Leid und Freude in der Naturforschung

Textdaten
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Autor: C. Ludwig
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Titel: Leid und Freude in der Naturforschung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, 23, S. 340–344, 358–360
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Leid und Freude in der Naturforschung.
Vortrag gehalten im Saale der Buchhändlerbörse zu Leipzig von Prof. C. Ludwig.

Wenn die Kreise der feinen Gesellschaft den Naturforscher aus seiner stillen Werkstatt rufen und ihn nach den Ergebnissen seiner Arbeit fragen, so folgt er im Vertrauen auf die welterschütternde Mission seiner Wissenschaft willig der Ladung. Rasch blättert er im Buche seines Wissens nach einer lichten Stelle, welche die Herzen seiner Zuhörer zu erwärmen, zu ermuthigen vermag, den fremdartigen und verschlungenen Gängen zu folgen, auf welche er sie führen will. Aber je emsiger er sucht, um so weniger will es ihm glücken. Denn wo er immer seiner Wissenschaft begegnet, nirgends bietet sie ihm auch nur eins der Motive, wie sie tausendfältig dem Historiker und Philosophen zu Gebote stehen, und nirgends reicht ihm die volle Wahrheit seiner Erkenntniß das Band, mit welchem er den sittlichen und künstlerischen Sinn fesseln könnte.

Die Sonnensysteme, welche das leibliche Auge durch die Pracht ihres Lichtes und durch die Harmonie ihrer Bewegung entzücken, erscheinen dem geistigen Blick als eine unaussprechliche Zahl gleichgeformter Massen, die, wie sie jetzt sind, in pedantisch regelrechter Wiederkehr ihre einförmigen Bewegungen abspinnen; wie das Gegenwärtige langweilig, so ist das Zukünftige trostlos. Denn die Astronomie verspricht, daß die Sonnen dereinst verglühen, sich zu Planeten und Monden abkühlen und daß endlich, wenn Sonne um Sonne ausgebrannt und Alles auf gleiches Maß der Wärme gekommen, der Wechsel von Tag und Nacht, von Regen und von Sonnenschein verschwinden, daß die ungeheure Welt in todter Unbeweglichkeit erstarren soll. Wen sollte wohl dieses Wissen der Kassandra erquicken?

Die reiche Welt der Pflanzen, das Vorbild des Künstlers, das Gleichniß des Dichters, der Trost des wunden Gemüths, die Labe des Hungrigen, was ist sie in der Hand der Wissenschaft geworden? Aus dem Baum vertrieb sie die Nymphe und aus der Blüthe die Elfe und setzte in ihr angestammtes Recht die Mechanik. Da offenbarten sich die geheimnißvollen Wunder der Entwickelung und des Wachsthums; die Säuren des Phosphors, Schwefels, des Stick- und Kohlenstoffs, die Oxyde des Kaliums, des Calciums, des Eisens, durch innern Zwang verbunden, lösen sich in den Säften des Keims, die Bewegungen, welche wir die Wärme und das Licht nennen, setzen das Räderwerk seiner Zellenmechanik in Bewegung, diese wählen aus einem Theil der genannten Verbindungen den Sauerstoff aus und gießen den verbrennlichen Rest in das Gepräge, das ihnen von Alters her selbst aufgedrückt war. Unleugbar, die Kühnheit und der Scharfsinn sind zu bewundern, die es wagen und denen es gelingt, die stoff- und formenreiche Pflanzenwelt als das Ergebniß einfacher mechanischer Vorgänge zu betrachten. Während der Lösung der Räthsel empfand und empfindet der Forscher die Freude, einen schöpferischen Gedanken der ewigen Naturgewalt nachgedacht zu haben, aber darum wird die zerzupfte Libelle nicht für uns Andere erfreulich.

[342] Noch herber tritt uns das Thierreich in der Wissenschaft entgegen. Nach dem Schema eines endlosen Rechenexempels, in welchem als benannte Zahlen die Spannkräfte der Stoffe und die verwickelten Formen kleinster Flächen, die Geschwindigkeiten und Bahnen bewegter Molecüle eingehen, wird aus dem Ei die vollendete Gestalt, die leider mit Empfindung und Leidenschaft, mit Willen und mit Kräften, ihn zu vollführen, begabt ist.

In ihrer Gesammtheit erscheint die Thierwelt als der zerlegte Mensch, denn was sich in uns vereint findet, vertheilt sich dort in tausendfältiger Spaltung auf viele Classen und Arten. Neben die finstern Leidenschaften, die den Menschen in schlimmen Stunden beherrschen, Blutgier mit List und Gewalt befriedigt, stellt sich auch das Abbild unserer edleren Regungen, die Treue und die Hingabe an die Familie, ja an das Gemeinwesen. Aber dieses anziehende Bild verdüstert sich rasch, seitdem die Beweggründe des Handelns offenbar wurden. So oft es gelingt, eine verderbliche oder eine hülfreiche That des Thieres auf ihren innern Grund zu verfolgen, so oft erkennen wir sie bedingt durch die Lust oder Unlust der Sinne; dieser Macht ist es zuzuschreiben, daß heute die Eltern das Kind ernähren und schützen und morgen verstoßen und berauben; und nur ein großes Gesetz beherrscht das Leben der Thierwelt, der grimmige Kampf um das Dasein. Ein jedes Wesen befriedigt rücksichtslos seine Begierden und kein Mittel bleibt unversucht, um den andern die Bedingungen des Lebens zu verkümmern, sich selbst die erjagte Beute zu sichern. Das Grausen, welches dieses Schauspiel weckt, vollendet schließlich die Erkenntniß, daß das Behagen des Stärkeren, wenn er den Ueberwundenen zerfleischt, um ein Unendliches geringer ist als der Schmerz, den seine That geweckt hat. Vergebens sucht man in diesem Kampfe Aller gegen Alle nach einem sittlichen Grundsatz, nach Edelmuth, nach Mitleid und was sonst das Herz eines Menschen bewegen könnte. Auch das wohlwollendste Auge sieht nichts Anderes als die Kette der Folgen und der zureichenden Gründe.

Schreiten wir endlich zur Wissenschaft vom leiblichen Leben des Menschen. Sie zeigt, daß der Einheit unseres Bewußtseins jene große Zahl von Werkzeugen unterworfen ist, welche unsern Leib zusammensetzen. Jedes einzelne derselben erfordert zur Entfaltung seiner Wirkung so vielfach veränderliche Bedingungen und viele von uns erwecken in uns so mannigfache Empfindungen, daß die Beherrschung und Benutzung aller Werkzeuge nur durch besondere Hülfsmittel möglich wird. Die Beachtung dieser letzteren läßt sie sogleich als mannigfach verschiedene erkennen.

Diejenigen Organe, welchen die Erhaltung der normalen Zusammensetzung unseres Körpers anvertraut ist, erfreuen sich einer fast vollkommenen Selbstständigkeit und zwar in dem Maße, daß wir von ihnen und ihrem Thun erst dann eine Nachricht erhalten, wenn ihr normaler Gang gestört wird. Und auch dann sprechen sie nicht zu uns durch bestimmte, klar umschlossene Vorstellungen, sondern durch Stimmungen und Begierden, durch ihren Hunger, ihre Athmungsnoth und ihre Herzensangst. In diese Reihe gehören z. B. die Werkzeuge der Verdauung, der Aufsaugung, des Athmens, des Blutlaufs. Ohne Weiteres leuchtet ein, daß sie gerade, weil sie so selbstständig, nur bei einem hohen Grade von innerer, man möchte sagen von sittlicher Durchbildung ihre Aufgabe lösen können. In der That, mustergültig ist die Sparsamkeit, mit welcher sie schaffen; denn zum eigenen Unterhalt verbrauchen sie wenig von der Nahrung, die wir ihnen zur Bearbeitung und Verbreitung übergeben; treu und gewissenhaft liefern sie den wohlbereiteten Stoff wieder ab, freigebig reichen sie jedem Körpertheil die Mittel zu einem vollen und ganzen Leben, aber sorgsam sammeln sie den Ueberschuß der Organwirthschaft aus allen Winkeln bis zur letzten Spur wieder auf und legen mit kluger Unterscheidung das Brauchbare zum allgemeinen Betriebscapital des Organismus, das Verdorbene aber verbrennen sie und scheiden es aus.

Solche Werkzeuge, den Verwaltungsbehörden unserer Staaten vergleichbar, haben selbstverständlich die genaueste Fühlung mit allen Theilen unseres Körpers, damit sie die Bedürfnisse jedes einzelnen erkennen, und andererseits sind sie mit einer kräftigen und wohlorganisirten Executive versehen, damit sie zur rechten Zeit, am rechten Orte und in rechtem Maße wirken. Und wie vollkommen sind sie mit Allem ausgerüstet!

Die herrliche Einfachheit ihres Baues, die Leichtigkeit ihres Ganges, das sichere Eingreifen vielfach verknüpfter Maschinenstücke, die weise Verwendung der Kräfte, sie sind der gerechte Gegenstand der Bewunderung des Technikers, denn überall offenbaren sie Uebermenschliches, sei es an Scharfsinn in der Erfindung oder an Sorgfalt in der Ausführung.

Obwohl uns noch weitaus nicht die volle Einsicht in die Wirkungen aller ihrer Theile gestattet ist, und obwohl in den meisten Fällen, wo wir diese besitzen, das volle Verständniß der Wirkung nur durch mühseliges und andauerndes Studium gewährt wird, so läßt sich doch hin und wider auch ohne diese ein Einblick in die Vorgänge thun, auf welche ich hier hingewiesen.

Beispielsweise wollen wir eine der einfachsten Lebenserscheinungen betrachten, den Durchgang der Athmungsluft durch den Kopf. Die Luft, die unsere Brust durch die Nase saugt, ist uns die nothwendigste Bedingung des Lebens, aber sie bringt uns auch große Gefahr. Denn wie sie eingesogen wird, ist sie weniger feucht als unser Inneres. Rasch würden die Luftwege des Kopfes vertrocknen, wenn nicht auf die Wände ihrer Bahn fortwährend ein feuchter Regen von Flüssigkeit ergossen würde. Die Wolken, aus denen er fließt, sind kleine Drüsen. Jede von diesen trägt in ihren Nerven einen Hygrometer, welcher den Stand der innern Feuchtigkeit mißt, und eine Kette, welche die Schleuße höher hebt, wenn am Himmel die Sonne scheint, und sie tiefer preßt, wenn es dort regnet. Aber die Luft ist nicht blos trocken, sie ist auch staubig und wäre sie die Luft des Paradieses. Im duftigen Wald und über dem frischen Grün der Wiese schwärmen, vom leichten Lufthauch gehoben, der Blüthenstaub, die Keime der Infusorien und der Pilze. Nach der geringsten Schätzung, die auf sorgfältigen Zählungen beruht, wird ein Mensch in vierundzwanzig Stunden etwa siebenzig Millionen solcher Keime, abgesehen von allem anderen Staube, einathmen. Unter diesen Sporen und Eiern sind viele Tausende, welche den feuchten und warmen Boden unserer Luftwege zur Keimung recht behaglich finden.

Wie sollten wir uns dieser Gäste erwehren, wenn die Natur nicht gesorgt hätte? Sie hat die Oberfläche unserer Luftwege mit einer beweglichen Schicht überkleidet, welche fort und fort die eingesogenen Keime durch die Mundöffnung der Nase über die abschüssige Fläche des weichen Gaumens in den Anfang der Speiseröhre treibt. Mit Speichel gemengt werden die Eier und Sporen verschluckt und in dem alles zerstörenden Magen ihrer Keimfähigkeit beraubt. Dieser bewegliche Saum, in der Wissenschaft als Flimmerhaut bekannt, setzt sich zusammen aus Härchen, so klein, daß vierhundert derselben der Länge nach aneinander gelegt, erst eine Linie rheinisch messen, und so fein und gedrängt, daß vierzigtausend auf der Fläche eines starken Nadelkopfes sitzen und noch einmal so viel auf ihm Platz hätten. Diese Härchen sind Riesen an Kraft, denn sie schieben auf der glatten Fläche der Nase das Zweihunderttausendfache ihres eigenen Gewichtes mit Leichtigkeit weiter; sie sind zähe und ausdauernd wie die Amphibien, denn fern von dem erfrischenden Blutstrom trotzen sie jedem Temperaturwechsel, und zerrissen bilden sie sich leicht von Neuem; sie sind unermüdlich, da sie, wie das Herz, niemals schlafen, und doch sind sie kunstvoller als das Herz, denn sie arbeiten ohne Beihülfe der Nerven; sie sind von staunenswerther Subordination, denn die Billionen von Härchen schlagen alle nach derselben Richtung zu immer derselben Zeit, und endlich sind sie die Bescheidenheit selbst, denn obwohl sie in der Minute viermal auf- und abgehen, so machen sie sich auch nicht durch das leichteste Kitzelgefühl bemerklich.

Dieses Kitzelgefühl hat sich die Natur zu etwas Neuem aufgespart. Wenn eine Mücke in unsere Nase summt oder der Wind das Sandkorn in sie schleudert, dann ist dieses Gefühl der Vorbote eines neuen Wunders. Durch diese Empfindung von einer Gefahr unterrichtet, welche die tapfere Armee der kleinen Härchen nicht mehr überwinden kann, schickt sie sich an schwereres Geschütz in das Feld zu stellen. Durch die Dicke ihrer Wand sendet sie einen raschen Blutstrom und giebt damit ihren Drüsen die Mittel, den fremden Körper mit glatter Flüssigkeit zu umhüllen. Indem sie so sorgt, entsendet sie zugleich eine telegraphische Botschaft zu der Stelle des Hirns, in welcher die Beherrscher der Brust thronen. Kaum haben diese vernommen, was dem treuen Diener widerfahren, so rüsten sie sich zur That; sie erweitern den Brustkorb und schleudern dann in heftigem und plötzlichem Stoße die aufgenommene Luft durch die Nase, die den gelockerten Eindringling unfehlbar hinaustreibt. – Wer, wie die meisten von uns, in [343] glücklicher Unbefangenheit das Niesen schon oft geübt und sein Behagen genossen, dem mag die pathetische Schilderung dieses landläufigen Vorgangs noch komischer erscheinen als die lustige Fratze, welche das Niesen begleitet. Aber ich denke, dieses Lächeln wird sich bald in Ernst verwandeln, wenn man die Frage stellt: wie Jemand wohl einfacher und besser den Act vollführen möchte, der hier in rascher Folge unwillkürlich abläuft? Nach stillem Denken wird er zuletzt gestehen müssen, daß kein Theil des Vorgangs zweckentsprechender hätte sein können. Ungescheut darf man behaupten, daß, wäre die menschliche Erfindungsgabe nach viel Mühe und Zeit dazu gekommen, die von der Natur gegebenen Hülfsmittel in der beschriebenen Weise zu benutzen, es wäre der Erfinder für seine bedeutenden Fortschritte in der Gesundheitslehre zu Paris gekrönt worden.

Aber auch noch jenseits der Nase droht der Luft auf ihrem Wege durch den Kopf Gefahr, insbesondere aber an dem Orte, an welchem sie die Bahn kreuzen muß, welchen der gekaute Bissen zum Magen zu nehmen hat.

Jedermann weiß, daß gegen die Wurzel der Zunge, die zum Schlingen und Sprechen zugleich dient, sich zwei Wege nach unten öffnen, die Speiseröhre, welche zum Magen, und die Luftröhre, welche zur Lunge führt. Wie leicht kann es sich treffen, daß ein Theil den rechten Weg verfehlt, und die Lunge ist hier in um so größerem Nachtheile, weil sie ihren Inhalt aufsaugt, während der Bissen kraftvoll nach unten gepreßt wird. Ein Fehlfall, und das Leben ist dahin, denn die Masse eines vollen Bissens genügt, um die Luftröhre auf immer zu verstopfen. Wären wir auf unsern Mutterwitz angewiesen, es würde sicherlich das einfachste Mahl so lange von der Todesgefahr begleitet sein, bis wir endlich die schwere Kunst des Schlingens gelernt hätten. Hier tritt nun abermals die Natur für uns ein. Ihr Scharfsinn hat rings um den Ort, wo die Luftröhre sich in den Mund öffnet, einen Nervenkranz gelegt, der gegen die Berührung der Speisen äußerst empfindlich ist; wird er getroffen, so befiehlt er den Athemwerkzeugen, die Thore zu schließen und Ruhe zu halten, die Schlingwerkzeuge aber drängt er unwiderstehlich, ihre Thätigkeit so lange zu entfalten, bis aus dem bedenklichen Kreuzweg die Stoffe weggeschafft werden, die dem Magen ein Labsal und der Lunge ein Gräuel sind.

Zuweilen jedoch sind die Nerven, welche die Speisen auf den richtigen Weg führen, schläfrig oder der Herr des Magens und der Lunge will zugleich essen und sprechen, so daß im Schlingen die Luftwege offen stehen. Dann mag es kommen, daß ein Bissen die rechte Bahn verfehlt. Ist dieses geschehen, hat ein fester Körper sich in den Kehlkopf verirrt, so wird es Ernst; eine schmerzhafte Empfindung fordert das Bewußtsein zur Aufmerksamkeit heraus, der krampfhafte Husten stellt sich ein und seinen von unserm Zuthun unterstützten Stößen gelingt es in der Regel, noch vor der Ankunft des Chirurgen die Gefahr zu beseitigen.

Wenn diese kurze Skizze unserer Vorgänge nicht allzu undeutlich war, und wenn Sie aus ihr ermessen wollen, wie viel für die übrigen verwickelteren Functionen unseres leiblichen Lebens gethan sein muß, damit sie gesund von Statten gehen, so dürfte Ihnen das, was Sie täglich an sich selbst erleben, zwar bewundernswürdig klug, aber doch sonderbar und fremd erscheinen.

Vielleicht, so könnten Sie denken, ist es anders mit den Sinnen und den Gliedmaßen, die uns die Eigenschaften der Dinge klar erkennen lassen oder unmittelbar dem bewußten Befehle des Willens gehorchen. Nun wird uns allerdings die unbedingte Herrschaft unseres Ichs sogleich verdächtig, wenn wir bedenken, daß wir zugleich auf das Auge, das Ohr, die Haut, auf Hände und Füße und zuweilen auch noch auf den Geruch, den Geschmack und die Stimme zu achten haben, trotzdem daß der Entschluß und die Vorstellung zum Entstehen einer merklichen Zeit bedürfen. Jedenfalls muß also den Sinnen und den Gliedmaßen die Befähigung zukommen, die Eindrücke, welche sie empfangen, festzuhalten. Aber kaum ist dieses Zugeständniß gemacht, so verlangt die Erfahrung des täglichen Lebens, auch schon wieder neue. So ist zum Beispiel unser Auge ein Werkzeug von höchster Präcision, sein optischer Apparat stellt sich ein für Objecte von verschiedenster Entfernung, seine Achse richtet sich ohne Fehl und Schwanken mit größter Geschwindigkeit auf den gewünschten Punkt, und seinen Bildern giebt es eine von den Objecten unabhängige Lichtstärke. Reichte man einem geschickten Manne, zum Beispiel einem Astronomen, ein Opernglas oder eine Camera obscura und verlangte von ihm, er solle mit derselben Schnelle und Sicherheit wie das Auge Bilder auf der Glastafel des Instrumentes von Gegenständen entwerfen, die bald hier, bald da, bald näher, bald ferner liegen, und stellte man dabei noch die Aufgabe, daß trotz der verschiedensten Helligkeit der Objecte die Lichtstärke des Bildes in sehr engen Grenzen eingeschlossen bliebe, so würde er lächelnd eine solche Forderung von sich weisen, und doch vermag sein Auge geschickter als sein Besitzer alles dieses spielend zu lösen.

Aber das Auge thut noch weit mehr; während es ruhend in den Raum hinaus blickt, und sein Bild auf der mikrometrisch eingetheilten Sehfläche aufnimmt, notirt es genau, welchen Antheil an der Gesammtheit des Geschehenen jedes besonders beleuchtete Stück besitzt, und es schätzt mit Sicherheit ab, um wie viel der entferntere Gegenstand im Bilde wachsen würde, wenn er auf den Abstand der näher liegenden heranrückte. Wird aber gar das Auge während des Sehens bewegt, so mißt es auch noch die Winkel, um die es sich dreht, und wenn der Kopf zugleich seine Lage verändert, so zieht der Gesichtssinn auch noch die Größe und Richtung dieses Vorgangs in Betracht. Dann bildet er aus diesen ebenso zahlreichen als genauen Operationen ein Resultat und übersetzt es in eine für unser Bewußtsein verständliche Sprache, so daß wir die Größe und Lage der Gegenstände unverfänglich sehen, nicht aber erst mühsam erschließen. Wollten sie durchaus zweifeln, daß unser Sehorgan den Raum unabhängig von unserem Bewußtsein ausmißt, so bitte ich zu bedenken, daß dieses letztere so ohne Weiteres gar nicht einmal die Maßstäbe kennt, mit denen die Messung vorgenommen wird. Wir können mit Sicherheit beweisen, daß zu diesen unter andern auch die Zusammenziehungen der Augenmuskeln gehören. Diese können wir selbst aber schon darum nicht in Rechnung bringen, weil wir ohne die anatomische Untersuchung nicht einmal von der Anwesenheit der genannten Muskeln unterrichtet wären. Hätten wir aber die Kenntniß der Bewegung und würde uns nun zugemuthet, wir sollten aus dem Umfang und der Richtung derselben die Größe und Entfernung des gesehenen Gegenstandes ableiten, so würden wir dieses erst dann vermögen, wenn wir mit den nothwendigen Rechnungs-Operationen vertraut wären; gesetzt auch, diese seien uns geläufig, so würde ein geübter Kopfrechner längere Zeit bedürfen, bevor er das Facit gezogen. Alles dieses übernimmt also das Sehwerkzeug selbst; wir geben ihm nur den Auftrag, einen Gegenstand aufzufassen, und alsbald hat es nicht nur den nächsten Befehl vollbracht, sondern auch die vollführten Bewegungen und die empfangenen Eindrücke in logischer Weise zu einem Schluß verarbeitet, und diesen mit solcher Selbstverleugnung dem Bewußtsein dargeboten, daß das letztere der Ueberzeugung lebt, die nächste Ursache der Empfindung liege nicht innerhalb, sondern außerhalb unserer Sehwerkzeuge.

Diese unwillkürlichen und unbewußten Lösungen schwieriger mathematischer Probleme erinnern lebhaft an die Leistungen unserer Rechenmaschinen, die durch rein mechanische Veranstaltungen sehr verwickelte Aufgaben in kürzester Zeit zu bewältigen wissen.

Einrichtungen von der geschilderten Befähigung besitzt nicht allein das Auge, sondern jeder Sinn, namentlich aber der des Gehörs und der des Tastgefühls, und nicht minder schieben sie sich zwischen den Willen und die Werkzeuge zum Gehen, Greifen und Sprechen ein.

Diese Mittelglieder zwischen den äußeren Sinnen und unserem Bewußtsein gehen aber in ihrer Selbstständigkeit noch einen Schritt weiter, sie wirken durch ihre Zustände nicht blos auf unsere Seele, sondern zwei benachbarte, gleichwerthige, an verschiedene Sinne oder Muskelorgane angeknüpfte verständigen sich untereinander und leisten, so lange sie gutwillig sind, durch diese gegenseitige Regulirung die besten Dienste. So bestimmen unter Andern die Hirnorgane, welche die Schwingungen unserer Gehörnerven zählen und in Tonempfindungen umsetzen, die Muskeln unserer Stimmwerkzeuge zu den Spannungen, die zur Erzeugung der Tonhöhe nothwendig sind, welche wir gerade hervorzubringen wünschen. Als ein sicher gestelltes Ergebniß der physiologischen Forschung ist es kurzweg anzusehen, daß alle unsere Sinne und unsere Glieder nirgends eine unmittelbare Beziehung zu unserm Bewußtsein gewinnen. Unsere Seele ist rings umgeben von wohlgegliederten geheimnißvollen Apparaten, die das Ergebniß ihrer innern Thätigkeit unserem Bewußtsein als die Grundlage unseres Denkens dictatorisch aufdrängen.

[344] Diese Einrichtung, welche durch die beschränkten Fähigkeiten unseres Geistes bedingt ist, dieser Mechanismus, welcher so segensreich für uns wirkt, so lange er im Dienste und für die Zwecke unseres Geistes wirkt, gestaltet sich jedoch für uns zu einer entsetzlichen Qual, wenn er von seiner Selbstständigkeit den falschen Gebrauch macht, wenn er das, was ihm im Traume gestattet ist, auch im Wachen übt, indem er unserem Bewußtsein seine eigenen nicht durch die Eindrücke der Sinne empfangenen Bilder überliefert. Diese Möglichkeit braucht nur angedeutet zu werden, um uns zurück zu drängen von einer genaueren Betrachtung dieser bald ergebenen und bald gewaltthätigen Organe. Welcher gesunde Mensch möchte hier nicht die Unbefangenheit dem Wissen vorziehen?

Und doch, wie viel des Unheimlichen diese Einrichtungen bergen, man kann sich mit ihnen versöhnen, denn unbestritten ohne diese angeborenen Automaten wären wir noch hülfloser, als wir sind; vielleicht giebt es kein anderes Mittel, um unsrer Ohnmacht zu begegnen, und so mußten wir das Böse mit dem Guten in den Kauf nehmen. Aber wie nun, wenn das, was unsrem Ich zur Seite steht, gar nicht unser Eigenthum wäre, wenn auch dieser beste Theil unseres Leibes dem unbeschränkten Communismus der organischen Masse verfiele, wenn wir fänden, daß nicht blos der Keim des zukünftigen Baumes, sondern auch der gehorsame Muskel, der Botschaft bringende Nerv, das seelenvolle Auge, im lebenden Leibe den Parasiten nährt, und wenn wir gar gewahren, daß die Natur dem blinden, hülflosen Wurm den Weg mit der wunderbarsten Sorgfalt gebahnt und dessen ganzes Sein gerade so wie das unsere auf die Organe gebaut hat, die wir seit Jahren als rechtmäßiges Eigenthum beanspruchen? Wie verrucht ist diese Doppelzüngigkeit, wie schauderhaft ist eine Zweckmäßigkeit, der die Achtung vor den eigenen Werken fehlt, die das Höchste, was sie erzeugt, dem niedrigsten ihrer Geschöpfe vorwirft!

[358] Die alte Anklage der Künstler, daß der Natur das Schöne nur zufällig gelinge, wiederholt die Wissenschaft, trotzdem daß sie die Erfindungsgabe und die Technik der Natur bewundern muß. Wie erhaben sie als Techniker über dem menschlichen Können steht, das leuchtet am besten dem Physiologen ein, wenn er die organischen Gebilde zergliedert.

Zunächst bei der Herstellung des Materials. – Um den Metallglanz der Feder, den Krystall des Auges, den Stahl des Knochens und die elastische Weichheit der Haut zu erzeugen, greift sie nicht wie der Künstler zu Glas und Metall, zu Holz und Kautschuk, kurz zu den verschiedenartigsten Stoffen, sondern sie baut dieses Alles aus ein und derselben Substanz auf, der sie durch geringe Beimischungen und kleine Aenderungen der Structur die Eigenschaften zu ertheilen weiß, durch welche jeder Theil seine Besonderheit empfängt; somit wird durch das locale Gepräge der gemeinsame Charakter nicht verwischt, und trotz aller Mannigfaltigkeit der Erscheinung bewahrt ein jedes Werk schon durch das gleichartige Material seine charakteristische Einheit.

Und nun kommt die Durchbildung des Details; wie sinnreich ist hier ihr Verfahren! Die barbarischen Methoden, mit welchen der Mensch formt und vervielfältigt, Drehbänke, Meißel, Pinsel, Schablone und Presse sind ihr fremd; sie preßt nicht das Einzelne zum Ganzen, sondern sie beginnt den Aufbau mit dem Kleinsten, mit den unsichtbaren Atomen, und läßt diese scheinbar durch eigene Wahl zum Ganzen werden. Dann stellt sie, nachdem aus der Zusammensetzung von Atomen ein mikroskopisch sichtbares Gebilde geworden, in der Zelle der weiteren gleichartigen Zusammenhäufung eine Grenze, die aber immer noch weit unter der Größe des feinsten Sandkorns zurückbleibt. Jede dieser Zellen wird als ein besonderer Mittelpunkt selbstständiger Formgebung behandelt, und zugleich empfängt sie je nach ihrem Standorte besondere Eindrücke von außen her. Indem sich nach einem bestimmten innern Gesetze Zelle an Zelle lagert, von der eine jede von innen herauswächst, entstehen die großen mit freiem Auge sichtbaren Gebilde als das Product vielfacher gleichzeitiger Arbeiten. So erklärt es sich, weil sie alle Zufälligkeiten der äußeren Einwirkung in das innere Gesetz einwebt, daß die Natur trotz ihrer maschinenmäßigen Arbeit doch kein Haar, kein Hautschüppchen, wieviel weniger ein Auge oder eine Hand der andern gleich macht. Wenn wir uns nicht angewöhnt hätten, aus einem Negativ viele photographische Abdrücke zu machen, sondern für jedes neue Bild eine neue Aufnahme ausführten, so würden wir in dieser Technik etwas entfernt Aehnliches erreicht haben, wie dieses der Natur in millionenfach verschiedener Weise gelingt. Wie oft muß der menschliche Künstler seine Methode der Darstellung principiell ändern, um auch nur ganz entfernt jener Mannigfaltigkeit in dem Gleichartigen nahe zu kommen!

Auch in der Proportion der Formen ist sie Meisterin, vielleicht [359] schon darum, weil sie nicht wie der Mensch ihre Werke stückweise entstehen läßt. Sie fertigt nicht erst das Gerüst und füllt und umkleidet dieses mit seinem Inhalte und seinem Ueberzuge, sondern sie legt schon in den Keim die Anlagen aller zukünftigen Formen, so daß der Rumpf mit den Gliedmaßen, die Haut und die Muskeln zugleich mit den Knochen heranwachsen. So wird jeder Theil vom benachbarten gefördert, und jeder beschränkt auch zugleich den anderen, weil alle gleichzeitig aus demselben Material ihren Bildungsstoff beziehen. – Trotz alledem gelingt ihr nicht Alles, denn zahlreiche Mißgeburten entstehen auch in der Werkstätte der Natur – aber was nicht proportionirt ist, das zertrümmert die Prüfung des Lebens, weshalb die große Zahl der Fehlfälle nicht zur großen Summe wird. Müßten alle Statuen unserer Bildhauer und alle Bäume unserer Landschafter die Probe des Schreitens oder des Widerstandes gegen die Eingriffe des Klimas ablegen, so würden uns auch unsere Kunstsammlungen weniger reich an Fehlern erscheinen.

Mit der Güte des Materials, der Durchbildung des Details, dem Festhalten der Proportion ist auch die Kunst der Natur zu Ende. Nach den Anschauungen, die neuerlichst in der Entwickelungslehre der organischen Wesen fast ausschließlich zur Herrschaft gelangt sind, soll die Natur den Bau ihrer Geschöpfe methodisch verbessert haben. Nach der modernsten Phase, welche Darwin’s berühmte Lehre erfahren hat, sollen Frosch und Kröte Vorstudien der Natur zur menschlichen Gestalt gewesen sein. Danach wäre ihr Bildungsfähigkeit nicht abzusprechen, aber ihr künstlerischer Sinn wäre auf das Tiefste gebrandmarkt, wenn sie heute noch den Standpunkt, den sie selbst überwunden hat, fort und fort von Neuem einnähme. Doch wie es sich auch mit der Wahrheit unserer heutigen Naturphilosophen verhalten mag, Eins bleibt sicher: es bildet die Natur, dem Sinne des Künstlers gerade entgegen, leicht und zahlreich das Häßlichste wie das Schönste, und Alles baut und formt sie mit gleicher Sorgfalt und Liebe. In welche Verirrungen unsere heutige Kunstindustrie auch verfallen ist, so tief steht sie nicht, daß sie zugleich um die Gunst der edlen Jungfrau und die der Auster und Spinne buhlte.

Den Meisten unter Ihnen werden die Betrachtungen, welche ich bis dahin angestellt, fremdartig genug klingen, und besonders unerwartet wird es Ihnen sein, sie aus dem Munde eines Naturforschers zu hören, da doch sonst nur Lob und Preis der Wissenschaften ertönt, welche der Neuzeit ihre Signatur aufdrückten. Und doch, so schmerzlich es ist, an dem Inhalte unserer Wissenschaften kann sich kein menschliches Gemüth erquicken, vorausgesetzt immer, daß man den ganzen und vollen Inhalt erfaßt und nicht etwa eine poetische Auslese aus ihm hält.

Anders aber gestaltet sich die Lage, wenn wir vom Wissen zum Können, von dem Begreifen zum Beherrschen übergehen. Mit diesem Schritte gewinnen wir einen neuen und überwältigenden Gesichtspunkt.

Die Mutter Natur hat sich nicht damit begnügt, uns mit einem gebrechlichen Leibe zu begaben, sie hat uns vorsorglich auch mit Gefahren umstellt, sie hat uns mit dem Drange zum Nachdenken erfüllt und uns in die Welt aller Räthsel gesetzt, sie hat uns den Trieb zum Schaffen geschenkt und neben uns Gewalten wachgerufen, die unserer schwachen Körperkräfte spotten, sie hat uns die Liebe zu den Kindern und den Volksgenossen eingeflößt und freiwillig nur kärgliche Nahrung gereicht, so daß dem völkererzeugenden Stamme der Hunger als Zugabe zur Liebe gereicht ward. In dieser Lage bleibt kein Ausweg als die Arbeit des Erkennens, welches zur Herrschaft über die Naturkräfte führt. Die Naturwissenschaften, die Kinder der Noth, bieten das einzige Mittel, um zum Selbstgenuß des Geistes zu gelangen.

Das Ziel ist lockend, aber es liegt in weiter Ferne, denn das, was wir Natur nennen, ist ein dichter Knäuel vielfach verschlungener Fäden, der nicht willkürlich von jedem beliebigen Ort an zu entwirren ist. Jeder folgende Schritt ist vergeblich oder belohnt zum Mindesten nur spärlich die angewendete Mühe, wenn nicht schon der vorhergehende gethan ist.

Den Beweis für diesen Satz giebt in überraschender Weise die Entwickelungsgeschichte der physiologischen Wissenschaft. Der Leib des Menschen ist, wie wir heute mit unumstößlicher Gewißheit erklären, nichts Anderes als eine sinnreiche Zusammensetzung aus mancherlei Werkzeugen, in welchen keine bevorzugten, sondern nur die Kräfte der unorganischen Welt beschäftigt sind; was hätte somit näher gelegen, als daß der Mensch durch eine Zergliederung seines leiblichen Lebens oder dessen der Thiere, welche ihm an Körperbau nahe stehen, zu einer Einsicht in die Vorgänge der unbelebten Natur gedrungen wäre, und doch ist dieser Weg kein einziges Mal von der Naturforschung mit Erfolg eingeschlagen worden. Ja noch weiter, wir haben kein Organ unseres Leibes und sein Wirken eher begriffen, als bis ein Analogon seiner Maschinerie in der unorganischen Natur verstanden war.

Als an der Hand der Astronomie die Grundlagen der Mechanik geschaffen waren, erst da sah der Anatom in dem längst bekannten Knochengerüst das Gesetz des Hebels verwirklicht. Bevor das Fernrohr und das Mikroskop zusammengesetzt waren, ist keinem der vielen Zergliederer des Auges die Einsicht geworden, daß unser Werkzeug, mit welchem wir die Lichtstrahlen sondern und vereinigen, nichts Anderes anstrebe und erreiche, als die genannten Apparate der Optiker. Erst nach den Entdeckungen der Volta’schen Säule wurde auch in unseren Nerven und Muskeln die elektrische Batterie gefunden. Danach wird es auch nicht verwunderlich, daß die Dampfmaschine keiner Wissenschaft größere Dienste als der unsrigen geleistet hat.

Mit der Maschine war zum erste Male ein selbstthätiger Mechanismus künstlich erbaut, in dem sich das Spiel der Kräfte durchsichtig genug gestaltete, um den Zusammenhang zwischen der entstandenen Wärme und der gelieferten Bewegung zu erkennen. Unverzüglich löste sich auch dem Physiologen das große Räthsel der Lebenskraft, indem es sich zeigte, daß es mehr als ein blos poetischer Vergleich sei, wenn man die Kohle als das Nahrungsmittel der Locomotive und die Verbrennung als den Grund ihres Lebens auffasse.

Die Erklärung des Lebens geschah an der Hand der Mathematik, Chemie und Physik, natürlich nicht dadurch, daß die dort gefundenen Lehrsätze und Thatsachen unmittelbar auf die Organe des Thieres und seine Leistungen übertragen wurden; dagegen schützt schon der ganz abweichende Bau und die eigenthümlichen Mittel, mit denen derselbe hergestellt ist. Aber so viel Mühe und Scharfsinn es gekostet hat, die grundsätzliche Uebereinstimmung zwischen dem Organischen und Unorganischen in jedem besonderen Falle darzuthun, die Principien, welche in den reinen Naturwissenschaften gefunden worden, sind doch der Leitstern gewesen, welcher den Physiologen geführt hat.

Darum bleiben auch die Gebiete, auf welchen uns kein dort gefundener Grundsatz leitet, trotz aller Anstrengung im Dunkeln. So wissen wir z. B., daß die Zelle sich ernährt, wächst und theilt, daß sie zahlreiche chemische Verbindungen erzeugt, daß sie das Einfache aufnimmt und das Zusammengesetzte abgiebt; wir wissen, daß sie im Verlauf ihres Lebens je nach Stand, Ort und Bedingung zahlreiche Formen verschiedenster Art, bewegliche und starre annimmt; kurz wir wissen, daß sie der Baumeister unseres Leibes ist. Warum aber gerade diese Formen und diese Stoffe das Wachsthum bedingen, das bleibt uns unbekannt. Mit Sehnsucht sehen wir darum der Entdeckung der Urzeugung, eines homunculus, wenn Sie wollen, entgegen; erst wenn dieser Traum und sei es auch noch so unvollkommen, verwirklicht, wenn erst nur ein Rudiment entwickelungsfähigen Stoffes künstlich hergestellt ist, dann wird auch bald das große Problem der natürliche Entwickelung begriffen und die volle Herrschaft des Arztes und des Landwirthes über die Entwickelung von Pflanze und Thier gewonnen sein.

Doch das volle, das philosophische Verständniß, in welchem die verwickelten Vorgänge der Natur sich aus den wenigen und einfachen Grundsätzen ableiten, die wir kraft unseres Denkens als unzerlegbar ansehen, ist glücklicherweise nicht immer nöthig, um unsere Kenntnisse praktisch zu verwerthen. Jede, wenn auch noch so beschränkte Einsicht führt zu einer entsprechenden Beherrschung der Kräfte. Die Geschichte belegt diesen Satz mit tausend Beispielen, denn worauf gründet sich die Darstellung des Glases, das Pfropfen des Reises, die Anwendung des Opiums, Techniken, die weit in das Alterthum reichen, anders als auf eine genaue Kenntniß von den natürlichen Producten und Processen.

Aber zur vollen und unbedingten Herrschaft gelangen wir nur an der Hand der Theorie, weil sie nicht ein künstliches, sondern ein aus dem Inhalte zahlloser Erfahrungen abgeleitetes Wissen ist, welches das Heer der Naturerscheinungen unserem Verstande so deutlich ausspricht, daß er sie trotz seiner Beschränktheit [360] fassen kann. Weil es aber vollkommen unmöglich ist, daß alle Erfahrungen, auf welche sich die Theorie erstreckt, ihrer Aufstellung vorausgegangen, so steht von vornherein nicht fest, ob sie die volle Wahrheit enthält, und darum liegt es ihr selbst an, sich weiter und weiter zu bestätigen. Sie schließt nie ab, sondern sie ist die lebendige Wurzel und der Sporn der weiteren Forschung, und abermals nicht des ziellosen Forschens durch die Beobachtung, sondern des bewußten durch den Versuch; sie giebt im Voraus an, welche Bedingungen zu erfüllen sind, welche Maßnahmen zu ergreifen, damit ein bestimmter Erfolg gewonnen werde. Somit weist uns die Theorie auf schon durchsuchten Gebieten zurecht und zugleich erschließt sie uns neue und zeigt uns den kürzesten Weg in das Wesen aller Dinge.

Diese Art der Forschung, welcher die Speculation vorausgeht, kennzeichnet die Naturforschung seit dem Ende des Mittelalters, aber erst seit dem Ende des siebenzehnten Jahrhunderts nahmen die Hypothesen, die zur Beobachtung führen, die Eigenschaft der Theorie an, wie wir sie heute verstehen, und kaum seit drei Jahrzehnten haben sich unsere theoretischen Ansichten zu einer solchen Allgemeinheit erhoben, daß sie fast alle bekannten Erscheinungen der Natur unter wenigen allgemeinen Gesichtspunkten zusammenfassen.

Heute kann die Theorie unzählige Erfolge voraussagen, und wo dies nicht, da giebt sie wenigstens in allgemeinen Umrissen den Weg, durch welchen der Aufschluß zu gewinnen ist, und wenn auch nicht über ein ganzes Gefüge von Erscheinungen, so doch wenigstens über einzelne Fäden, welche in das Gewebe eingeschlungen sind. In diesem Reichthum der Theorie liegt die Ursache der gewaltigen Entfaltung, welche unsere Special-Kenntnisse in wenigen Decennien erfahren haben.

Wenn wir den ungeheuren Kreis von Menschen betrachten, die heute im Dienste der Theorie schaffen, vom Heizer der Maschine bis hinauf zu den Spitzen der Wissenschaft, so erkennen wir leicht, daß nicht Alle gleichmäßig von den Früchten der Erkenntniß genossen haben.

Nur Wenigen ist es vergönnt, die Myriaden von Erscheinungen und den Kampf der Kräfte in den Zeichen darzustellen, durch welche die Mathematik ihre rein formalen Operationen ausdrückt, nur Wenigen, diese leblosen Zeichen so zu bewegen, daß sie in voller Wahrheit die Harmonie und den Conflict der Naturkräfte wiederspiegeln. An diese einsamen Spitzen schließt sich eine andere größere Reihe von Geistern an, welche die Resultate des abstracten Denkens zwar verstehen, aber auf Treu und Glauben hinnehmen müssen, um sie in Ausdrücke zu übersetzen, die dem Arbeiter verständlich sind, der schließlich die Befehle der Formel zur praktischen Ausführung bringt.

Der mathematische Physiker, nach dessen Anleitung der Ingenieur und der Mechaniker arbeiten, empfängt aber selbst das Material für sein Denken von dem Forscher. Diesen leiten im Beginn allerdings nur die feinen Sinne und ein richtiger Tact, Hülfsmittel, die er von Hause aus mitbringt. Aber kaum hat er mit ihnen nur einige der Bedingungen erkannt, die der Erscheinung eigenthümlich, so legt er auch den Maßstab an die Kräfte und beantwortet mit ihm die Fragen der Theorie.

Keiner menschlichen Kraft ist es gegeben, die Aufgaben allein zu bewältigen, welche uns die Wissenschaft im weitesten Wortsinn vorlegt; viele Tausende müssen sich in sie theilen, zum Vortheil der Wissenschaft, aber auch zugleich zum Gewinn des Menschen. Neben dem Berufe bleibt so dem Fachmann Kraft und Zeit, um sich der Familie, dem Staate, der Kunst zu widmen, so daß in die menschlichen Kreise auf allen Stufen der Bildung Männer eintreten, welche von der Gesetzmäßigkeit der Natur durchdrungen sind. Die Schärfe, die Klarheit, die Genauigkeit des Denkens und Schaffens fordern sie natürlich auch in den Erzeugnissen der Kunst, in den Gedanken der Geisteswissenschaften, in der Praxis des Staates. Wer kann den Einfluß leugnen, den sie auf die Gestalt des geistigen und sinnlichen Lebens der Culturvölker geübt haben?

Ein Trieb nach Arbeit und Genuß ist in die Welt getreten, wie er früher unerhört war. Längst schon genügen nicht mehr die Gaben, welche der Himmel und die Erde freiwillig spenden. Die Kohle, die Mumie vergangener Wälder, wie tief und wie heimlich sie sich versteckt, entgeht dem Auge und dem Spaten nicht; der Rückstand vertrockneter Meere, vor Jahrtausenden dem festen Land entspült, muß an das Licht zurück, um den Acker zu befruchten; die Producte der Retorte wetteifern an Duft und Farbenpracht mit den Erzeugnissen der Natur; von ihrer Urheimath entführt wird die Pflanze und das Thier in ferner Zone gezüchtet, selbst zu den Tausenden der natürlichen Formen in der organischen Welt werden neue Arten erzeugt. Ueberall drängt sich ein Fordern und Gewähren, so daß, wenn früher dem Talente die Arbeit, heute der Arbeit das Talent fehlt. Vom Bedürfniß getrieben, vom Erfolge gelockt, durchbrechen die niederen Classen der Gesellschaft die alten Schranken und selbst das schwächere Geschlecht trägt die Früchte seines Fleißes auf den Markt des Lebens.

Wer aber einmal nach vorgestecktem Ziele die Kräfte der Natur in den Kampf geführt, der will nicht für immer die Lust des Herrschens missen; wem es aber gelang, aus dem Kampfe der Gewalten eine Beute davonzutragen, eine heilende Arznei, ein Werkzeug, das der Hand die Arbeit abnimmt, einen Stoff, einen Klang, eine Farbe, welche die Sinne ergötzt, wer seinem Verstande die Gabe verdankt, mit der er die Mitwelt erfreute, der bleibt für immer der begeisterte Diener der Wissenschaft. In unseren Kreisen giebt es keinen Abfall. Wir kennen nur den Zuwachs, und dem Zuge, der unsere weiten Kreise durchglüht, widersteht keine Gewalt des Menschen, kein Khedive und kein Czar, und voraussichtlich keine Gewalt unseres Erdballs.

Ueberall, wo die Wissenschaft und ihre Jünger eingreifen, zeigt sich der Erfolg. Kaum kann noch ein Zweifel bestehen, daß wir auf dem Wege sind, durch den es im Laufe der Zeiten gelingen muß, der Menschheit die Kräfte zu Füßen zu legen, welche auf diesem Himmelskörper im Bereiche des Organischen und des Unorganischen walten.

Und wenn es geschehen, wenn die Thaten, die bis dahin die Naturwissenschaft vollführt, als verschwindende gegen die erscheinen, welche sie dereinst geleistet hat, wird dann die Menschheit edler und glücklicher sein? Wird, wenn wir das Klima des Nordens gebändigt, die Phantasie des Südländers bei uns einkehren? Wird, wenn wir Stimmung und Klang der musikalischen Instrumente, wenn wir Leinwand und Farben auf die höchste Stufe der Vollkommenheit gebracht, wieder das goldene Zeitalter der Kunst unter uns entstehen? Und wird, wenn wir den Ueberfluß geschaffen, nur die Freude und das Wohlwollen uns beseelen? Fast hat es den Anschein vom Gegentheil.

Nicht heute, wo die Zeiten so unendlich und der Himmel so hoch erscheinen, sind die ewigen Grundlagen des Rechts und der Sitte entdeckt, sondern in den Zeiten, wo das Märchen von den sieben Schöpfungstagen und von den Engeln, die auf Leitern in den Himmel steigen, gedichtet wurde. Die Werke der bildenden Kunst, die Schönheit und die Bewegung des menschlichen Leibes hat die Hand und das Auge des Hellenen erkannt und geschaffen, der vor der Zergliederung des Körpers mit religiöser Scheu zurückbebte. Die tausend Augen, welche der schnelle Dampf in das Hochgebirge führt, haben uns kein Bild von ihrer Pracht zurückgebracht, wie es der häusliche Dichter des Tell gethan und die Schöpfer der herzerschütternden Symphonien schieden von uns, noch ehe das Gesetz des harmonischen Accords erkannt war.

Vergleichen wir die Kraft des Schaffens in den Gebieten der Kunst und der Philosophie, ja das Verständniß ihrer Werke, die heute vorhanden sind, mit dem, was in glücklicheren Tagen der Vorzeit geschah, so wird uns kaum die Ueberzeugung des Fortschritts erwachsen. Sollte uns darum der Gedanke kommen, daß die Fortschritte der Naturwissenschaften den Rückschritt unserer Seele bedeuten?

Wir sagen: „Nein.“ Weil der Himmel voll Welten und die Erde voll der starken Gesetze, wird die Frage nach dem Woher und Wohin dieser Unendlichkeit nur voller erklingen; weil der Verstand und die Thatkraft wuchsen, muß auch das Recht und die Sitte erstarken, weil der Geist, der den Mechanismus unterwarf, sich höher und freier empfinden muß. Darum leben wir der Ueberzeugung, daß auf diese Zeit der äußeren Arbeit eine andere des inneren Lebens folgen wird, die, von dem Erwerb unserer Wissenschaft getragen, sich reicher als je entfalten muß. Dann mögen in den Sagen jener glorreichen Zukunft die Kämpfer unserer Zeit den Heroen des grauen Alterthums vergleichbar werden, die dem Lindwurm den Tod und dem Landmann den Frieden brachten.