MKL1888:Küstenland, österreichisch-illyrisches

Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Küstenland, österreichisch-illyrisches“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 10 (1888), Seite 358359
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Küstenland, österreichisch-illyrisches. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 10, Seite 358–359. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:K%C3%BCstenland,_%C3%B6sterreichisch-illyrisches (Version vom 18.11.2022)

[358] Küstenland, österreichisch-illyrisches, zusammenfassender Name für das aus mehreren Kronländern: der gefürsteten Grafschaft Görz und Gradisca, der Markgrafschaft Istrien mit den Quarnerischen Inseln und dem Gebiet der Stadt Triest, gebildete Verwaltungsgebiet des österreichischen Kaiserstaats, das im S. vom Adriatischen Meer bespült, im übrigen von Venedig, Kärnten, Krain und Kroatien begrenzt wird und 7967 qkm (144,7 QM.) umfaßt, wovon auf Görz 2918, auf Istrien und die Inseln 4954 und auf Triest 95 qkm entfallen. Der nordwestliche Teil des Landes gehört zum Gebiet der südlichen Kalkalpen, der übrige zum Kalkplateau des Karstes, so daß das Ganze, mit Ausnahme des Mündungsgebiets des Isonzo und einiger Thalweitungen, den Charakter eines Berglandes trägt. Das Alpengebiet wird durch das Isonzothal in die Gruppen des Monte Canin (2275 m) und des Triglav (2865 m) geschieden, welche sich am Engpaß der Flitscher Klause am meisten nähern und durch den Sattel des Predil (1165 m) zusammenhängen. Am linken Ufer der Idrizza beginnt der Karst (s. d.), von dessen einzelnen Abteilungen der Tarnowaner Wald, der eigentliche Karst und der den größten Teil von Istrien ausfüllende Tschitschenboden dem K. angehören. Der südwestliche Teil von Istrien bildet einen von W. nach O. aufsteigenden Karstboden, welcher, von einigen Tiefthälern zerrissen ist. Die Westküste, 470 km lang, hat eine sanftere Abdachung mit bequemen Buchten und Häfen. Dagegen ist die 300 km lange Ostküste, vom Quarnero bespült, steil und schroff, reich an Klippen und mehr den schädlichen Wirkungen der beiden herrschenden Hauptwinde, des Nordost (Bora) und des Südost (Scirocco), ausgesetzt. Am Golf von Triest ist die Küste gleichfalls steil und wird erst am Busen von Monfalcone flach, von wo sich bis zur italienischen Grenze die Lagunen von Grado hinziehen. An der Westküste von Istrien liegen die Brionischen Inseln, im Quarnerobusen die größern Inseln Veglia, Cherso, Lussin und Unie nebst kleinern Felseilanden. Die Höhenzüge dieser wasserarmen, von Längenthälern durchschnittenen Inseln haben, wie die istrischen Gebirge, die Richtung von NW. nach SO. Das Karstgebiet des Küstenlandes enthält zahlreiche und großartige Höhlen mit prachtvollen Tropfsteingebilden und seltsamen Formationen (Grotte von Corgnale, St. Kanzian etc.). Die Flüsse des Landes sind Küstenflüsse, die dem Adriatischen Meer zufließen. Der bedeutendste ist der Isonzo, der die Idrizza und Wippach aufnimmt und als Sdobba in die Bucht von Monfalcone mündet. In Istrien sind der Quieto und die Arsa sowie der Cepitschsee bemerkenswert. Das Klima ist sehr verschieden, in den Alpen rauher, an der Küste mild. In Triest ist die mittlere Temperatur 14,2° C., in Pola 15° C., in Görz 13° C. Gewitter sind häufig, die Regenmenge steigt auf 108 cm im Jahresdurchschnitt. Ein in Aufschwung gekommener klimatischer Kurort ist das am Quarnero gelegene Abbazia (s. d.).

Die Zahl der Bewohner betrug 1869: 600,525, 1880: 647,934 (wovon auf Görz 211,084, auf Istrien 292,006, auf Triest 144,844 kommen). Auf ein Quadratkilometer entfallen 81 Bewohner. Mit Ausnahme von Triest, dann von Pola, wo auch die griechisch-orientalische, die evangelische und israelitische Religion Anhänger zählt, ist die Bevölkerung fast ausschließlich katholisch. Der Nationalität nach sind 53 Proz. Slawen (und zwar Slowenen im Görzischen, in Triest und im nördlichsten Teil von Istrien, Serben im S. Istriens, Kroaten zwischen beiden im sogen. Tschitschenboden), 45 Proz. Italiener, hauptsächlich in Gradisca, Triest und an der westlichen Küste von Istrien; 2 Proz. sind Deutsche und Angehörige verschiedener Stämme. Merkwürdig sind die rumänischen Sprachinseln in Istrien (9 Gemeinden, zumeist im N. des Cepitschsees). Im allgemeinen ist das K. ein an [359] Ackerprodukten armes Land, obwohl nur 61/2 Proz. unproduktives Land sind. Von der produktiven Fläche kommen 45 Proz. auf Grasland, worunter die Hutweiden den größten Teil einnehmen. Auf Waldland kommen 311/3, auf Ackerland 131/2 Proz. des produktiven Bodens; relativ groß ist das Weinland (71/2 Proz.). Das Ackerland wird hauptsächlich mit Mais und Weizen bebaut; außerdem werden auch andre Getreidesorten, Buchweizen und Sorgo, ferner Reis (in der Ebene von Gradisca) und etwas Kartoffeln gewonnen. Ein Hauptprodukt ist der Wein (280,000 hl), welcher freilich meist von geringer Sorte und wenig haltbar ist. In Istrien kommt ferner der Ölbau (jährlich 20,000 metr. Ztr. Olivenöl) in Betracht. Die Viehzucht ist gering; die Pferde werden meist durch Maultiere und Esel ersetzt. Der Bestand an Rindvieh (125,000 Stück) ist unzureichend; zahlreicher sind die Schafe (298,000 Stück), jedoch von gemeinem Schlag. Von Bedeutung ist im ganzen K. die Seidenzucht (Ertrag an Kokons 5880 metr. Ztr.), dann die Seefischerei, welche Thunfische, Sardellen, Branzine und Schaltiere in großer Menge liefert. An Bergbauprodukten ist das K. arm. Es werden nur Braunkohlen (1885: 711,000 metr. Ztr.) bei Albona in Istrien gefördert. Reich ist dagegen der Ertrag an Seesalz in den Salinen von Capo d’Istria und Pirano (282,000 metr. Ztr.). Auch die Steinbrüche von Istrien liefern einen sehr geschätzten Baustein, welcher ehemals das Material für die Palastbauten Venedigs bildete. Die im allgemeinen nicht bedeutende Industrie befaßt sich in Triest (s. d.) mit dem Bau und der Ausrüstung von Schiffen und einigen andern Produktionszweigen. In Görz wird fabrikmäßig die Baumwollindustrie, die Chappespinnerei, Erzeugung von Weinstein, Kerzen und Seifen, Papier, Mehl und Kanditen und die Gerberei betrieben. Die Gewinnung von Rohseide bildet im ganzen K. eine Hauptbeschäftigung der weiblichen Bevölkerung. In Istrien und auf den Quarnerischen Inseln wird sonst zumeist nur Hausindustrie für den eignen Bedarf, Zementerzeugung in einer Fabrik und nur der Schiffbau und die Schiffsausrüstung in größerm Maßstab betrieben; namentlich hat Lussin piccolo in jüngster Zeit sehr große Fortschritte im Schiffbau gemacht. Der Haupterwerbszweig der Bewohner des Küstenlandes ist der Handel und die Seeschiffahrt. Das ganze K. zählt 41 Häfen, unter denen Triest (s. d.), der wichtigste Hafen Österreichs und der Adria, den ersten Rang einnimmt. Von den übrigen Häfen haben noch Pola, Rovigno, Lussin piccolo, Pirano und Parenzo größere Bedeutung. 1884 sind in den Häfen des Küstenlandes 33,566 Schiffe mit 3,343,600 Ton. ein- und 33,552 Schiffe mit 3,358,980 T. ausgelaufen. Die Handelsflotte belief sich zu Anfang 1885 auf 3203 Schiffe mit 183,250 T. und 11,662 Mann Equipage. Die Südbahn bildet die Landverbindung des Küstenlandes mit den andern österreichischen Provinzen und mit Italien. In der Station Divacca schließt die Istrianer Staatsbahn an, welche nach Pola und mit Abzweigungen nach Triest und Rovigno führt. Der Stand der geistigen Kultur ist bei den slawischen Volksstämmen im allgemeinen ein niedrigerer als bei den Italienern. An Volksschulen, die nur von 69 Proz. der schulpflichtigen Jugend besucht werden, bestehen 436. Vollständige Gymnasien gibt es 5 (3 deutsche in Triest, Görz und Mitterburg, 2 italienische in Triest und Capo d’Istria), Oberrealschulen 4 (2 deutsche in Triest und Görz, 2 italienische in Triest und Pirano), außerdem eine Unterrealschule in Pola, Bildungsanstalten für Lehrer in Capo d’Istria, für Lehrerinnen in Triest und Görz, eine Handels- und nautische Akademie in Triest, die Handelshochschule Revoltella in Triest, eine nautische Schule in Lussin piccolo, eine Landesackerbauschule in Görz und eine Weinbauschule in Parenzo. Was die Verfassung und Verwaltung anlangt, so ist für die reichsunmittelbare Stadt Triest mit ihrem Gebiet der aus 54 Mitgliedern bestehende Stadtrat zugleich die Landesvertretung. Die Grafschaft Görz und Gradisca und die Markgrafschaft Istrien haben zwei abgesonderte Landtage. Der für Görz und Gradisca besteht aus 22 Abgeordneten: dem Fürsterzbischof von Görz, 6 Deputierten des großen Grundbesitzes, 5 der Städte und Märkte, 2 der Görzer Handelskammer, 8 der Landgemeinden; der für Istrien aus 33 Mitgliedern: den 3 Bischöfen von Triest, Parenzo und Veglia, 5 Deputierten des großen Grundbesitzes, 11 der Städte, 2 der Handelskammer von Rovigno und 12 der Landgemeinden. Versammlungsorte der Landtage sind Görz und Parenzo. Zu dem Reichsrat senden die drei Kronländer, welche das K. ausmachen, je vier Vertreter. Die politische Verwaltung übt zu oberst die Statthalterei in Triest aus. Diese Stadt ist zugleich der Sitz der andern Oberbehörden, als des Oberlandes-, Landes-, Handels- und Seegerichts, der Finanzdirektion und Seebehörde. In kirchlicher Beziehung ist das K. in vier Diözesen, das Erzbistum Görz und die Bistümer Triest-Capo d’Istria; Parenzo-Pola und Veglia, geteilt. Die Einteilung des Küstenlandes in politische Bezirke, ihr Areal und ihre Bevölkerung sind aus folgender Tabelle zu ersehen:

Politischer Bezirk Areal in QKilom. QMei­len Bevölke­rung 1880
Triest, Stadt und Umgebung 95 1,7 144844
Stadt Görz 24 0,4 20920
Bezirkshauptmannschaften:      
 Görz 760 13,8 60760
 Gradisca 621 11,2 65778
 Sessana 472 8,6 27167
 Tolmain 1041 19,0 36459
Görz und Gradisca: 2918 53,0 211084
Stadt Rovigno 61 1,1 9522
Bezirkshauptmannschaften:      
 Capo d’Istria 824 15,0 69997
 Lussin 939 17,1 37922
 Parenzo 793 14,4 44193
 Pisino 859 15,6 39964
 Pola 718 13,0 50718
 Volosca 760 13,8 39690
Istrien: 4954 90,0 292006

Vgl. v. Czoernig, Die ethnologischen Verhältnisse des österreichischen Küstenlandes (Triest 1885); „Spezialortsrepertorium des österreichischen Küstenlandes“ (Wien 1885). S. Karte „Steiermark“.[WS 1]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Der Verweis auf „Steiermark“ ist wohl ein Irrtum, siehe die passendere Karte „Krain-Istrien“.