Meyers Konversations-Lexikon
4. Auflage
Seite mit dem Stichwort „Gasparin“ in Meyers Konversations-Lexikon
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Band 6 (1887), Seite 942
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Gasparin. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Bibliographisches Institut, Leipzig 1885–1890, Band 6, Seite 942. Digitale Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Gasparin (Version vom 13.02.2024)

[942] Gasparin (spr. -rä́ng), 1) Agénor, Graf von, franz. Schriftsteller, der sich besonders durch seine Verteidigung des Prinzips der Religionsfreiheit einen Namen gemacht hat, wurde 10. Juli 1810 zu Orange als der Sohn des ehemaligen Ministers Adrien G. (gest. 1862) geboren. Zuerst Kabinettschef im Ministerium seines Vaters, dann Berichterstatter der Petitionskommission im Staatsrat, wurde er 1842 in die Kammer gewählt, wo er namentlich für die Menschenrechte der Schwarzen in die Schranken trat. In der Politik der konservativen Richtung zugethan, verfocht er dieselbe durch Wort und Schrift, bekämpfte zu gleicher Zeit die bei Besetzung öffentlicher Stellen zu Tage tretende Korruption und suchte als eifriger Protestant nicht minder nachdrücklich für freie Ausübung des protestantischen Kultus zu wirken. Im J. 1846 wurde er nicht wieder gewählt und nahm seitdem an der Politik nur geringen Anteil. Im J. 1852 begab er sich nach Toscana, um für das Ehepaar Madiai, das wegen seines Übertritts zum Protestantismus zur Galeere verurteilt worden, die Freiheit zu erwirken, ein Schritt, der, wenn auch erst durch Vermittelung des Königs von Sardinien, von Erfolg gekrönt war. Er starb 14. Mai 1871 in Genf, wo er den größten Teil seines spätern Lebens zugebracht hatte. G. war ein etwas mystisch angehauchter (vgl. seine Erklärung des Tischrückens: „Les tables tournantes“, 1854, 2 Bde.), aber ehrenwerter und unabhängiger Charakter, der stets nur seiner Überzeugung folgte. Am deutlichsten bewies er dies durch sein Buch „La France, nos fautes, nos périls, notre avenir“ (Par. 1872), worin er seinen Landsleuten nach dem Krieg einen wenig schmeichelhaften, aber desto wahrheitsgetreuern Spiegel vorhielt, nachdem er vergeblich gegen den Krieg geschrieben. Außerdem sind von seinen Schriften zu nennen: „Esclavage et traité“ (1838); „Intérêts généraux du protestantisme français“ (1843); „Les États-Unis en 1861“ (2. Aufl. 1862); „La famille, ses devoirs, ses joies et ses douleurs“ (3. Aufl. 1865; deutsch, Gütersl. 1870); „La liberté morale“ (1868, 2 Bde.) und die nach seinem Tod erschienenen Werke: „Innocent III. Le siège apostolique. Constantin“ (1873; deutsch, Frankf. a. O. 1876); „Luther et la réforme au XVI. siècle“ (1873) und „Pensées de liberté inédites“ (1876 u. öfter). Vgl. Borel, Le comte A. de G. (Genf 1880).

2) Valérie Boissier, Gräfin von, Gattin des vorigen, geb. 1813 zu Genf, hat sich als Schriftstellerin gleichfalls einen geachteten Namen erworben. Besonders fanden die Verirrungen der religiösen Sektiererei an ihr eine heftige Gegnerin, doch ist sie selbst von ultraprotestantischem Zelotismus nicht freizusprechen. Zwei ihrer Schriften, darunter „Le mariage au point de vue chrétien“ (3. Aufl. 1853; deutsch, Kobl. 1844), erhielten einen Preis der Akademie. Außerdem sind zu erwähnen: „Un livre pour les femmes mariées“ (2. Aufl. 1852); „Les corporations monastiques au sein du protestantisme“ (1855, 2 Bde.); „Les horizons prochains“ (7. Aufl. 1872; deutsch, Hamb. 1864); „Les horizons célestes“ (8. Aufl. 1868); „Vesper“ (4. Aufl. 1863; deutsch, Berl. 1865); „Les tristesses humaines“ (4. Aufl. 1864; deutsch, Berl. 1865); „La bande du Jura“ (1864–65, 4 Bde.); „Au bord de la mer“ (1866); „A travers les Espagnes“ (1868) u. a.