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Textdaten
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Autor: Johannes Scherr
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Titel: Kaiser Joseph
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48–50, S. 790–794, 806–808, 821–824,
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[790]
Kaiser Josef.
Den Deutsch-Oestreichern zur Säcularfeier von Josefs Thronbesteigung gewidmet
von Johannes Scherr.

Ich nenne Deutschland gern unser gemeinschaftliches Vaterland, weil ich es liebe und stolz darauf bin, ein Deutscher zu sein.

Kaiser Josef am 13. Juli 1787 an den Koadjutor Dalberg.

Saluti publicae vixit nou diu sed totus (er lebte dem Gemeinwohl, nicht lange, aber ganz).

Inschrift seines Denkmals.
1.

In der zweiten Morgenstunde vom 13. März 1741 gebar Maria Theresia, die schönste Frau ihrer Zeit und eine der besten aller Zeiten, ihren ältesten Sohn Josef, welcher nachmals als Nachfolger seines Vaters Franz Stefan von Lothringen-Toskana in der schon sehr schein- und schemenhaft gewordenen deutschen Kaiserwürde Josef der Zweite hieß.

Die Geburt des Knaben fiel mitten in die schon angehobenen Drangsale und Nöthen des östreichischen Erbfolgekrieges, in eine Zeit also, wo, wie Maria Theresia noch 31 Jahre später mit Seufzen bezeugte, „alle meine Länder angefochten wurden und gar nit wußte, wo ruhig niederkommen sollte.“ Josefs Eintritt ins Leben war demnach von Vorzeichen umgeben, welche auf Unrast, Kampf und Sorge hindeuteten, und die Vorzeichen trogen nicht. Das Dasein dieses wahrhaft erlauchten Fürsten war voll Mühsal und Bitterkeit. Er hat in seinen 49 Lebensjahren soviel Verkennung und Undank erfahren, hat eine solche Last von Mißgeschicken und Widerwärtigkeiten, Enttäuschungen und Demüthigungen zu tragen gehabt, daß einer der Dichterlinge, welche um ihn die Todtenklage erhuben, jener Mönch Eulogius Schneider, der nachmals zum Apostel und Opfer des französischen Jakobinerthums wurde, den unglücklichen Kaiser wohl den „Dulder Josef“ nennen durfte.

Sein Unglück begann mit seiner Erziehung. Die Folgen der hispanisch-bigoten Abmauerung Oestreichs von Deutschland, wie sie seit Ferdinand dem Zweiten habsburgischer Staatsgrundsatz gewesen, waren der Art, daß zur Zeit von Josefs Kindheit, Knaben- und Jünglingsjahren dort gar keine Erzieher vorhanden sein konnten, welche das Zeug besessen hätten, den Prinzen auf die außerordentlich schwierige Herrscherrolle, welche er dereinst übernehmen sollte, genügend, auch nur annähernd genügend vorzubereiten. Gewiß war Maria Theresia eine ebenso zärtliche und sorgsame Mutter, als sie eine Gattin war, deren Tugend, Sittsamkeit und Pflichttreue in einer Epoche, wo schamloseste Ausschweifung an den Höfen für selbstverständlich galt und die herrschende moralische Pestilenz auch in der vornehmen Frauenwelt nur allzu große Verheerungen anrichtete, niemals auch nur von einem Schatten von Verdacht gestreift wurden. Aber die Kaiserin-Königin war trotz der nicht geringen Dosis von gesundem Menschenverstand, welche sie besaß, in einen zu engen Kreis der Anschauung und des Wissens gebannt, als daß sie hinsichtlich der Erziehung und Unterrichtung ihres Sohnes hätte darüber hinausgreifen wollen oder können. So waren denn Josefs Lehrer der Mehrzahl nach Mitglieder des Jesuitenordens, und es ist ja bekannt, in welchem seellosen Formalismus die Jesuitenpädagogik von dazumal sich bewegte oder vielmehr nicht bewegte, sondern stagnirte. Die Mutter hatte ein wachsames Auge darauf, daß der Knabe körperlich nicht verzärtelt würde, und er ist in Folge dessen zu einem Manne herangewachsen, welcher längere Zeit hindurch die oft übermäßigen Strapazen, die er sich zumuthete, rüstig und ohne Schädigung seiner Gesundheit zu ertragen vermochte. Allein inbetreff der Anstrengung und Uebung des Geistes ihres Sohnes huldigte Maria Theresia weniger gesunden Ansichten. Denn ihre bestimmte Willensmeinung ging dahin, daß man dem Prinzen allen Lehrstoff spielend beizubringen suchen müßte, und die genauere Befolgung dieser Maxime vonseiten der Lehrer Josefs mußte zu übeln Ergebnissen führen. Von einem gründlichen Lernen war der guten, ja theilweise glänzenden Begabung des Knaben ungeachtet keine Rede, sondern derselbe gerieth frühzeitig in eine fahrige Vielwisserei hinein, die sich gar bald zu einem hochmüthigen Herabsehen auf seine allerdings bornirten Lehrer und Erzieher aufsteifte. Er fühlte sich denselben geistig überlegen, was sollten sie ihn also noch lehren können?

Dazu kam, daß in Josefs Jünglingsjahren die so blendenden, so bestechenden, aber häufig so schiefen und falschen „neuen Ideen“ des „Zeitalters der Encyklopädisten“ wie durch die Mauern östreichischer Klöster, so auch durch die Wände der wiener Hofburg sickerten und sich mächtig genug erwiesen, den Prinzen zu einem halben oder ganzen Freigeist im Sinne der modischen „Freigeisterei“ von damals, obzwar keineswegs zu einem wirklich freien Geist zu machen. Denn in einer geräumigen Ecke von Josefs Seele hatte und behielt der rechtgläubige Katholicismus, wie er im Canisius steht, bis zuletzt seinen Altar. Das scharfargwöhnische Auge von Josefs großem Gegner, Friedrich von Preußen, ersah auch hier das Richtige, wenn er von dem jungen Erzherzog urtheilte, derselbe „habe bei aller Begierde, zu lernen, nicht die Geduld gehabt, sich zu unterrichten“.

Frühzeitig erhielt demzufolge Josefs Geist ein dilettantisches Gepräge, und das war ein großes Unglück für ihn selber und für das von ihm unternommene Reformwerk. Aus diesem Dilettantismus entsprang seine Unfähigkeit, die Dinge zu sehen, wie sie sind, entsprang sein Mangel an Kenntniß der Menschen- und Völkernaturen, entsprang seine Ungeschicklichkeit in der Kunst, mit den thatsächlichen Ziffern der Politik zu rechnen. Sein edler Sinn, seine Menschenliebe und Hochherzigkeit wogen diese Mängel nicht auf. Im Gegentheil, sie verstärkten dieselben. Denn gerade aus Josefs besten Eigenschaften quoll jener einseitige Idealismus und Optimismus, welcher ihn so häufig auf den Traumfittigen einer abstrakten Humanitätsduselei über die Welt der Thatsachen hinwegfliegen ließ und zu den bedauerlichsten Mißgriffen verleitete. Die faulsten Früchte dieser Duselei zu zeitigen, war freilich der [791] Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtspflege unserer eigenen Tage vorbehalten.[1]

Zieht man die Unzulänglichkeit seiner Erziehung in Betracht, so muß die Summe von Josefs Wissen und Können immerhin eine sehr achtungswerthe genannt werden. Nur sein ganz ungewöhnlich gutes Gedächtniß, seine reichquillende Phantasie und sein leichtes Auffassungsvermögen erklären die Erwerbung dieser Summe. Als junger Mann sprach und schrieb er fertig Deutsch, Latein, Französisch und Italisch, auch Magyarisch und Czechisch redete er geläufig. Seinen geschichtlichen, seinen rechts- und staatswissenschaftlichen Kenntnissen fehlte es nicht an Umfang, wohl aber an Vertiefung. Von dem Werth und von der Würde der Wissenschaft hatte er keine klare Vorstellung und im Ganzen achtete er Gelehrsamkeit und Gelehrte gering, was sich freilich großentheils aus der Beschaffenheit damaliger Gelehrsamkeit, sowie aus der elenden Knechtschaffenheit und Feilheit von so vielen Gelehrten erklären läßt. Der Vereinigung von wirklichem, fruchtbarem Wissen und Charakterfestigkeit bezeigte er Respekt: die neuesten Hefte von Schlötzer’s „Staatsanzeigen“ durften nie auf seinem Arbeitstische fehlen. Die Tagespublicistik freilich glaubte er verachten zu dürfen und das ist ihm zu nicht geringem Schaden ausgeschlagen. Denn indem er sich frühzeitig entwöhnte, ein offenes Ohr für die „öffentliche Meinung“ zu haben, gewöhnte er sich allzu sehr daran, diese auch dann geringzuachten, wann sie auf Beachtung vollwichtigen Anspruch hatte.

Sein ästhetisches Organ und Bedürfniß waren schwach. Nur die Musik, die er liebte und übte, hatte sich seiner wirklichen und warmen Theilnahme zu erfreuen. Die Schöpfungen von Haydn, Gluck und Mozart sind darum die glänzendsten künstlerischen Offenbarungen und Verherrlichungen der josefinischen Epoche. Weder zur Poesie noch zu den bildenden Künsten hat der Kaiser eine rechte Beziehung zu gewinnen vermocht. Sein literarischer Geschmack war so mangelhaft entwickelt, daß er den plumpen Blumauer dem feinen Wieland vorzog. In jüngeren Jahren, als ihm die ungeheure Arbeitslast, die er später auf sich nahm und die zu schleppen er sich abmühte, noch nicht alle freie Zeit raubte, las er viel und es entsprach ganz seiner Gemüthsart, daß er dem Abgott der vornehmen Welt Europa’s, dem skeptischen und witzsprühenden Voltaire, den begeisterten Idealisten und feurigen Schwärmer Rousseau bei weitem vorzog. Für die Bewegung der deutschen Literatur, welche sich aus einem Chaos von „Sturm und Drang“ zur klassischen Größe und Schönheit emporarbeitete, fehlte ihm das Verständniß und darum auch die Sympathie. Die Bedeutung der geistigen Großthaten Lessings, Göthe’s und Schillers blieb ihm verschlossen. Dennoch war er weit entfernt von jener hochmüthigen, eisigen Gleichgiltigkeit, womit Friedrich von Preußen die deutsche Literatur ansah. Diesem ist es, trotzdem daß Lessings drei große dramatische Dichtungen so zu sagen unter seinen Augen entstanden waren, niemals eingefallen, für die deutsche Schaubühne etwas zu thun. Josef dagegen hat das deutsche Schauspiel ausdrücklich unter seinen Schutz genommen und eine höchst bedeutsam fortwirkende Kulturthat verrichtet, indem er das wiener „Burgtheater“ schuf (1776), noch heute die deutsche Musterbühne.

Unter den in seinen jungen Jahren empfangenen Eindrücken, welche auf Josefs Charakterbildung ungünstig wirkten, darf sicherlich als einer der nachdrucksamsten die Stellung seines Vaters bezeichnet werden. Diese Stellung war, wenn nicht blankweg die einer Null, so immerhin doch nur die eines prachtvoll herausstaffirten Statisten. Maria Theresia liebte ihren Franz zärtlich, ja leidenschaftlich, aber trotzdem war und blieb sie die Eheherrin. Sie herrschte über die östreichischen Lande und der gute Franz war und blieb, obzwar er den langathmigen und pomposen Titel „Des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Imperator“ führte, auf die Rolle eines geachteten und geliebten Haus- und Familienvaters beschränkt. Er hatte sich auch mit guter Manier in diese Rolle hineingefunden und suchte und wußte seine viele vorräthige Zeit mittels allerhand Liebhabereien und Spielereien todtzuschlagen. Wenn er nicht in kaiserlicher Gala zu „repräsentiren“ hatte, welcher Obliegenheit er sich recht manierlich, ja sogar anmuthig zu unterziehen verstand, so machte er Bankgeschäfte, und zwar gute, oder er machte den Hofdamen den Hof, und zwar mehr oder auch weniger harmlos, oder trieb er die hohen Hazardspiele von damals, und zwar mit entschiedenem Glück, oder endlich führte er in der Loge „Zu den drei Kanonen“ als Meister vom Stuhl den Hammer. Das gehörte auch mit zur Signatur der östreichischen Zustände jener Zeit. Die Freimaurerei war unter Maria Theresia streng verboten, aber der Herr Gemahl der Kaiserin-Königin war Mitglied des verpönten und verfolgten Ordens, entrann, wie glaubhaft erzählt wird, einmal bei einem nächtlichen Ueberfall der genannten, dazumal im Margarethenhof am Bauernmarkt „arbeitenden“ Loge durch die Polizei nur mit knappster Noth dem tragikomischen Verhängniß, durch die Sbirren seiner Frau Gemahlin abgefaßt zu werden, und starb 1765 als Großmeister der Freimaurer Oestreichs.

Schon frühzeitig mußte sich dem lebhaften Geiste Josefs die Beobachtung der Inhaltslosigkeit von seines Vaters Stellung aufdrängen und man kann auf dem Wege psychologischer Schlußfolgerung leicht zu dem Resultat gelangen, daß der junge Prinz diese Stellung mit einem von Verachtung nicht ganz freien Mitleid angesehen und sich dadurch zu doppelter Thätigkeit, aber auch zur entschiedenen Herausbildung und herrischen Geltendmachung seiner Persönlichkeit angeeifert gefühlt haben müsse. Daraus dürfte sich, wenigstens zum Theil, der brennende Thatendurst erklären, welchen Josef zu erkennen gab, sobald er konnte, sowie die rücksichtslose Heftigkeit, womit er diesen Durst zu stillen trachtete. Solche Herrischkeit und Hastigkeit, sie waren es, welche das beste Herz, das jemals in einer Fürstenbrust geschlagen hat, mitunter bis zur Fühllosigkeit verhärteten und Josef vergessen machten, daß man sich zur Erreichung von Zwecken der Gerechtigkeit niemals ungerechter, zur Erreichung von Zielen der Menschenfreundlichkeit niemals grausamer Mittel bedienen sollte.

Das Facit von Josefs Bildungsgeschichte war demnach dieses: Ein vielseitiges, aber oberflächliches und lückenhaftes Wissen; ein warmes Gefühl für Recht und Unrecht, aber daneben doch auch eine starke Dosis vom Souveränitätsdünkel; ein kühn idealistischer Gedankenflug und eine mit den Ideen des Jahrhunderts der Aufklärung genährte Anschauung, aber verbunden mit einer illusionärischen Selbsttäuschung, welcher, weil sie es verschmähte, auf Wirklichkeiten, Möglichkeiten und Erreichbarkeiten die gebieterisch nöthige Rücksicht zu nehmen, bitterste Enttäuschungen folgen mußten; das lebhafteste Pflichtbewußtsein, aber keine verständige Regelung der Antriebe desselben und daher jene fahrige Vielgeschäftigkeit des Kaisers, welcher die Folgerichtigkeit mehr und mehr abging und die sich in der Erlassung von Dekreten und in der Zurücknahme von Dekreten, in Befehlen und Gegenbefehlen völlig erschöpfte; aufrichtige Begeisterung für die liberalen und humanitären Theorieen der Zeit, aber eine viel zu einseitig-optimistische Ansicht vom Wesen des Menschen und der Massen; eine hohe Auffassung der eigenen Stellung und Bestimmung, aber auch vielfache Ueberschätzung und Ueberspannung der eigenen Gaben und Kräfte, ein eigensinniges Festhalten falscher Gesichtspunkte, eine Verknöcherung schiefer Begriffe; ein heißes Verlangen nach Ehre und Ruhm, aber nicht jene ruhige Entschlossenheit und besonnene Thatkraft, welche die Stufen zum Ruhmestempel langsam, Schritt für Schritt, fest und sicher hinansteigt; ein glühender Drang, zu bessern und zu bauen, aber außer Standes, die richtigen Werkzeuge zu wählen, und viel zu ungeduldig, abzuwarten, wie gestern Gepflanzes heute dem Morgen entgegenreife. Josef hat nie begriffen, daß Geduld eine der nothwendigsten Eigenschaften eines guten Regenten sei und daß diese unsere Welt, wie sie nun einmal ist, des Diplomatisirens und Lavirens nicht entbehren könne, ja leider eigentlich nur vom [792] Laviren und Diplomatisiren lebe. Lavirt und diplomatisirt sich doch unsere alte Muttererde selber alljährlich mühsälig um die Sonne herum.




2.

Zu seinen männlichen Jahren gekommen, war Josef eine stattliche und gewinnende Erscheinung. Urtheilsfähige zeitgenössische Beobachter, heimische und fremde, denen Schmeichelei fernlag, bezeugen das übereinstimmend.

Er war von mittelgroßem Wuchs, von schlankem, ebenmäßigem, nervigem Körperbau. Eine Stirne von schöner Wölbung, tiefblaue Augen, unter starken Brauen klar und durchdringend hervorblickend, eine kräftige, adlerschnäbelig gebogene Nase, ein Mund, welcher die hängende „habsburgische“ Unterlippe nicht besaß und sehr anmuthig zu lächeln verstand, in zorniger Erregung aber die Oberlippe soweit aufwärts zog, daß die Zähne zum Vorschein kamen, ein energisches Kinn, das lichtbraune Haar, welches er über der Stirne kurzgeschoren, an den Schläfen zu zwei Seitenlocken gerollt und im Nacken in einen kurzen Zopf gebunden trug – das alles bildete mitsammen ein wohlgefälliges Ganzes. Von seiner Mutter hatte er einen Gesichtsausdruck geerbt, der je nach den Umständen von imponirender Majestät zwanglos zu lächelnder Leutseligkeit überzugehen vermochte, und umgekehrt. Er war gesund, muskelstark, voll Kraft und Feuer, abgehärtet, in allen körperlichen Uebungen und Künsten gewandt. Er hielt sich sehr reinlich und kleidete sich sauber, aber einfach. Daheim in seinen Gemächern wie auf Reisen in die Fremde ging er in der sogenannten „deutschen“ Tracht mit dunkelfarbigem Frackrocke. Schmuck legte er selten an, auch keine Ringe. Von Uniformen trug er am liebsten die grüne, rothausgeschlagene der nach ihm benannten leichten Reiterregimenter (Chevauxlegers). Bei feierlichen Veranlassungen wußte er in der Feldmarschallsuniform, weiß und roth, und im blitzenden Ordensschmucke die kaiserliche Majestät recht gut herauszukehren. Sonst überschleierte zumeist ernste, fast schwermüthige Nachdenklichkeit seine Züge, aber dieser Schleier verschwand und wich dem Ausdrücke liebenswürdigster Offenheit und Güte, wenn er mit Menschen verkehrte, denen gegenüber er sich gehen lassen durfte. Er verstand es auch nicht übel, der Vorstellungsweise und Sprache der verschiedenen Volksklassen sich anzupassen und gelegentlich sich „populär“ zu machen. Verständige können freilich an und für sich kein Gewicht auf den Umstand legen, daß Josef auf den Reisen durch seine Provinzen einmal oder zweimal allerhöchsteigenhändig mit dem Pfluge eine Ackerfurche gezogen. Allein für eine Zeit, wo die „Götter dieser Erde“ und das „dumme Bauernvolk“ nichts mit einander gemein hatten als die Luft, bedeutete es doch mehr als eine bloße Komödie, wenn der Kaiser seine Hand da an den Pflug legte, wo unmittelbar zuvor die Hand eines Bauern gelegen.

Ein so frugales und bedürfnißloses Leben wie Josef haben gewiß nur sehr wenige große Herren geführt. Es ist bekannt, daß er, sobald er konnte d. h. unmittelbar nach dem Tode seiner Mutter, den sinnlos verschwenderischen Hofhalt auf den Fuß einer vernünftigen Einschränkung und Sparsamkeit setzte. Er war hierzu um so mehr berechtigt, als er in seiner eigenen Lebensweise ein Vorbild der Einfachheit, Mäßigkeit und Sparsamkeit aufstellte. Er schlief bis zu seiner letzten Krankheit auf einem Maisstrohsack, über welchen eine Hirschhaut gebreitet war; ein Leintuch mit leichter Decke und ein lederüberzogenes, mit Roßhaaren gestopftes Kopfkissen vervollständigten dieses gewiß nicht sybaritische kaiserliche Bett. Im Sommer um 5, im Winter um 6 Uhr aufgestanden, ging er mit seinen Kabinettsekretären sofort an die Erledigung von Regierungsgeschäften. Um 9 Uhr ließ er sich frisiren, rasirte sich selbst, kleidete sich für den Tag an und nahm Kaffee oder Chokolade zum Frühstück. Nach diesem begab er sich in sein Kabinett auf dem berühmten „Kontrolorgang“, wo alltäglich, wann er in Wien war, jedermann zu dem Kaiser Zutritt hatte, um ihm Wünsche, Bitten, Vorstellungen und Vorschläge vorzutragen. Von 12 bis 2 Uhr ging oder ritt oder fuhr er spaziren. Schöpfte er im Wagen frische Luft, so pflegte er die Zügel seines Zweigespanns selber zu lenken. Sein Mittagsmahl nahm er zwischen 3 und 5 Uhr, je nachdem die Geschäfte es erlaubten. Es war einfach genug und bestand, durch eine Mundköchin hergestellt, aus nur 2 Trachten von 6 Schüsseln, welche aber der Kaiser nicht alle kostete, indem er sich fast immer mit Suppe, Rindfleisch, etwas Gemüse, Braten, gekochtem Obst und süßem Backwerk begnügte. Spirituosen trank er gar nicht, sondern sein Lebenlang nur Wasser. Bloß im Feldlager und auch da nur auf Andringen der Aerzte genoß er etwas Ungarwein. In der Hofburg speis'te er gewöhnlich allein; weilte er aber in einem seiner Sommerschlösser, so liebte er Gäste zu haben. Nach der Tafel, welche nicht länger als eine halbe Stunde währte, an welcher aber eine ebenso anständige als zwanglose und, wenigstens in der früheren Zeit Josefs, muntere Unterhaltung herrschte, fand ein Koncert statt, bei welchem der kaiserliche Wirth häufig selber mitwirkte, sei es als Klavierspieler, sei es als Cellist. Er hat sich auch einmal als Tondichter versucht und eine Sonate zuwegegebracht, welche er dem großen Mozart zur Beurtheilung vorlegte. „Nun, wie finden Sie meine Sonate, lieber Mozart?“ „Hm, nun ja, Majestät, die Sonate ist schon gut; aber der sie gemacht hat, ist doch viel besser.“

Gerade in den Beziehungen Josefs zu Mozart trat der Zauber des Menschlichen, welcher jenem zu eigen, schön zu Tage. Der sparsame Kaiser, unter dessen Regierung die Völkerschaften Oestreichs zum erstenmal erfuhren, daß die Staatseinkünfte nicht zum Belieben und Vergnügen der herrschenden Klassen, sondern zur Deckung der Staatsbedürfnisse da wären, gab dem großen Meister einen Jahrgehalt von nur 800 Gulden. Von anderwärtsher, aus England, aus Berlin, erhielt Mozart Einladungen und Anerbietungen, welche ihm ein Einkommen sicherten, das, verglichen seinem bescheidenen wienerischen, ein glänzendes war. Aber Josef bat mit seiner unwiderstehlichen Freundlichkeit den Meister: „Bleiben Sie bei uns, lieber Mozart!“ und dieser: „Ich bleibe, Majestät.“

Die als „bezaubernd“ gerühmte Liebenswürdigkeit seiner Umgangsformen verdankte der Kaiser zweifelsohne dem Umstand, daß er sein Lebenlang gern in Damenkreisen verkehrte. Er befolgte einen bekannten Rath Göthe’s, ohne dessen Tasso zu kennen. In fraulichen Kreisen hat er auch wohl zuerst gelernt, den brutalen Er-Stil mit dem humaneren Sie-Stil zu vertauschen – auch ein Zeichen der Zeit, und zwar kein bedeutungsloses. Denn es lag ja in dem Gebrauch einer und derselben Anredeform zwischen Hoch und Niedrig, Vornehm und Gering doch auch ein Stück Ahnung vom Heraufdämmern eines neuen, des demokratischen Weltalters . . . .

Nachdem das Nachmittagskoncert vorüber, ertheilte Josef Audienzen, hörte Vorträge und gab Bescheide. Dann begab er sich Abends 7 Uhr ins deutsche Theater oder in die italische Oper. In beiden bevorzugte er die komischen Stücke. Sein Lieblingslustspiel war Großmann’s auf die Rohheit, Plumpheit und Verschwendungssucht des Adels gemünztes „Nicht mehr als sechs Schüsseln“. Dem Zeugniß von Da Ponte zufolge, welcher bekanntlich das Textbuch zu Mozarts „Don Juan“ verfaßt hat, war der Kaiser einer der Ersten, welcher den Werth dieser herrlichen Tondichtung erkannte, die, wie jedermann weiß, bei ihren ersten Aufführungen den Wienern nicht gefiel. Josef sagte: „Das Werk ist himmlisch, lieber Mozart; es ist noch schöner als die 'Hochzeit des Figaro', aber es ist kein Bissen für meine Wiener.“ Worauf der Meister: „Ei was, Majestät; man muß den Wienern nur Zeit lassen, den Bissen zu kosten.“

Nach dem Theater pflegte der Kaiser noch eine der kleinen Abendgesellschaften zu besuchen, welche in solchen Häusern der wiener Aristokratie stattfanden, wo Hausfrauen von feiner Bildung und gutem Ton „das Skepter der Sitte führten“. In seinen späteren Lebensjahren verbrachte Josef seine Abende zumeist in jenem Kreise von fünf älteren Damen (zwei Fürstinnen Liechtenstein, Fürstin Clary, Fürstin Kinsky, Gräfin Kaunitz) und drei Herren (Feldmarschall Lascy, Oberstkämmerer Rosenberg und Oberhofmarschall Kaunitz), wo er in der Form freundschaftlichen Gespräches einige Erholung von seinen schweren Sorgen fand. Noch von seinem Sterbelager aus hat der Kaiser in einem Schreiben voll Zartsinn und Erkenntlichkeit den fünf Damen für alle ihm erwiesene Güte, Nachsicht und Freundlichkeit gedankt. Gegen 11 Uhr fuhr Josef aus diesen Abendgesellschaften nach Hause, ließ sich die neueingelaufenen Depeschen und Berichte vorlegen und arbeitete, ohne ein Abendessen zu sich zu nehmen, oft bis lange nach Mitternacht. Allem leeren Prunk und Pomp war der Kaiser abhold, geräuschvolle und kostspielige Vergnügungen verachtete er, die Jagd liebte er nicht, das Spiel verdammte er und kaum jemals

[793]
Die Gartenlaube (1880) b 793.jpg

Nach der Jagd.
Originalzeichnung von A. Müller-Lingke in München.

[794] hat er eine Karte berührt. Seine Mäßigkeit, Prunklosigkeit und spartanische Abhärtung nahm er auch auf seine häufigen Reisen mit, welche für sein Gefolge nichts weniger als Lustpartieen waren. Er wohnte dabei in Gasthäusern, wurde nie müde, zu sehen und zu lernen, vermied keineswegs die Berührung mit dem Volke und verkehrte zwanglos mit allen Klassen desselben. Ein schöner, für dazumal doppelt schöner Zug war es, daß er, in einer Stadt angelangt und von der Bewohnerschaft erkannt und begrüßt, sogleich im Wagen sich erhob, um stehend und entblößten Hauptes den Willkomm vonseiten des Volkes entgegenzunehmen.

So war, in flüchtigem Umrisse gezeichnet, Kaiser Josefs Lebensführung. Wer die Hofgeschichten damaliger Zeit kennt, namentlich auch die deutschen, wer die widerliche Reihenfolge gleichzeitiger Fürstlichkeiten, diese Jagdwütheriche, Menschenschinder, Seelenverkäufer, Prasser, Trunkenbolde, Wüstlinge an seiner Erinnerung vorübergehen läßt, der wird verstehen, daß und warum die Persönlichkeit des guten und unglücklichen Kaisers dem Volksgedächtniß unverwischbar sich einprägen mußte.

Ja, des guten und unglücklichen Kaisers, der auch als Mensch, als Gatte und Vater kein Glücklicher gewesen ist. Zwar seine erste, im Oktober von 1760 geschlossene Ehe mit der Infantin Isabella von Parma, welche, ohne schön zu sein, graziös und liebenswürdig zu sein verstand, schien eine glückliche werden zu wollen. Josef liebte seine Frau zärtlich, allein Isabella litt an unheilbarer Melancholie und trug sich fortwährend mit Todesgedanken, welche auch nur allzu bald sich verwirklichten, indem die Prinzessin in ihrem zweiten Wochenbett von den Pocken ergriffen wurde und im November von 1763 starb. Ihr zweites Kind, Christine, war ihr im Tode vorangegangen; ihr erstes, Maria Theresia, folgte der Mutter bald ins Grab. Der junge Witwer litt furchtbar unter diesen Schicksalsschlägen. Ob, wie eine historisch nicht erwiesene Sage will, sein Schmerz über den Verlust der geliebten Isabella noch verschärft oder vielmehr vergiftet worden sei dadurch, daß seine Schwester Christine in der wohlmeinenden Absicht, den niedergeschmetterten Bruder zu trösten und aufzurichten, ihm mittheilte, sie wüßte von der Verstorbenen selbst, daß dieselbe ihn nie wirklich geliebt hätte, mag dahingestellt bleiben. Nur das unablässige Drängen vonseiten seiner Eltern vermochte Josef, zu einer zweiten Ehe zu schreiten, und halb willenlos ließ er sich im Januar von 1765 mit der Prinzessin Josefa von Baiern verheiraten. Das schlug ganz übel aus. Der Widerwille, welchen die arme Josefa, in jedem Sinne ein Opferlamm der „Staatsraison“, vom Anfang an ihrem Gemahl oder Scheingemahl einflößte, war so stark, daß Josefs Gutherzigkeit nicht dagegen aufzukommen vermochte. Er sah es als eine Erlösung von Unerträglichem an, als Josefa im Mai 1767 durch die Pocken in ihrer bösartigsten Gestalt weggerafft wurde, und war durch nichts zu bewegen, einen dritten Heiratsversuch zu machen. Verschiedene seiner vertraulichen Briefe bezeugen aber, daß er den Mangel häuslichen Glückes bitter genug empfand. Er suchte den ihm ziemlichsten Trost und Ersatz für dieses ihm versagte Glück darin, daß er sich mit ganzer Seele der Erfüllung seiner Regentenpflichten hingab. Das ist ja das Vorrecht edler Naturen, daß sie, wann das eigene Glück in Trümmern liegt, noch für das Glück anderer zu leben, zu denken und zu sorgen vermögen.

[806]
3.

Mammon und Moloch, das goldene Kalb und der eherne Stier, Geld und Erfolg, das sind die einzigen Götter, an welche unsere Zeit mit Inbrunst glaubt. Auch eine unsittliche Geschichtschreibung, wie sie dermalen nur allzu sehr und namentlich in Deutschland obenauf ist, kniet und räuchert vor diesen Götzen. Sie thut groß damit, das ethische Princip aus der Geschichtewissenschaft verbannt zu haben. Sie hat es glücklich dahin gebracht, die Gegensätze von gut und bös, recht und schlecht, edel und gemein, hochherzig und niederträchtig in die „Harmonie wissenschaftlicher Objektivität“ aufzulösen und den Erfolg oder Nichterfolg als einzigen Werthmesser von Gedanken und Thaten, von Menschen und Dingen anzuerkennen und auszurufen. Sie vergiftet die Jugend, indem sie in den unerfahrenen Augen derselben den Unterschied von Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge, Freiheit und Knechtschaft als „wissenschaftlich unwesentlich“ erscheinen zu lassen sich bemüht und die jungen Leute förmlich zur charakterlosen Streberei verleitet und ermuntert. Sie hat in nicht geringem Grade die moralische Krankheit unserer Zeit mitverschuldet. Denn, des Gewissens ledig, wie sie ist, hat sie mittels ihrer ganzen Gebarung nach Kräften das Rechtsgefühl geschwächt, das Pflichtbewußtsein untergraben, die Begeisterung für das Ideale und den Haß des Schändlichen lahmgelegt, die Grundsatzlosigkeit für preiswürdig „objektiv“ ausgegeben, die Laxheit und Leichtfertigkeit der Anschauung und der Lebensführung gefördert.

Eine solche Auffassung und Darstellung der Geschichte kann dem Kaiser Josef nicht gerecht werden. Sie hat für ihn nur ein dünkelhaftes Achselzucken. Er beging ja die unverzeihliche Sünde, kein Glück, keinen Erfolg zu haben. Hätte er das gehabt, so würden die Pfaffen des ehernen Stieres „Josef den Großen“ unendlich behallelujahen, über alle seine Mängel und Mißgriffe „objektiv“ hinwegsehen und mit Napoleon singen und sagen: „Le succès justifie tout.“

Und hatte denn wirklich Josef keinen Erfolg? Ein Mann, der mehr Schärfe des Blickes und Urtheils, mehr geschichtlichen Sinn besaß als hundert schulweise Pedanten, Georg Förster, hat anders gesehen und geurtheilt. Sein bekannter Ausspruch: „Aus der Fackel von Josefs Geist ist ein Funke in Oestreich gefallen, der nie erlöschen wird“ – enthält eine Wahrheit, welche nur ganz Urtheilslose zu bestreiten sich versucht fühlen dürften. Allerdings nur ein „Funke“. Aber alles Licht, was seither in Oestreich aufgegangen, aus diesem josefinischen Funken ist es entsprungen. Ist das etwa kein Erfolg?

Josefs Beschreiten der politischen Bühne wird markirt durch seine im März von 1764 erfolgte Wahl zum „Römischen König“, d. h. zum bezeichneten Nachfolger seines Vaters in der deutschen Kaiserwürde, durch das Kurfürstenkollegium des deutschen Reiches. Im April fand seine Krönung zu Frankfurt a. M. statt, welche weitschichtige Haupt- und Staatsaktion, wie jeder weiß, Göthe aus den Erinnerungen seiner Knabenzeit ausführlich und anziehend in „Dichtung und Wahrheit“ beschrieben hat. Der Gekrönte selbst nahm dieselbe, wie sein Briefwechsel darthut, mehr von der heiteren als von der erhabenen Seite. Er muß in dem anachronistischen Krönungsornat mehr lächerlich als feierlich sich ausgenommen haben und fühlte das selber ganz gut[2]. Konnte er doch, so wie die Sachen im deutschen Reiche lagen, das ganze Krönungsspektakel nur für eine Maskerade ansehen. Das deutsche Reich, seit dem westfälischen Frieden ein sterbendes, war seit dem hubertusburger ein todtes. Josef hatte, als er nach dem unerwartet baldigen, im August von 1765 erfolgten Tode seines Vaters aus dem römischen König zum deutschen Kaiser geworden, ganz zweifellos die redliche Absicht, dem Reichscadaver neues Leben einzublasen. Aber da war alle Liebesmühe umsonst. In diesem Moder konnte keine Reformsaat mehr Wurzel schlagen. Josef mußte bald erkennen, daß seine deutsche Kaiserschaft nur eine ceremonielle Bedeutung hätte und höchstens dazu ausreichte, dann und wann einem der kleinsten und wüstesten unter den deutschen Duodez- oder Sedeztyrannen von damals einen heilsamen Schrecken einzujagen, und so wandte er denn Wollen und Thun der Staatsleitung von Oestreich zu.

Maria Theresia, welche die unruhige Neuerungslust ihres Sohnes gar wohl kannte und scheute, hatte denselben von einer thätlichen Betheiligung an den Staatsangelegenheiten bislang möglichst fernzuhalten gesucht und gewußt. Nun aber, durch den Tod ihres Gemahls, über dessen Flattereien sie großmüthig hinweggesehen, so tief gebeugt, daß sie ihren heiteren Sinn als Frau und ihren Muth und ihre Kraft als Herrscherin nie mehr völlig zurückgewann, suchte sie nach einer Stütze, und die nächste und naturgemäßeste war ihr Sohn Josef, welchen sie darum förmlich und feierlich zum Mitregenten annahm.

Das war ein unerquickliches und nicht selten geradezu peinliches Verhältniß von Anfang an, was sich sofort herausstellte, wenn der Mitregent Oestreichs seine Rolle ernsthaft zu nehmen Miene machte. Zugleich mit der Bekanntmachung des Mitregentschaftspatentes begann die heimliche Minirarbeit und das offene Widerstreben, welche mitsammen schließlich das Herz des Kaisers brachen und sein Werk vernichteten. Alles, was bisher von den Mißbräuchen der Staats- und Kirchenverwaltung gelebt und sich gemästet hatte, verschwor sich gegen den Neuerer Josef, welcher es wagte, in das ungeheure östreichische Drohnennest der Faulheit, des Schlendrians und des Wohllebens mit reformatorischer Hand hineinzugreifen. Alle die aufgestörten oder auch nur mit Aufstörung bedrohten bureaukratischen, hierarchischen und aristokratischen Drohnen wurden zu Wespen, zu Hornissen wider den Kaiser, der es versuchte, sie aus dem Halbschlummer träger Genüßlichkeit zum Denken und Schaffen für das allgemeine Beste, zur Arbeit, zum Fleiß, zur Pflichttreue zu rufen. Kanzlei, Sakristei und Kaserne verbündeten sich gegen ihn, und das Hofungeziefer aller Grade und Sorten kam mit den Nadelstichen giftiger Bosheit den Keulenschlägen zu Hilfe, welche Kamaschenhelden, Bonzen und Schreibstubenmatadore zu führen unternahmen. Den vereinigten Gegnern Josefs gelang es sehr bald, seine Mutter auf die doch immerhin sehr bescheiden und rücksichtsvoll gehandhabte Mitregentschaft ihres Sohnes eifersüchtig zu machen, und in Folge [807] dessen stand sie nicht an, Josefs Thätigkeit nach Möglichkeit einzuschränken, ja wohl auf gewissen Gebieten ganz brach zu legen. Mit Recht darüber ungehalten, zog er sich zeitweilig ganz von den Geschäften zurück oder suchte seinen Kummer auf Reisen zu vergessen. Allbekannt ist, welches Erstaunen die Einfachheit, Mäßigung und Lernbegierde des Grafen von Falkenstein – unter diesem Namen pflegte der Kaiser im Auslande zu reisen – im Jahre 1777 am Hofe von Versailles und in der schon dem großen Revolutionskrach sich zuschwindelnden pariser Gesellschaft erregten, sowie, daß er die Unbesonnenheit und Verschwendungssucht seiner Schwester, der Königin Marie Antoinette, ganz offen tadelte. Acht Jahre zuvor, 1769, war er in den Straßen von Rom vom Volke mit dem Rufe: „Evviva il imperatore!“ begrüßt worden und hatte den Kardinal Ganganelli als Papst Klemens den Vierzehnten aus dem Konklave hervorgehen gesehen.

In demselben Jahre 1769 hatte er seine berühmte Zusammenkunft mit Friedrich dem Großen zu Neisse in Schlesien, gegen welche Zusammenkunft der Groll Maria Theresia’s sich lange gesträubt. Hätten glücklichere Sterne über Deutschland gestanden, so würde sich aus dieser Begegnung der beiden Fürsten und aus einer zweiten, welche ein Jahr später zu Mährisch-Neustadt stattfand, wohl ein aufrichtiges Einvernehmen zwischen Oestreich und Preußen entwickelt haben. Es sollte nicht sein und hundert und etliche Jahre mußten noch vergehen, die furchtbarsten Krisen und Katastrophen, Kämpfe und Leiden mußten die beiden Staaten noch durchmachen, bevor ein solches Einvernehmen möglich wurde. Josefs Hast und Vorschnelligkeit wird deutlich aufgezeigt in den vertraulichen Berichten an seine Mutter über das Zusammentreffen mit Friedrich, welchen er zweifelsohne bewunderte und über den er dennoch sehr ungünstig urtheilte. „Der König“ – schrieb er – „hat uns mit Höflichkeit und Freundschaft überhäuft, aber alle seine Vorschläge lassen herausfühlen, daß man es mit einem Schelm zu thun hat. Ich glaube, daß er den Frieden wünscht, aber nicht aus gutem Herzen, sondern weil er sieht, daß er einen Krieg nicht mit Vortheil führen könnte.“

Friedrich seinerseits urtheilte viel besonnener und auch viel wohlwollender. „Ich bin“ – schrieb er im September von 1770 an Voltaire – „in Mähren gewesen und habe da den Kaiser besucht, der sich anschickt, in Europa eine große Rolle zu spielen. Er ist an einem bigoten Hofe aufgewachsen und hat den Aberglauben abgestreift; er ist im Pomp und Prunk auferzogen und hat einfache Sitten angenommen; er wurde mit Weihrauch großgenährt und er ist bescheiden; er glüht von Ruhmbegierde und opfert seinen Ehrgeiz der kindlichen Pflicht; er hat nur Pedanten zu Lehrern gehabt und besitzt doch Geschmack genug, Voltaire’s Werke zu lesen und zu schätzen!“

Von hochpolitischer, aber auch tieftrauriger Natur war die Reise, welche der Kaiser im Juni von 1780 nach Russland unternahm, um in Mohilew mit Katharina der Zweiten zusammenzutreffen, die persönliche Bekanntschaft der „Semiramis des Nordens“ zu machen, und, wenn immer möglich, die Zarin von dem Bündniß mit Preußen abzuwenden und zu einer Allianz mit Oestreich herüberzuziehen. Man muß der greisen Maria Theresia nachrühmen, daß sie ganz entschieden gegen diese Reise und gegen dieses Projekt war. Aber Josef brannte darauf und ließ sich nicht abhalten. „Ich kann nicht leugnen“ – schrieb er an Lascy – „daß ich neugierig bin, diese Bekanntschaft zu machen. Könnte ich dadurch die Galle des geliebten Friedrichs so aufregen, daß er daran umkommen würde.“

Ja, das war’s. Der unselige Dualismus zwischen Oestreich und Preußen, dessen einzelne Phasen und Metamorphosen Deutschland allzeit so schwer zu büßen hatte, regte sich wieder einmal mit seiner ganzen Schärfe. Josefs Reise nach Mohilew bezeichnete den Beginn vom Wettlauf des wiener Hofes mit dem berliner um die Gunst der Zarin, deren skrupellose, geradezu dämonische, infernalische Schlauheit Oestreich geradeso zur Förderung ihres „türkischen Projektes“ zu benützen verstand, wie sie Preußen zur Förderung ihres „polnischen Projektes“ vorzuspannen verstanden hatte. Es ist wahr, zu einer solchen fast kriechenden Unterwürfigkeit, zu einer so widrig-süßlichen Schmeichelei, wie Friedrich sie der Semiramis von der Newa gegenüber verschwenderisch bezeigte, hat Josef sich nicht entwürdigt. Aber doch ließ er sich von der Zarin mittels Vorspiegelung einer Theilung der Türkei zwischen Russland und Oestreich schließlich in einen Krieg mit den Türken hineingaukeln, welcher für ihn und für Oestreich so opfervoll und unglücklich wurde und nur den russischen Interessen diente.

Es ist nur zu gewiß und bildet eins der jammervollsten Kapitel der von solchen Kapiteln strotzenden Geschichte Deutschlands, daß die Wettbuhlerei des berliner und des wiener Hofes um die Freundschaft – gerechter Gott, die „Freundschaft“! – des Zarenthums dieses erst recht groß, mächtig, ländergierig und völkerfresserisch gemacht und jene lange und unselige Abhängigkeit unseres Landes von den Interessen, ja von den Launen dieses Zarenthums verschuldet hat, von welcher man jetzt annehmen darf, daß sie endlich aufgehört habe.

Daß Kaiser Josef in die gewissenlosen Tendenzen der Kabinettspolitik von damals mit leidenschaftlicher Hast eingegangen, das ist die schwärzeste Makel an ihm, eine Makel, welche nur Unwissenheit oder reptilische Geschichtefälschung zu vertuschen oder gar wegzuwischen sich versucht fühlen könnten. Josef war ein geradezu leidenschaftlicher Betreiber der ersten Theilung von Polen, welche mittels des Uebereinkommens zwischen Russland, Preußen und Oestreich vom August 1772 zur diplomatischen und ein Jahr später mittels der schnöden Vergewaltigung des polnischen Reichstages zur vollendeten Thatsache wurde. Die Gerechtigkeit will, daß man sage: Wie der Nutzen, so ist auch die Verschuldung Josefs bei diesem Raubgeschäfte großen Stils größer gewesen als die Friedrichs. Dieser konnte wenigstens zu seiner Entschuldigung Triftiges vorbringen. Durch des großen Königs Walten im Krieg und im Frieden war Preußen eine europäische Macht geworden, aber eine Großmacht, welche bedenklich einer auf ihre Spitze gestellten Pyramide glich. Es galt, der Pyramide eine bessere, eine breitere Basis zu geben. Es mußte – falls Friedrich sein eigenes Werk nicht zerstören wollte, und wie konnte er das wollen? – das schreiende Mißverhältniß zwischen der militärisch-politischen Stellung und Bedeutung Preußens und der materiell-territorialen Unterlage dieser Stellung und Bedeutung wenigstens annähernd ausgeglichen werden. Diese Ausgleichung mittels einer Vergrößerung des preußischen Staates durch Theile des von seinen Junkern und Pfaffen zu Grunde gerichteten, in der Agonie der Anarchie röchelnden Polens zu bewerkstelligen, dazu lag die Versuchung sehr nahe. Josef konnte eine solche Entschuldigung nicht für sich anführen. Das Ländergebiet Oestreichs war wahrlich groß genug, um eine Großmacht zu sein. Der östreichische Staat hätte weit mehr der inneren Festigung, Civilisirung und Entwickelung bedurft als der Vergrößerung nach außen. Maria Theresia’s Rechtsgefühl empörte sich vergeblich gegen das polnische Raubgeschäft, und wenn sie dem stürmischen Drängen ihres Sohnes und dem beharrlichen ihres ersten Ministers Kaunitz schließlich wich, so that sie es doch nicht, ohne in ihrem bezüglichen Handbillet an den letzteren der Welt ein unwidersprechliches Zeugniß zu hinterlassen, daß es sich um ein Verbrechen handelte, welches zugleich ein großer politischer Fehler war. „In dieser Sach, wo nit allein das offenbare Recht himmelschreiet wider uns, sondern auch alle Billigkeit und die gesunde Vernunft wider uns ist, mueß bekhennen, daß zeitlebens nit so beängstiget mich befunden und mich sehen zu lassen schäme.“ Friedrich hat sich freilich über die Bedenken und die Scham der Kaiserin in nicht eben feiner Weise lustig gemacht.[3] Allein heute darf man wohl die Frage aufwerfen, ob Maria Theresia hinsichtlich der Theilung Polens nicht richtig gesehen und gefühlt habe. Höfische Schreibsklaven, welche alles zu rechtfertigen [808] wissen, was man sie rechtfertigen heißt, sagten und sagen freilich: Falls Oestreich und Preußen nicht mitgethan, so hätte Russland den polnischen Raub allein eingesackt. Und wenn? fragen dagegen das „offenbare Recht“ und die „gesunde Vernunft“. Wäre es etwa ein Unglück für Deutschland, für Oestreich, für Europa, wenn Russland den ganzen polnischen Pfahl in seinem Fleische stecken hätte?

[821]
4.

Unerquicklich also, sahen wir, war die Mitregentschaft Josefs, aber unersprießlich war sie trotz allen ihr bereiteten Hindernissen doch nicht. Die Reihe der während ihrer Dauer angehobenen und durchgeführten Reformen beweist das klärlich. Der in dem Sohn arbeitende neuzeitliche Gedanke war kräftig genug, der widerstrebenden, widerwilligen, häufig gegen Josef verhetzten Mutter eine Einräumung nach der andern abzuringen, und so [822] konnte denn die Entmittelalterlichung Oestreichs ernstlich beginnen. Der Staatsrath, die oberste Centralbehörde der Monarchie, erhielt i. J. 1774 eine auf Josefs Vorschlägen beruhende neue Organisation, welche denselben befähigte, die reformatorischen Ideen des Kaisers hinsichtlich der Verwaltung, des Justizwesens und der Staatsfinanzen wenigstens theilweise der Verwirklichung entgegenzuführen. Man begann denn doch den Odem des Jahrhunderts der Aufklärung auch in Oestreich zu spüren. Schon i. J. 1767 war das „Verbrechen der Ketzerei“ aus dem Strafkodex gestrichen worden. Am Schlusse von 1775 wurde die „peinliche Frage“, die „Tortur“, die Folterung abgeschafft und Maria Theresia's Mitregent ließ in seinem hochfliegenden Optimismus sogar schon das Problem einer theilweisen oder ganzen Beseitigung der Todesstrafe in Berathung nehmen. Auch in das tiefe kirchliche Dunkel fielen einige Lichtstrahlen hinein. Im Jahre 1768 wurde die Besteuerung des ungeheuer großen geistlichen Besitzes durchgesetzt; im folgenden Jahre erfuhr das überwuchernde Bruderschaftswesen eine Beschränkung, ebenso die allzu häufige Veranstaltung von Processionen. Wieder ein Jahr später ergingen Verfügungen, welche die Leistung geistlicher Ordensgelübde vor erreichtem 24. Lebensjahre verboten, das Strafrecht der Ordensoberen beschnitten, die scheusäligen Klosterkerker beseitigten, die Erwerbungen der „todten Hand“ einschränkten und die geistliche Erbschleicherei erschwerten. Vom Jahre 1773 an arbeitete Josef an der Durchsetzung des großen Grundsatzes religiöser Duldsamkeit, allein von der Räthlichkeit und Nützlichkeit der Toleranz vermochte er seine Mutter und Mitregentin nicht zu überzeugen. Dagegen gewann er derselben, obzwar nur nach langem und schwerem Ringen, die Einwilligung zur Aufhebung der von ihr so hochverehrten „Gesellschaft Jesu“ ab, also die Zustimmung zu jener großen von den katholischen Höfen getroffenen Maßregel, welche kulturgeschichtlich den Höhepunkt bezeichnet, bis zu welchem innerhalb des Bereiches der katholischen Kirche die Aufklärung und die Thatkraft des „erleuchteten Despotismus“ hinan zu gelangen vermochten. Der Jesuitenorden war seit dem Koncil von Trient der eigentliche Träger der mittelalterlichen Idee gewesen, der Staat müßte der Kirche untergeordnet sein. Die Entwickelung der modernen Kultur hatte aber diese Idee zu einer unerträglichen Ungeheuerlichkeit gemacht. Sie mußte abgeworfen werden, wenn die europäische Gesellschaft nicht stillstehen und versumpfen wollte. Dieser Einsicht verschloß man sich zuletzt selbst im Vatikan nicht mehr und am 11. Juli von 1773 erließ Papst Klemens der Vierzehnte (Ganganelli) die berühmte Bulle „Dominus ac redemptor noster“, kraft welcher die Gesellschaft Jesu im Umfange der ganzen Christenheit aufgehoben wurde. Der Jesuitismus war damit und dadurch freilich nicht beseitigt; aber es kennzeichnet die entsetzliche Erschöpfung, Ermattung und Verdumpfung, in welche die Völker durch die ungeheueren Anstrengungen und Leiden der Revolutions- und Napoleonszeit geworfen wurden, daß einundvierzig Jahre nach jenem Julitag von 1773 ein anderer Papst, Pius der Siebente, kraft seiner am 7. August von 1814 erlassenen Bulle „Sollicitudo omnium“ den Jesuitenorden wieder herstellen, ja sogar diese Herstellung für einen nahezu einstimmigen Wunsch der Christenheit ausgeben konnte und durfte. . . . Weiter sind zwei Reformen zu betonen, welche noch während der Mitregentschaft Josefs angebahnt worden sind: die Verbesserung des gesammten Schul- und Unterrichtswesens auf allen Stufen und die Erleichterung der Bauerschaft von dem qualvollen Druck des Feudalsystems. Von gänzlicher Erlösung von diesem furchtbaren „System wohlerworbener Rechte“ konnte noch keine Rede sein, aber schon die „Erleichterung“ mußte als eine unermessliche Wohlthat angesehen werden zu einer Zeit, wo ein Mitglied des östreichischen Staatsrathes bei Gelegenheit der Robotregelung im östreichischen Schlesien auszurufen sich gedrungen fühlte: „Mit Staunen, ja mit wahrem Grausen und peinlicher Rührung ersieht man das äußerste Elend, in welchem der arme Unterthan durch die Bedrückung vonseiten seiner Grundherren schmachtet.“ Josef, welcher gar wohl wußte, daß eine kräftige Bauersame die einzige zuverlässige Grundlage eines gedeihlichen Staatswesens sei, darf der Bauernfreund genannt werden, und er mühte sich redlich ab, auch der Bauernbefreier zu sein. Daher die Wuth des Hasses, von welcher weltliche und geistliche Feudalherren gegen den Kaiser glühten.

Maria Theresia starb am 29. November 1780. Ihre letzten Lebensjahre waren noch beunruhigt worden durch den freilich nicht sehr ernsthaft geführten sogenannten baierischen Erbfolgekrieg, welchen Josefs ungestümes Verlangen nach dem Besitze von Baiern und Friedrichs argwöhnische Wachsamkeit herbeigeführt hatten. Die Kaiserin ermannte sich noch einmal zur souveränen Handhabung ihrer Macht und Gewalt und schloß über den Kopf ihres grollenden Sohnes hinweg im Mai von 1779 zu Teschen den nach diesem Orte benamseten Frieden mit ihrem alten Feinde, dem Preußenkönig. Diese seltene Frau hat bis zu ihrem Todestag alle ihre Pflichten nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt und ist mit heldischer Fassung gestorben. Als sie die letzte Einschlummerung herannahen fühlte, sagte sie zu ihren Frauen: „Laßt mich nicht schlafen; denn ich will den Tod kommen sehen und ihm so fest, als ich vermag, in die Augen blicken.“ Als die Botschaft von ihrem Hinscheiden nach Potsdam gelangte, sagte Friedrich: „Die Kaiserin ist nicht mehr, eine neue Ordnung der Dinge beginnt.“ Dann ließ der König in seinem Kabinett eine Büste Josefs aufstellen und bemerkte: „Das ist ein junger Mann[4]), auf welchen man ein Augenmerk haben muß. Hat Kopf, könnte viel ausrichten. Schade nur, daß er immer den zweiten Schritt thut, bevor er den ersten gethan hat.“ Ein meisterliches Urtheil und, leider, auch ein prophetisches Wort!

Josef war jetzt Selbstherrscher und eilte, der Welt zu zeigen, daß und wie er es wäre. Von der wiener Hofburg ging alsbald ein Reformsturm aus, welcher vieles, geradezu vieles Beste von dem, was die Franzosen etliche Jahre später mittels einer blutigen Revolution erringen mußten, den Völkerschaften Oestreichs als kaiserliches Geschenk darbot. Warum wurde dieses herrliche Geschenk nur mit Mißmuth hingenommen, nur mit Undank erwidert? Weil man die Völker zur Vernunft und Freiheit gerade so wenig zwingen kann, wie die Menschen zur Liebe. Sodann, weil doch eigentlich niemand in Oestreich auf ein solches Reformwerk recht vorbereitet war und demnach dem kaiserlichen Reformer, der im Grunde mehr ein Revolutionär zu nennen war, ein Mittel und Werkzeug nach dem andern versagte und ihm schließlich auch die eigene Kraft viel zu vorzeitig ausging. Endlich, weil er in Tagen schaffen wollte, wozu es Jahre, in Jahren, wozu es Jahrzehnte gebraucht hätte, in einem Jahrzehnt, wozu ein Jahrhundert erforderlich gewesen wäre.

Das Programm, womit der Kaiser seine Allein- und Selbstregierung eröffnete: „Ein Reich, das ich regiere, muß nach meinen Grundsätzen beherrscht, Vorurtheil, Fanatismus, Parteilichkeit, Sklaverei des Geistes unterdrückt und jeder meiner Unterthanen in den Genuß seiner angeborenen Freiheit gesetzt werden“ – dieses Programm hat er treulich eingehalten und an die Verwirklichung desselben hat er ruhelos mit Herz und Hirn und Hand gearbeitet, ja dafür nicht nur sein persönliches Glück und Behagen, sondern auch sein Leben selbst hinzugeben kein Bedenken getragen. Aber den Despoten, und wenn auch den „erleuchteten“ Despoten konnte weder Josefs Programm – „mein Reich muß nach meinen Grundsätzen beherrscht werden“ – noch dessen Ausführung verleugnen. Einer der edelsten Dichter unseres Jahrhunderts, Anastasius Grün, hat am Fuße von des Kaisers Erzbild gesungen:

„Ein Despot bist du gewesen! Doch ein solcher wie der Tag,
Dessen Sonne Nacht und Nebel neben sich nicht dulden mag.
Ein Despot bist du gewesen! Doch fürwahr ein solcher bloß
Wie der Lenz, der Schnee und Kälte treibt zur Flucht
          erbarmungslos –“

und gewiß ist das ebenso wahr als schon gesagt. Allein mit schönklingenden Versen treibt man nicht die weltgeschichtliche Thatsache zur Flucht, daß der dem erleuchteten Despotismus anhaftende, sogar in seinem besten Wollen und Vollbringen anhaftende Fluch auch an Josef sich erfülle. Dieser Fluch aber war das Allesbesserwissenwollen, die dünkelhafte Mißachtung des historisch Gewordenen und Gegebenen, das zudringliche Hineinregieren in alles und jedes, das abstrakte Generalisieren und Schablonisiren, die gewaltsame Gleichmacherei. Gewiß, es bedurfte, um Oestreich aus seiner so langen geistigen, materiellen und socialen Versumpfung herauszureißen und auf die Vorschrittsbahn zu stellen, einer eisernen Hand, ja, sagen wir es nur geradeheraus, einer eisernen Despotenhand. Aber diese Eisenhand hätte mit einem Sammethandschuh bekleidet sein sollen. Das war Josefs Hand nicht. Es hieße überhaupt Schönfärberei treiben, so man

[823] verschweigen wollte, daß Josef zur Zeit, wo er zur Alleinregierung kam, keineswegs mehr der naivjugendliche Schwärmer von früher mit ungetrübtem Seelenspiegel war. Was er als Mitregent seiner Mutter hatte durchmachen, verbergen, verbeißen müssen, war ihm zu einer Schule der Verbitterung geworden. Mißtrauen und Argwohn hatten sich in ihm festgesetzt und verleiteten ihn häufig, das einzelnen Personen oder den Menschen im allgemeinen schuldzugeben, was nur die Schuld der Verhältnisse war. Daher seine oft so verletzend schneidende Sprache und sein maßloses Draus- und Dreinfahren. Er wußte wohl zu handeln, aber er verstand nicht, zu motiviren, vorzubereiten und annehmlich zu machen. Weil er selbst zielbewußt war, wähnte er, alle Leute müßten die guten Ziele, denen er sie entgegentreiben wollte, ebenso deutlich erkennen.

Und doch, trotz alledem und allediesem, war Josef für Oestreich der große Lichtbringer und Luftschaffer. Mochten selbst die besten seiner Entwürfe an der Ueberstürzung in der Aus- und Durchführung von vornherein teilweise scheitern, büßten auch die größten seiner Maßnahmen durch die Mangelhaftigkeit der Inscenesetzung, sowie durch die Beschränktheit und das Uebelwollen der damit beauftragten Beamtenschaft nicht selten gerade die wohlthätigste Seite ihrer Wirksamkeit ein, so bleibt doch ganz unbestreitbar wahr, daß, wie ich anderwärts gesagt und nachgewiesen[5]), des Kaisers reformatorische Unternehmungen und Veranstaltungen: – die Brechung des Geisteszwanges mittels des „Censuredikts“ von 1781, die bürgerliche Gleichstellung der Protestanten mit den Katholiken mittels des preiswürdigen „Toleranzedikts“ von 1781, die Aufhebung der bäuerlichen Leibeigenschaft, die Ablösbarkeit der Robot, die Herbeiziehung aller Staatsangehörigen zur Mitträgerschaft der Staatslasten („Steueredikt“ von 1789), die Reform der Civilgesetzgebung und der Strafrechtspflege („Civilgesetzbuch“ von 1786 und „Kriminalgesetzbuch“ von 1787), die Aufhebung von mehr als 700 Klöstern, die Förderung der Volksbildung durch Schuleinrichtungen, die Gründung und Ausstattung höherer Lehranstalten und humaner Heilstätten aller Art – zu den edelsten Kulturthaten nicht nur des 18. Jahrhunderts, sondern aller Jahrhunderte gezählt werden dürfen und müssen. Es ist durch diese Josefsthaten in den klafterdicken altöstreichischen Zwinger, aufgemauert aus Volksdummheit, Junkerselbstsucht und Pfaffenhochmuth, denn doch eine Bresche gelegt worden, so klaffend, daß sie nie wieder ganz vermauert werden konnte, wie sehr man sich auch nach Josefs Hingang die Wiedervermauerung angelegen sein ließ.

Man muß den vorjosefinischen Geisterzwang in Oestreich kennen, man muß wissen, daß ein Zeitgenoß des Kaisers, Sonnenfels, zu der Frage und Anklage sich berechtigt fühlte: „War es ein Wunder, wenn es da so lange Nacht blieb, wo man aus Plan und Absicht den Tag ausschloß?“ um zu verstehen, daß und inwieweit Josefs Censuredikt von 1781 ein wahrhaft hochsinniger Akt der Befreiung gewesen ist. Es war für dazumal ein im besten Sinne freisinniges Gesetz, wie schon der Paragraph 3 desselben darthun kann[6]). Die schöpferische Wirkung zeigte sich alsbald. In Wissenschaft, Kunst und Literatur regte es sich denkend und schaffend. Ein Geisterfrühling brach an, wie solchen Oestreich zuvor noch nie gesehen, und es war nicht die Schuld des hochherzigen Befreiers, daß nach seinem Verschwinden die Blüthen dieses Frühlings, bevor sie zu Früchten reifen konnten, durch den eisigen Wirbelwind einer brutalen Rückwärtserei von den Zweigen gerissen wurden. Josefs Duldsamkeit erstreckte sich bekanntlich, wie auf die nichtkatholischen Christen, so auch auf die Juden und die Freimaurer. Sein Judenpatent von 1782 markirt eine sehr wichtige Station auf dem Wege zur Judenemancipation. Die Freimaurerei sah Josef nur für eine gesellig gestaltete Auszweigung der aufklärerischen und humanitären Tendenzen des Jahrhunderts an, wobei er nicht anstand, das Ceremoniell der Brüderschaft als „Gaukelei“ zu bezeichnen. Mittels Kabinettsschreibens vom December 1785 stellte er die Freimaurer unter den Schutz des Staates.

Die Klösteraufhebungen haben das wildeste Bonzengegrunze gegen den Kaiser hervorgerufen, obzwar die aktenmäßig festgestellte Verrottung dieser Faulstätten die kaiserliche Maßregel vollständig rechtfertigte, ja nothwendig machte. Denn, wohlverstanden, Josef, welcher ja bis an sein Lebensende in allem Wesentlichen ein gläubiger Katholik war und blieb, unterschied scharf zwischen Klöstern und Klöstern. Kraft seiner Resolution vom 29. November 1781 verwarf er nur „diejenigen Orden, welche dem Nächsten ganz und gar unnütz sind und darum auch nicht gottgefällig sein können, also diejenigen Orden, welche keine Jugend erziehen, keine Schule halten, keine Kranken pflegen, sondern, sowohl männliche als weibliche, bloß vitam contemplativam führen“, d. h. kurzweg deutsch gesagt, faulenzen, wobei noch zu bemerken, daß diese Faulenzerei natürlich nur auf Kosten der gläubigen Dummheit des Volkes vegetiren konnte. Selbstverständlich hat das 19. Jahrhundert Kaiser Josefs „Sacrilegium“ wieder vollauf „gutgemacht“. Oestreich ist ja heutzutage wieder so glücklich, sich ein Klösterreich nennen zu dürfen.

Der Grundgedanke von Josefs Reichsregiment war die Staatseinheit. Wollte er diese – und warum sollte er sie denn nicht wollen? – so konnte er sie nur auf der Basis deutscher Bildung und Sprache planen und anstreben. Allerdings war der Kulturgrad der Deutsch-Oestreicher von dazumal nur ein sehr mäßiger; aber wo war denn – so wir von den östreichischen Niederlanden und der Lombardei absehen – in den östreichischen Ländern zu jener Zeit, wo war in diesem Gemengsel von Bevölkerungen, welche man damals noch nicht „interessante“ nannte, sondern als halb oder auch ganz barbarische kannte, überhaupt eine andere Kultur zu finden als die deutsche? Man hat nachmals den josefinischen Staatseinheitsgedanken aufgegeben und hat an die Stelle einer folgerichtigen Weiterverwirklichung desselben „autonomistische“ Experimente gesetzt. Es dürfte jedoch fragwürdig sein, ob es dann, wann diese Experimente zu ihren Zielen gelangt sind, noch ein Oestreich geben werde.

Die größte Verfehlung des Kaisers in Führung der auswärtigen Politik ist bereits berührt worden. Bei der ungeheuren Schwierigkeit des von ihm kühn unternommenen inneren Reformwerkes, welches ein viel längeres Leben als das seinige vollauf ausgefüllt haben würde, hätte er sich doppelt hüten sollen, in die Rolle eines Eroberers und Ländererwerbers sich hineinzuträumen. Er war kein Feldherr und er war kein Diplomat, was er doch beides im hohen, im höchsten Maße hätte sein müssen, um es mit denen aufnehmen zu können, mit welchen er es bei den Versuchen, seine Träume zu verwirklichen, zu thun hatte, mit Friedrich von Preußen und Katharina von Russland. Vielleicht darf man, die Sachen nicht politisch, sondern menschlich angesehen, auch sagen, daß Josef zu gut gewesen sei, um mit jenem gekrönten Aufklärer höchster Potenz und mit dieser gekrönten Aufklärungsheuchlerin tiefster Abgefeimtheit wettlaufen zu können. Friedrich und Katharina behandelten die Menschen, wie diese es verdienten und behandelt sein wollten, d. h. sie verblendeten, verbrauchten und verachteten dieselben, und hatten darum Glück und Erfolg, wurden bestaunt und bewundert. Josef glaubte an die Menschen, liebte und behandelte sie so, als wären sie sammt und sonders so idealistisch gestimmt, so wohlmeinend, redlich und pflichttreu und aufopfernd wie er selber, und darum mißlang ihm schließlich alles und wurde er verkannt, verketzert und gehaßt. Eine Politik, die etwas ausrichten, etwas Dauerndes schaffen will, darf sich niemals die Denkfaulheit des unteren und die Selbstsucht des oberen Pöbels zugleich zu Feindinnen machen.

Josef hielt die Menschen und die Völker für viel besser, als sie waren, sind und sein können. Sie gaben ihm schmerzlich zu fühlen, daß und wie sehr er sich getäuscht. Der Abend seines Daseins war voll von Bitternissen. Er mußte Abfall und Empörung ernten, wo er Völkerglück gesäet zu haben glauben durfte. Er sah sich von Feindseligkeit, Drohung und Aufruhr überall umdräut, sah sich gezwungen, die eigene Hand zerstörerisch an den von ihm unternommenen Reichsbau zu legen. Eine seiner Lieblingsschöpfungen nach der andern mußte er stocken, zerbröckeln, zusammenstürzen sehen. Sein Sterbebett stand inmitten der Trümmer seines Werkes. Aber bis zur letzten Stunde hat der gewissenhafte „Staatsverwalter“, wie er sich selber zu nennen liebte, seine Schuldigkeit gethan: noch in der letzten Nacht seines Lebens hat er bis um 10 Uhr mit seinen Sekretären Regierungsgeschäfte erledigt. Sieben Stunden später, im Frühmorgen des 20. Februars von 1790, ist der schwergeprüfte Mann gestorben. Unverstand, Niedertracht und Bosheit hatten die Nachricht von seiner tödtlichen [824] Erkrankung mit unverhohlener Freude aufgenommen. Die ganze Rotte der Dunkelmänner jubelte auf, als es bekannt geworden, daß der Zustand des Kaisers hoffnungslos, und setzte die Spottverse in Umlauf: „Der Bauern Gott – Der Bürger Noth – Des Adels Spott – Liegt auf den Tod.“ Unverstand, Bosheit und Niedertracht verfolgten mit ihren Schmähungen und Verwünschungen den Kaiser-Befreier noch bis in seine Gruft bei den Kapuzinern hinein. Der bekannte Volksdank hat sich also auch bei dieser Gelegenheit in gewohnter Weise sehen und vernehmen lassen. Gerecht ist man dem unglücklichen Kaiser erst geworden, als er nichts mehr davon hatte, was ganz in der Ordnung, d. h. unserer bekannten „sittlichen Weltordnung“ gemäß war.

Eine der letzten Aeußerungen Josefs ist gewesen: „Ich glaube meine Pflicht als Mensch und Regent erfüllt zu haben.“ Durfte er so sprechen? Weltrichterin Geschichte, welche nicht Erfolg und Nichterfolg, sondern Verdienst und Verschuldung in gerechter Wage wägt, hat längst diese Frage bejaht, von ganzer Seele bejaht.

Noch mehr. Es war nicht nur eine pietätvolle Handlung später Reue und Sühne, als die Wiener am 15. März von 1848 dem Kaiser Josef die deutsche Fahne in den Erzarm seines Standbildes legten, sondern es war das auch eine Offenbarung von Zukunftsinstinkt. Früher oder später wird man auf die josefinische Tradition zurückkommen und den josefinischen Gedanken der Reichseinheit wieder aufnehmen müssen, wenn es noch ein Oestreich geben soll.

Welche Wege aber immer die Geschicke suchen, finden und wandeln werden, dies ist gewiß und bleibt bestehen: Niemals wird Kaiser Josef vergessen sein –

„So lange schlägt ein deutsches Herz.“

  1. Indessen ging die unselige Verirrung doch schon zu Josefs Zeit so weit, daß „wissenschaftliche“ oder, wie man dazumal sagte, „philosophische“ Versuche auftauchten, das allen Phantasten und Sentimentalitätskrämern verhaßte Princip der Verantwortlichkeit zu verneinen, d. h. an der Grundsäule aller socialen Ordnung zu rütteln. Als der Raubmörder Zahlheim, welcher mit kaltblütigem Vorbedacht seine alte Base ermordet hatte, im Jahre 1786 in Wien gerädert wurde – die letzte Räderung in Oesterreich – erschien eine Brandschrift, welche den Kaiser auf’s heftigste angriff, weil er das Todesurtheil bestätigt hätte, und welche den „Beweis erbrachte“, daß Zahlheim das Opfer der Unwissenheit seiner Richter gewesen, maßen er „nur in Folge der Umstände Räuber und Mörder geworden sei“, weil er „nicht die moralische Freiheit besessen, es nicht zu werden“. In unsern Tagen ist in demselben Wien die herrliche „wissenschaftliche“ Entdeckung gemacht worden, Verbrecher müßten Verbrecher sein, sie könnten gar nicht anders, weil ihnen die allgütige Mutter Natur den hinteren Gehirnlappen zu kurz gerathen ließe. Man sieht auch in diesem Falle, wie in gar vielen anderen, daß das 18. Jahrhundert nur irgendeinen Thorenwahn aufzuschwindeln brauchte, um sicher sein zu können, derselbe würde im 19. seine „wissenschaftliche“ Anerkennung und „Begründung“ finden.
  2. „Der junge König schleppte sich in den ungeheuren Gewandstücken mit den Kleinodien Karls des Großen wie in einer Verkleidung einher, sodaß er selbst, von Zeit zu Zeit seinen Vater ansehend, sich des Lächelns nicht enthalten konnte. Die Krone, welche man sehr hatte füttern müssen, stand wie ein übergreifendes Dach vom Kopfe ab. Die Dalmatika, die Stola, so gut sie auch angepaßt und eingenäht worden, gewährte doch keineswegs ein vortheilhaftes Aussehen. Skepter und Reichsapfel setzten in Verwunderung; aber man konnte sich nicht leugnen, daß man lieber eine mächtige, dem Anzuge gewachsene Gestalt, um der günstigen Wirkung willen, damit bekleidet und ausgeschmückt gesehen hätte.“
    Göthe.
  3. Dem Zeugnisse des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel zufolge, welcher während des bairischen Erbfolgekrieges viel um den alten Fritz war und welchem der König eines Tages in Jägerndorf bei Tische inbetreff der Theilung Polens diese Mittheilung machte: – „Benoit (preußischer Gesandter in Warschau) hatte in Polen alte Ansprüche entdeckt, von welchen er wollte, daß ich sie zur Geltung bringen möchte. Ich ließ sie untersuchen, und da ich sie nicht unbegründet fand, baute ich meinen Plan darauf. Die Kaiserin von Russland nahm ihn alsbald an, aber Maria Theresia war viel zu gewissenhaft, darauf einzugehen. Ich schickte darauf Edelheim nach Wien, um den Beichtvater zu gewinnen, welcher dann Maria Theresia überzeugte, daß sie wegen ihres Seelenheils genöthigt sei, den Theil (von Polen), der ihr bestimmt war, anzunehmen. Darauf fing sie an schrecklich zu weinen. Unterdessen drangen die Truppen der drei Theilhaber in Polen ein und bemächtigten sich ihrer Antheile; Maria Theresia unter beständigem Weinen. Aber plötzlich hörten wir zu unserer großen Ueberraschung, daß sie viel mehr genommen hätte als den ihr bestimmten Theil; denn sie weinte und nahm ohne Aufhören, und wir hatten viele Mühe, daß sie sich mit ihrem Antheil am Kuchen zufrieden gab.“ Denkwürdigkeiten des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel. Von ihm selbst diktirt.
    Herausgegeben von K. Bernhardi (1866), S. 125.
  4. Der „junge Mann“ war übrigens 39 Jahre alt. Der alte Fritz bemaß eben Josefs Alter nach seinem eigenen.
  5. Blücher; seine Zeit und sein Leben, 2. Aufl. I, 57.
  6. „Kritiken, wenn es nur keine Schmähschriften sind, sie mögen nun treffen, wen sie wollen, vom Landesfürsten bis zum untersten, sollen, besonders wenn der Verfasser seinen Namen dazu drucken läßt und sich also für die Wahrheit der Sache dadurch als Bürgen darstellt, nicht verboten werden, da es jedem Wahrheitsliebenden eine Freude sein muß, wenn ihm solche auf diesem Wege zukommt.“