücke,[L 1] Grundzüge der Physiologie und Systematik der Sprachlaute (2. Aufl., Wien 1876); Helmholtz,[L 2] Lehre von den Tonempfindungen (4. Aufl., Braunschw. 1876); Lepsius,[L 3] Standard alphabet (2. Aufl., Berl. 1863); Merkel,[L 4] Physiologie der menschlichen Sprache (Leipz. 1866); Rumpelt,[L 5] Das natürliche System der Sprachlaute (Halle 1869); Sievers,[L 6] Grundzüge der Phonetik (3. Aufl., Leipz. 1885); G. H. v. Meyer,[L 7] Unsre Sprachwerkzeuge (das. 1880); Techmer,[L 8] Phonetik (das. 1880, 2 Bde.).

II. Die Lautgeschichte oder historische L. geht darauf aus, die in der Geschichte der Sprachen hervortretenden Lautveränderungen durch die Methode der historischen und vergleichenden Grammatik nachzuweisen und allgemeine Gesetze des Lautwandels, die sogen. Lautgesetze, aufzustellen. Namentlich in diesem Sinn wird die L. von allen Sprachforschern der Gegenwart sehr eifrig betrieben, Sprach- und Naturforschung reichen sich aber in der L. die Hand; während die immer noch etwas weiten Einteilungen der Lautphysiologen durch die präzisen Ergebnisse der Sprachwissenschaft größere Bestimmtheit erlangen, erhalten anderseits die rein empirisch gefundenen Thatsachen der Lautgeschichte durch die physiologische L. ihre Erklärung. So erklärt sich aus dem oben über die Vokale Gesagten der häufige Wechsel unter den Vokalen, wie er z. B. in dem deutschen Ablaut und in der gesamten Flexion der semitischen Sprachen hervortritt. Ebenso leicht wechseln die Zitterlaute und die Nasale untereinander, wie z. B. die ältesten indogermanischen Sprachen das l noch gar nicht oder nur selten hatten und das indogermanische l meist aus älterm r, ebenso wie das n am Schluß der Wörter vielfach aus älterm m, entstanden ist. Ganz allgemein tritt auch der Wechsel zwischen den einander entsprechenden tönenden und tonlosen Lauten auf, wie z. B. in den germanischen Sprachen durch die Lautverschiebung (s. d.) die meisten g, d, b in k, t, p übergegangen sind. Auch Verschluß-, Reibe- und andre Laute gehen trotz ihres verschiedenen physiologischen Charakters ineinander über, wenn sie die gleiche Artikulationsstelle haben, z. B. t in s, b in w, i in j u. dgl. Übrigens hat jede Sprache ihre besondern Lautgesetze und Lautneigungen, gerade wie niemals zwei Individuen ganz die gleiche Aussprache haben. Hierauf beruht es auch, daß der sogen. Wohllaut etwas außerordentlich Schwankendes ist. Jeder hält das für wohlklingend, für euphonisch, womit er durch langjährige Gewohnheit vertraut ist, und der Hottentote ist ebenso fest von dem Wohlklang seiner Schnalzlaute überzeugt wie wir von der Schönheit unsrer Konsonanten, obschon der Ausländer deutsche Wörter, wie Holzpflock, Strolchs u. dgl., unaussprechbar findet und an Vokalreichtum die deutsche Sprache tief unter den Idiomen der rohen Polynesier rangiert, welche jede Silbe auf einen Vokal ausgehen und mit nicht mehr als einem Konsonanten beginnen [572] lassen. Die historische und vergleichende L., wie J. Grimm und Bopp sie begründet haben, die Grundlage der neuern Linguistik, geht nicht mit dem fertigen Begriff des Wohllauts an die Sprache heran, sondern sucht den Sprachen abzulernen, was darin zu einer gegebenen Zeit für wohllautend galt. S. Sprache und Sprachwissenschaft.

Literatur

  1. Ernst Wilhelm von Brücke
  2. Hermann von Helmholtz
  3. Karl Richard Lepsius
  4. Carl Ludwig Merkel (1812–1876) VIAF:32430319
  5. Hermann Berthold Rumpelt (1821–1881) VIAF:74610258
  6. Eduard Sievers
  7. Georg Hermann von Meyer d:Q1504718
  8. Friedrich Heinrich Hermann Techmer (1843–1891) VIAF:57387417