Textdaten
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Titel: Liebesroman einer Prinzessin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 63
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Prinzessin Charlotte von England und Leopold von Sachsen-Coburg
Blätter und Blüthen
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[63] Liebesroman einer Prinzessin. Der jüngst verstorbene König Leopold von Belgien war in erster Ehe mit der Prinzessin Charlotte von England vermählt. Ein Auftrag der verbündeten Monarchen hatte ihn 1813 nach England geführt und nach dem ersten Pariser Frieden war er im Gefolge des Kaisers von Rußland wiedergekommen. Schon bei jenem ersten Besuche hatte er auf das Herz der jungen Prinzessin den tiefsten Eindruck gemacht. Als einziges Kind der höchst unglücklichen Ehe des damaligen Prinz-Regenten Georg’s des Vierten mit Caroline von Braunschweig zum Throne bestimmt, führte Prinzessin Charlotte ein freudloses Leben. Ihre Eltern hatten sich getrennt, ohne gerichtlich geschieden zu sein, und sie selbst hatte einen eigenen Palast und einen eigenen Hofstaat. Ihr Vater, von seinen Günstlingen und der vornehmen Modewelt als der erste Gentleman Europa’s bezeichnet, aber in Wirklichkeit der kälteste und herzloseste Mann, konnte ihr keine Liebe einflößen, und ihren Umgang mit der Mutter mußte sie sehr beschränken, nicht blos weil der tyrannische Vater es so befahl, sondern auch wegen des Hofs und der regierenden Königin, des geisteskranken Georg’s des Dritten Gemahlin, die als Mutter für Georg den Vierten und gegen Caroline von Braunschweig Partei nahm.

So unglücklich die gefühlvolle Prinzessin Charlotte war, sollte sie in eine noch weit schlimmere Lage kommen. Bald nach dem ersten Besuche des Prinzen Leopold kam der Erbprinz von Oranien nach London, von dem sie mit Schaudern hörte, daß er zu ihrem Gemahl bestimmt sei. Ihr tyrannischer Vater hatte so entschieden, und gegen seinen Willen ihre geheime Neigung zu einem armen Coburger Prinzen geltend zu machen, durfte sie nicht wagen. Ihrer Mutter erklärte sie: „Heirathen will ich, am liebsten gleich, um endlich einmal meine Freiheit zu erlangen, aber den Prinzen von Oranien nehme ich nicht. Er ist so häßlich, daß ich mich oft abwenden muß, wenn ich mit ihm rede, um meinen Abscheu zu verbergen.“ Als sie zu einer Gesellschaft geladen wurde, in der sie ihn treffen mußte, meldete sie sich krank und legte sich ein Blasenpflaster, aber am nächsten Tage fuhr sie zum Wettrennen und strahlte von Gesundheit. Sie hatte gehofft, daß der Prinz von Oranien sie verstehen und zurücktreten werde. Da dies nicht geschah, so änderte die schlaue Prinzessin ihre Taktik. „Der Prinz ist nicht so unangenehm, wie ich anfangs dachte,“ äußerte sie gegen einen Abgesandten ihres Vaters, und als der Letztere sie an einem der nächsten Abende bei Seite nahm und sie fragte: „Nun, soll aus der Sache nichts werden?“ antwortete sie: „Das sage ich nicht. Seine Manieren gefallen mir ganz gut.“

Der Prinz-Regent war so erfreut, daß er die Hand seiner Tochter in seine beiden Hände nahm und sie herzlich drückte. Seine Freude war übrigens nicht von langer Dauer. Prinzessin Charlotte stellte eine Bedingung, und zwar eine unannehmbare. Ja, sie werde den Oranier heirathen, sagte sie, aber auf keinen Fall verlasse sie England und gehe nach Holland. Der Prinz-Regent war wüthend, als er merkte, daß seine Tochter ihren Widerstand hinter einer Schutzmauer fortsetze. Er gab ihr seinen Unwillen auf jede Art zu erkennen, doch sie blieb fest. Es half nichts, daß die Mutter der Prinzessin, der man den Ungehorsam der Letzteren zuschrieb, vom Hofe ausgeschlossen wurde und daß die regierende Königin schon Brautkleider für ihre Enkelin bestellte. Als die Letztere hörte, daß man die Familie Oranien zur Hochzeit bestellt habe und daß der ihr bestimmte Bräutigam ihre Bedingung annehmen wolle, wurde sie unruhig. Sie entschloß sich zu einem heroischen Mittel, zu einer Zusammenkunft unter vier Augen mit dem Prinzen von Oranien. Was sie ihm bei dieser Unterredung gesagt haben wird, läßt sich aus der Thatsache schließen, daß er seinen Verzicht auf die Heirath erklärte.

Der Prinz-Regent gab das Spiel noch nicht verloren. Hatte er früher Staatsmänner gewählt, um seine Tochter zum Gehorsam zu bringen, so schickte er ihr jetzt Bischöfe und rief sogar einen erlauchten Vermittler, den Kaiser Alexander von Rußland, zu Hülfe. Die letzte Wahl war gerade nicht die glücklichste, denn im Gespräch mit dem Kaiser dachte die Prinzessin stets an einen jungen schönen Prinzen seines Gefolges. Es blieb mithin bei ihrem Nein. „Was denkt Charlotte?“ sagte der Prinz-Regent zu ihrer ersten Gesellschaftsdame. „So lange ich lebe, ist meine Tochter mir unterworfen, und wenn sie dreißig, vierzig Jahre alt wird. Von dem komischen und unsinnigen Gedanken, daß sie einen eigenen Willen habe, muß sie abkommen.“

Im Juli 1814 trat eine Katastrophe ein, die übrigens zu einer glücklichen Krisis wurde. Eines Abends fuhr der Prinz-Regent mit dem Bischof von Salisbury vor, ging zu seiner Tochter hinauf und schloß sich mit ihr ein. Nach einer dreiviertelstündigen Unterredung rief er den Bischof zu sich. Es verfloß einige Zeit, da wurde die Thür aufgerissen und die Prinzessin trat in der höchsten Aufregung heraus. Mit fliegenden Worten benachrichtigte sie ihre Damen, daß sie alle entlassen seien und auf der Stelle fortgehen müßten; sie selbst solle das Schloß ihres Vaters beziehen und Niemand sehen, als einmal wöchentlich die Königin. Ihre Damen beschworen sie, ruhig zu sein, aber sie fiel auf die Kniee und rief: „Allmächtiger Gott, verleihe mir Kraft.“ Dann sprang sie auf, eilte die hintere Treppe hinunter und ging hastigen Schritts die Straßen entlang, bis sie die erste Miethkutsche sah, in die sie sich warf. Sie flüchtete zu ihrer Mutter. Caroline von Braunschweig befand sich auf ihrer Villa. Indem man nach ihr schickte, ließ man zugleich ihren Anwalt, den jetzigen Lord Brougham, und den Herzog von Sussex rufen. Alle kamen und es kamen auch nachsetzende Beamte des Prinz-Regenten. Den Vorstellungen der Letztern verschloß sich die Prinzessin, ihrer Mutter und ihren Freunden mußte sie glauben, daß ihr Vater allerdings gesetzlich das Recht habe, über ihre Wohnung und ihren Hofstaat Verfügung zu treffen, so lange sie minderjährig sei. Sie fügte sich endlich, doch nicht ohne gegen Brougham bitter zu bemerken: „Sie sind einer der Führer des Volks und überliefern mich meinem Vater. O, das Volk würde mir beistehen!“

Da führte Brougham sie an’s Fenster und deutete auf den Park und die umliegenden Straßen, die bereits der erste Schimmer des Morgens erhellte. „Sie brauchen sich nur wenige Stunden später an derselben Stelle zu zeigen, wo Sie jetzt stehen,“ sagte er, „und die ganze Bevölkerung dieser ungeheuern Hauptstadt, die heute hier zu einer Wahl zusammenströmt, erklärt sich einmüthig für Sie. Dieser Triumph einer Stunde würde aber durch die unausbleiblichen Folgen, welche gleich die nächste Stunde bringen müßte, zu theuer erkauft sein. Truppen würden anmarschiren und das Volk zerstreuen und nie würde man Ihnen das Blut vergessen, das auf Ihre Veranlassung in einer ungesetzlichen Sache hier geflossen wäre.“

Die Prinzessin erreichte ihren Zweck ohne Kampf und Aufstand. Vor der Hand ließ ihr der Prinz-Regent ihren Hofstaat wie ihre eigene Wohnung, und nicht lange, so wurde Prinz Leopold, der inzwischen abgereist war, durch einen Courier zurückgerufen und erhielt die Hand seiner glücklichen Braut. Leider wurde der Bund der Liebenden schon im November 1817 durch den Tod der Prinzessin gelöst.