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Karl von Holtei (Die Gartenlaube 1860/3)

Textdaten
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Autor: M. R.
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Titel: Karl von Holtei (Die Gartenlaube 1860/3)
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 36-39
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Karl von Holtei.

Eine Biographie Holtei’s schreiben, heißt im eigentlichen Sinne Eulen nach Athen tragen, nachdem er selbst in seinen „Vierzig Jahren“, die jetzt in einer neuen billigen Ausgabe bei Trewendt in Breslau erschienen sind, seinen Lebens- und Bildungsgang ausführlich geschildert und einen der interessantesten Beiträge zur Geschichte seiner Zeit, des Theaters und der Literatur geliefert hat. Dennoch dürfte ein kurzer Auszug aus den zwölf Bänden dieser werthvollen Memoiren den geschätzten Lesern der Gartenlaube willkommen sein.

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Karl von Holtei.

Holtei wurde 1797 in Breslau geboren; er ist ein Sohn des liederreichen, gemüthlichen Schlesiens, das dem deutschen Vaterlande schon manchen bedeutenden Dichter von Opitz bis auf ihn selbst geschenkt hat.

Frühzeitig regte sich in dem begabten Knaben, der nach dem Tode seiner Eltern bei wohlhabenden Verwandten erzogen oder vielmehr verwahrlost wurde, die Lust an der Poesie, vor Allem aber eine unbezwingbare Leidenschaft für das Theater. Alle seine Ersparnisse wanderten in die Casse des Billeteurs; er war überglücklich, wenn er einem Schauspieler oder gar einer Künstlerin sich nähern durfte. Bald erwachte auch in ihm der Wunsch, ein darstellender Künstler zu werden, und wie sehr auch seine adligen Verwandten sich dagegen sträubten, setzte er endlich doch seinen Vorsatz mit seltener Beharrlichkeit durch, nachdem er zuvor einige Zeit Oekonom gewesen und sogar als freiwilliger Jäger für die Befreiung des Vaterlandes in’s Feld gezogen war, ohne jedoch Blut zu vergießen. Auf dem Privattheater des kunstliebenden Grafen Herberstein in Grafenort debutirte der jugendliche Anfänger mit vielem Beifalle, worauf er als „Mortimer“ die Breslauer Bühne betrat und vor einem größeren Publicum öffentlich erschien. Auch hier fehlte es ihm anfänglich nicht an Applaus, obgleich er ebensosehr mit den Vorurtheilen seiner Landsleute, als mit den Intriguen seiner Collegen zu kämpfen hatte. Sein Talent fand jedoch nicht die richtige Verwendung, indem er, ursprünglich für komische Charakterrollen begabt, in dem Fache eines zweiten Liebhabers auf die Dauer nicht ansprechen konnte. Ein zweiter Versuch in Dresden, wo er ein Gastspiel erlangte, fiel so unglücklich aus, daß er für einige Zeit seinen Illusionen entsagte und von der Bühne Abschied nahm. Er kehrte nach seiner Vaterstadt zurück, wo er eine Anstellung als Theatersecretair erhielt, Prologe und einige kleine Stücke schrieb, welche mit großem Beifall aufgenommen wurden, und ein entschiedenes dramatisches Talent verriethen. Hier verheirathete er sich mit der reizenden Louise Rogée, welche er in Grafenort kennen gelernt hatte; sie war der Liebling des Breslauer Publicums, eine vorzügliche Künstlerin voll Anmuth, Grazie und hinreißender Natürlichkeit. Ihr Talent und der Umgang mit dem originellen Theaterfreund und Schriftsteller Karl Schall, dem schlesischen Fallstaff, der in seinem dicken Körper eine Fülle von Geist, Witz und Kenntnissen beherbergte, waren von dem größten Einflüsse auf Holtei’s Entwickelung und ermunterten ihn zu neuen Arbeiten. Besonders verdankte er dem kritischen Schall eine tiefere Einsicht in das Wesen der dramatischen Dichtung und des Vortrags, indem der unförmliche Freund mit bezaubernder Wirkung die Meisterwerke Shakespeare’s las und somit Holtei’s Vorbild als Vorleser wurde.

Ein Streit über das Auftreten einer Seiltänzergesellschaft in Breslau, den der Dichter mit allzugroßer Leidenschaftlichkeit führte,, verleidete ihm und seiner Gattin den bisherigen Aufenthalt. Beide siedelten nach Berlin über, wo Louise bald ein beliebtes Mitglied des Hoftheaters wurde, während Holtei durch seine „Wiener in Berlin“ die Residenz entzückte. Der gemüthliche Ton des kleinen Liederspiels, die heiteren Melodien, welche er zuerst nach dem Norden geschickt verpflanzte, hatten einen ungemeinen Erfolg und machten seinen Namen populär; er schien und war auch in der That berufen vor Allen, dieses heitere Genre in Deutschland anzubauen.

Das Glück lächelte ihm, wie so oft im Leben, um ihn durch [38] nachfolgendes Mißgeschick desto tiefer zu beugen, ohne jedoch seine elastische Natur zu besiegen. Seine allgemein geachtete und geliebte Gattin starb nach einem kurzen Krankenlager mit Hinterlassung eines Sohnes und einer Tochter.

Nach ihrem Tode nahm Holtei bei dem neu eröffneten Königsstädter Theater, das von einer Gesellschaft wohlhabender und einflußreicher Geschäftsmänner gegründet wurde, die Stelle eines Theaterdichters an. Als solcher erwarb er sich zunächst das Verdienst, das Engagement der berühmten Sonntag durchgesetzt zu haben; zugleich bereicherte er das Repertoir der neuen Bühne mit einer Reihe größerer und kleinerer Lustspiele und Vaudeville’s, von denen besonders „der alte Feldherr“ und die vaterländische „Leonore“ einen wohlverdienten Anklang fanden. Durch ganz Deutschland wurden seine Lieder gesungen, füllten seine Stücke die Cassen der Theaterdirectoren, während der Dichter selbst arm blieb und sich nur mit dem unfruchtbaren Lorbeer begnügen mußte. Unverdrossen arbeitete Holtei mit rastlosem Fleiße, indem er eine Sammlung lyrischer Gedichte und mehrere „Lieder in schlesischer Mundart“ veröffentlichte, die zu dem Schönsten gehören, was die naive Volkspoesie in der neueren Zeit aufzuweisen hat. Auch führte er seinen längst gehegten Vorsatz durch, als öffentlicher Vorleser in Berlin aufzutreten. Vor einer zahlreichen und gewählten Versammlung trug er mit steigendem Erfolge einen Cyklus Shakespearescher Dramen vor, wobei er ein feines, tiefes Verständniß des großen Dichters bekundete und vorzugsweise in den komischen Partieen eine bedeutende Wirkung erzielte. Dieser Erfolg ermunterte ihn zu einem Ausfluge nach Weimar, wohin er eingeladen wurde, um ebenfalls eine Reihe von Vorlesungen zu halten. Holtei fand eine wahrhaft glänzende Aufnahme, besonders in dem Hause Goethe’s, dessen unglücklicher Sohn sein warmer Freund wurde und auch bis zu seinem frühen Tode blieb.

Sein vielseitiges Talent und besonders seine liebenswürdige Persönlichkeit verschafften ihm auch in Berlin zahllose Gönner und Freunde, zu denen das Beer’sche Haus, die Dichter Chamisso, Wilibald Alexis, Uechtritz, Hitzig, das Künstlerpaar Wolf etc. gehörten. Außerdem fehlte es ihm nicht an Zerstreuungen, die er in einem Kreise origineller, genialer Männer fand, die sich in einem damals renommirten Weinkeller versammelten und dem heilem Lebensgenuß nicht immer in der maßvollsten Weise huldigten, wie er selbst mit liebenswürdiger Offenheit in seinen Bekenntnissen gesteht.

Unterdeß hatte die Königsstädtische Bühne nach einer kurzen und glänzenden Blüthezeit die von ihr gehegten Erwartungen eines Volkstheaters nicht erfüllt; die reichen Geschäftsmänner zogen sich zurück und überließen die Leitung des Institutes einem Director, zu dem Holtei von Anfang an in eine schiefe Stellung gerieth. Er verließ deshalb mit seiner zweiten Gattin, der talentvollen Julie Holzbecher, Berlin, um in Darmstadt unter Küstner ein vortheilhaftes Engagement anzunehmen. In Folge der unterdeß eingetretenen Julirevolution löste sich jedoch die dortige Bühne wieder auf, so daß dem Künstlerpaar nichts übrig blieb, als nach Berlin wieder zurückzukehren und von Neuenn an dem Königsstädtischen Theater, jetzt natürlich unter minder günstigen Bedingungen, Beschäftigung zu suchen. Hier brachte er sein „Trauerspiel in Berlin“ mit großem Erfolge zur Aufführung, worin er in der Rolle eines Holzhauers, Namens „Nante“, von dem talentvollen Beckmann vortrefflich dargestellt, das Urbild jener komischen Figur schuf, welche unzähligemal nachgeahmt eine ganze Nante-Literatur nach sich zog. Außerdem schrieb er den Operntext „Des Adlers Horst,“ componirt von Gläser, und ein Schauspiel „Der dumme Peter“ für den berühmten Ludwig Devrient, die letzte neue Rolle, worin der geniale Künstler auftrat.

Trotz des Beifalls, der ihm zu Theil wurde, gefielen sich weder Holtei, noch seine Gattin in Berlin, wozu die ungünstigen Theaterverhältnisse wohl das Meiste beitrugen. Die alte angeborene Unruhe und Wanderlust ergriff ihn auf’s Neue, der bisher unterdrückte Wunsch, die Bühne wieder zu betreten, tauchte plötzlich mit unwiderstehlicher Kraft in seiner Seele auf. Wieder griff er nach dem Wanderstab und zog über Olmütz nach Wien, nachdem er zum Zwecke dieser Kunstreise eine Reihe größerer Schauspiele und kleinerer Possen verfaßt hatte. Das enthusiastische Publicum der heiteren Kaiserstadt nahm das Künstlerpaar mit wahrhafter Begeisterung auf; Monate lang füllten das Drama „Lorbeerbaum und Bettelstab“, die zierlichen Liederspiele „der schottische Mantel“ und „die weiblichen Drillinge“ das Theater bis auf den letzten Platz, so daß kein Billet mehr zu bekommen war. Nicht minder beifällig wurden das kleine Festspiel „die Wiener in Paris“ und unstreitig sein bestes Schauspiel „Shakespeare in der Heimath“ aufgenommen. Die österreichische Aristokratie empfing das Holtei’sche Ehepaar mit der ihr eigenen, liebenswürdigen Zuvorkommenheit; er selbst gab sich der Hoffnung hin, endlich einen angenehmen und seinen Wünschen entsprechenden Wirkungskreis gefunden zu haben. Aber das launische Glück kehrte ihm wieder einmal den Rücken; der Director des Josephstädter Theaters machte Bankerott, und Holtei sah sich gezwungen, das ihm liebgewordene, theuere Wien zu verlassen. Vorläufig fand er ein Asyl in dem alten Grafenort, auf dem Gute seines alten Gönners, des Grafen Herberstein; aber auch hier folgte ihm das Mißgeschick nach. Sein einziger Sohn aus erster Ehe, ein reizender, schöner Knabe von funfzehn Jahren, der nach langer Trennung den Vater besuchte, starb daselbst am Nervenfieber.

Der wandernde Schauspieler hatte so viel Zeit, ihn zu begraben und zu beweinen; er mußte ja neu eingegangene Gastspiele mit gebrochenem Herzen erfüllen, für sich und die Seinigen das tägliche Brod erwerben. Eine trostlose Zukunft lag vor ihm, da leuchtete ihm wieder ein freundlicher Hoffnungsstrahl. Ein Brief aus dem fernen Rußland forderte ihn auf, die Leitung des Rigaer Stadttheaters zu übernehmen; die Bedingungen waren so günstig und ehrenvoll, daß er nicht zögerte, anzunehmen. Er ließ es als Director weder an Fleiß, noch Umsicht fehlen, sodaß die von ihm gegründete Bühne gerechte Würdigung und Theilnahme fand. Aber der unerbittliche Tod entriß ihm seine edle Frau, welche mit weiblicher Hingebung Freud und Leid mit ihm getheilt; es litt ihn nicht länger an dem Ort, wo er sein Liebstes verloren. Gebeugt, aber nicht gebrochen, kehrte er nach der deutschen Heimath zurück, um Trost bei den alten Freunden zu suchen. Ueber Berlin eilte er nach dem theueren Grafenort, wo er in wohlthuender Einsamkeit seine „Grafenorter Briefe“ schrieb, einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des deutschen Theaters voll tüchtiger Winke und praktischer Erfahrungen.

Nachdem er seine in Riga zurückgelassene Tochter aus erster Ehe abgeholt und zu ihrer Großmutter nach Steiermark gebracht, nahm er, um in ihrer Nähe zu bleiben, die Stelle eines Gesellschafters bei seinem Gönner, dem Grafen Herberstein, auf dem Schlosse Eggenberg unweit Grätz in Steiermark an. Aber Holtei war nicht geschaffen, in einer solch’ abhängigen Stellung auszudauern, der Graf war trotz seines edlen Charakters launenhaft und konnte keinen Widerspruch vertragen. Ungeachtet der Dankbarkeit von der einen und der großmüthigen Freundschaft von der andern Seite wurde das gegenseitige Verhältniß mit jedem Tage lästiger, sodaß Holtei es endlich freiwillig löste. Diesmal wandte er sich nach Wien, wo er von dem Director Karl zu einer Reihe von Gastrollen engagirt wurde. Er trat in dem von ihm verfaßten Schauspiele „Hans Jörge“ auf und wurde von dem Publicum mit achtungsvollem Beifalle empfangen, ohne jedoch eine dauernde Stellung zu gewinnen. Einen weit größeren Erfolg erzielte er durch seine Vorlesungen; selbst der allgebietende Fürst Metternich öffnete ihm seinen Salon, wo Holtei mit dem größten Beifall unter Andern „Wallensteins Lager“ sammt der für fromme Katholiken leicht Anstoß erregenden Kapuzinerpredigt las.

Nachdem er seine indeß herangewachsene Tochter mit einem Arzte in Grätz glücklich verheirathet, griff er wieder zu dem Wanderstabe, um als Vorleser die Welt zu durchziehen. In Breslau überraschte ihn sein alter Freund, der bekannte Baron v. Vaerst, mit dem Vorschlage, die Leitung des dortigen Theaters als Dramaturg zu übernehmen. Nach manchem Bedenken siegte die alte Theaterlust; Holtei willigte darein, ohne jedoch auch hier die gewünschte Ruhe zu finden. Schon nach einem halben Jahre gab er seinen Posten auf, indem er einer Einladung nach Trachenberg in das gastfreie Haus des Fürsten Hatzfeld folgte, wo er unter angenehmen Verhältnissen an seinen Memoiren schrieb. Bald aber trieb ihn die Sehnsucht, den von seiner Tochter ihm indeß geborenen Enkel zu umarmen, wieder fort. Nach kurzem Aufenthalt bei den Seinigen zog der unstäte Wanderer, zu spät von dem Wunsche nach Erwerb beseelt, durch ganz Deutschland von Süd nach Nord, um als Vorleser ein kleines Capital auf die alten Tage und für seine Familie zu sammeln.

Ueberall, wo er erschien, in Dresden, Hannover, Berlin, Hamburg, Bremen etc., fand er alte, und neue Freunde, die ihm [39] sein Talent und seine Liebenswürdigkeit erwarb. An Beifall und an goldenem Gewinne fehlte es ihm nicht, aber der sorglose Künstler verstand es nicht, das Erworbene festzuhalten. Er theilte stets mit seinen Freunden großmüthig das Letzte, was er besaß.

Nach langer Wanderung ruhte er wieder einmal in Trachenberg, wo er stets mit offenen Armen bei den fürstlichen Freunden aufgenommen wurde, von seinen beschwerlichen Kreuz- und Querzügen aus. Dort überraschte ihn auch der Ausbruch der preußischen Märzrevolution und die mächtige Bewegung des Jahres 1848. Die nothwendigen Verirrungen der Zeit ließen den stets liberalen und freisinnigen Holtei als einen entschiedenen Gegner der Demokratie erscheinen und trugen ihm, wenn auch mit Unrecht, den Ruf eines „Heulers“ ein, worüber er selbst am meisten gutmüthig lächelte.

Seitdem lebt Holtei abwechselnd in Wien oder in Grätz bei seiner Familie, vorzugsweise mit literarischen Arbeiten beschäftigt. Aus dem reichen Schatze seiner theatralischen Erinnerungen und seines eigenen Wanderlebens schöpfte er seinen trefflichen Roman „die Vagabunden“, welchem in rascher Folge „Christian Lammfell“, „Ein Schneider“, und mehrere größere und kleinere novellistische Werke folgten, in denen sich ein reiches Gemüthsleben, ein psychologisch scharfer Blick und ein bedeutend realistisches Talent verrathen. Wie früher als dramatischer Schriftsteller, hat er sich jetzt als Novellist in kurzer Zeit eine hervorragende Stellung und einen wohlverdienten Ruf erworben. Außerdem veröffentlichte er neue Sammlungen seiner Gedichte, „die Stimmen des Waldes“, in dxnen sich ein gesunder Sinn für Natur und ein tiefes Gemüth bekundet; ferner vermehrte er beträchtlich seine „schlesischen Gedichte“, welche in einer neuen Auflage ebenfalls bei Trewendt erschienen sind.

Als Dichter besitzt Holtei eine seltene Fruchtbarkeit und Vielseitigkeit, eine wahrhaft bewunderungswürdige Leichtigkeit im Schaffen, der nur die Tiefe und der Fleiß gebricht, um stets Vollendetes zu haben. Seine dramatischen Arbeiten behaupten sich noch heute auf dem Theater; sie haben die Directoren reich gemacht und den Verfasser arm gelassen, was nur in Deutschland möglich war und zum Theil noch ist. Holtei’s Liederspiele sichern ihm eine Popularität, wie sie kein zweiter Dichter besitzt; sie werden vom Volke gesungen und sicher nie vergessen werden.

Nicht minder groß sind seine Verdienste um den deutschen Roman, dem er sich nur zu spät zugewendet hat. Seine „Vagabunden“ sind in ihrer Art ein Meisterwerk voll ursprünglicher Frische und mit köstlichem Humor durchwebt.

Als Vorleser nimmt er nächst Tieck den ersten Rang ein; selbst in Paris fand sein großes Talent Anerkennung, und der berühmte Benjamin Constant stattete Holtei seinen Dank dafür ab, daß er ihm die historischen Dramen Shakespeare’s aufgeschlossen und erst zugänglich gemacht habe.

Als Mensch zählt Holtei zu den liebenswürdigsten Persönlichkeiten; sein reiches Gemüth, seine nur zu oft getäuschte Gutmüthigkeit, selbst seine grenzenlose Sorglosigkeit verrathen ein treffliches, nur zu weiches und empfängliches Herz. Selbst seine Schwächen und Fehler, die er mit rührender Offenheit eingesteht, sind nur Flecken und Auswüchse einer edleren Natur, oder einer verfehlten Erziehung zuzuschreiben. Bezaubernd in der Unterhaltung erschließt er hier die ganze Fülle seines eigensten Wesens; man muß ihn lieben, wenn man ihn sieht und sprechen hört. Kein Schriftsteller in Deutschland zählt in allen Ständen so viele persönliche Freunde wie Holtei. Wo er anklopft und sein ehrliches, gutmüthiges Gesicht mit dem langen, graumelirten Barte zeigt, ist er willkommen bei Jung und Alt; denn wo er erscheint, ob als Mensch oder Schriftsteller, verbreitet er jene gemüthliche Heiterkeit, die trotz aller getäuschten Hoffnungen und traurigen Erfahrungen der Grundzug seiner Natur und der Zweck seines Lebens scheint.
M. R.