Kleine Bilder aus der Gegenwart/Der Brand in Aachen am 29. Juni dieses Jahres

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Titel: Der Brand in Aachen am 29. Juni dieses Jahres
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 473–474
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Reihe: Kleine Bilder aus der Gegenwart
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Kleine Bilder aus der Gegenwart.
Nr. 2. Der Brand in Aachen am 29. Juni dieses Jahres.

Wer kennt nicht den Zauber, welchen die Geschichte frühester Jahrhunderte um die ehrwürdige Stadt Aachen wob und welchen die Ueberlieferung und die Sage auf spätere Geschlechter übertrug? Im grauen Nebel römischer Zeit verliert sich die Gründung der Stadt, schon Chlodwig hielt hier einen Reichstag ab, und Theodorich wählte im Jahre 514

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Das Rathhaus zu Aachen vor dem Brande.
Nach einer Photographie.

Aachen zu seiner Residenz. Zwei Jahrhunderte später erblickte in Aachens Mauern Karl der Große das Licht der Welt, hier weilte er, sobald es ihm die Regierungsgeschäfte seines weiten Reiches erlaubten, hier baute er die Bäder, das berühmte Rathhaus und den kunstvollen Dom, hier schloß der erste deutsche Kaiser seine müden Augen und fand seine letzte Ruhestätte.

Und später! Seit Ludwig dem Frommen, dem dritten Sohne Karl’s des Großen, viele Jahrhunderte hindurch bis zu Ferdinand dem Ersten (1531), war Aachen die Krönungsstadt des deutschen Reiches und siebenunddreißig Kaiser erhielten hier die kirchliche Weihe. Kein Wunder also, daß Aachen im Mittelalter die für damalige Zeiten stattliche Zahl von 100,000 Einwohnern aufweisen konnte und seine Bürger durch viele Privilegien eine geachtete Stellung im Reiche einnahmen. Alle diese Erinnerungen bewegten auf das Tiefste die deutschen Gemüther, als am 29. Juni der Telegraph die schmerzliche Nachricht verbreitete, ein großer Brand herrsche in Aachen,

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Das Rathhaus zu Aachen nach dem Brande.
Nach einer Skizze von Georg Macco.

das Rathhaus stehe in Flammen und von den benachbarten Städten hätte Hülfe requirirt werden müssen.

Das Aachener Rathhaus! Einfach, aber würdig erhob es sich auf dem Marktplatze als stolzes Wahrzeichen der Stadt. An demselben Orte stand einst die kaiserliche Pfalz [1], vom Kaiser Karl in den Jahren 780 bis 785 erbaut. Auf den Trümmer derselben wurde um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts das Rathhaus aufgeführt, in welches viele Theile der alten Pfalz aufgenommen wurden. Selbst als dieser Bau in dem großen Brande von 1656 zu Grunde gegangen war und unter der Leitung des städtischen Zimmermeisters Gerhard Kraus das heutige Rathhaus entstand, blieben unzweifelhaft einzelne Theile des alten Mauerwerks erhalten, sodaß wir in demselben die werthvollen Ueberreste der ältesten deutschen Baukuust erkennen müssen.

Neben dem 170 Fuß langen und 60 Fuß hohen Gebäude erhoben sich, wie wir auf unserer Abbildung sehen, zwei 180 Fuß hohe Thürme. In dem westlichen halbrundgeformten befindet sich die ehemalige Haupttreppe zu dem großen Krönungssaale, an der nordwestlichen Seite erblicken wir noch ein kleines Erkerthürmchen, von dem eine Treppe in die Nähe des kaiserlichen Thrones führte. Der zweite an der Ostseite gelegene Thurm ist dagegen viereckig und mit Schießscharten versehen.

Die beiden großen Thürme waren mit einem hohen Dachaufsatze und Gallerien versehen, von denen das Auge das Aachener Thal weit überschauen konnte.

Diese beiden „Holzhelme“ wurden nun nebst dem Dachstuhle von dem Flugfeuer, welches sich über einen Theil der Stadt von dem Brandherde, dem Magazin der Mohnheim’schen Fabrik, ausbreitete, ergriffen, und sind in kurzer Zeit ein Raub der Flammen geworden.

Wiewohl der eine Thurm zusammenbrach und seine Trümmer auf das Rathhaus niederstürzten, so hielten dennoch die mächtigen Bogen des Kaisersaales den wuchtigen Anprall aus, bis es gelang, die Gefahr von dem Hauptgebäude abzuwenden.

So ist, wie wir aus unserer zweiten Abbildung ersehen können, nur der Verlust des Daches und der Thürme zu beklagen; das Rathhaus selbst aber mit seinen unersetzlichen Archivschätzen, seinen reichen Bildergallerien, den berühmten Fresken des Kaisersaales, die von Rethel’s Künstlerhand gemalt wurden, ist gottlob! erhalten; selbst der reiche Schmuck der Frontwand ist unversehrt geblieben.

Bekanntlich hat der Brand auch in anderer Beziehung die Stadt hart geprüft, da an jenem verhängnißvollen Tage nicht weniger als dreißig Brandstellen vorhanden waren, aber die Aachener hielten tapfer Stand und mit Hülfe der Stolberger, Eupener, Langerweher, Düsseldorfer und Kölner Feuerwehr gelang es ihnen schließlich, des Feuers Herr zu werden, und man tröstete sich im Unglück vor Allem damit, daß kein Menschenleben verloren ging. Das frühzeitige Erscheinen der auswärtigen Feuerwehren mit bespannten Spritzen und Zubehör in der bedrängten Stadt gehört wohl zu den charakteristischen Zügen unserer Zeit, die durch Dampf und elektrischen Funken, durch die gebändigten Elemente, gegen die entfesselte Macht derselben anzukämpfen weiß. Hätte wohl Jemand noch vor fünfzig Jahren an die Möglichkeit gedacht, daß in kaum sechs Stunden nach Ausbruch des Brandes in Aachen die Feuerwehren von Düsseldorf und Köln mit Spritzen und Geräthewagen an Ort und Stelle erscheinen könnten? [474] Mission in Anspruch nehmen. Sie zählt dieselben zu ihren Hauptaufgaben. Sie hat vor Allem die "Herbergen zur Heimath" in’s Leben gerufen und dadurch den verderblichen Einflüssen der Pennenwirthschaft, von welcher unser erster Artikel ein Bild zu geben bestrebt war, mit Erfolg entgegengearbeitet. In diesen „Herbergen zur Heimath“ – schon der Name ist gut gewählt – sollte den armen Reisenden in eigens geschaffenen Gasthäusern ein menschenwürdiges Unterkommen geboten werden; statt der dumpfen Löcher gute Zimmer; statt Diele und Strohlager reinliche Betten. Speise und Getränke werden controllirt und vor Allem der Branntwein ganz von der Liste der Getränke gestrichen; das Kartenspiel wurde verpönt und durch eine strenge Hausordnung alle Ungebühr unterdrückt. Die Centralleitung der ersten sogenannten christlichen „Herbergen zur Heimath“ ging vom „Rauhen Hause“ in Horn bei Hamburg aus. Dahin muß jede einen bestimmten jährlichen Beitrag abliefern. Die Direktion des „Rauhen Hauses“ ernennt die Hausväter. Jeden Monat wird über die Vorkommnisse in Haus und Familie Bericht erstattet. Dem entsprechend hat das religiöse Element einen starken Antheil an der Hausordnung. Morgens und Abends werden regelmäßige Andachten abgehalten, von denen keiner der jeweiligen Insassen sich ausschließen darf. Anfangs nahm man sowohl im Publicum, wie in den Kreisen der armen Reisenden die Einrichtung nicht ohne Mißtrauen auf, und es waren erfahrungsgemäß nicht die Besten und am wenigsten die wahrhaft kirchlich Gesinnten, welche dort Einkehr nahmen. Die Einrichtung erwies sich aber in ihren Grundgedanken als so segensreich, daß dieselbe auch außerhalb des Bannes strenger Orthodoxie Verbreitung fand, und dürfte jetzt kaum mehr eine größere protestantische Stadt zu finden sein, in welcher nicht eine solche „Herberge zur Heimath“ oder ein dem ähnliches Institut errichtet wurde. Der Besuch derselben Seitens unserer armen Reisenden ist in stetem Zunehmen begriffen, sodaß in vielen Städten schon Erweiterungsbauten haben vorgenommen werden müssen. Vielfach haben sich die oben geschilderten Unterstützungsvereine mit denselben in Verbindung gesetzt, indem sie ihre Pfleglinge dahin verwiesen. –

Aus dem Allen geht hervor, daß, so groß auch die socialen Schäden sind, an denen unsere Zeit krankt, so groß doch auch ihre Humanität und Menschenliebe, ihr Geschick und ihre Macht sind, diese Schäden zu heilen. Daß dies nicht mit einem Male geschieht, daß immer erst die Erfahrung das rechte Mittel findet, das ist das Loos alles menschlichen Thuns. Statistische Nachweise haben ergeben, daß die Krankheit bereits ihren Höhepunkt erreicht hat, und daß die Zeit nicht mehr fern sein wird, wo der arme Reisende das Vagabondenthum abstreift und zu der alten Harmlosigkeit zurückkehrt, in welcher die Hand keine Versündigung an der Gesellschaft mehr begeht, wenn sie ihm einen Zehrpfennig zusteckt.

  1. „Pfalz“, von dem lateinischen Palatium abgeleitet, = Palast.