Kayser Napoleon und die Obstfrau in Brienne

Textdaten
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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Kayser Napoleon und die Obstfrau in Brienne
Untertitel:
aus: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
S. 186-188
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1803-1811
Erscheinungsdatum: 1811
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Djvu auf Commons
Kurzbeschreibung: siehe auch Napoleon Bonaparte
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[186]
Kayser Napoleon und die Obstfrau in Brienne.

Der große Kayser Napoleon brachte seine Jugend, als Zögling, in der Kriegsschule zu Brienne zu, und wie? Das lehrten in der Folge seine Kriege, die er führte, und seine Thaten. Da er gerne Obst aß, wie die Jugend pflegt, so bekam eine Obsthändlerin daselbst manchen schönen Batzen von ihm zu lösen. Hatte er je einmal kein Geld, so borgte sie. Bekam er Geld, so bezahlte er. Aber als er die Schule verließ, um nun als kenntnißreicher Soldat auszuüben, was er dort gelernt hatte, war er ihr doch einige Thaler schuldig. Und, als sie das letztemal ihm einen Teller voll saftiger Pfirsiche oder süßer Trauben brachte, „Fräulein, sagte er, jezt muß ich fort, und kann euch nicht bezahlen. Aber ihr sollt nicht vergessen seyn.“ Aber die Obstfrau sagte: „O reisen Sie wegen dessen ruhig ab, edler, junger Herr. Gott erhalte Sie gesund, und mache aus Ihnen einen glücklichen Mann.“ – Allein auf einer solchen Laufbahn, wie diejenige war, welche der junge Krieger jezt betrat, kann doch auch der beste Kopf so etwas vergessen, bis zuletzt das erkenntliche Gemüth ihn wieder daran erinnert. Napoleon wird in kurzer Zeit General, und erobert Italien. Napoleon geht nach Egypten, wo einst die Kinder Israel das Ziegler-Handwerk trieben, und liefert ein Treffen bey Nazareth, wo vor 1800 Jahren die hochgelobte Jungfrau wohnte. Napoleon kehrt mitten durch ein Meer voll feindlicher Schiffe nach Frankreich und Paris zurück, und wird erster Consul. Napoleon stellt in seinem unglücklich gewordenen Vaterlande die Ruhe [187] und Ordnung wieder her, und wird französischer Kayser, und noch hatte die gute Obstfrau in Brienne nichts, als sein Wort: „Ihr sollt nicht vergessen seyn!“ Aber ein Wort noch immer so gut, als baares Geld, und besser. Denn als der Kayser in Brienne einmal erwartet wurde, er war aber in der Stille schon dort, und mag wohl sehr gerührt gewesen seyn[1], wenn er da an die vorige Zeit gedachte, und an die jetzige, und wie ihn Gott in so kurzer Zeit, und durch so viele Gefahren unversehrt bis auf den neuen Kayserthron geführt hatte, da blieb er auf der Gasse plötzlich stille stehen, legte den Finger an die Stirne, wie einer, der sich auf etwas besinnt, nannte bald darauf den Namen der Obstfrau, erkundigte sich nach ihrer Wohnung, so ziemlich baufällig war, und trat mit einem einzigen treuen Begleiter zu ihr hinein. Eine enge Thüre führte ihn in ein kleines, aber reinliches Zimmer, wo die Frau mit zwei Kindern am Kamin kniete, und ein sparsames Abendessen bereitete.

„Kann ich hier etwas zur Erfrischung haben?“ so fragte der Kayser. – Ei ja! erwiederte die Frau, die Melonen sind reif, und holte eine. Während die zwey fremden Herren die Melone verzehrten, und die Frau noch ein paar Reiser an das Feuer legte, „Kennt Ihr denn den Kayser auch, der heute hier seyn soll?“ fragte der eine. Er ist noch nicht da, antwortete die Frau, er kommt erst. Warum soll ich ihn nicht kennen? Manchen Teller und manches Körbchen voll Obst hat er mir abgekauft, als er noch hier in der Schule war. – „Hat er denn auch alles ordentlich bezahlt?“ – „Ja freylich, er hat alles ordentlich bezahlt.“ Da sagte zu ihr der fremde [188] Herr: „Frau, ihr geht nicht mit der Wahrheit um, oder ihr müßt ein schlechtes Gedächtniß haben. Fürs erste, so kennt ihr den Kayser nicht. Denn ich bins. Fürs andere hab ich euch nicht so ordentlich bezahlt, als ihr sagt, sondern ich bin euch zwey Thaler schuldig oder etwas“; und in diesem Augenblick zählte der Begleiter auf den Tisch ein tausend und zweyhundert Franken, Kapital und Zinnß. Die Frau, als sie den Kayser erkannte, und die Goldstücke auf dem Tisch klingeln hörte, fiel ihm zu Füßen, und war vor Freude und Schrecken und Dankbarkeit ganz außer sich, und die Kinder schauen auch einander an, und wissen nicht, was sie sagen sollen. Der Kayser aber befahl nachher das Haus niederzureissen, und der Frau ein anderes an den nemlichen Platz zu bauen. „In diesem Hause“, sagte er, will ich wohnen, so oft ich nach Brienne komme, und es soll meinen Namen führen.“ Der Frau aber versprach er, er wolle für ihre Kinder sorgen.

Wirklich hat er auch die Tochter derselben bereits ehrenvoll versorgt, und der Sohn wird auf kayserliche Kosten in der nemlichen Schule erzogen, aus welcher der große Held selber ausgegangen ist.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. fehlende Buchstaben, sinngemäß richtig: seyn