Hauptmenü öffnen

Lebensbilder aus der Türkei Kleinasiens

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Lebensbilder aus der Türkei Kleinasiens
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 412-414
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[412]
Lebensbilder aus der Türkei Kleinasiens.

Im Allgemeinen weiß Jeder, wie ein Türke etwa aussehen mag: ernst, würdig, beturbant, weithosig, krummbeinig, langbärtig und langpfeifig; aber Wenige können sich eine deutliche Vorstellung von ihrem Alltagsleben machen, wo und wie sie essen, schlafen, leben, lieben und arbeiten. Wie sieht der Türke ohne Turban aus? Oder wird er mit ihm geboren? Lächeln diese ernsten, traurigen, Untergang ahnungsvollen Gesichter nie? Beschleunigt sich zuweilen sein träumerischer Schritt zu einer modernen, geschäftigen Eile? Sind die Türken nie Kinder gewesen und wie sehen sie in diesem Stadium aus? Giebt es keine jungen, rosenwangigen, lebenslustigen türkischen Mädchen?

Ich habe lange Zeit in ihrem sonnigen Lande gelebt (sagt eine englische Dame, Tochter eines englischen Konsuls in Kleinasien, der wir diese nachfolgenden Mittheilungen verdanken) und kann daher Manches aus dem Privatleben der Türken zum Besten geben. In Kleidung, Sprache, Sitten und Gebräuchen, Bewegungen und allem Beiwerk sind die Türken als Volk so durchaus malerisch, daß man sie sich nur als lebende Gemälde, als „lebende Bilder“ denken kann. Mag man sie sich in ihrem Geschäftsleben vorstellen in den alten, wundervollen Bazars, wie wir sie aus den „Arabischen Nächten“ kennen, oder zu Hause auf ihren Füßen sitzend und Taback rauchend, oder an ihre Weiber denken, wie sie hinter vergitterten Fenstern ihr unwürdiges ziel- und gedankenloses Leben hinschleppen, überall kamen sie als seltsame Bilder und Gemälde vor unsere Erinnerung. Ich habe die Türken in ihrer eigentlichen, noch nicht von der Civilisation beleckten Heimath, in Kleinasien, kennen gelernt, und kann daher von ihrem wahren Wesen und ihren ächten Farben sprechen. Wir kamen ihnen von Hause aus mit vollkommenem Vertrauen entgegen und hatten nie Ursache, es zu bereuen. Furchtlos, ohne bewaffnete Diener - die ersten Engländer unter ihnen, ritten wir umher und wurden überall, besonders auf dem Lande, mit der größten Freude begrüßt. Mancher alte Türke gab uns ein trauliches Kopfnicken und freundliches Wort. Oft mußte ich vor dem gegitterten Fenster eines türkischen Mädchens stehen bleiben und mich neugierig ausfragen lassen wegen meines Unglaubens, meiner Kleidung und meiner Freiheit, um die sie mich herzlich beneideten - arme, gefangene Sklavinnen. Manche Frau kam auch heraus zu uns, um und um eingehülst, um sich vor meinem Vater nicht sehen zu lassen, sich mir nur dicht Auge gegen Auge zeigend, um mir Früchte, Quitten oder Pflaumen, zuzustecken und ein freundliches Wort von mir zu erhaschen.

Mit welcher Freude erinnere ich mich unserer köstlichen Spazierritte, vom dämmernden Morgen bis zur frisch aufgehenden Sonne, durch schwer beladene Weingärten, an curiosen, einsamen, ländlichen Hütten vorbei, in denen die Weinbergswächter schliefen, so oft es ging, nie aber, ohne ein Auge offen zu behalten, da die Trauben von Menschen und Thieren arg angefeindet werden, in wüste Strecken hinein, durch fichtendunkle Schluchten, durch welche nie ein Sonnenstrahl drang, hin an rauschenden, donnernden Wasserfällen und aufsteigend in Paradiese der wildesten, üppigsten Vegetation, aus welcher uns nicht selten kleine schwarze Bären, Bewohner der Berge, aber große Liebhaber der Trauben des Thales, oder scheußlich heulende Schakals entgegensprangen. Auch trafen wir manchen Deserteur von der Armee, der hier in diesen Wildnissen als freier Räuber sich häuslich eingerichtet und gern auf Alles schießt, was sich im nähert. Wir kamen immer gut davon. Auch die wilden Hunde, die hier einsamen Reitern (zu Fuße sieht man Niemand in diesen üppigen Wüsten) oft lebensgefährlich werden, wußten wir stets zu treffen oder abzuwehren. Wir waren das Wunder der Gegend zehn Meilen ringsum, und wenn wir zum Frühstück nach Hause kamen und abstiegen und der starke Araber Ibrahim unsere Pferde nahm, waren wir jedesmal von Neugierigen umringt.

Ibrahim war ein Herkules von Körper, der grimmigste Türkenhasser und meines Vaters persönliche, zuverlässige Leibgarde. Er spielte bei Tische den Kellner und sattelte unsere Pferde. Aller übrige Pferdedienst fiel einem Türken zu, der den Araber ebenso grimmig haßte, wie dieser ihn, so daß sie sich gegenseitig mit Luchsaugen bewachten und jeden kleinen Fehler vergrößert vor den Richterstuhl meines Vaters trugen. Außer dieser Bedienung hatten wir noch einen braunen Malteser und einen schwarzen Portugiesen aus einer Kolonie. Eine scharfe, brünette Griechin war meine Kammerjungfer und perfekte Köchin für unser ganzes Haus. Zu diesem seltsamen Personal paßte das Haus, ein langes, niedriges Gebäude, wie sie hier fast alle sind, mit einem Vorbau. Unmittelbar dem Eingange gegenüber war ein mysteriöser Raum, in welchem die Griechin stets commandirte, schabte und scharwerkte, um Frühstück, Mittag- und Abendmahlzeit zu componiren. Links eine lange Halle zum Essen und Besuche zu empfangen. Das eine Ende mit einer kleinen Anhöhe und Kisten ringsum, um Ehrengäste zu placiren. Die Wände weiß, Meublement ein grober Tisch, einige Stühle und zwei große Wasserkrüge – ein bedeutender Luxus, da die Türken in ihren Putzzimmern in der Regel weder Tische noch Stühle haben. Nichts als Divans ringsum. Auf einer Seite eine offene Abtheilung, Rauchzimmer, in welches ein Granatenbaum seine mit glühenden Früchten schwer beladenen Zweige hereinschüttelte. Die Schlafzimmer öffneten alle in diesen Hauptraum und waren mit Brettern, auf denen einige Decken und über welchen mousselinene Mosquito-Vorhänge angebracht waren, außerdem mit einigen einfachen Waschapparaten ausgestattet. So wenig braucht der civilisirte Mensch, wenn er’s nicht bequemer haben kann. Wir in unsern luxusüberstopften Läden und Ansprüchen werden all Lebtage nicht fertig, Stückchen in die Wirthschaft nachzukaufen.

Unser Haus stand auf der Braue eines Hügels, der einen steilen hewaldeten Abhang hinunter sah. Der Wald zirpte jede Nacht von Millionen Grashüpfern so laut, daß jeder andere Laut, selbst die gemüthliche Musik der grünen Frösche, darin unterging. Feigen und andere Bäume steckten ihre üppigen Fruchtarme durch jedes Fenster und jede Ritze in der Wand, als bäten sie uns, ihnen von ihrer schweren Bürde abzunehmen. Der Früchte aus dem Schooße der Natur sind ja hier so überschwenglich viele und der Menschen so traurig wenige! Wo die Natur zu freigebig und weichherzig ist, gedeiht der zum Kampfe mit der Natur bestimmte Mensch nicht. Das ist der natürliche Fluch der Türkei und aller schönsten Gegenden der Erde. Wer durch den Bosporus kommt, den schläfert die weiche, üppige Natur ein und flüstert ihm in’s Ohr: Erschlaffe an Geist und Leib, schlafe und rauche, vegetire und steige aus dem Geschichts- in das sonnige Pflanzenleben herab und laß dich beiläufig Tag und Nacht von Insekten aller Art quälen. –

Die andere Seite unseres Hauses wurde ganz von einem Bade eingenommen. Es bestand aus zwei Räumen, einem Kühlzimmer mit einem kleinen Bade für eine Person, und einem großen Gewölbe über einem ringsum von Stufen umgebenen Marmorbassin, das aus einer natürlichen Quelle fortwährend versehen ward. Es dampfte stets mit großem Geräusch hinzu und ab. Es gab verschiedene heiße Quellen in der Nachharschaft, unsere hieß wegen der Klarheit des Wassers die „Silberquelle.“ Die Weiber und Mädchen der Nachbarschaft hatten jeden Tag während gewisser Stunden die Erlaubniß, die Silberquelle zu benutzen. Von dieser Zeit ließen sie auch selten etwas nach. Die Mädchen und Frauen und selbst Kinderchen, die kaum laufen konnten, schwammen in dem heißen Silber von 45 – 48 Grad wie Enten und lachten, jauchzten, sangen und kreischten dazu, daß die ganze Halle von dieser Musik wiedertönte. Ich habe sie mehrmals belauscht und denke an diesen nackten Jubel unten, leicht verschleiert durch den stets aufqualmenden Dampf, wie an Zaubermährchen zurück. Ich hielt es höchstes eine Viertelstunde in diesem heißen Elemente aus; sie plätscherten Stunden lang darin herum, schliefen dann ein Weilchen im Kühlzimmer und sprangen dann mit neuem Jubel in das flüssige, dampfende Silber.

Eines Tages hört’ ich eine merkwürdig-eintönige Kindesstimme im Bade und ging, um zu sehen, wer es war; eine niedliche, sechsjährige Griechin aus unserer Nachbarschaft, die wie ein Kork auf dem klaren Wasser umhersprang und dazu aus Leibeskräften ihre Melodie kreischte. Von meiner Gegenwart erschreckt, tauchte [413] sie unter, und ich eilte hinweg, aus Furcht, sie könnte sich ersäufen, um nicht gesehen zu werden.

Die Hauptthür zu unserem Hause stand immer offen, so daß Weiber und Kinder sich oft hereinstahlen, um uns erst aus der Ferne in großäugiger Verwunderung anzustaunen, dann leise näher zu treten und ernstlich und andächtig auf uns seltsame Exemplare des Menschengeschlechts zu starren. Den tiefsten Respekt hatten sie vor unsern Büchern und unserer Kunst, darin zu lesen. Das erschien ihnen ganz übermenschlich. Sie besahen die Bücher von Innen und Außen, gingen um uns herum, schüttelten mit den Köpfen, wunderten sich gegenseitig an und gingen ganz in Wunder und Staunen davon.

Eines Morgens traten wir eine lange vorher besprochene Reise zu einem türkischen Landeigenthümer mit einem unaussprechlichen Namen an. Er bewirtschaftete sein Gut selber. Wir wollten nur ein Bild von dieser Wirthschaft haben. Sein Grundbesitz war größer als manche unserer Grafschaften, so daß wir ein gewaltiges Vorurtheil von Respect mitnahmen. Unsere Straße führte uns über fetteste, üppigste Landstrecken hin, die nach Kultur schrien, auch innerhalb des Gebietes unseres großen Landwirths, der von seinem Vater etwas knapp gehalten worden war, und nach dessen Tode die Freiheit sofort dazu benutzt hatte, nach Constantinopel zu reisen und „das Leben zu genießen.“ So hatte er natürlich Schulden gemacht, welche durch Pfändung gedeckt wurden. Auch lebte er unter einer Art Verbannung. Die Regierung hatte ihm nämlich gerathen, bis auf Weiteres hübsch zu Hause zu bleiben. Dies mochte den traurigen Anblick der Residenz dieses Herrn erhöhen. Das Haus war lang, einstöckig und öde, mit einzelnen Anbauten und besondern Zimmern für die Frauen. Das Ganze sah wie ausgestorben aus. Das Getrappel unserer Pferde versetzte die vorher verschlafenen Hunde in bellende Wuth, durch welche einige dienstbare Geister erweckt und auf die Beine gebracht wurden, für unsere Pferde zu sorgen, während wir unangemeldet, wie alte Bekannte, hineinschritten. Es war ein merkwürdiger Stil von Besuch. Wir gingen von der äußern Thür in eine große Halle. den Lieblingsaufenthalt aller Türken, mit Kissen an den Seiten hin und einen Springbrunnen in der Mitte, dem ganzen Meublement. Kein menschliches Wesen ließ sich sehen, bis wir in eins der anstoßenden Zimmer traten. Hier kühlten sich einige Melonen im Bassin des andern Springbrunnens, und der Hausherr lag daneben, that nichts und rauchte Tabak dazu.

Ein dummer, langer Mann mit delicatem Gesicht, das aber wie gestorben aussah, zumal da er als gebildeter Mann von Lebensart in Gegenwart unverschleierter Damen nichts Anderes thun konnte, als die Augen an den Boden zu heften. Seltsame Sitten! Wir mußten ihm frech erscheinen und möchten doch keinen Augenblick eine der peinlich gehüteten Perlen eines Harems sein. - Drei Diener standen wie von Stein umher, so daß es mir schien, als seien diese Gestalten alle in dem staubigen, schmutzigen Raume hier von der Geschichte vergessen worden, und aus Versehen aus frühern Jahrhunderten hier kleben geblieben. Alles umher athmete verstaubte, öde Trostlosigkeit. Auch das alte, verwitterte Weib, welches jetzt erschien, um uns, den weiblichen Theil des Besuchs, in ihre Zimmer einzuladen, erschien wie ein Stück vertrocknete Geschichte. Wir folgten ihr durch den Hof, auf dem gigantische, schwarze, rauhe Buffalo’s mit fürchterlichen Hörnern umher lagen, in den Harem, den man sich in der Regel als reizend vorstellt. Aber dieser war, wie die meisten, die ich gesehen, traurig, öde, staubig, kahl und geistlos. Wir wurden zuerst der Mutter des Herrn vorgestellt, einer starken, freundlichen Dame, dann seiner einzigen Frau, einem blassen, gebrechlichen Mädchen, die wir für ein schönes Kind hätten halten können, wenn sie nicht so kränklich und hülflos aussähe. Sie trug die üblichen, weiten Beinkleider mit einer kurzen Tunika und einer Jacke von Tuch mit Pelz verbrämt. Ihr schwarzes Haar hing lose herab unter dem ewigen Fez hervor, der noch mit farbigem Mousselin umwickelt war. Die Dienerinnen trugen sich in demselben Stile, nur von hellfarbigem, englischem Kattun.

Die Unterhaltung war nicht sehr interessant, da sie uns schwer ward und die Damen wegen ihres Negligee offenbar Verlegenheit fühlten. Sie bestand aus kurzen Fragen und Antworten. Nur auf die Frage, ob sie viel von dem Fieber des Landes litten, wurden sie sehr lebhaft und läugneten dies in aufgeregtester Weise.

Eine der Damen sprang auf, faßte meine beiden Hände und rief ängstlich: „Yok! Yok! – Yok! Yok!“ (Nein! Nein!) als wenn man das Fieber just schon von bloßer Erwähnung bekommen könne. Die blassen, kränklichen Gesichter bestätigten dies auch nur zu gut. Fieber ist das Gift von ganz Kleinasien. Eine Sclavin machte uns in üblicher Weise Kaffee auf einem Dreifuße im Winkel des Zimmers mit Holzkohlen, in einem rostigen entstellten Kessel, dick wie Honig und ohne Milch und Zucker in kleinen Gefäßen (wie Eierhalter) auf kleinen silbernen Bretchen umher gereicht. Das Aroma ist schön, aber das Trinken oder Essen dieses schwarzen Brei’s war uns ein großes Opfer, das wir aber bringen mußten, um nicht auf das Grimmigste zu beleidigen. Nach dem Kaffee Früchte, eingemachte Kirschen, ein Präparat von Rosen und andern Delicatessen, die mit kleinen silbernen Löffeln gegessen werden. Dabei wird Wasser herum gereicht. Nach dieser Erquickung traten wir unsere Rückreise an, froh, daß es bei uns keine Harems giebt und keine verschlafenen Türken, die keine Dame, die sie nicht gekauft, ansehen dürfen.

Nach einigen Tagen erwiederte der galante Türke unsern Besuch, malerisch angethan auf einem schönen Rosse. Da er aber keinen Mann zu Hause fand, ritt er wieder fort, aus Galanterie nicht die geringste Notiz von uns nehmend. Uns erschien das freilich wie das roheste Bauernthum.

Klima und Vegetation sind hier wahrhaft paradiesisch, und wenn Kultur dazu käme, könnte ein Morgen hier mehr leisten als bei uns in Monden eine Quadratmeile. Pflanzen und Bäume wachsen und blühen mit einem Luxus, einer Ueppigkeit, daß man an Wunder glauben lernt. Man wirft hier irgendwo etwas Samen hin, und in einigen Wochen wogt und blüht und fruchtet es, daß man vor Fülle umkommen möchte. Man kauft für einen Penny so viel Melonen, wie kein Mensch fortschleppen kann.

Aber nach jeder Ueberfülle des Sommers folgt der verhungernde Winter. Kein Türke denkt daran, Vorräthe für den Winter zu sammeln, so daß während der Zeit jedesmal die Hälfte des Viehs tatsächlich verhungert und die andere als Knochengerippe dem Frühlinge zu wankt. Manche Franken von England, Frankreich, Deutschland u. s. w., haben sich durch die ungeheuere Wohlfeilheit des reichsten Bodens verleiten lassen, sich hier anzusiedeln, aber sie kamen um in der Fülle, die sie aus Mangel an Wagen und Absatzstellen nicht verwerthen, und daher nicht zu Mitteln machen können, den Ackerbau zu verbessern und ihr Leben mit den nöthigsten Bedürfnissen der Civilisation zu versorgen. Die üppige, jedes Jahr in sich selbst verfaulende Vegetation unterhält stets eine giftige Fieberluft, in der die Ansiedler jämmerlich dahin sterben. Wir waren Zeuge eines herzzerreißende Beispieles der Art. Eines Morgens erfuhren wir, daß die Frau eines Franzosen, der sich unweit von uns angesiedelt hatte, im größten Elend lebe. Ihr Mann sei abwesend, ihr Kind liege im Sterben. Wir ritten am nächsten Tage zu ihr. Ich werde den Anblick, der uns hier begegnete, nie vergessen. Eingefallene oder noch halb stehende Ställe, ein Unkraut überwucherter Hof mit ein Paar Gänsen, ein verschlossenes, spaltiges, abgebröckeltes Häuschen. Wir klopften, aber der Wiederhall kam hohl zurück, wie aus einer todten Höhle. Endlich öffnete uns die blasse Mutter mit einem entsetzlichen Kinde aus ihrem Arme, zusammengefallen. Es war vier Jahr alt und hatte ein hundertjähriges, verwittertes, tieffaltiges, gelbes Gesichtchen mit großen, klugen Augen. Es wimmerte fortwährend in einem eintönigen, schwachen Jammer an der Brust ihrer Mutter zusammengekauert. Die Beinchen hingen wie Skelette machtlos herab. Die Mutter suchte mit angeborner Höflichkeit uns Sitze zu verschaffen und färbte sich mit dem aufleuchtenden Roth neuer Hoffnung unter unserm trostreichen Zuspruch. Sie wußte nicht, wo ihr Mann war. Er war weggegangen, um sein Heil irgendwie zu versuchen, da er zu Hause der Verzweiflung an jedem Erfolge verfallen war. Geschrieben hatte er einige Mal und auch einmal Geld geschickt - fünf Piaster (etwa zehn Silbergroschen), sonst aber nichts von sich hören lassen. Sie hatte Niemand, ihr oder dem Kinde zu helfen.

Einige Frauen, die ihr kurz vorher Mais gehülset, hatten mehr mitgenommen als zurückgelassen. Kein Pfennig im Hause, kein Freund in der Nähe ringsum, unter sich den heißen Sumpf, der das Kind verzehrte, so einsam und unglücklich hatte ich noch kein Weib gesehen. Und doch glänzte noch die nationale Heiterkeit der Französin auf ihrem Gesichte. Wir wollten helfen, ohne gerade Almosen zu bieten, wurden daher von einer Passion für Gänse [414] ergriffen, den einzigen käuflichen Gegenstand, und kauften daher den ganzen auf dem Hofe umherwatschelnden Vorrath. Unsere gackernden Schätze wurden heimgetrieben und in zwei Abtheilungen für die Nacht einlogirt. Aber die ganze Nacht hindurch gackerten und kreischten sie sich gegenseitig die Ungerechtigkeit dieser Trennung zu, so daß sie sich erst beruhigten, bis sie wieder vereinigt worden waren. Während der Nacht war nach unserer Meinung der Preis der Gänse gestiegen, so daß wir einen großen, rumpfigen Slavonier, der uns zuweilen auf unseren Reitparthien als Verstärkung begleitete. mit noch einer Hand voll Piaster zu der Frau hinüber sandten. Der brave Kerl begnügte sich nicht damit, sondern zog auch seine graue mit gelben Schnuren besetzte Jacke aus, fegte ihre Stube, hackte ihr Holz, machte ihr Feuer und holte ihr verschiedene Bedürfnisse und Erquickungen zusammen. Ich habe seit der Zeit immer gern auf die grüngelbe Jacke und das breite, ehrliche Gesicht dieses Slavoniers geblickt, und er war immer sehr glücklich, wenn ich ihm ein freundliches Wort sagte.

Zwei Tage nachher erfuhren wir, daß das unglückliche Kind vollends erloschen war. Wir schickten der Mutter eine Arabah (ländliches Fuhrwerk) und beförderten sie in die nächste Stadt, wo wir für ihren nöthigsten Unterhalt Sorge trugen.

Das sind kleine, aber wirkliche Erlebnisse aus der asiatischen Türkei, hinreichend zu einem Bilde und zu der Ueberzeugung, daß diese herrliche Halbinsel, die einst die mächtigsten, blühendsten Völker und Staaten trug, der Alles durchdringenden modernen Kultur gegenüber nicht so bleiben kann. Der Krieg wüthet jetzt auch in ihren Eingeweiden, leider, wie die Sachen jetzt stehen, nicht zu einer Regeneration oder „Rettung der Türkei.“ Die civilisirten Westmächte haben im Ganzen Alles gethan und unterlassen, um sich den Türken verhaßt zu machen und den „kranken“ in einen wirklich sterbenden Mann zu verwandeln, der Rußland viel lieber zum Erben einsetzt, als irgend einen seiner Erretter.