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Titel: Louis Napoleon zwei Mal in London
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 307–308
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[307] Louis Napoleon zwei Mal in London. Voltaire läßt in seiner Erzählung: „Der Optimist" seinen Helden Candide in Venedig an einem Festessen Theil nehmen, dessen Gäste von ihren Dienern alle mit „Sire“ und „Majestät“ angeredet werden. Nur der sechste Gast wird als bloßer „Herr“ etwas beiläufig behandelt. Candide, dessen Diener wird darüber ärgerlich und ruft laut: „Meine Herren, warum spielen Sie alle Könige und erkennen die Majestät meines Herrn nicht an?“

Einer der Gäste antwortete gravitätisch: „Wir spielen nicht Könige, wir sind’s. Ich bin Achmet III. Ich war mehrere Jahre Groß-Sultan. Ich entthronte meinen Bruder, mein Neffe mich.“

„Mein Name ist Iwan,“ fügte ein Anderer hinzu. „Ichwar Kaiser aller Reussen, wurde aber schon in meiner Wiege abgesetzt.“

„Ich bin Karl Eduard, König von England,“ stelle sich der Dritte vor.

Und der Vierte: „Ich bin König von Polen.“

„Ich bin auch König von Polen,“ der Fünfte.

„Was mich betrifft,“ sagte der Sechste, „bin ich zwar nich ein so großer Mann als Sie, aber doch auch ein König. Ich bin Theodorus und war erwählter König von Corsika. Man nannte mich Majestät, jetzt freilich kaum „Sir.“

Vor hundert Jahren wunderte sich Candide über diese Mange abgethaner Majestäten, aber während des letzten Jahrzehnts, das so manche Majestätssonne verlöschte und verdunkelte und andere aufgehen ließ, wurden solche abgesetzte oder Candidaten-Könige so gewöhnlich, daß sich heut zu Tage ein Candide kaum über eine solche Tischgesellschaft wundern würde. In der That ist es noch gar nicht lange her, als eine ebenso auffallende Gesellschaft von Majestäten und Scepter-Candidaten sich der feinen Welt Londons in Wirklichkeit präsentirte und zwar in einer Weise, durch welche Voltaire’s erdichtetes Mahl bedeutend in Schatten gestellt ward.

Und wer war Theodorus dieser Gesellschaft? Wir werden sehen.

Es war im Juni 1847 als sich das kleine St. Jamestheater zu London von Unten bis Oben mit glänzenden Sternen der Aristokratie und verschiedener Höfe füllte. Sammet und Seide, Ordenssterne und Diamanten vom Parterre bis in die Gallerien hinauf, die Loge der Königin auf das Brillanteste mit Gaze und Damasten behangen. Es war einer jener seltenen Abende, wo die Königin hoher Gäste wegen „in state“ officiell als Königin mit allem historischen Pompe im Theater erschien. Sie saß in aller Glorie der Majestät und Jugend neben Prinz Albert. Auf ihrer andern Seite prangte der Herzog von Nemours, damals der Thronfolger Louis Philippes. – Darunter erkannte man das damals in London in komischer Weise bekannte Gesicht des entthronten Herzogs von Braunschweig, das persönliche Gegenstück zu der theorie göttlichen Regentenrechts, mit seinen Diamantenknöpfen am Rocke und seiner Schminke auf den Backen, damals Eigenthümer und Hauptredakteur der deutschen „Londoner Zeitung.“ Ihm gegenüber erkannte man den Graf von Moutemolin, damals Prätendenten des spanischen Thrones. Halb verhüllt durch die rothen Vorhänge der Eck-Logen des ersten Ranges, wie durch die Schatten seines Schicksals, saß der entthronte Bruder Don Petro’s von Portugal, Don Miguel. So fehlte Niemand mehr zu der Verwirklichung jener Voltaire’schen Gesellschaft von Ex- oder zukünftigen Herrschaften als Theodorus.

Jeder in dem glänzenden Theater-Publikum machte seine Glossen über den seltsamen Zufall dieser versammelten Größen und auch wohl seine Witze darüber, zumal über den Herzog von Braunschweig. Und jetzt trat noch dazu unten im Parquet dicht am Orchester durch eine Seitenthür vor dem geschlossenen Theatervorhange Louis Napoleon herein. Der Effect war ungeheuer. Jeder hatte sich mit den gefallenen und aufstrebenden Majestäten beschäftigt: und da ist der junge Held von Straßburg und Boulogne nun leibhaftig. Ein ungeheures Gelächter schwoll vom Orchester und Parquet durch alle Räume des Theaters bin in das Gesicht der Königin von England.

Der Name Louis Napoleon, dessen romantische, unglücklich abgelaufene Invasionsversuche von beiden Grenzen Frankreichs, einmal von Straßburg, das andere Mal von Boulogne, noch im frischen Andenken waren, galt damals als ein Privilegium zum Lachen. Der junge Held merkte sofort, woher diese allgemeine Heiterkeit komme, und warf einen kalten, festen, finstern Blick in die königliche Loge hinauf, wo der französische Kronprinz in lächelndem Spotte neben der Königin von England brillirte. Napoleon ging langsam und bedächtig im Parquet weiter hinauf und setzte sich unter die königliche Loge so, daß er das Ensemble in derselben brach.

Jetzt, wo die Welt Napoleon nicht nur vom 2. December in Paris, [308] sondern auch vom April 1855 in London kennt, gewinnt diese Erinnerung an jenen Abend vor acht Jahren im St. Jamestheater ein Interesse historischer und psychologischer Curiosität. Was dachte und fühlte er damals als er von Unten den kalten, verächtlichen Blick hinauf warf? Man kann sich denken, welche finstere Schatten von Rache damals durch seine Phantasie, seine Pläne fuhren, als er sich zum Gegenstande allgemeinen Hohnes verwandelt sah, spöttisch belächelt von dem, dessen Thron er einnimmt, und von der Königin des Landes, wo er als Exilirter persönlichen Schutz genoß, die ihm nun nach kaum acht Jahren mit dem größten Pompe als Kaiser empfing und im Windsorschlosse vor ihm niederkniete, um den höchsten Orden des Landes, das Privilegium der Hocharistokratie, um sein Knie zu schlingen. Jetzt gewinnt der Verlachte vom Juni 1847, der arme Chambregarnist von Kingstreet in London für jene Situation eine ganz andere Beleuchtung.

Am April 1855 bezahlten die Herrschaften, die ihn damals im St. Jamestheater auslachten, 1000 Thaler und mehr für einen Platz, blos um denselben Napoleon neben demselben Hofe von England im Theater zu sehen.

Niemand täuscht sich so sehr in dem Charakter ungewöhnlicher Individualitäten als die officiellen Weisen im Lande. Da solche Weise, besonders wenn sie Staatsmänner sind, jede Fähigkeit verloren haben, sich in’s Romantische, Abenteuerliche und polizeilich Unerlaubte nur hinein zu denken, erscheint ihnen Jeder strafbar oder mindestens lächerlich, der eine Ader für’s Abenteuerliche, Ungewöhnliche hat und verurtheilen ihn zum Irren-, wenn nicht zum Zuchthause. Gegen solche Verurtheilung giebt’s keine Appellation, und die gedankenlose Masse stimmt ein und ruft Bravo. Aber diese Verdammniß in höchster Instanz kehrt sich mit allen Begriffen von Recht, Gesetz, Moral, Ehre u. s. w. um, wenn der Erfolg und das Interesse für die Lächerlichkeit, das Abenteuer, den Staatsstreich u. s. w. und gegen dessen Verurtheilung appelliren.

Wir können uns jetzt kaum ausmalen, mit welcher moralischen und staatssittlichen Entrüstung, mit welcher pharisäischen Verachtung, mit welch’ allgemeinem Hohne damals Napoleon behandelt ward, noch viel weniger die beinahe göttliche Verehrung, welche England zu den Füßen des Kaisers brachte, als sein Erfolg und seine Stellung diese Verehrung und Abgötterei als Interesse Englands erscheinen ließ. Zufall, Umstände, Schicksal, Glück, d. h. am Ende doch abenteuerliche, romantische, rücksichtslose Willenskraft und Ausdauer in Verfolgung eines unerreichbar erscheinenden Zieles, haben die damaligen Spötter und Kreuziger Napoleon’s Lügen gestraft. Napoleon hat außerdem seine damalige Prophezeihung, daß er sich und daß er Waterloo an England rächen werde, auf die kühnste und effectvollste Weise erfüllt. Der Glanzpunkt dieser Verwirklichung und Erfüllung fiel in die königliche Loge der italienischen Oper, als Napoleon, umstrahlt von dem höchsten Pompe des englischen Hofes und der Hocharistokratie, die historische, weltberühmte Uniform seines Onkels, die jetzt in der französischen Armee nicht mehr getragene Uniform der Chasseurs de la Garde, dieselbe Uniform, die sein Onkel bei Waterloo trug, auf seinem Körper der anbetenden Macht und Herrlichkeit Englands entgegen hielt, ein Umstand, den die freie englische Presse durchweg verschwieg oder durch falsche Angaben bemäntelte. Sein Triumphzug im April führte vor der Straße vorbei, in der er einst wohnte, vor den Club-Palästen, in welchen er einst verhöhnt ward, und manche Gesichter von damals drängten sich jetzt an den Fenstern und schwangen Taschentücher und Fahnen, die in tausendfacher Fülle oben in den Straßen wehten. Fenster und Dächer, Straßen und Laternenpfähle, Omnibus und Droschken, Alles war mit anbetender, jauchzender Masse freien Englands überfüllt. Es bezahlte theuer für seinen Hohn, theuer für seinen Wellington- und Waterloostolz, theuer für die Verläugnung seiner mit 5600 Millionen Thalern Kriegsschulden bezahlten historischen Schlachtenehre, theuer für Elba, Helena, Waterloo und die spätere Palmerston’sche Freiheits-Politik, womit England sich und Europa belog und betrog. Und es scheint als sollten diese Zahlungen noch lange nicht eingestellt werden.

Es versteht sich von selbst, daß in dieser Mittheilung Napoleon weder vom moralischen, noch politischen Standpunkte in Betracht gezogen werden sollte, sondern Napoleon blos als Lection, als Consequenz, als Epigramm auf die noch nicht geschriebene Geschichte der letzten vierzig Friedensjahre.