Textdaten
Autor: August Wilhelm Iffland
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Titel: Liebe und Wille
Untertitel: Ein ländliches Gespräch in einer Handlung
aus: Theater von Aug. Wilh. Iffland. Erste vollständige Ausgabe. Dreiundzwanzigster Band. Wien: Klang 1843, S. 299–314.
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Entstehungsdatum: 1814
Erscheinungsdatum: 1843
Verlag: Klang
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Erscheinungsort: Wien
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Quelle: Google = Commons
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[Ξ]
Liebe und Wille.

Ein ländliches Gespräch
in einer Handlung.

(Erschien 1811 [Korrektur: 1814].)

(Zum Besten der Hinterlassenen derer, welche im Kampfe für das Vaterland geblieben sind.)


[Ξ]
Personen.

Gerhard Faber, Müller.

Seine Frau.

Heinrich,      ╮ deren Kinder.
Sophie,      ╯
Jakob Wernau,      ╮ Landleute.
Walter,      ╿
Johanna, seine Frau,      ╿
Berthold, Schmied,      ╿
Wilhelm,      ╯

Der Verwalter.

Bauern und Bäuerinnen.



[Ξ]
Erster Auftritt.
(Freier Platz am Ende des Dorfes, vor der Wohnung des Müllers.)
Der Müller. Die Müllerin.

Müller (im Heraustreten). Laß uns heraus gehen, es ist nicht meines Thuns in den vier Mauern!

Müllerin. Da d’rinnen kann man auch reden, sich einander vernehmen und ansehen, hier aber nehmen Luft und Lärm die Worte vom Munde weg.

Müller. Die Wolken ziehen, wie unsere Gedanken und Wünsche, frisch fort, weiter hinaus! Lärm ist noch zur Zeit nicht da; denn Alle sind heimgegangen und reden sich aus weit und breit, und beschließen, was zu thun ist.

Müllerin. So sollten wir’s auch. – Gethan muß werden. Wem Gutes widerfahren ist, der thue Gutes.

Müller. Hier, unter Gottes freiem Himmel, sei das bedacht. Was recht ist und ehrbar, was wohlgefällig ist und wohlthuend – das erdenkt sich nirgend besser, und gedeiht nirgend besser, als wenn man frisch hinauf blickt in das klare Blau!

Müllerin. O ja – und da kommt dort ein Wagen mit Korn, will nach der Mühle zu –

Müller (hinaus deutend). Dort walten die großen Flügel – fahrt zu!

Müllerin. D’rinnen schreien die Kinder mit ihren Spielgenossen –

Müller. Sie jauchzen für Freude –

Müllerin. Springen über Kisten und Kasten –

Müller. Aus freudigem Gemüth –

Müllerin. Zerbrechen und zerschlagen –

[302] Müller. Was nicht mehr halten will. Laß sie heute meinetwegen in Stücken brechen, was schwächer ist, als sie. Laß ihre Freude stark sein, waren sie doch auch stark in der Noth.

Müllerin. Ich sage so: wer in der Freude –

Müller. Heraus mit der Rede; denn ehe kommen wir nicht zur Sache. Was sagst du?

Müllerin. Wer in der Freude keine Ordnung zu halten weiß, versteht in der Noth nicht anzugreifen.

Müller (mit Muth). Wer in der Noth an seinem Platze zu bleiben wußte, der darf einen Sprung thun, wenn’s Freude gilt.

Müllerin. Nun, so springe denn in Gottes Namen! Aber ich springe nicht mit.

Müller. Und halte du Ordnung in deiner Freude – am Ziele werden wir doch bei einander sein.

Müllerin (etwas hastig). Wovon soll denn nun die Rede sein?

Müller. Von der Freudigkeit.

Müllerin. Ja nun. So wohl! – Freudig bin ich von ganzer Seele, das weiß Gott!

Müller (mit Herzlichkeit). Weiß das und thut mir wohl; aber, was treiben wir nun, daß die Freudigkeit nicht mit der Abendsonne hinunter geht? Wie stellen wir es an, daß wir uns morgen noch an unserer Freudigkeit erfreuen, und die andere Woche noch, und so viele Wochen und Jahre noch, als wir auf der Welt leben! He? Das muß ausgeführt sein, und zur Stelle!

Müllerin. Ja so? Hm! Ja, das ist denn freilich zu bedenken. – Ei nun – wir – ja, wir thun eben was Gescheites und was Gutes aus Freudigkeit und zum Gedächtniß der Freudigkeit, die uns Gott nun verliehen hat.

[303] Müller. So ist’s recht!

Müllerin. Und in der Ordnung!


Zweiter Auftritt.
Vorige. Jakob Wernau.

Wernau. Guten Tag, Nachbarn! (Er grüßt, reicht die Hand, will weiter.)

Müller. Wohinaus? Den guten Tag haben wir schon; nun reden wir von andern Dingen!

Wernau. Ein andermal. Es ist mir heute nicht um’s Reden, sondern um’s Gehen. (Will fort.)

Müllerin (hält ihn auf). Können doch die Männer nichts denken und wollen, sie meinen, sie müßten gleich dabei auch hantiren.

Wernau. Frau! Gott läßt es uns wohl werden, denn unsere Kinder sind nun wieder da.

Müllerin (ehrerbietig befremdet). Unsere Kinder? Ei! Nachbar –

Wernau. Ja, so sage ich! Denn wir sind Alle, wie wir sind, des Königs Kinder; und so sind seine Kinder auch unsere Kinder.

Müller. Freilich! Sind wir nicht Alle Ein Herz, Ein Haus und Ein Wille!

Wernau. Nun hat mir die Freude die Brust recht weit gemacht, als ich wieder an uns vorüberziehen sah, was unserm guten Vater das Liebe und Theure ist!

Müller. Ging mir eben so, Gevatter! – Und dachte, da fängt der liebe Frieden allmälig wieder an bei uns einzuziehen, wie ich die theuern Kinder sah!

Müllerin. Ihr Anblick zog mir die Augen zusammen und ich sagte zu meiner Tochter: „Guter Gott, schütze den [304] Vater, den Kronprinzen, die Brüder, und die an seiner Seite gehen!“ – mußte aber herzlich dabei weinen; denn – –

Wernau. Richtig! Nun wißt ihr wohl: ich stehe allein, habe zu Hause Niemand, mit dem ich von der Sache reden kann.

Müllerin (faltet die Hände). Freilich wohl!

Müller. Ehrlicher Wernau!

Wernau. Mein Sohn – er ist voran gegangen – er starb für König und Vaterland! Fließen die Augen über – so fasse ich das eiserne Kreuz, was er erwarb – sehe aufwärts und denke: Bestelle mir Platz neben dir! und schaffe denn so weiter fort, wie es gehen will.

Müllerin. Als Ehrenmann!

Müller. Das weiß Gott!

Wernau. Nun – ich helfe mir denn so leidlich durch die Einsamkeit. – Nur heute will’s schwer werden. Wie ich die Kinder betrachtete, die lieben Gestalten ansah, die alle des Vaters treuen deutschen Sinn aussprechen, und der Mutter Gottesfurcht und Grüßbarkeit und Milde – da überfiel es mich mit Eins: – Du hast zu Hause Niemand, mit welchem du dich erfreuen kannst! – Das will ich nun erst aus mir heraus gehen – dann will ich wieder daher zu euch kommen! (Geht ab.)

Müllerin (holt ihn zurück). Nachbar! Ihr habt dem Vaterlande Euer Köstlichstes gegeben. – –

Müller. Und habt es mit christlichem Muthe gegeben. –

Müllerin. Euch gebührt der Ehrenplatz in der Gemeinde.

Wernau. Nicht also! – Aber, als mein Fritz – ich freue mich, daß mein Sohn diesen Liebes-Namen getragen – im Krankenhause auf seinem letzten Lager da lag – der König herein trat, den Kranken und Sterbenden Trost zusprach [305] – die Bursche sich auf dem Lager empor richteten, und mein Sohn mit der letzten Kraft unserm Friedrich Wilhelm zurief: – „Es lebe der König!“ – wie alle Sterbende mit Glauben und Liebe den Ruf also wiederholten: – „Es lebe der König!“ – daß die frommen Thränen dem Herrn vom Angesicht flossen – da dachte ich wohl daran – der Bursche und seine Kameraden sind, Gott sei Dank! auf einem Ehrenplatze verschieden! – Laßt mich nun jetzt d’rauf losgehen, und das noch eine Weile so bedenken – mir wird alsdann wieder frisch zu Muthe, und so bin ich als ein brauchbarer Mann bald wieder hier bei euch zur Stelle! (Geht ab.)

Müller (sieht ihm nach). Wie ist mir nun? Ich kann mich nur freuen – ich meine es wohl gut. –

Müllerin. Du thust auch gut.

Müller. Sind doch nur Worte und leichte, nicht eigentlich Sachen; der aber hat gethan und thut.

Müllerin. Ist denn nicht unser Sohn dabei gewesen; und wenn seine Wunden vollends geheilt sind, wird er nicht zurück kehren?

Müller. Und wenn wir ihn verlieren – werden wir es auch so tragen, wie der Nachbar Jakob ?

Müllerin. Das weiß ich nicht so vorher zu sagen; aber das weiß ich: wäre es uns beschieden, den Heinrich zu verlieren, so werden wir Freunde finden, wie der Nachbar sie gefunden, denn wir sind Niemand abhold und helfen Freude und Leid ehrlich tragen, wie wir können und vermögen.

Müller (ermuthigt). So wohl! Darum laß uns sinnen und denken, was wir heute Gutes und Nützliches thun können, zum Gedächtniß des Freudentages, wo die königlichen Kinder in das Vaterhaus wieder eingezogen sind.

Müllerin. Ja, es ist ein Freudentag; denn mit tiefen [306] Seufzern sahen wir sie von uns ziehen aus der Mitte derer, die uns Alle bedrängten. Es ist ein Ehrentag; denn wir haben mit der alten Ehre auch das Haus und das Blut unsers Vaters uns wieder erobert und gewonnen. Mit Gott für König und Vaterland! Der Vater an der Spitze, so ging es darauf zu, und alles ist uns reichlich zugefallen.

Müller. Nun – sprich einmal von dergleichen in der Stube! – das geht ja gar nicht! In alle vier Ecken der Welt möchten wir hinaus schreien: – Wir sind wieder das Volk der Ehre, des Ruhms, und die Welt glaubt an uns! – Gelobt sei Gott, der König und sein Volk!


Dritter Auftritt.
Vorige. Johanna.

Johanna. Denkt nur, was sich zugetragen hat! Wißt ihr’s etwa? Nein, ihr wißt es nicht!

     ╭ Müller. Doch was Gutes?
     ╰ Müllerin. Ihr seid ja ganz außer Athem!

Johanna. Wie sollte ich nicht! Den ganzen Tag auf den Beinen – bewegt – belebt – erfreut – muß mir auch das noch kommen!

Müller. Ei, was denn?

Johanna. Bei allen Bekannten war ich schon, und sie haben Alle Freude daran. Nur ihr fehltet mir noch. – Ihr wißt, wie wir uns Alle gefreut haben, als es nun hieß: die königlichen Hoffnungen kommen wieder zu uns her!

Müller. Vor Tage machten wir uns auf den Weg entgegen.

Müllerin. Und drängte immer ein Theil an dem andern vorüber. Jeder wollte der Erste sein, der sie zu Gesichte kriegte.

Johanna. Ja, und wie wir die Wagen aus der Ferne [307] sahen – schlug uns das Herz! Wir blieben stehen, falteten die Hände, und da rief Einer: „Sie sind’s!“ – Ein Anderer: „Unsers guten Königs Kinder!“ – Allmälig Eins um’s Andere: „Gott erhalte sie! – Die Friedenssonne geht auf! – Der liebe Herr schickt uns den ersten Segen herein – Seine Kinder wohnen wieder unter uns!“

Müller. Wie wir da die Hüte schwenkten, aufschrien: „Gott sei mit dem Könige und seinen Kindern!“

Müllerin. Uns die Hände reichten, in die Arme fielen und mit Dank und Segensruf den geliebten Kindern entgegen traten!

Müller. Der fand die Züge des Vaters, der das Auge der Mutter – wir fanden Alle, was wir lieben und hoch in Ehren halten.

Johanna. Ja, ja – so ist es! Aber, was ist mir dabei begegnet! Ihr wißt ja, wie leider mein Mann und der Nachbar Berthold so bittre Feinde geworden sind, wegen des Streits um die Wiese am hohen Steine.

Müller. Nun, lassen wir das heute liegen!

Johanna (freudig). Nicht also!

Müllerin. Es hat mich oft bekümmert, denn Beide sind recht gegen einander ergrimmt.

Johanna. So hört doch nur! Indem wir so dem Wagen entgegen gehen, zieht der Berthold an uns hinaus, drückt den Hut in’s Gesicht und bietet uns kein Lebenszeichen. Da wir dort zur Stelle sind, die Wagen halten, umgespannt wird, die guten Kinder uns Alle freundlich ansehen und zu uns reden – da kann ich nicht anders – das Herz sagt mir’s zu – ich fasse den nächsten Nachbar und spreche: – „Gott, so blickte sie ja auch auf uns her, die gute Mutter, so grüßte Sie, so hielt Sie sich!“ – Da drückt mir der Mann die [308] Hand gewaltig. – „Ganz recht, Frau Johanna, so war sie, die uns den Segen da oben erbeten und diesen Segen uns gelassen hat!“ – Ich weine laut auf, und da ich mich umsehe, wer war es, der zu mir gesprochen? Nachbar Berthold war’s – geht fort, holt meinen Mann her, schlägt ihm die Hand in seine Hand und sagt überlaut: „Guter Eltern Kinder sind Gottes Engel; wo sie durchziehen, darf kein Unfrieden hausen – wir sind verglichen!“ – Mein Mann will reden und kann’s nicht zuwege bringen. – „Es lebe der König!“ – sagen seine Thränen mehr, als seine Worte. – Beide Männer umarmen sich herzhaft, und die dicht umher waren, sprachen alle: „Es lebe der König und seine Kinder! Sie gleichen ihm und ihr, die ja ewig unter uns lebt!“

Müller und Müllerin. Ewig!

Johanna. – Lebt und uns zum Segen durch Ihr Gedächtniß fort waltet und wirkt!

Müller (mit ausbrechendem Herzen). Weil es denn nun so ist – und unsre Freudigkeit und unsre Kraft darin besteht, daß es so ist; so laßt uns nun zu Rathe gehen, wie wir von diesem Tage ein frommes Gedächtniß stiften.

Müllerin. Ja; denn ich sehe den Tag an, als den ersten Vorboten des großen Friedenstages, den wir mit Gut und Blut und Glauben an Gott und die inwohnende Kraft erworben und errungen haben!

Johanna. Ja, laßt uns etwas aussinnen –

Müller. Und damit sogleich unter die übrigen treten.

Müllerin. Die wir aber erst vorher auch hören, daß alles in Einigkeit bleibe! – Einigkeit, Einheit, Ausdauer und Einigkeit – das ist der Segen, um den wir bitten wollen. Durch Eintracht sind wir stark geworden, damit haben [309] wir’s hindurch gekämpft, damit allein können wir die Kraft bewahren! –

Johanna. Es muß ein Ehrengedächtniß sein.

Müller. Ein jährliches Freudenfest, als etwa eine Heirathsfeier wackerer Leute.

Johanna. Oder ein festlicher Vergleich unter uns Eins gewordenen Menschen.

Müllerin (die indeß nachgedacht, tritt zwischen Beide). Nicht so! Die Ehre haben wir gewonnen und können nun das Leben verlieren; aber von der Ehre lassen wir nicht mehr ab. Die Freude ist vorhanden, weil die Ehre gewonnen ist. Die Uneinigkeit wollen wir nicht vorher bedenken. Der kleine Hader ist der Rede nicht werth; vor der innerlichen Zwietracht bewahren uns Gott und die Ehre!

Müller. Was soll’s denn sein? Denn ohne Gedächtnißfeier soll der Tag nicht bleiben.

Müllerin. Mann, ich sage dir – wo wir stehen und sind, hat uns nicht der Verstand hingebracht, sondern das Herz und die Liebe. Die Liebe hat den Willen geheiligt und die Kräfte enger zusammen gebracht und gehalten. So laßt uns zur Feier des Tages ein Werk der Liebe stiften und der Treue!

Johanna. Das habt Ihr aus meiner Seele gesprochen. Ein Werk der Liebe laßt uns stiften!

Müller. Und mich freut es herzlich, wenn solche Gedanken von den Frauen ausgehen. Sie haben bei uns in großem Trübsal ihren Platz mit Würdigkeit genommen und im Verein aller Tugenden ihren Beruf so geheiligt, daß es in angrenzende Länder, ja weit in die Ferne hinaus gewirkt hat. Wem Gott einen lebendigen Athem gegeben, der schämt sich des Kleinen und Halben. Das Gute ist zur Natur geworden. Aus dem Verderbniß ist das Kräftige und Mächtige empor gestiegen. [310] – Ja – die Menschen lieben und ehren sich unter einander, weil sie allzumal besser geworden sind.


Vierter Auftritt.
Vorige. Heinrich. Sophie. Wilhelm und noch etliche junge Leute.

Heinrich. Vater! Wir haben heraus gebracht –

Sophie. Was heute und alle Jahre an diesem Tage geschehen sollte.

Wilhelm. Und sind fast zugleich darauf verfallen. – Keiner hat ein Vorrecht dabei.

Sophie. Ich habe es aber zuerst ausgesprochen –

Heinrich. Und das müßt ihr in’s Werk richten, wie es gethan werden soll.

Müllerin. Seid nicht so vorlaut, sage ich –

Johanna. Laßt sie immerhin! Wer weit vorgreift, kommt an Ort und Stelle.

Heinrich. Ihr findet ohnedies nichts Besseres.

Wilhelm. Nein, wahrlich nicht!

Sophie. Dafür stehe ich.

Müller. Und ihre Einigkeit ist ja immer meine Freude gewesen.

Müllerin. So steht es auch im Hause unsers Herrn zu. Einigkeit macht die Hausehre. Wir müßten uns ja schämen, wenn es bei uns anders zugehen könnte.


Fünfter Auftritt.
Vorige. Berthold und Walter, Arm in Arm Jakob Wernau in der Mitte führend. Verwalter.

Johanna. Seht – seht nur hin – da kommen sie zusammen!

[311] Müller (schlägt in die Hände). Ja, wahrlich!

Wilhelm. Wie? Sie waren ja Todtfeinde!

Berthold (frohlockend). Aller Zwist hat nun ein Ende.

Walter (mit Jauchzen). Auf der Stelle selbst haben wir uns verglichen.

Berthold. Und ohne Gerichtsperson. Da, unser ehrlicher Freund, der Herr Verwalter, hat’s mit ein paar Worten niedergeschrieben.

Wernau. Ich ging des Weges und mußte Zeuge sein. Gelobt sei Gott, sprach ich, und Dank dem Freudentage im Hause unsers Herrn und Vaters! Fröhliche Menschen sind gute Menschen; wer die Fröhlichkeit schafft, bringt den Segen!

Walter. So sprach er, und wollte von uns und weiter gehen.

Berthold. Er darf nicht. Wir leiden’s nicht.

Heinrich. Bei uns muß er bleiben.

Verwalter. Wir haben Gedanken für den Freudigen, und für den, der’s nicht sein kann.

Müller. Wir – und da die jungen Leute, wir wollen Euch treulich zur Seite bleiben.

Wilhelm. O, und ich – ich lasse Euch schon gar nicht mehr allein! Ihr seid Jedermann tröstlich und behilflich, so ist’s wohl recht und ehrlich, daß wir Euch zur Seite sind, wie wir können und wissen.

Heinrich. Ich wiederhole es nicht, weil der’s schon gesagt hat, denke aber sonst eben so viel – Und – seht nur dort hinaus – da kommen mehr Leute aus dem Orte! –

Wilhelm. Was gilt’s, die wollen auch davon reden, daß der Tag nicht so leer ausgehen darf –

[312] Sophie. Heute Abend muß getanzt werden!

     ╭ Müller. Nun, nun!
     ╰ Müllerin. Warum nicht gar!

Alle junge Leute. Auf den Abend tanzen wir! Wir tanzen!

Johanna. Ganz recht! Wenn alles wohl im Hause steht, schlägt das Herz hoch auf, und da kann man nicht an die Stuhllehne rücken und es abwarten. Man muß auf, heraus, herum, sich um einander herum tummeln und in’s Weite hinaus rufen: Leid weg, Freude ist da, gebt, wer braucht, schwenkt die Dirne, hebt das Glas, mit dem Vater, mit den Kindern, Freude hier und überall!

Alle. Freude hier und überall!

Wernau. Nun, so bleibe ich denn hier bei euch!

Heinrich. So ist’s recht! Mögt Ihr lächeln, mögt Ihr ernst drein sehen. Thut, wie Ihr könnt – lieb seid Ihr Allen! (Er geht mit Wilhelm den Kommenden entgegen.)

Müllerin. Es ist ja nicht gut, daß der Mensch allein bleibe!

Walter. Wir gehören zusammen.

Berthold. Wie meinen Vater betrachte ich Euch.

Verwalter. Und Ihr seid uns stets ein Vorbild gewesen in allem, was zu thun war.

Müllerin. Was gilt’s, die suchen sich Tänzerinnen!

Johanna. Vorwärts mag dringen, wer nie rückwärts gelaufen ist.

Müllerin. Aber, wo bleibt der Entschluß, die That? – (Zum Müller.) Das kommt vom Hinauslaufen – heiße Köpfe stürmen in’s Freie! Drinnen muß es bedacht, mit dem Kirchgange angefangen sein, darnach mag man sich auslassen.

[313] Wernau. Ja – mit dem Kirchgange sei es begonnen; von daher bringen wir den frischen Sinn, das reine Herz, und die geben die rechte Fröhlichkeit!


Sechster Auftritt.
Vorige. Heinrich, Wilhelm in der Umgebung mehrerer Landleute jedes Geschlechts und Alters.

Heinrich. Hier – haben wir noch Niemand etwas gesagt; das kann Vater und Mutter bezeugen.

Wilhelm. Und Ihr auch, Frau Johanna –

Sophie. Das ist gewiß wahr!

Alle (treten im Halbzirkel näher vor).

Müllerin. Es soll mir lieb sein, wenn du einen gescheiten Gedanken hast; aber das vergiß nur nicht, ein Jeder hat das Recht, seine Gedanken zu sagen.

Müller. Und die mehrsten Stimmen entscheiden.

Johanna. Unser lieber Nachbar Jakob soll entscheiden.

Heinrich. Nein, das geht nicht an!

Wilhelm. Er hat Recht; der kann nicht entscheiden.

Sophie. Und Ihr auch nicht, Vater!

Wilhelm. Weil’s Euch mit angeht.

Müller. Nun – ich gehe gern mit den Andern.

Wernau. Und ich dränge mich nirgend zu.

Walter (zu Heinrich). So redet!

Berthold. Ja. Laßt uns wissen, was Ihr meint.

Heinrich (verlegen). Nun sie da alle beisammen sind –

Wilhelm. Und uns so ansehen –

Heinrich. Will’s mit dem Reden nicht recht fort – Sprich du, Sophie!

Sophie. Nein, du!

[314] Wilhelm. Sei’s darum, rede! Ehrlich Wort finde gute Statt!

Heinrich. Ich denke – was zu thun war, haben wir gethan, und werden’s fernerhin mit Gut und Blut. Heute aber sollten wir zur Kirche gehen und danken, daß unser König, seine guten Kinder und alle Seinen frisch erhalten sind; dann sollten wir sammeln und geben – für die Hinterlassenen derer, die mit dem Leben dargethan, wie sie es mit dem Könige und dem Vaterlande gemeint haben.

Alle. Ja, ja, ja!

Müller und Wernau (zugleich). Zur Kirche!

Alle. Zur Sammlung für die Hinterlassenen!

Müllerin. Das ist das Wort unserer Liebe und unseres Willens an die Nachkommenschaft.

Johanna. Ich wollte so gern ein Fest der Eintracht –

Müllerin. Aus freudiger Liebe – geht Eintracht hervor. Aus Dünkel und Falschheit kommt der Zwiespalt. Der Segen der Liebe im Herrscherhause war dem Volke Beispiel! – Im Leiden war die verklärte Liebe unser Hoffnungsstern!

Müller. Aus Gewalt der treuen Liebe sind wir mächtig geworden und ehrenwerth; aus der Kraft freudiger Liebe ströme unser Dank; heilige Eintracht befestige das Werk! An den Ehrentagen des Volks, huldigen wir für uns und die Nachkommen der Tugend, die uns gerettet hat – der Eintracht!

Alle. Der Eintracht.