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Die Schöpfungen eines Zeugschmiedegesellen

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Die Schöpfungen eines Zeugschmiedegesellen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 59–63
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Maschinenanstalt von Richard Hartmann in Chemnitz
Deutschlands große Werkstätten Nr. 3
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Deutschlands große Werkstätten.
Nr. 3. Die Schöpfungen eines Zeugschmiedegesellen.


Das Ränzel war leicht, noch leichter der Beutel – er enthielt nur noch zwei Thaler und die silberne Taschenuhr war obendrein versetzt – mit welchen vor mehr als dreißig Jahren ein Handwerksgesell in dem gewerbrührigen Chemnitz einwanderte. Es war ein Zeugschmied, draußen im Elsaß zu Hause, jetzt aber von dem thüringischen Jena dem sächsischen Manchester zureisend. Hier dachte er Arbeit zu finden, wie er sie wünschte und zur Vervollkommnung in seinem Handwerke brauchte. Es gelang ihm auch, in einer Maschinenbauanstalt Beschäftigung zu finden, und in wenigen Jahren schon stand der intelligente, strebsame junge Mann auf eigenen Füßen. Heute aber sind die Anstalten, die er gegründet hat, weltbekannt wie sein Name. Zweitausend Arbeiter füllen seine großartigen Werkstätten, die in vierzig verschiedenen Gebäuden sich über 160,000 Quadrat-Ellen erstrecken und fünf Dampfhämmer und neun mächtige Dampfmaschinen in Bewegung setzen.

Wir brauchen unsern Lesern kaum noch zu sagen, daß unser Zeugschmied kein Anderer ist, als Richard Hartmann. Eine gedrängte Schilderung seiner verschiedenen technischen Anstalten ist der Zweck dieser Zeilen.

Eine kleine Stadt in der Stadt, so lagen die Gebäudecomplexe mit ihren thurmhohen Dampfschloten und den feuersprühenden Schmiedeessen zu beiden Seiten der Leipziger Straße vor uns, und mit anerkennenswerther Zuvorkommenheit wurde uns, wie Jedermann, dem der Besuch des Etablissements erwünscht (selbst ohne Einführung irgendwelcher Art), der Eintritt in die Fabrik zugesagt, wurden wir dem Chef, einem jovialen Herrn mit offenem geistvollen Gesicht, vorgestellt und von diesem persönlich vom Comptoir bis an die Fabrikräumlichkeiten geleitet, woselbst ein Führer das fernere Geleit übernahm. Zunächst war es die Werkstatt für den Bau von Flachsspinnerei- und Appretur-Maschinen (Walken etc.), die uns beschäftigte; hier fielen besonders die gewaltigen Dimensionen der Flachskrempeln mit ihren eisernen Tambours auf. In einem benachbarten Anbau finden wir die Arbeitsstätte, wo die Locomotivsiederöhren zum Einziehen in die Kessel vorbereitet werden; die hier angehäuften Massen solcher Röhren weisen schon auf den beträchtlichen Umfang des Locomotivenbaues hin, der mit den ihm dienenden großartigen Anstalten nun vor Allem unsere Aufmerksamkeit fesselt.

Welch’ ein Bild der Thätigkeit an diesen Dampfrossen, von denen eben elf Stück nebst einer Anzahl von Tenders in Zusammensetzung und Aufstellung begriffen sind! Hunderte von Menschenhände hämmern, meißeln und bohren an diesen Kolossen.

Die Werkstätten sind darauf eingerichtet fünfzig Locomotiven im Jahr liefern zu können, und die eine Abtheilung, in welcher namentlich die Tender stehen, zeigt uns einen Laufkrahn von einigen Hundert Centnern Tragfähigkeit, der, auf Schienen an den Galerien entlang geführt, die Tenderkasten und Kesselkörper leicht von einem Ende der Werkstatt zum andern transportirt, die andere Abtheilung fünf riesige vertical stehende Krahnen, mittels deren die Kesselkörper auf die Räder gehoben werden. Ringsherum ziehen sich breite Galerien, auf denen Locomotiventheile, als Bielle, Excenter etc., sowie sämmtliche Messingstücke massenhaft bearbeitet und gefertigt werden, und in der Mitte der zweiten Abtheilung befindet sich eine große Drehscheibe. Auf ihr werden die bis auf den Anstrich fertigen Maschinen herumgedreht, um dann auf Schienen einem nach dem Hofe zu angebauten Raume zugeführt zu werden, wo sie ihr Farbenkleid erhalten und zum ersten Male probeweise in Betrieb gesetzt werden. Bei unserm Besuche der Anstalt waren hier eben zwei Maschinen, an welche die letzte schmückende Hand gelegt werden sollte; eine bereits angestrichen und geprobt stand vor dem Anbau und sollte andern Tages ihrem Besteller abgeliefert werden. Ein prächtiger Anblick, diese so schön und sauber gearbeitete Maschine funkelnd und glänzend von Metall und Lack, mit sorgsam verglastem Führerstand, der den Locomotivenführer vor den Unbilden des Wetters schützen soll!

Wie viele unserer Leser durch die Zeitungen erfahren haben werden, legte eine Feuersbrunst im Jahre 1860 den größeren Theil des gewaltigen Häusercomplexes in Asche, den wir eben durchschritten haben. Mit fast unglaublicher Schnelligkeit aber erstand das zerstörte Gebäude wieder; ein ansehnlicher Theil der etwa achthundert Arbeiter, welche der abgebrannte Theil des Etablissements zählte, hatte vorläufig seine Arbeitsmittel verloren, er wurde jedoch nicht entlassen, sondern mußte, trotz der viel höheren Löhne, die dadurch dem Arbeitsherrn erwuchsen, mit Hand anlegen, damit in kürzester Zeit die unterbrochene Thätigkeit der Fabrik wieder aufgenommen werden konnte. So wurde es möglich, daß man nach Verlauf eines halben Jahres bereits wieder in der Lage war in den Neubauten voll arbeiten zu lassen. Zu solchen Resultaten gehört freilich die Energie, Thätigkeit und Elasticität eines Hartmann.

Eine andere Werkstatt, die sogenannte „Große Dreherei“ in der dritten Fronte des Häuserviertels, war uns kaum minder interessant. Hier werden zumeist umfänglichere Gegenstände auf entsprechend großen und sehr kostspieligen Drehbänken, Bohr- und Stoßmaschinen, bearbeitet, so beispielsweise Cylinder bis zu hundert Zoll Durchmesser und zwölf Fuß Höhe gebohrt, verzahnte Schwungräder bis zu achtzehn Fuß Durchmesser und vierhundert Centner Schwere, Schwungrad- und Transmissionswellen bis dreißig Fuß Länge abgedreht und fast ebenso lange Gewinde für Geschützbearbeitungsmaschinen geschnitten. Staunen muß man über Mannigfaltigkeit und Reichhaltigkeit der hier und in den anstoßenden Räumen aufgestellten Hülfsmaschinen. Namentlich sind die doppelten Langlochbohrmaschinen bewundernswerth, welche Löcher bis zu vierzehn Zoll Länge selbstthätig und so schnell bohren, daß damit gegen früher, wo dergleichen Löcher (Langlöcher, Schlitzen) erst durch den Bohrer angebohrt und nachher ausgestoßen werden mußten, wesentlich an Zeit und Geld gespart wird.

Mit der Dreherei wetteifert in Präcision und Leistungen die „Hobelei“, welche uns das der Leipziger Straße zugekehrte Frontgebäude erschließt. Da schwirren um uns eine Unzahl von Hobel- und Feilmaschinen jeder Art und Größe, die schier Unglaubliches leisten. Gegenstände von fünfzehn bis zwanzig Ellen Länge, fünf Ellen Breite und sechs Ellen Höhe abzuhobeln ist ihnen eine Kleinigkeit, besonders merkwürdig aber der Mechanismus, welcher die zum Hobeln erforderlichen Stähle herumdreht, so daß die zu bearbeitenden Gegenstände sowohl beim Vor- als beim Rückwärtsgange des Tisches, resp. Supports, gehobelt werden. In einem anderen Seitenbau brausen und sausen die Bearbeitungsmaschinen für die bereits mit Gußstahlreifen (Bandagen, Tyres) bezogenen Locomotivenräder, welche mittels hydraulischer Presse auf ihre Achse aufgezogen und dann, beide Räder auf der Achse gleichzeitig, abgedreht werden. Der Besucher, welcher ein Andenken mitnehmen will, erbittet sich wohl einen dieser derben Drehspähne, an deren außerordentlicher Stärke die Kraft und Gewalt der Arbeit erkennbar ist. Weiter sehen wir Maschinen, worauf die Keilnuthen in die Achsen gefraist werden, und gelangen dann in die Räderschneiderei, wo die Transmissions-Räder aus der Theilscheibe getheilt und bis neun Fuß Durchmesser geschnitten, die Wellen mit Maschine gefraist und dann gekuppelt werden, so daß die gesammte Transmission nunmehr auf mechanischem Wege und mithin so gleichmäßig und genau hergestellt wird, daß Alles auf das Haar zusammenpaßt.

Von unserer Excursion schon etwas müde, bedienen wir uns zum Aufsteigen in die oberen Stockwerke, statt der Treppen, eines der zahlreichen Fahrstühle. Zunächst ist es im ersten Geschosse der Webstuhlbau, welcher uns festhält. In langen Reihen sind hier

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Die Gartenlaube (1866) b 060.jpg

Maschinenanstalt von Richard Hartmann in Chemnitz. Aufg. von A. Eltzner
Garten.     Gewächshaus.     Kesselschmiede.     Schmiede.     Eisengießerei     Spinnmaschinen-Bau.
Gelbgießerei.               Hobelei.     Bohrerei.

[62] Webstühle für Tuche, Buckskins und alle wollenen, halbwollenen, baumwollenen und leinenen Zeuge, daneben die zur Weberei nöthigen Vorbereitungsmaschinen, wie Scheermaschinen, Schlichtmaschinen, Aufbäumemaschinen etc., aufgestellt und im Bau begriffen: Der Nachbarsaal ist die sogenannte „kleine Dreherei“, wo über hundert kleinere Drehbänke, und was dahin schlägt, im Betrieb sind und namentlich für den Spinnereimaschinenbau arbeiten. Auf einer und derselben Maschine, deren zwei je ein Arbeiter bedient, werden vier und sechs verschiedene Gegenstände gleichzeitig gebohrt; ebenso sind die meisten Drehbänke für selbstthätigen Betrieb construirt, so daß mehrere gleichzeitig durch einen einzigen Arbeiter bedient werden können.

Auf der Galerie des zweiten Stockes entfährt uns ein Ah! der Ueberraschung. Unter uns entfaltet sich das imposante Bild des Locomotivenbaues in seinen gesammten Verrichtungen und Arbeiten. Im zweiten und dritten Stocke erhalten wir eine Uebersicht so ziemlich aller der verschiedenen Maschinen, welche Wolle und Baumwolle zu feineren und gröberen Garnen spinnen helfen. Es gäbe nichts als eine todte Nomenclatur, wollten wir aufzählen, was für industrielle Werkzeuge und Geräthschaften hier alles construirt, zusammengesetzt und vollendet werden; uns schwindelt, wenn wir all’ das schnurrende, surrende Räderwerk um uns erblicken und uns die hier im Bau begriffenen Maschinen vollendet und auch surrend und schnurrend in Thätigkeit denken. Nur der Hartmann’schen Baumwollen-, Kamm- und Streichgarn-Selfactors (selbstthätige Spinnmaschinen) wollen wir gedenken. Diese Maschinen, an denen Richard Hartmann wesentliche Verbesserungen angebracht hat, genießen eines wohlverdienten Rufes bei allen Fachleuten und bilden einen sehr gesuchten Artikel, so daß im Durchschnitt wöchentlich vier das Etablissement verlassen, um in alle Welt hinaus zu gehen.

Auch die großartige Modelltischlerei, die hellen, geräumigen Zeichnersäle verdienen genauer betrachtet zu werden. Diese Zeichnersäle liegen unmittelbar über dem Comptoir, zu dem eine Wendeltreppe hinabführt und von wo wir unsern Gang antraten. Wir haben somit das eine Gebäudeviereck durchwandert und lenken unsere Schritte von Neuem dem Fabrikhofe zu. Ein inmitten desselben einzeln stehendes Gebäude enthält zwei weitere Anziehungspunkte für uns. Der eine ist die Schraubenschneiderei, wo mittels eines der Fabrik eigenthümlichen Systems Maschinen-Schrauben und -Muttern von kleinster bis zu größter Dimension gedreht, geschnitten und gestoßen werden, so daß wir in kurzer Zeit die schönste Schraube oder Mutter, fertig bearbeitet, mit reinstem, genauestem Gewinde und so sauber hergestellt sehen, daß sich Nacharbeit, durch die Hand nicht mehr erforderlich macht. Der andere Anziehungspunkt ist die Herstellung der sogenannten Stachelwalzen, welche in der Tuchfabrikation zum Aufkratzen des Gewebes benützt werden. Von Knaben bediente kleine Bohrmaschinen bohren in diese Walzen täglich je zweitausend fünfhundert Löcher, in welche dann ein Knabe pro Tag ebenso viele feine Nadeln einsetzt.

Um uns auch die anderen Theile der Riesenanstalt zu beschauen, müssen wir über die Straße hinüber, jenseits deren uns ein neuer Häusercomplex des Hartmann’schen Etablissements aufnimmt. Ein furchtbares Gedröhn schallt uns schon von Weitem entgegen, denn hier haben die Schmiedewerkstätten Platz gefunden. Man denke sich zu beiden Seiten einhundert und zwei Schmiedefeuer brennen und Hunderte kräftiger Arme die wuchtigen Hämmer schwingen, um das glühende Eisen zu bearbeiten; man denke sich fünf große Dampfhämmer, von deren Streichen das ganze Gebäude erzittert, auf mächtige Eisenklötze niederfallend, um sie aus dem Gröbsten zu ihren bestimmten Zwecken vorzubereiten; denke sich drei Schmiedemaschinen thätig, die mit Gesenken in verschiedenartigsten Formen und Dimensionen in fünfhundert Schlägen pro Minute Gegenstände in vollkommenster Weise fertig schmieden, denke sich endlich eine Rundsäge kreischen, welche das warme Eisen schneidet – und man wird ein ungefähres Bild dieser wahren Cyklopenresidenz haben. Ein Funkenmeer sprüht von allen Seiten und würde uns die Passage unmöglich machen, wenn die schwarzen Gesellen nicht artig wären, ihre Arbeit für den Augenblick ruhen zu lassen, in welchem der Besucher eben vorübergeht. Inmitten beider Schmieden arbeiten zwei zwölfpferdige Dampfmaschinen, welche die Kraft geben zum Betriebe der in den Schmieden und anstoßenden Kesselschmieden befindlichen gesammten Arbeitsmaschinen, sowie des Ventilators (ein Rad mit Schaufeln), in den durch die schnelle Umdrehung Luft eingezogen und mittels der Schaufeln mit Vehemenz in eine unterirdisch angelegte, mit Cement ausgemauerte Canalleitung eingetrieben wird, von wo aus sie durch Rohrmündungen bei den Schmiedefeuern sausend entweicht und diese anfacht und unterhält.

An den Schweißöfen vorüber führt unser Weg nach den Kesselschmiedewerkstätten. Hier ist der Lärm kaum erträglich, wenn die stattlichen Gestalten der Kesselschmiede den schweren Hammer mit aller Gewalt auf die Nieten schlagen, welche die bis einen Zoll starken Eisenplatten der Dampfkessel verbinden, während drin in den Kesseln selbst Arbeiter sitzen, den Schlägen mittels Winden Gegenhalt zu bieten. Die praktischen Arbeitsmaschinen, wie die zweckmäßige Einrichtung überhaupt, erheben auch diese Werkstätten anerkanntermaßen mit zu den ersten und vollkommensten, die man kennt. Wir finden hier Blechscheeren und Lochmaschinen, Blechbiegemaschinen, Nieten-Maschinen, auf welchen die Nieten gefertigt, und Kesselnietmaschinen mit eigenem Dampfcylinder, mittels welcher die Kessel genietet werden.

Den Kesselschmieden gegenüber dehnen sich die neuerdings wesentlich vergrößerten Gießereianlagen aus, Sie umfassen fünf Cupolöfen und große Trockenkammern, worin die Lehm- und Massenformen getrocknet werden. Je nachdem es die Beschaffenheit der zu fertigenden Gegenstände erheischt, gießt man hier sowohl in Sand-, als in Lehm- und Massenformen. Tagtäglich werden gegenwärtig ungefähr vierhundert Centner Eisen geschmolzen; jetzt sollen die Einrichtungen eben derartig erweitert werden, daß bis zu fünfhundert Centner Eisen täglich gegossen werden können.

Unweit der Gießerei öffnet sich eine Reihe uns wieder vorzugsweise interessirender Räume, die riesigen Modellsäle, in denen die verschiedenen Modelle der in der Anstalt gelieferten Maschinen und Werkzeuge auf bequem zugänglichen Regalen zusammengehörig geordnet und auf aufgehängten Tabellen übersichtlich verzeichnet sind. Wie groß die Anzahl der hier aufgesammelten Modelle ist, wird aus dem einen Beispiele erhellen, daß für den Dampfmaschinen-, Turbinen-, Mühlen-Anlagen-, sowie Werkzeugmaschinenbau allein über zweitausend Radmodelle vorhanden sind.

Die Krone des Ganzen haben wir uns bis zum Schlusse aufgespart – die im Aeußeren und Inneren prachtvollen Werkstätten für den Werkzeug- und Dampfmaschinenbau, eines der größten Gebäude, die wohl zu ähnlichen Zwecken errichtet worden sind, mit einer Gesammtlänge von zweihundert und zehn Ellen und einer Tiefe von fünfundvierzig Ellen, der zweistöckige Mittelbau einhundert und zehn Ellen, jeder der beiden Flügel fünfzig Ellen lang, das Ganze von zwei Reihen eiserner, doppelter Säulen getragen, umzogen mit einer breiten Galerie, von der aus der kolossale Bau einen imposanten Eindruck gewährt. Seine architektonische Schönheit macht das Gebäude überhaupt zu einer Zierde der Stadt. Die mehr als sechs Ellen hohen und fast drei Ellen breiten Bogenfenster, wie das in den Flügeln vorgesehene Oberlicht geben eine ausgezeichnete Beleuchtung. Zwei Laufkrahnen werden zum Heben und Transportiren schwerer Gegenstände benützt, die Communication der Galerien mit dem Parterre wird durch fünf Treppen (theils Wendeltreppen), sowie durch Fahrstühle hergestellt und der Betrieb durch eine am Ende des Gebäudes angelegte fünfzigpferdige, horizontale Woolf’sche Dampfmaschine bewirkt, die mit ihren beiden Kesseln selbst wieder ein glänzendes Zeugniß für die Höhe des heutigen Maschinenbaues abgiebt.

Die Werkstatt-Einrichtung selbst ist, allem Andern entsprechend, ein Bild der größten Zweckmäßigkeit und Gediegenheit, großartig in Anlage und Leistung. Zu unserer Freude bemerken wir, daß fast sämmtliche der in der Anstalt thätigen Hülfsmaschinen das Fabrikzeichen „Richard Hartmann“ tragen, mithin im Etablissement selbst gebaut sind. Von den Maschinen, mit deren Herstellung man bei unserer Anwesenheit beschäftigt war, bot uns die Geschützbearbeitungsmaschine ein besonderes Interesse. Sie ist für gußstählerne Geschütze bis zu elfzölligem Kaliber und fünfhundert Centner Feingewicht bestimmt und bis jetzt für in- und ausländische Arsenale, sowie für rheinische Gußstahlwerke schon bedeutend bestellt und geliefert worden. In der Abtheilung des Dampfmaschinen- und Turbinen-Baues fanden wir eine einhundert und fünfzigpferdige Wasserhaltungsmaschine von achtundvierzig Zoll Cylinderdurchmesser und neunundsiebenzig Zoll Kolbenhub, eine Schiffsmaschine, Wasserräder, von den Tangentialrädern in kolossalem Durchmesser bis [63] zu den kleinsten Turbinen, Mühlstuhlungen, hydraulische Pressen bis zu 600,000 Pfund Druck und viele andere Maschinen und Gegenstände, unter denen wir noch des patentirten Ehrhardt’schen Wägeapparates zur Ermittelung der Belastung von Eisenbahnfahrzeugen gedenken, einer für die Eisenbahnen außerordentlich wichtigen Erfindung, deren Ausführung für In- und Ausland die Hartmann’sche Fabrik übernommen. Mittels dieser Apparate kann man das Gewicht von Locomotiven, Tenders und Waggons an jeder beliebigen Stelle eines horizontalen Gleises leicht und sicher ermitteln, während die Kosten des Apparates nur etwa den zehnten Theil der sechstheiligen Centesimalwage betragen, die zu diesem Behufe bisher angewandt wurde. Allerliebst erschien uns eine patentirte Holzzerkleinerungsmaschine, die wir ebenfalls in Arbeit sahen und welche täglich ihre zwanzig Klaftern Holz schneidet und spaltet, so daß dasselbe zur Feuerung verwendbar wird.

Der Eindrücke, die uns in den verschiedenen Räumen der Fabrik geworden, sind so viele, daß es uns kaum möglich wird, einen von dem andern zu sondern, – das Gewaltige, Riesenhafte, Ungeheure des Ganzen, das der Total-Eindruck, in welchem alle einzelne zusammenlaufen. Locomotiven und Tender, Dampfmaschinen, Locomobilen, Dampfkessel, Kühlschiffe, Braupfannen etc., Turbinen, Wasserräder, Transmissionen, Maschinen für Bergwerks-, Hütten-, Mahl- und Schneidemühlen-, Brauerei- und Färberei-, Papierfabrikation- und Holzschleiferei-Anlagen, hydraulische, Stein- und Braunkohlen-Pressen, Krahne, Werkzeugmaschinen aller Art, Streich-, Kamm-, Baumwoll- und Flachsgarn-Spinnerei-Maschinen, Appretur-Maschinen, Webstühle und Weberei-Maschinen, überhaupt alle in das Maschinenbaufach einschlagende Maschinen und Gegenstände – das in allgemeinen Rubriken das Verzeichniß der Maschinen- und gewerblichen Werkzeuge, welche aus dem Hartmann’schen Etablissement hervorgehen, in einer Vollkommenheit, die kaum noch zu wünschen übrig läßt. Dies hat auch nicht nur das engere und weitere Vaterland des ehemaligen elsässischen Zeugschmiedes, sondern auch das Ausland anerkannt; auf allen kleineren und größeren Ausstellungen, zu Dresden wie in Berlin, in München wie in Paris und London, sind die Leistungen der Fabrik mit den ersten Preisen gekrönt worden.

Je weniger unserm Deutschland die Mittel zu Gebote stehen, welche in England und Amerika die Hauptfactoren des industriellen Fortschritts bilden – die überlegenen Capitalien und der freie, kühne Unternehmungsgeist – die Hunderte der wichtigsten deutschen Erfindungen nach dem Auslande gezogen und ausgebeutet haben, um so mehr müssen wir anerkennen, wenn Männer wie Hartmann es sich zur Aufgabe stellen, bei der Wahrnehmung ihrer materiellen Interessen doch niemals die höheren Gesichtspunkte aus dem Auge zu verlieren, nach Kräften in dem Kämpfe mit der ausländischen Industrie mitzuringen, deutsche Gewerbthätigkeit zu fördern, neue Ideen und Erfindungen zu begünstigen und mit kräftiger Hand aus- und durchzuführen, überhaupt im Geiste der Neuzeit zu wirken und zu schaffen. Und mit Stolz und Freude sehen wir, wie die deutsche Industrie immer selbstbewußter und energischer sich entwickelt und aufschwingt, wie sie Wohlstand, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit im deutschen Volke befördert und dem Auslande Achtung abzwingt.