Land und Leute/Nr. 29. Bei den Pichern im Voigtlande

Textdaten
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Autor: B. Hempel
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Titel: Bei den Pichern im Voigtlande
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 116–119
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Reisebericht aus der Artikelserie Land und Leute, Nr. 29
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Die Gartenlaube (1869) b 117.jpg

Bei den Pichern im Voigtlande.
Nach der Natur aufgenommen.

[116]

Land und Leute.

Nr. 29. Bei den Pichern im Voigtlande.

Wer sein Knabenalter im deutschen Flachlande verlebte und seine ersten Waldstudien unter den mächtigen Eichen und Buchen der Niederungen machte oder an den erlenbesäumten Flüssen im üppigen Grase der großen ebenen Wiesen das, erste stille Naturleben genoß, der kann sich lange nicht an den düstern Schwarzwald der Gebirge gewöhnen. Mich beschlich in den ersten Jahren meines Aufenthaltes in Gebirgsgegenden stets eine Art Heimweh, wenn ich auf meinen Spaziergängen nichts und wieder nichts als die schwarzen Fichten- und Tannenbestände als Belebung der Landschaftsbilder vor Augen hatte, und nur dann wich das beklemmende Gefühl, wenn ich nach Ersteigung eines kühn aufstrebenden Felsens oder eines hohen Berges mich der herrlichen Fernsichten erfreuen konnte. Hat man aber, wie ich, einige zwanzig Jahre in solchen Umgebungen verlebt, so wird der Aufenthalt darin immer angenehmer, wozu die Gemüthlichkeit der Gebirgsbewohner selbst wesentlich beiträgt.

Bald streifte ich mit wahrer Freude in den dunkelen Nadelholzwäldern umher und lernte auf diesen Wanderungen mancherlei menschliche Gewerbe und Arbeiten kennen, die lediglich dem Walde ihre Nahrung verdanken. Besonders interessant war mir eine Begegnung mit dem eigenthümlichen Völkchen der Pechsieder oder Picher, wie wir’sie in unserem sächsischen Voigtlande, meiner derzeitigen Heimath, nennen. Da auch anderwärts, namentlich in den Bergwäldern des Harzes und Böhmens, die Pechgewinnung zahlreiche Hände beschäftigt, so ist es den Lesern der Gartenlaube vielleicht nicht unwillkommen, sich den Picher und [118] seine Verrichtungen etwas näher anzuschauen. Es war an einem schönen Octobertage, als mich mein Freund zu ihnen hinaus führte. Morgens acht Uhr begannen wir unsern Ausflug. Der Weg schlängelte sich durch surige Wiesen, oft forellenreiche Bächlein übersetzend, hinauf nach dem Wald. Die Vorhalle desselben bildete cultivirter Niederwuchs. Die Fichten standen hier in dichten Reihen sechs bis zehn Ellen hoch, mit zwei bis drei Fuß langen Sommerschossen und so im Schluß, daß man nicht durchkommen konnte. Unser Pfad war nur zwei Fuß breit und die Aeste der Bäumchen bestrichen häufig unsere Kleider, während der Boden unter dem Bestande dicht mit Nadeln bestreut war und kein Gräschen aufkommen ließ. Der Unterschied zwischen dieser Pflanzung und dem Wildbau der gewöhnlichen Privatwaldungen machte sich hier auffallend geltend. Während in letzteren alte krüppelhaft gewachsene Hochstämme mit verkümmertem dünnstehenden Nachwuchs abwechselten, wo die aussaugende Haide wucherte und kahle flechtengraue Steine überall hervorlugten, war hier jede Handbreit Erde auf’s Trefflichste benutzt, um den größtmöglichsten Gewinn zu ziehen.

Nach einigen Minuten traten wir in den Hochwald – der, wenn auch kein Urwaldbild, sich doch sehr schön zeigte. Die Stämme waren im Ganzen nicht viel über zwei Fuß dick, jedoch schnurgerade, astrein und mit jener rothbraunen Rinde überkleidet, die der Forstmann so gern sieht. Nur selten schimmerte ein Stück blauen Himmels durch die verwachsenen Baumkronen, und im lieblichen Halbdunkel schritt der Fuß unhörbar über die weiche smaragdgrüne Moosdecke, die den Boden wie fleckenloser Sammet überkleidete. Hie und da sah ich Bäume, deren Wurzelkronen, nach Art einiger amerikanischer Baumgattungen, zwei bis drei Fuß hoch über dem Boden sich befanden. Ich konnte mir das anfangs nicht erklären, bis ich einen Stamm gewahr wurde, der auf einem alten morschen, vielleicht schon vor hundert Jahren abgesägten Stock stand und seine Wurzeln durch diesen hindurch in die Erde gestreckt hatte, aus dem Verwesenden doppelte Kraft ziehend. Die Vergangenheit trug die Gegenwart und nährte die Zukunft in anschaulichster Verbindung. Jetzt fielen mir auch die sogenannten Pechrisse auf. Es sind dieses einen bis zwei Zoll breite, oft ebenso tiefe Furchen, welche sich rings um den Baum vertical herabziehen und deren vernarbte Ränder sich jährlich mit mehr oder weniger Harz bedecken. Noch in Betrachtung dieser Einschnitte vertieft, hörte ich das Knistern eines Feuers und bemerkte, dem Tone folgend, auf einer kleinen waldfreien Stelle eine ziemlich große Flamme. Zugleich ertönte von dem Manne, der dieselbe unterhielt, der weithin tönende langgezogene Ruf: „Ko–acht!“ Mein Begleiter trieb mich an, zur Feuerstelle zu eilen, und belehrte mich auf mein Befragen, daß der Ruf so viel als „es kocht“ zu bedeuten habe.

Nach einigen Schritten waren wir am Platz. Das Feuer war in einem länglichen Viereck angelegt, an dessen Seiten eine Menge größerer und kleinerer Töpfe standen, in denen es lustig brodelte und zischte. Ohne sich stören zu lassen, nahm der dabei kauernde Mann mit sachkundiger Miene die Töpfe vom Feuer und stellte sie bei Seite. Mein Freund bezeichnete seine Persönlichkeit mit dem Namen Mästenbauer, der zugleich das Amt des Kochs zu verwalten habe. Mästen sind runde, boden- und deckellose Schachteln aus Fichtenrinde, ungefähr eine Elle hoch und eben so weit, oft auch viel größer. Statt des Bodens dient eine Lage Fichtenreiser, die durch durch das hineingeschüttete Harz sogleich festkleben und somit eine haltbare Unterlage abgeben. Der Mästenmacher hat, wenn er seine Sache versteht, gewöhnlich nicht zu viel Arbeit, denn das Kochen für die Picher nimmt ihm verhältnißmäßig wenig Zeit weg.

Jetzt kommen eilenden Schrittes die Picher. Leute von sehr verschiedenen Körperconstitutionen, aber alle in dürftigen, zerfetzten und beharzten Anzügen. Sie leeren ihre Pechsäcke in die Mästen und werfen sich in das schwellende Moos. Die sich nun darbietende Scene ist malerisch. Jeder Arbeiter holt sich seine zwei Töpfe. Aus dem einen dampft der Kaffee (eigentlich nur ein Cichorienabguß, der sich nur selten rühmen kann, durch einige Bohnen wirklichen Kaffees gewürzt zu sein), aus dem andern duften gesottene Erdäpfel. Allerhand Schachteln, Kober, Säcke, Büchschen, Näpfchen und Kästchen thun sich nun auf, um ihren spärlichen Inhalt an Fett, Butter, Salz, Speck, Käse oder Quark darzubieten. In geschäftiger Eile sucht sich Jeder seinen Tisch auf dem elastischen Boden, breitet seine Herrlichkeiten vor sich aus und hält die Mahlzeit mit beneidenswerthem Appetite.

Nach dem Essen begleiteten wir die Pechmänner zur Arbeit. Ihr ganzes Handwerkszeug besteht aus zwei Stücken: dem Pichmesser und dem Pechsack. Jenes ist ein sonderbar geformtes Instrument, ungefähr wie eine arabische 2 gestaltet. Die obere Krümmung hat eine Schärfe ähnlich der eines Hohlbohrers, während der hölzerne Stiel am vorderen Fuße der 2 befestigt ist und der Hintere ein kleines scharfes Beil bildet. Ueber dem Angriff hängt ein Leder, um die Hände vor dem herabfallenden Harz zu schützen. Der Picher kratzt mit der Spitze des hakenförmigen Theils das Harz aus den Pechrissen, indem er von oben nach unten streicht. Es ist möglich, daß man in uralten Zeiten diese Arbeit mit den Fingernägeln verrichtet hat, denn die Messerspitze hat mit denselben große Aehnlichkeit. Während des Kratzens wird der Pechsack mit dem Knie unten an den Baum gestemmt, um das abgescharrte Harz aufzunehmen. Der Pechsack sieht einem kleinen Fischhamen sehr ähnlich, nur mit dem Unterschied, daß sein halbkreisförmiger Bügel nicht mit Netz, sondern mit starker Leinwand ausgespannt ist, die in der Mitte einen kurzen Sack bildet. Das kleine scharfe Beil des Messers dient nicht zum Hacken, sondern zum Einschneiden der Pechrisse.

Wenn die Fichte angerissen wird, was jetzt meistentheils erst einige Jahre vor dem Niederschlagen derselben geschieht, zieht der Picher mit der Schärfe seines Beilchens zwei Einschnitte am Stamm herab, die ein bis anderthalb Zoll Abstand haben, wendet sein Werkzeug um, löst oben, so weit er reichen kann, die Rinde zwischen den Einschnitten und spaltet mit einem geschickten Zuge den bezeichneten Streifen Rinde. Die Zeit dieser Arbeit fällt in den vollkommenen Saftstand, also ungefähr Ende Mai.

Schon nach einigen Stunden findet man stellenweise Harztröpfchen herausgequollen, die sich nach und nach vergrößern und endlich ganze Schwaden bilden. An lichten Stetten des Waldes wird weit weniger Harz gewonnen als an dichten und schattigen, weil Luft und Sonne dasselbe so schnell verhärten, daß es die Saftporen des Baumes vollständig verstopft und dadurch den weiteren Nachfluß verhindert. Dieses Harz bekommt auch eine grünliche Farbe, weshalb es gemeinhin Grünspahn genannt wird, und die Pechnutzer sehen es sehr ungern. Heiße und dabei feuchte Jahrgänge sind immer die ergiebigsten.

Doch zurück zu den Pichern selbst. Sie sind in voller Arbeit und kratzen mit großer Genauigkeit das Harz aus allen Fugen der Pechrisse, wobei sie so sicher in ihrem Geschäft fortschreiten, daß nur selten ein Baum ungekratzt davon kommt. Das Harz, welches als Ueberfülle herunter in das Moos geflossen ist, lassen sie liegen, denn es wird unter dem Namen „Aufhub“ besonders geerntet und mit zur Rußbereitung verwendet. Die Arbeit des Pichers ist nicht so leicht, wie sie aussieht, weil dabei nicht allein die Arme und Hände, bald oben, bald unten, ihm Dienste leisten müssen, sondern der ganze Körper sich dadurch, daß ein Knie immer den Pechsack halten muß, stets in einer angespannten Stellung befindet. Trotzdem erfreuen sich die Leute während der Periode des Harzsammelns einer guten Gesundheit, ja, kränkelnde Personen behaupten sogar, sich in der Pichzeit viel wohler zu fühlen, als gewöhnlich. Jedenfalls wirkt der Harzduft wohlthätig auf die Brustorgane, während die Kühle des Waldes zu große Erhitzung des Körpers verhindert. Hieraus erklärt sich wohl auch der zufriedene Frohsinn, welcher die Picher immer begleitet, und trotz des geringen Verdienstes und der magern Kost benutzen dieselben jede Annäherung zu einer launigen Bemerkung über gegenwärtige oder jüngst vergangene große und kleine Ereignisse.

Nach ein paar lehrreichen und heiteren Stunden nahmen wir Abschied von den wackeren Leuten, um noch der sogenannten Pechhütte einen Besuch abzustatten. Schon von Weitem leuchteten uns drei trübrothe Flammen entgegen, die einen schwarzen Qualm entwickelten. Sie schlugen aus steinernen Kesseln empor. Quadratische Granitsteine, drei bis vier Fuß im Geviert und achtzehn bis zwanzig Zoll hoch, waren in der Mitte zu einem zwölf bis fünfzehn Zoll tiefen Becken ausgehöhlt, in dessen Tiefe sich ein Loch befand. In den Becken brannten die sogenannten Pechtrinne und durch die Löcher floß das geringere Schwarzpech auf die Erde, wo es dicke glänzende Kuchen bildete. Das feinere Braunpech wird in der Hütte selbst gesotten.

Ein großer kupferner Kessel ist über einem Feuerraume vollständig eingemauert, und nur eine kleine Oeffnung führt in den letztern, um das nöthige Feuerungsmaterial aufzunehmen. Hinter dem Kessel nimmt ein dickes Blechrohr den Rauch auf und trägt [119] ihn über das Dach der Hütte hinaus. Die ganze Hütte war ungefähr dreißig Fuß lang und zwanzig breit, nur mit Schindeln gedeckt und stand auf bloßer Erde. Der Pechsieder, ein Mann, dem man sein Handwerk nicht nur an den Kleidern, sondern auch an Gesicht und Händen ansah, mochte vierzig Jahre zählen. Man rühmte ihn mir als besonders geschickten Arbeiter, obwohl seine bleiche Gesichtsfarbe und seine magern Gliedmaßen weder Kraft noch Ausdauer andeuteten.

Der Pechkessel wurde eben angefeuert. Anfangs wurde nur wenig Harz hineingeschüttet und das Feuer ganz schwach gehalten. Langsam zerging die Masse und bildete einen dicklichen Brei. Nach und nach kam immer mehr Harz hinzu, und das Feuer wurde verstärkt. Endlich war der Kessel ziemlich voll und die geschmolzene Substanz mochte wohl fünf Centner wiegen. Hie und da erhoben sich Blasen, die schnell zersprangen. Winzige Krater darunter spritzten, schäumten, brodelten und wechselten unaufhörlich die Stellen. Jetzt sing die ganze Masse an zu steigen. Das Schaumpech, als das beste, wurde abgeschöpft und, ohne durchgeseiht zu werden, in die Stückgrube gegossen. Stückgruben sind achteckige, sechs Fuß lange, drei Fuß breite und zwölf bis vierzehn Zoll tiefe, mit Brettern ausgeschlagene Erdlöcher.

Noch mehrere Kübel nimmt der Sieder, ohne sie zu seihen, aus dem Kessel und gießt sie hinein. Die Feuerung wird nun fortwährend stark genährt und wehe der Pechhütte, wenn ein einziges Flämmchen der siedenden Masse zu nahe käme! Sofort würde eine haushohe Flamme daraus emporschlagen, das Dach zersprengen und alles Brennbare im Nu verzehren. – Das Pech wird endlich unreiner, da die mit ihm vermischten Rindenstücken, die anfangs zu Boden sanken, nach und nach mit an die Oberfläche kommen. Die Sau (der Seiher) wird deshalb über die Grube gesetzt. Sie besteht aus einem länglichen hölzernen Kasten, dessen Boden ein hölzernes Gitter vertritt, über welches Stroh gelegt ist. Diese einfache Vorrichtung entspricht ihrem Zwecke sehr gut, denn das hindurchgeseihte Pech wird fast ganz rein. Ehe noch die Stückgrube völlig vollgegossen ist, werden ein oder mehrere Kuchen Schwarzpech hineingedrückt und wieder sorgfältig vergossen. Drei Stunden braucht man zu einem Sud und erzielt damit ein Stück, welches drei bis fünf Centner wiegt. Das sächsische Voigtland allein erzeugt jährlich über zweitausend fünfhundert Centner Pech, etwa dreiundzwanzigtausend Thaler an Werth. Die Production desselben ist jedoch bedeutend im Abnehmen begriffen, weil man bei der zusehenden Steigerung des Holzwerthes es vorzieht, die Waldung in ihrem Wüchse ungestört zu lassen. Einen Grund zur Minderbetreibung des Pechbaues mag auch die Einführung des amerikanischen Pechs geben, welches allerdings den Anforderungen, die man an das einheimische stellen kann, bei Weitem nicht entspricht, aber doch in vielen Fällen eine billigere Aushülfe bietet.

B. Hempel.