Lichtbilder aus dem Kriege von 1870

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Titel: Lichtbilder aus dem Kriege von 1870
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 97
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[97] Lichtbilder aus dem Kriege von 1870. Schwer, unendlich schwer vollzieht sich die innere Annäherung zweier Völker, die sich einmal im heißen Ringen auf dem Schlachtfeld gegenübergestanden haben, und es ist eine Thatsache, für welche die Geschichte der letzten zwei Jahrzehnte einen schmerzlichen Beleg bildet, daß mit dem Abschluß des dem Kampfe der Waffen ein Ziel setzenden Vertrages erst ein verschwindend kleiner Theil des Friedenswerkes vollbracht ist. Um so freudiger wird der Menschenfreund alle Erscheinungen begrüßen, die geeignet sind, auf dem Wege der inneren Aussöhnung auch nur ein Schrittchen vorwärts zu fuhren, den trübenden Schleier, welchen die Leidenschaft wob, vom Auge der einstigen Gegner zu nehmen und auch im Feinde den Menschen, den guten Menschen zu zeigen.

Was diesem Zwecke in Rücksicht auf das Verhältnis von Franzosen und Deutschen dienen kann, das kommt - leider - auch heute noch nicht zu spät; dies gilt auch von dem Büchlein, in dem der württembergische Hauptmann der Landwehr Geyer seine Erinnerungen aus dem Kriege ausgezeichnet hat unter dem Titel "Erlebnisse eines württembergischen Feldsoldaten im Kriege gegen Frankreich und im Lazareth zu Paris 1870/71" (München, E. H. Becksche Verlagsbuchhandlung). Geyer, beim Ausbruch des Krieges Einjährig-Freiwilliger, machte den Feldzug als "Rottenmeister", d. h. als Gefreiter mit und gerieth am 2. Dezember in der Schlacht bei Champigny vor Paris infolge einer Verwundung am Beine in französische Gefangenschaft. Durch die freiwillige Verwendung eines französischen Arztes, Dr. Bitterlin, kam er in das Lazareth der Pariser Vorstadt St. Maur les Fosses, welches in den Räumen eines von dem Orden der „Religieuses du St. Sacrement“ geleiteten Mädchenpensionats eingerichtet worden war. Die Aufnahme, welche er dort nicht bloß bei den als Pflegerinnen zurückgebliebenen Ordensschwestern, sondern auch bei den durchweg dem französischen Heere angehörenden Leidensgenossen fand, war eine in jeder Beziehung musterhafte und man muß es in dem Büchlein selber nachlesen, wie der gefangene „Prussien“ nach wenigen Stunden mit seinem französischen „Kameraden“ aus so gutem Fuße stand, daß die pflegenden Schwestern dem dringenden Wunsche ihrer Landsleute nachgeben und den Landesfeind aus dem besonderen Zimmer, wohin er bereits verbracht worden war, wieder in den allgemeinen Krankensaal zurückführen mußten.

Insbesondere aber ist es eine dieser Ordensschwestern, die der Verfasser als seine „unvergeßliche, mütterlich besorgte Gönnerin und Pflegerin“ verehrt, die Madame Ste. Rosine, in Friedenszeiten Oberhausverwalterin der Anstalt. „Es gab nichts, womit sie nicht versucht hätte, mir eine Freude zu machen und mich aufzurichten. Wenn je einmal in der langen Zeit der Belagerung, so gänzlich vereinsamt, wie ich es war, mir Zweifel kommen wollten, ob denn auch alles ein gutes Ende nehmen würde, da las sie mir meine Sorgen vom Gesichte ab und verstand es immer, mich zu trösten.“ Auch um das leibliche Wahl ihres Pfleglings war sie mit rührender Sorgfalt bemüht. Aufs liebenswürdigste besorgte sie ihm Zeitungen, Schokolade, Brot, Lichter, Tabak und anderes; wenn auch nur eine kleine Heiserkeit eintrat, war sie alsbald mit Thee, Glühwein und allen möglichen Hausmitteln bei der Hand , und als nach Weihnachten die Barschaft des von dem Verkehre mit der Heimath fast gänzlich Abgeschnittenen zu Ende war, da nahm sie keinen Anstand, ihm „auf sein ehrliches Gesicht hin“ 40 Franken vorzustrecken. Es ist rührend, alle die kleinen Liebesthaten im einzelnen zu lesen, die, je weiter die Noth an Lebensmitteln fortschritt, mit um so größeren Schwierigkeiten verknüpft waren; wie die getreue Pflegerin am Christfest dem sehnsüchtig des heimatlichen Weihnachtsbaumes gedenkenden Deutschen einen Kirschlorbeerzweig mit einem Lichte davor am Bette befestigt und ihm ein „petit pain“, ein „Brötchen“, als besondere Weihnachtsgabe verabreicht; und wie sie in dem einzigen kritischen Augenblick, den die Erregung infolge der Beschießung für den deutschen Gefangenen brachte, ihm entschlossen zur Seite stand und ihn, ehe es zu schlimmen Gewaltthätigkeiten kommen konnte, rasch auf die Seite brachte. Man glaubt es dem Verfasser gern, daß ihm der Abschied aus diesem Hause nach Abschluß des Waffenstillstands, der ihm die Freiheit brachte, fast schwer wurde. Selbst der biederen Köchin des Hauses. Madame Pauline, ging die Trennung so nahe, daß sie das letzte Pferdefleisch-„Beefsteak“, in jenem Augenblick noch ein seltener und vielbegehrter Genuß. ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit jämmerlich verbrennen ließ.

Es ist gewiß, nur mit aufrichtiger Hochachtung vor jenen vortrefflichen Menschen, die unter den erschwerendsten Umständen das Gebot der Nächstenliebe so glänzend erfüllt haben, wird der Leser die Aufzeichnungen des württembergischen Feldsoldaten aus der Hand legen und ein Strahl von jener alle Völkerscheiden überwindenden Sonne der Humanität wird auf seinem Herzen ruhen.