Jakob Moleschott †

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Titel: Jakob Moleschott †
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 388
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[388] Jakob Moleschott †. In den Pfingsttagen ging durch Deutschland die Kunde, daß Jakob Moleschott am 20. Mai in Rom seinen Geist ausgehaucht habe. Ein Holländer von Geburt, starb er als Italiens Senator, und wie nahe stand dieser Weltweise dem deutschen Geistesleben! War erdoch um die Mitte des Jahrhnnderts einer der Fahnenträger der kleinen Forscherschar, welche das „Volk der Denker“ alls dem Banne einer phantastischen Philosophie zu besreien und in neue Bahnen des geistigen Lebens zu drängen trachtete. Es waren Gelehrte, welche die Wissellschaft durch eigene Forschllugen bereichertell und die Gabe einer gewandten popn- lären Darstellung besaßen. Kein Wllnder, daß sie die Massen ihrer Leser und Zuhörer mit sich fortrissen, daß man lluumehr den Sätzen „Kein Gedanke ohne Phosphor!“ oder „Der Mensch ist, was er ißt“ mit der- seihen Begeisterung entgegenjubelte, mit der einst die Schüler Hegels Bei- fall klatschten, als ihr Meister bewies, daß Sein und Nichtsein identisch, ein und dasselbe seien. Vierzig Jahre silld feit dem Allstreten Moleschotts verstosten; die Stnrm- und Drangperiode hat ihr Ende erreicht; die Geister sind nüchterner geworden, und da mall sich überzeugt hat, daß auch die llenesten „Schöpfungsgeschichten“ trotz aller Beweise, die für sie alls denl Arsenal der Natnrwissenschaftell herbeigeholt wnrden, die volle Wahrheit nicht. enthüllen , hegnügt mall sich mit dem Stndillln der einzelnen Ab- schnitte der Elltwicklmlgsgeschichte des Weltalls, sucht einzelne Seiten im Bllche der Natllr zu enträthselll. Die Spezialsorschung und ihre Anloendung aus das praktische Leben beherrschen die Nenzeit, und auch Moleschott hat dieser Spezialsorschung die letzten Jahrzehllte seines Lebens gewidmet.

Iakob Moleschott wurde am 0. Angnst 1822 zu Herzogenbusch in Holland geboren. Unter der Leitung seines Vaters, der ein Arzt war, genoß er eine allsgezeichnete Erzieh llng und kam in seinenl I0, Lebens- iahr nach Heidelberg, wo er Plmstst Chemie und Physiologie studierte. In Heidelberg lernte er auch die Hegelsche Philosophie kennen. Schon als Studeut verfaßte er im Jahre I845 seine .„Kritische Betrachmng pon Liebigs Theorie der Pstauzeneruährmlg“, die allgemeines Allssehen erregte. Nachdem er tu Heidelberg promoviert hatte, ging er nach Holland, wo er sich als praktischer Arzt niederließ, kehrte aber bald in die ihm liebge- wordene Neckarstadt znrück, nln daselbst als Privatdocent zu wirkell. Hier schrieb er auch seine „Physiologie der Nahrungsmittel“, welche den ml- getheilten Beifall der Fachmänner sand, und sein .erstes populäres Werk „Die Lehre der Nahrungsmittel für das. Voll“, das in die meisten lebenden Sprachen übersetzt wurde und seinen Namen weltbekannt machte, In den späteren. -Werken sührte er die Weltanschanling, die in diesem Bnche be- reits niedergelegt war, nur ausführlicher aus, und diese Anschaltung ift wohl bekannt; es dürfte genügen, darall zu erinnern, daß Moleschott das Zurückgehen der Thatkraft des holländischen Volles, das einst in der Weltgeschichte von sich reden gemacht hatte, alls die üherlviegende mangel- haste Kartoffelnahrllng zurückführte und dagegen. die politische Regsamkeit der Engländeruns denl Sast der Beesfteaks herleitete. Alll deutlichste sind festne Geballten in dem Werke „Der Kreislauf des Lebens“ ausgedrückt.

Der Senat der Heidelberger Hochschule hielt diese Lehreu für gesähr- lich und .ertheilte I854 dem Doeenten eine „sokraklsche“ Verwarnnllg, worans dieser sofort seiner Lehrthätigkeit entsagte. Er lebte als Privat- gelehrter in Heidelberg, bis er im Jahre I85ö an das Polytechnikllm in Zürich als Professor der Physiologie bernsen wurde. Im Jahre 18t.. I erhielt er dann den Rllf an die Univerfität in Tnrin, und Italien wurde nunmehr seine nelle Heimath, in welcher er I870 zum Senator erhoben wurde. Seit 18'c0 wirkte er als Profeffor an der Univerfität in Rom, Das anfblühende italienische Voll war für seine Lehren änßerft empfäng- lich; Moleschott blldete eine befondere Schnle. von Phyfiologen heran, als seine vornehmsten Schüler seien .nur Mantegazza, Lombroso und Mosso genannt, die gleich ihrem Meister nicht nur forschen, sondern auch durch genleinvecktändliche Schriften auf das Volk einznwirken snchen, Moleschott hatte darnm Dentschland nicht vergessen , er arbeitete für dentsche Zeit- schriften, und inl Jahre 188^, als sein Heidelberger Frennd Hermann Hettner gestorben war, schrieb er das anziehende Werk „Hermann Hettners Morgenroth“. In denl Revollitionsjahr I848 war der junge Moleschott mit Fellereifer für ein einiges großes Dentschland eingetretell ; ja er ging so lveit, daß er Holland mit ihm vereint sehell wollte. „Von dem Wnnsche beseelt,“ schrieb er, „kll Dentschland mit der Freiheit auch die Macht er blühen zu fehen, wünschte ich ihm vor allem eine Seemacht .und für Holtand, ohne daß es die Freiheit verlöre, die Verschlnelzung mit einer großen Macht, mit der. es stammverwandt die Bildungswege und viele ideale und praktische Lebens- und Weltb.edürfniffe theilt..

Nlln ist der Mellsch Moleschott nicht mehr. Nach feiner eigenen Lehre war er lveiter nichts als „die Summe von Eltern und Alnllle, von Ort und Zeit, von Lnft und Wetter, von .Schalt und Licht, von Kost und Kleidung“, aber wir möchten noch hinzlistigen, daß nach einenl Ausspruch Moleschotts „in jeder Menschenbrnst ein Etwas lebt, das ihm heilig ist, das ihm die. höchste Pflicht, .die seligste Neigung, die wärmste Ueber. zellgung, das reinste Gnt bedenket, für das der Edle lebt und stirbt, deni der Zaghaste bebend entsagt, das der Gemeine rllchlos zu verrathen im. stunde ift“. Und dieses Etwas, was die Brust Molesch olts dnrchg.tchte, war, wie wir mit Bestimmtheit sagen können, das hehre Hllmanität^ideal, dessen Emporringen in der Kulturgeschichte Hermann Hettner in seinell Werken so trestlich geschildert hat.