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Textdaten
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Autor: Albert Traeger
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Titel: Wenn uns’re Mutter schlafen geht
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 119
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[119]
Wenn uns’re Mutter schlafen geht.
Von Albert Traeger.

Ob Herbstesduft bereits das Haar
Mit weißem Schimmer uns bezogen,
Schon flügge von der eig’nen Schaar
Manch schmucker Nestling ausgeflogen,
Daß wie von kühlem Abendwinde
Ein flücht’ger Schauer uns durchweht,
Noch einmal werden wir zum Kinde,
Wenn uns’re Mutter schlafen geht.

Ein altes Märchen noch im Sinn,
So liegen wir im Bettchen wieder,
Da schleicht sich’s leise zu uns hin
Und beugt sich küssend auf uns nieder,
Wir sehen mild zwei Augen funkeln,
Wir hören halb ein fromm Gebet,
Und plötzlich bleiben wir im Dunkeln –
Weil uns’re Mutter schlafen geht.

Der Kindheit holdes Paradies,
Wir fanden’s wieder ohne Mühen,
Ihr sanftes Wort, ihr Anblick ließ
Uns das Versunk’ne neu erblühen;
Gebrochen ist die schwanke Brücke,
Verschlossen nun die Pforte steht,
Wir scheiden von dem reinsten Glücke,
Wenn uns’re Mutter schlafen geht.

Und hat ein gütiges Geschick
Mit Schätzen uns bedacht und Ehren,
Nichts sind sie da dem feuchten Blick,
Ihn drängt es, rückwärts sich zu kehren
Kann keiner Schuld sie Dich verklagen,
Die ohne Sühne fortbesteht?
Das ist des Herzens einzig Fragen,
Wenn uns’re Mutter schlafen geht.

Ich habe treu sie stets geehrt,
War folgsam ihr in allen Stücken –
Ein ganzes Leben ist es werth,
Ihr so die Augen zuzudrücken;
Doch müßten reuevoll wir beben –
Eh’ um Verzeihung wir gefleht,
Hat sie uns Alles längst vergeben,
Wenn uns’re Mutter schlafen geht.

Und ihre Liebe dauert fort
Und bleibt zurück mit ihrem Segen,
Sie ging voran, ein gutes Wort
Bei’m Vater für uns einzulegen,
So wird auch unser Schmerz gelinder,
Und heil’ge Tröstung uns umweht:
Dir fühlen uns als Gottes Kinder,
Wenn uns’re Mutter schlafen geht.