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Titel: Der verliebte Luftballone
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aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 414
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[414] Der verliebte Luftballone. Während unlängst Monsieur Godard, der Aeronaut, auf dem Marsfelde zu Paris einen ungeheuern Luftballon füllte, amüsirte er die Zuschauer durch verschiedene Kleinigkeiten, besonders durch Absendung eines kleinen Ballons, der ganz die Gestalt und Figur des kleinen Exdiplomaten Thiers hatte. Als der kleine Staatskünstler gehörig mit Luft gefüllt war, erhob er sich majestätisch in die Luft und verschwand unter dem Jauchzen der Menge in höheren Regionen, doch kam er an einer andern Stelle wieder unter Sterbliche, und benahm sich beinahe wie einst der verliebte Göttervater Zeus, der sich auch Jupiter schrieb. Der kleine Luftschiffer ward nämlich von einem Sturme gepackt und bei Bievre vor einem feinen Landhause mit der Erde in Berührung gebracht. Die junge Herrin des Hauses machte eben bei großem offenen Fenster, das in den Park öffnete und daher keine neugierigen Augen zuließ, Toilette für eine Abendparthie. Im größten Negligee war sie eben damit beschäftigt, ihre Taille zu einem bloßen Gedankenstrich der Gedankenlosigkeit zusammenzuschnüren, als der kleine Windbeutel Monsieurs Thiers sich wie ein ungestümer Liebhaber zum Fenster hereinstürzte und Miene machte, seine Flamme zu umarmen. Die Dame schreit, wirft einen Shawl um ihre schönen Schultern und bittet den ungestümen Don Juan: „O, Monsieur, gehen Sie! gehen Sie! Sie ruiniren mich!“ Aber der durch’s Fenster blasende Sturm giebt dem leichtsinnigen Anbeter einen Stoß, so daß er auf die Dame zuläuft. Sie schreit wieder, und da sie draußen auch nahende Schritte hört, spedirt sie ihn eiligst unter’s Bett. Der Gatte ras’t jetzt mit einem mächtigen Säbel in der Hand, herein, und ihn schwingend, brüllt er:

„Ha, jetzt hab' ich ihn! Jetzt soll der Schurke sterben!“ und sucht schnaubend nach dem Verführer,

Die Dame, mehr todt als lebendig bittet flehentlich, unter das Bett: „Monsieur, fliehen Sie und ersparen Sie mir eine blutige Tragödie!“

Aber Mr. Thiers liegt still und will lieber zu ihren Füßen sterben als schmachvoll Hackenleder zeigen. Freunde und Diener springen nun ebenfalls herbei. Einige halten den wüthenden Herrn, Andere suchen nach dem ungesetzmäßigen Anbeter der Frau, und ziehen ihn endlich an einem Beine unter’m Bett hervor. Jetzt reißt sich der eifersüchtige Gatte los und ist eben im Begriff, ihn zu durchbohren, als er sich erhebt[WS 1] und stumm und Ehrfurcht gebietend bis zur hohen Decke erhebt. Aber unterwegs hatte ihn das tödtliche Schwert in die Achillesferse gebohrt, es flieht die Leidenschaft aus ihm mit melancholischem pustenden Geräusch, der kleine Mann magert rasch ab an der Decke und sinkt sterbend wie ein Häufchen Unglück von luftdichtem, aber durchlöchertem Seidenzeug zu den Füßen der Angebeteten nieder. Keine Thräne des Schmerzes rieselt auf die Leiche[WS 2] nieder, wohl aber manche Thräne unbändigen Gelächters. Der Hausherr lacht nicht mit, sondern versteckt sein Schwert und zieht sich bald selbst zurück. Es war ihm, als Franzosen und Gatten, beinahe empfindlicher, sich lächerlich gemacht zu haben, als wenn Mr. Thiers ein wirklicher Concurrent seiner ehelichen Zärtlichkeit gewesen wäre.

Anmerkungen (Wikisource)Bearbeiten

  1. Vorlage: errhebt
  2. Vorlage: Lechie