Gott und Teufel Lettische Volkslieder und Mythen
von Victor von Andrejanoff
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[52]
Pehrkon.[1]
Nach einer lettischen Mythe.




          Anmutige Gegend. Abendsonnenschein.

     Im Hintergrunde das Haus des Häuptlings von anderen kleineren Häusern umgeben. Links ein Birkenwäldchen. Rechts ein massives, plumpes, turmartiges Gebäude mit eisernem Thor. Jünglinge und Jungfrauen führen Reigenspiele auf. Marger liegt links im Vordergrunde unter einer Birke und starrt finster vor sich hin.


          Chor.
Sprach zu mir der Fischerknabe,
„Komm, o Mägdlein, in mein Boot!“
Nein, ich mag nicht, Fischerknabe,
Weht der Wind, versinkt das Boot.
     (Der Regen löst sich auf; einige Jünglinge und Mädchen nähern sich Marger.)


          Ein Jüngling.
Immer trübe und verschlossen,
Immer nur für sich allein?
Keinen Blick für die Genossen.
Keine Lust an unserm Reihn?


          Ein Zweiter.
Willst du immer ferne bleiben
Dem, was Jugend will und kann?
Seh’ ich’s so dich weiter treiben,
Zweifle ich, ob du ein Mann.


          Ein Mädchen.
Häuptlingssohn, gleich einem Knechte
Drückst du in den Winkel dich –
Oder kam noch nicht die Rechte?
Laß das Warten! Küsse mich!

[53]

          Ein Zweites.
Schöner Marger, hat ein Hexlein
Dir vielleicht was angethan,
Daß du wie ein faules Dächslein
Dich vergräbst im eignen Wahn?


          Maija.
Laßt ihn, Schwestern, laßt ihn, Brüder,
Kennt ja alle sein Geschick!
Säng’ er, wären’s Trauerlieder,
Tanzt’ er, wär’s ein Trauerreigen,
Viel beredter ist sein Schweigen
Und sein hoffnungsloser Blick.
Graunvoll ist’s, so jung erleiden,
Was den Mann zum Wahnsinn triebe.
Was den Greis erstarren ließe, –
Grauenvoll, seit Kindertagen
Immerdar den Tod vor Augen,
Ja, den Todestag zu haben!


          Ein Mädchen.
Ist’s denn wirklich so? sprich, Schwester!
Was ich nur verworren hörte,
Ist’s kein Märchen, ist’s kein Trug?
Weißt, nicht lang erst weilen Vater,
Mutter hier in dieser Gegend,
Unbekannt noch sind wir; niemand
Sagte Sichres uns darüber.


          Maija.
Still! er darf’s nicht hören. Leise
Will ich dir sein seltnes Schicksal,
Seines Lebens Unheil künden.
     (Sie zieht das Mädchen ganz nach rechts vorn.)
Als, ein frischer derber Junge,
Unser Marger in der Wiege
Lag, trat nachts die Göttin Laima.
Unsres Volkes treue Hütrin,
Schirmerin der Wöchnerinnen
Und der Neugeborenen, Spendrin

[54]

Aller Freude, alles Glücks,
An des Häuptlingssohnes Wiege.
Lange sah sie mild und gütig,
Aber ernst, wie nimmer sonst
Auf den kleinen, holden Schläfer –
Sprach dann feierlich und langsam:
„Dir, mein Knabe, ist ein sel’ger
Tod beschert in früher Jugend.
An dem Tag, da zwanzig Jahre
Deines Lebens dir verronnen,
Trifft dich Pehrkons heil’ger Blitz!"
Sprach’s und schwand.


          Das Mädchen.
                    O, der Unsel’ge!


          Maija.
Vater, Mutter sahn die Laima,
Hörten wohl der Laima Worte,
Dachten mit zerrissnem Herzen
Nur an ihres Sohnes Zukunft,
Nur an ihres Sohnes Tod.
Nicht mit Göttern läßt sich rechten
Und den Göttern nicht entfliehen,
Fromm verehren soll ihr Walten
Auch der Arme, den sie grausam
Fühlen lassen ihre Macht!
Doch der Häuptling sann auf eine
Rettung, sann viel Monde, Jahre,
Bis er endlich diesen Turm hier
Bauen ließ. Aus Stein und Eisen
Ist der feste Bau gefügt
Und ein tiefer Keller öffnet
Sich darin mit Stein- und Eisen-
Platten zehnfach zu verschließen.
Dort hinein will der besorgte
Vater an dem Unglückstage
Seinen einz’gen Sohn versenken,
Denn durch Stein und Eisen, meint er,
Kann selbst Pehrkons Blitz nicht dringen –

[55]

Und ist erst vorbei der Schicksals-
Tag – wird Marger blühn und leben.


          Das Mädchen.
Schlau ersonnen, klug gethan,
Durch die Stein- und Eisenschichten
Schlägt der Blitz selbst keine Bahn.


          Maija.
Eitler Trotz, wenn Götter richten,
Sündhaft thör’ger Menschenwahn!


          Das Mädchen.
Und wann wird er zwanzig Jahre?


          Maija.
Das weiß niemand unterm Volke;
Vater, Mutter, Marger selbst
Halten’s streng geheim.


          Das Mädchen.
                    Der Arme,
Wie er fürchten, leiden muß!
     (Beide gehen in den Hintergrund zu den anderen.)


          Marger.
     (den Kopf erhebend und ihnen nachblickend).
Diese birkenschlanken Mädchen,
Flink wie Bachstelzen und zierlich,
Plauderhaft wie junge Elstern,
Haben wieder über Marger
Und sein Schicksal sich gegrämt,
Haben viel von grauenvollem
Los, von Furcht und Leid gefabelt;
Ihrem Flüstern, ihren scheuen
Mienen hab’ ich’s wohl entnommen.
Doch wie falsch, wie mißverstanden
Ist, was all die Menschen draußen
Reden über mein Geschick!
Nicht vorm nahen Tode schreck’ ich
Wie ein Lüstling mark- und kraftlos,

[56]

Wie ein altes Weib zurück:
stolz und trotzig pocht das Herz mir
In der Brust und meine Muskeln
Schwellen bei dem Lustgedanken
An Gefahr, an Kampf und Wunden!
Nicht weil auf der Gegenwart mir
Alp gleich lastet stets die Zukunft
Flieh’ ich froher Menschen Kreise,
Flieh’ die Lust und flieh’ die Liebe;
Nicht weil ich mich elend fühle
Bleib’ mit mir ich gern allein –
Nein, um andre nicht zu stören,
Zu betrüben, nicht in andern
Große Hoffnungen zu wecken,
Die sich nimmer doch erfüllen,
Die gar bald mit mir dahin!

Wohl im Reigen könnt’ ich jauchzen,
Wohl im Arm ein Mädchen wiegen,
Wohl im Kampf die Keule schwingen
Und im Frieden sän und ernten,
Aber käme dann die Stunde
Meines Schicksals, müßten jene
All die Freunde und die Liebste,
Kriegsgefährten, Kameraden,
Doppelt trauern, doppelt klagen.
Drum durch jahrelangen Mißmut,
Jahrelangen Grames-Anschein
Sucht’ ich alle an mein Schicksal
Zu gewöhnen. Leider scheint es
Mir nicht ganz geglückt zu sein!

Was die Götter uns bestimmen,
Müssen wir in Ehrfurcht tragen,
Und wenn tödlich sie ergrimmen,
Sollen wir nicht weibisch klagen.
Unser ist die kleine Erde,
Ihrer die Unendlichkeit,
Ihr „Vergehe!“ und ihr „Werde!“
Füllt mit Wesen Raum und Zeit.

[57]

Vater Pehrkon, nicht dein Wille,
Dem ich still mich unterwerfe,
Nur der Eltern Angst und Thorheit
Füllt mit Trauer meine Brust!
In den Turm da soll ich steigen,
Wie ein Dieb mich feig verkriechen
Vor dem Gott, des Sonnenauge
Alles, alles kennt und sieht, –
Nein, das kann ich nicht ertragen,
Das verstört mich, das erzürnt mich,
Das befleckt, besudelt mich!
Frei als Mann den Tod erwarten,
Wie ein Krieger mit ihm ringen,
Das ist Ehre, das ist Lust!

Wär’ ich nicht zu frühem Hingang
Von Kind auf bestimmt gewesen,
Hätt’ ich wohl ein tapfrer Krieger,
Schlachtenlenker werden mögen.
Viel der Feinde noch bedrohen
Uns im Norden, Süden, Osten,
Die wir kaum erst warm geworden
In dem schwer erkämpften Lande.
Eh’rne Herzen, eh’rne Arme,
Frische freie Köpfe sind uns
Not in solcher bösen Zeit!
Da mir solches nicht beschieden,
Will ich wenigstens als tapfrer
Krieger sterben stolz und frei.
     (Er steht auf.)
Wie nur mach’ ich’s, wie vollend’ ich’s ?


     (Er geht in Gedanken auf und nieder. Die Jünglinge und Jungfrauen sind inzwischen von der Scene verschwunden. Maija allein blieb im Hintergrunde und tritt jetzt zu ihm.)


          Maija.
Wardst du endlich Sinnens müde?
Schau, die Sonne ging schon unter,
Rötlich glänzen Birkenwipfel,
Vöglein flattern müd’ zu Neste
Und der Erdkrebs pfeift sein Nachtlied.

[58]

          Marger.
     (sie innig anblickend).
Schöne Maija, liebes Mädchen,
Du Gespielin meiner Jugend,
Heute seh’ ich noch die roten
Birkenwipfel, hör’ den Erdkrebs
Pfeifen – und dann nimmermehr.


          Maija.
Welche Worte? Du erschreckst mich!
Ahn’ ich ihren Sinn?


          Marger.
                    Ich werde
Morgen zwanzig Jahr –


          Maija.
     (zurückfahrend).
                    O Laima!

'

          Marger.
     (ihre Hand fassend).
Schöne Maija, liebes Mädchen.
Darf ich dies Erschrecken deuten?
     (Maija blickt verschämt und zitternd zur Erde.)


          Marger.
Lieb hast du den armen Marger?


          Maija.
     (flüsternd).
O wie lang schon!


          Marger.
                    Und du sagst es
Heute erst!


          Maija.
                    Wir Mädchen lassen
Gern das erste Wort den Männern.


          Marger.
Und so war es gut; denn nimmer
Konnten, durften wir uns lieben!

[59]

Nicht an sich das frische Leben
Fesseln soll der Todgeweihte,
Und das war ich schon am ersten
Tage meines kurzen Daseins.


          Maija.
Ach, daß keine Rettung winkt!


          Marger.
Nicht auf Rettung darf ich sinnen:
Was der Gott beschloß, ist weise,
Wenn wir’s nimmer auch begreifen.
Andres aber schafft mir Qualen,
Andres nagt an meinem Herzen – :
Nicht, wie Vater, Mutter wollen,
Feig’ und knechtisch mich verkriechen
Unter Stein- und Eisenplatten
Darf ich vor des Gottes Blitzstrahl, –
Sünde wär’s an Ihm und mir!


          Maija.
Marger, Held, – ich blicke schaudernd,
Blick’ bewundernd zu dir auf!


          Marger.
Bald, ich weiß es, kommt der Vater
Mit den Ältesten des Stammes,
In den Turm mich zu verschließen,
Wo ich dann von Mitternacht bis
Mitternacht, wie ein Verbrecher
Schmachten soll, als könne Pehrkons
Blitz nicht Stein und Eisen spalten;
Nein, das kann ich nicht ertragen!


          Maija.
Giebt’s denn nicht ein Mittel?


          Marger.
                    Habe
Lange schon mein Hirn zermartert,
Solch ein Mittel auszusinnen;
Doch vergebens.

[60]

          Maija.
                    Nun, so fliehe!


          Marger.
Mich Verfolgen werden sie. –


          Maija.
Will sie in die Irre führen.
Wohin wendest du die Schritte?


          Marger.
Nur fünf Stunden weit von hier
Blaut das Meer; an seinem Ufer
Weiß ich einen freien Hügel,
Dort will ich den Tod erwarten;
Westwärts lenk’ ich meine Schritte.


          Maija.
Ostwärts lenke ich die ihren.


          Marger.
Habe Dank, du Liebe, Gute!
     (Er reicht ihr die Hand zum Abschied, wendet sich dann ruhig nach links und verschwindet im Birkenwald. Maija sieht ihm lange nach, dann bedeckt sie ihr Gesicht mit den Händen und weint bitterlich.)




II.

          Hohes Ufer am Meer. Morgenfrühe.
     Marger steigt den Uferhügel hinan und blickt aufs Meer hinaus.


          Marger.
Hier bin ich –
Hier will ich des Schicksals
Harren, das Pehrkon mir schuf,
Frei im Leben,
Frei im Tode,
Frei vor dem Gotte selbst.

Wie still des Meeres
Graue Flut,

[61]

Wie still die Wälder,
Wie einsam diese ganze
Lebendige Welt,
Als gäb’ es außer mir
Kein fühlend Wesen mehr
In meilenweiter Runde!

O, wie leer,
O, wie weit ist die Welt,
Wie viel Land noch frei
Für das Lettenvolk –
Und wie viel Zukunft!

Ha, um dieses freie Land
Mit Feinden ringen,
Dieses freie Land
Sich zu Diensten zwingen,
Auf der schwererkämpften Scholle
Eine neue Heimat gründen –
Und, die Götter ehrend,
Den Feinden wehrend,
Ein Leben, reich an Mühn
Und überreich an Lust,
Aus eigner Kraft gestalten – :
Das wäre ein Werk,
Wie mein wähnender Wunsch es gewollt!

Fort, fort, versuchende
Träume der Sehnsucht!
Meine Stunde kam –
Und Abschied hab’ ich zu nehmen
Von allem Irdischen.

Armer verzweifelnder Vater,
Arme gebrochene Mutter,
Armes bangendes Lieb,
Nicht Lebewohl
Darf ich euch sagen
In letzter Stunde, –
Uns trennen ja Meilen!

[62]

Starkes, edles Volk,
Das ich mit glühender
Liebe umfasse,
Nicht eine That
Könnt’ ich wirken für dich,
Nicht einen Feind
Zum Opfer dir bringen;
Aber ich weiß:
Andere kommen nach mir,
Krieger und Häuptlinge heldenhaft;
Die werden dich führen,
Die werden dich schützen,
Bis deine Blüten
Zu köstlichen Früchten gereift!
Dich segnen Laima,
Du treues, tapferes Volk!
     (Die Sonne geht auf.)
Tag ward es nun –
Pehrkon, sieh mich bereit!
     (Pehrkon, in Gestalt eines Greises in weißglänzendem Gewande, erscheint hinter Marger und berührt seine Schulter.)


          Pehrkon.
So komm in die Arme des Gottes!
     (Marger wendet sich um, tritt schaudernd einen Schritt zurück, bezwingt sich aber schnell wieder und geht ruhig auf Pehrkon zu: dieser umarmt und küßt ihn.)


          Pehrkon.
Nimm diesen Kuß,
Du treuer Held,
Er weih’ dich zum Kämpfer,
Er weih’ dich zum Sieger
Stark in Lieb’ und Haß,
In Frieden und Krieg.
In Leben und Tod!

Es lieben die Götter,
Wer ihnen vertraut,
Und ehren hohen,
Heldischen Sinn.

[63]

Der Blitz, dessen Flamme
Zu Staub und Asche
Dich brennen sollte,
Ward zum weihenden Kusse, –
Ein Gottgeküßter lebe denn fort!


          Marger.
     (ihm zu Füßen stürzend).
Vater, Vater!


          Pehrkon.
Nicht aber sollen
Die Sterblichen frevelnd
Zweifeln an Pehrkons Macht!
Merk auf – –
     (Er streckt die Hand aus, ein furchtbarer Donnerschlag ertönt.)
Mit diesem Schlage
Fuhr Pehrkons zündender Blitz
In jenen Turm,
Der dich bergen sollte vor mir,
Zersplitterte Stein um Stein
Und schmolz die ehernen Platten.
Schaudernd steht vor den Trümmern
Jetzt dein Vater;
So straf ich thörichten Dünkel!
     (Er verschwindet. Marger tritt auf und breitet die Arme aus.)


          Marger.
So bin ich, dem Leben
Wieder gegeben,
Zum erstenmale
Ein freier seliger Mensch!
Die Welt der Thaten,
Die Welt der Liebe,
Das wunderreiche blühende Leben
Schließt seine Thore mir auf!
Du aber, heiliger Vater,
Sollst aus den Wolken,
Welche der Welt dich verhüllen,

[64]

Auf Marger schaun
Und freudig des Kusses gedenken,
Mit dem zum Leben du ihn geweiht!
Wehen soll
Durch meine Thaten dein Geist,
Pehrkon, Gewaltiger!



Anmerkungen

  1. Zuerst in lettischer Übersetzung von Ansinu Karlis (Karl Peterson) im „Austrums,“ Heft 9 – 1894, erschienen.