König Blaubart

Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: König Blaubart
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 134–137
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[134]
38. König Blaubart.

Dicht an einem großen Walde lebte ein alter Mann, der hatte drei Söhne und zwei Töchter; die saßen einstmals beisammen und dachten eben an nichts, als plötzlich ein prächtiger Wagen angefahren kam und vor ihrem Hause still hielt. Dann stieg ein vornehmer Herr aus dem Wagen, trat in das Haus und unterhielt sich mit dem Vater und seinen Töchtern, und weil ihm die eine, welche die jüngste war, überaus wohl gefiel, so bat er den Vater, daß er sie ihm zur Gemahlin geben möchte. – Dem Vater schien das eine sehr gute Heirath, und er hatte schon lange gewünscht, daß seine Töchter noch bei seinen Lebzeiten versorgt sein möchten. Allein die Tochter konnte sich nicht entschließen, ja zu sagen. Der fremde Ritter nämlich hatte einen ganz blauen Bart, und vor dem hatte sie ein Grauen und es ward ihr unheimlich zu Muth, so oft sie ihn ansah. – Sie gieng zu ihren Brüdern, die tapfere Ritter waren, und fragte diese um Rath. Die Brüder aber meinten, sie solle den Blaubart nur nehmen, und schenkten ihr ein Pfeiflein und sagten: „wenn Dir irgend ein Leid zugefügt werden sollte, [135] so blas nur in diese Pfeife hinein! dann wollen wir Dir schon zu Hülfe kommen.“ So ließ sie sich denn bereden und ward die Frau des fremden Mannes, bewirkte es aber, daß ihre Schwester sie begleiten durfte, als der König Blaubart sie zu seinem Schloße führte.

Als die junge Gemahlin dort ankam, herrschte großer Jubel im ganzen Schloße und auch der König Blaubart war ganz vergnügt. Das gieng etwa vier Wochen lang so fort; da wollte er verreisen und übergab seiner Gemahlin alle Schlüßel des Schloßes und sagte: „Du darfst überall im ganzen Schloße umher gehen und aufschließen und besehen, was Du willst; nur die eine Thür, zu welcher dieser kleine goldene Schlüßel gehört, die darfst Du, so dein Leben Dir lieb ist, nicht aufschließen!“ O nein, sie wollte diese Thür auch gewiß nicht öffnen, sagte sie. – Als aber der König eine Weile fort war, hatte sie keine Ruhe mehr und dachte beständig daran, was wohl in der Kammer sein möchte, die er ihr verboten hatte, und war schon im Begriff, sie aufzuschließen; da kam aber ihre Schwester dazu und hielt sie noch davon zurück. Allein am Morgen des vierten Tags konnte sie es nicht mehr über’s Herz bringen und schlich sich heimlich mit dem Schlüßel hin und steckte ihn in das Schloß und öffnete die Thüre. Aber wie entsetzte sie sich da, als das ganze Zimmer voller Leichen lag, und das waren lauter Weiber. Sie wollte zwar die Thür sogleich wieder zuschlagen; allein der Schlüßel fiel heraus und in’s Blut. Nun hob sie ihn schnell auf, aber er hatte Blutflecken, und wie viel sie ihn auch reiben und putzen mochte, die Flecken waren nicht [136] mehr wegzubringen. Da gieng sie zu ihrer Schwester und klagte und jammerte.

Als endlich König Blaubart von der Reise zurückkehrte, erkundigte er sich sogleich nach dem goldenen Schlüßel; wie er aber die Blutflecken daran sah, sagte er: „Weib, warum hast Du auf meine Warnung nicht gehört? deine Stunde hat jetzt geschlagen; bereite Dich vor zum Sterben! denn Du bist in dem verbotenen Zimmer gewesen.“

Da gieng sie weinend zu ihrer Schwester, die oben im Schloß wohnte, und während sie derselben ihr Unglück klagte, gedachte die Schwester der Pfeife, die sie von den Brüdern bekommen hatte und sprach: „gib mir doch die Pfeife! ich will unsern Brüdern ein Zeichen geben; vielleicht, daß sie Dir noch helfen können.“ Und sie blies dreimal in die Pfeife hinein, daß es einen hellen Klang gab, davon die Wälder sich regten und bewegten.

Nach einer Stunde aber hörten sie den Blaubart, wie er rasselnd die Stiege herauf kam, um seine Gemahlin zu holen und zu schlachten. „Ach Gott, ach Gott! rief sie aus, kommen denn meine Brüder nicht?“ und eilte zur Thür und verschloß sie und hielt sie aus Angst selbst noch zu. Da pochte der Blaubart und schrie, sie sollten ihm aufmachen, und als sie das nicht thaten, versuchte er’s, die Thür zu erbrechen. „Ach Schwester, Schwester, kommen denn meine Brüder nicht?“ sprach sie zur Schwester; die stand am Fenster und guckte in die Weite hinaus und sagte: „ich sehe noch Niemand!“ Unterdessen zertrümmerte Blaubart die Thüre immer weiter und wie er beinah so weit war, daß [137] er durch die Oeffnung hätte eindringen können, da sprengten plötzlich drei Ritter vor das Schloß und die Schwester rief aus dem Fenster, was sie nur konnte: „Hülfe! Hülfe!“ und winkte ihren Brüdern zu. Die stürmten auch alsbald die Treppe hinauf, wo sie den Hülferuf der Schwester gehört hatten, und als sie hier den König Blaubart mit dem Schwerte in der Hand vor der erbrochenen Thüre antrafen und drinnen das Geschrei der Schwester vernahmen, da merkten sie sogleich, was er im Sinn führte, und stießen ihm schnell den Degen durch die Brust, daß er todt war.

Als die Brüder darauf erfuhren, was der gottlose König ihrer Schwester hatte anthun wollen und daß er schon so viele Frauen umgebracht, da zerstörten sie sein Schloß, so daß kein Stein auf dem andern blieb, und nahmen alle Schätze mit fort und führten vergnügt ihre Schwestern wieder in das Haus ihres Vaters.

Anmerkung des Herausgebers

[309] 38. König Blaubart. Mündlich aus dem würtembergischen Oberlande. Verwandt ist der Räuberhauptmann und die drei Müllerstöchter, Nr. 63. Dasselbe Märchen im Französischen bei Perrault, le barbe bleue. – Das Verbot eines Zimmers oder auch mehrer, kommt öfters vor, z. B. bei Grimm im Marienkind, wo die 13te Himmelsthür verboten wird; ferner im treuen Johannes. Ebenso in 1001 Nacht, in der Erzählung des dritten Kalenders von dem Magnetberge, Nacht 57-66 bei Habicht und v. d. Hagen. Zuweilen sollte durch diese Enthaltsamkeit wohl wie in Nr. 36 eine Erlösung bewirkt werden. Ursprünglich aber läßt sich in der verbotenen Zimmerthür Odhin’s Hochsitz nicht verkennen. Das „rothe“ Gold der Märchen, das hier in einem Keßel kocht und von dem Finger, der es berührt hat, nicht wegzubringen ist, [310] entspricht ganz dem rothen, unvertilgbaren Blut der Räubergeschichten. – Die Pfeife, deren Schall die Wälder bewegt und die entfernten Brüder zum Beistande aufruft, mahnt an Heimdalls Giallarhorn, dessen Klang in allen Welten gehört wird und die Götter zum letzten Kampfe zusammenbläst.