Das Bombardement von Koppenhagen

Textdaten
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Autor: Johann Peter Hebel
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Titel: Das Bombardement von Koppenhagen
Untertitel:
aus: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
S. 188–192
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1803–1811
Erscheinungsdatum: 1811
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
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Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
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[188]
Das Bombardement von Koppenhagen.

In der ganzen gefahrvollen Zeit von 1789 an, als ein Land nach dem andern entweder in die Revolution oder in einen blutigen Krieg gezogen wurde, hatte sich das Königreich Dänemark theils durch seine Lage, theils durch die Weisheit seiner Regierung den Frieden erhalten. Sie lebte niemand zu lieb und [189] niemand zu leid, dachte nur darauf, den Wohlstand der Unterthanen zu vermehren, wurde deßwegen von allen Mächten in Ehren gehalten. Als aber im Jahr 1807. der Engländer sah, daß Rußland und Preußen von ihm abgegangen sey, und mit dem Feind Frieden gemacht habe, und, daß die Franzosen in allen Häfen und festen Plätzen an der Ostsee Meister sind, und die Sache schlimm gehen kann, wenn sie auch noch sollten nach Dänemark kommen, sagte er kein Wort, sondern ließ eine Flotte auslaufen, und niemand wußte wohin. Als aber die Flotte im Sund und an der dänischen Küste und vor der königlichen Haupt- und Residenzstadt Koppenhagen stand, und alles sicher und ruhig war, so machten die Engländer Bericht nach Koppenhagen hinein: „Weil wir so gute Freunde zusammen sind, so gebt uns gutwillig bis zum Frieden eure Flotte, damit sie nicht in des Feindes Hände kommt, und die Festung. Denn es wäre uns entsetzlich leid, wenn wir euch müßten die Stadt über dem Kopf zusammen schießen.“ Als wenn ein Bürgersmann oder Bauer mit einem andern einen Prozeß hat, und kommt in der Nacht mit seinen Knechten einem Nachbarn vor das Bette, und sagt: „Nachbar, weil ich mit meinem Gevattermann einen Prozeß habe, so müßt Ihr mir bis Ausgangs der Sache eure Rosse in meine Verwahrung geben, daß mein Gegenpart nicht kann darauf zu den Advokaten reiten, sonst zünd ich euch das Haus an, und müßt mir erlauben, daß ich an der Straße mit meinen Knechten in euer Kornfeld stehe, auf daß, wenn der Gevattermann auf seinem eigenen Roß zum Hofgericht reiten will, so verrenn ich ihm den Weg.“ Der Nachbar [190] sagt: „Laßt mir mein Haus unangezündet! Was gehn mich eure Händel an?“ Und so sagten die Dänen auch. Als aber der Engländer fragte: Wollt ihr gutwillig oder nicht? und die Dänen sagten: „Nein, wir wollen nicht gutwillig!“ so stieg er mit seinen Landungs-Truppen ans Ufer, rückte immer näher gegen die Hauptstadt, richtete Batterien auf, führte Canonen drein, und sagte am 2. September nach dem Frieden von Tilsit, jezt sey die letzte Frist. Allein alle Einwohner von Koppenhagen und die ganze Dänische Nation sagten: „Das Betragen des übermüthigen Feindes sey unerhört, und es wäre eine Schande, die der Belt nicht abwaschen könnte, sich durch Drohungen schrecken zu lassen, und in seine ungerechten Forderungen einzuwilligen. Nein!“ Da fieng das fürchterliche Gericht an, das über diese arme Stadt im Schicksal beschlossen war. Denn von Abends um 7 Uhr an hörte das Schiessen auf Koppenhagen, mit 72 Mörsern und schweren Kanonen, die ganze Nacht hindurch 12 Stunden lang nimmer auf; und ein Satan, Namens Congreve, war dabey, der hatte ein neues Zerstörungsmittel erfunden, nemlich die sogenannten Brand-Raketen. Das war ungefähr eine Art von Röhren, die mit brennbaren Materien angefüllt wurden, und vorne mit einem kurzen spitzigen Pfeil versehen waren. Im Schuß entzündete sich die Materie, und, wenn nun der Pfeil an etwas hinfuhr, wo er Habung hatte, so blieb er stecken, manchmal, wo niemand zukommen konnte, und die Feuermaterie zündete an, was brennen konnte. Auch diese Brand-Raketen flogen die ganze Nacht in das arme Koppenhagen hinein. Koppenhagen hatte [191] damals 4000 Häuser, 85,965 Einwohner, 22 Kirchen, 4 königliche Schlösser, 22 Krankenspitäler, 30 Armenhäuser, einen reichen Handel und viele Fabriken. Da kann man denken, wie mancher schöne Dachstuhl in dieser angstvollen Nacht zerschmettert wurde, wie manches bange Mutterherz sich nicht zu helfen wußte, wie manche Wunde blutete, und wie die Stimme des Gebets und der Verzweiflung, das Sturmgeläute und der Kanonendonner durch einander gieng. Am 3. September, als der Tag kam, hörte das Schießen auf; und der Engländer fragte, ob sie noch nicht wollten gewonnen geben. Der Commandant von Koppenhagen sagte: Nein. Da fieng das Schießen Nachmittags um 4 Uhr von neuem an, und dauerte bis den 4. September Mittags fort, ohne Unterlaß und ohne Barmherzigkeit. Und als der Commandant noch nicht wollte Ja sagen, fieng Abends das Feuer wieder an, und dauerte die ganze Nacht bis den 5. des Mittags. Da lagen mehr als 300 schöne Häuser in der Asche; ganze Kirchthürme waren eingestürzt, und noch überall wüthete die Flamme. Mehr als 800 Bürger waren schon getödtet und mehrere schwer verwundet. Ganz Koppenhagen sah hier einer Brandstätte, oder einem Steinhaufen, da einem Lazareth, und dort einem Schlachtfeld gleich. Als endlich der Commandant von Koppenhagen nirgends mehr Rettung noch Hülfe und überall nur Untergang und Verderben sah, hat er am 7. September kapitulirt, und der Kron-Prinz hats nicht einmal gelobt. Das erste war, die Engländer nahmen die ganze Seeflotte von Koppenhagen in Besitz und führten sie weg; 18 Linienschiffe, 15 Fregatten und mehrere kleinere [192] bis auf eine Fregatte, welche der König von England ehmals dem König von Dänemark zum Geschenk gemacht hatte, als sie noch Freunde waren. Diese ließen sie zurück. Der König von Dänemark schickte sie ihnen aber auch nach, und will nichts geschenktes mehr zum Andenken haben. Im Land selbst und auf den Schiffen hausten die Engländer als böse Feinde, denn der Soldat weiß nicht, was er thut, sondern denkt: Wenn sie es nicht verdient hätten, so führte man keinen Krieg mit ihnen. Zum Glück dauerte ihr Aufenthalt nicht lange; denn sie schifften sich am 19. Oktober wieder ein, und fuhren am 21. mit der dänischen Flotte und dem Raub davon; und der Congreve ist unterwegs ertrunken und hat Frau und Kinder nimmer gesehen. Von dem an hielten die Dänen gemeinschaftlich mit den Franzosen, und Kayser Napoleon will nicht eher mit den Engländern Friede machen, als bis sie die Schiffe wieder zurückgegeben, und Koppenhagen bezahlt haben. Dieß ist das Schicksal von Dänemark, und die Freunde der Engländer sagen: es sey nicht so schlimm gemeynt gewesen. Andre aber sagen, es hätte nicht können schlimmer seyn, und die Dänen meynens auch.