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Textdaten
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Autor: G. St.
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Titel: Italienische Lichtfeste
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 824–826
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[824]
Italienische Lichtfeste.
Von G. St.

In keinem Lande der Erde, von China allein abgesehen, hegt das Volk eine so außerordentliche Vorliebe und enthusiastische Freude an der Verherrlichung der verschiedensten Feste durch künstliche Lichtmassen, wie in Italien. Nirgends anderwärts die gleiche Erfindungsgabe und der feine, künstlerisch gebildete Geschmack, um in das rasch vorübereilende, Auge und Ohr zugleich in Anspruch nehmende und oft sehr kostspielige Schauspiel einer mit Feuerwerk verbundenen Illumination Abwechselung und Harmonie zu bringen. In solcher Verbindung ist derlei Fest kein bloßes Darstellen großer und imposanter buntfarbiger Lichtgestalten, sondern es verläuft in bedachter und wohlgeordneter Folge, in Acte getheilt, als ein Drama, das von Scene zu Scene eine Ueberraschung durch eine noch unerwartetere, noch aufregendere und noch gewaltigere bis zum Ende zu steigern vermag.

Wir lassen dahin gestellt, woher diese Neigung gekommen; ob sie von den mit Hunderten von brennenden Kerzen umstrahlten Altären des katholischen Cultus in das bürgerliche Leben übertragen, oder ob umgekehrt dergleichen Darstellungen, weil sie in der Volkssitte altherkömmliche waren, aus ihr, wie so vieles Andere, von der Kirche aufgenommen und zu jenen magischen, wahrhaft schönen Aufführungen fortgebildet worden sind, die auch den Nordländer mit staunendem Entzücken erfüllen.

Man gehe in Rom zur Zeit eines Heiligenfestes an den Straßenbuden der Kleinhändler umher. Zwischen den Waaren und dem Kram der verschiedensten Art sieht man da ein Räumchen ausgesondert, worin die Legende des Tages in Gruppen von Puppen veranschaulicht ist, die in ihrer Costümirung, in der Wahl der Farben, Stellung, Zusammenordnung oft etwas außerordentlich Reizendes und Anziehendes haben, zumal wenn sie des Abends durch die an passendster Stelle vertheilten Lichter aus dem Dunkel hervorleuchten. Man wird es inne, das Volk hat bis in seine unteren Schichten wie Freude, so Uebung und besonderen Geschmack in dergleichen.

Alle Zeit unvergeßlich wird mir ein großartiger Anblick bleiben, der mich am 18. März 1860 bei meinem Eintritt in Italien empfing. Die Eisenbahn hatte mich gegen Abend, an dem herrlichen Gardasee entlang, bei Desenzano über die piemontesische Grenze und dann an Brescia vorbeigeführt; da tauchten plötzlich etwa um acht Uhr in Westen, wo eine schwarze Bergwand sich am Horizont abzeichnete, auf einem vorliegenden niedrigen Hügel völlig unerwartet, aus Lichtstreifen gebildet, die Umrisse einer bedeutenden Stadt aus der dunkeln Nacht auf. Der ganze Lauf einer langen Umfassungsmauer mit Vorsprüngen und Bastionen wie einer Festung war durch einen leuchtenden Faden gezeichnet; über der Mauer ließen sich im Innern die höhern Straßenzüge an den intensiven Lichtmassen verfolgen, während einzelne besonders hohe Häuser mit ihren breiten strahlenden Fronten vor den andern hervortraten; über alle aber erhoben sich zwei thurmhohe gewölbte Kuppeln, deren Rippen und Rundungen mit Lichterreihen umschrieben und wie mit glänzenden Bändern durchzogen waren. An einer Stelle in der Stadt, auf einem Hügel vor dem Dome, ließ sich nichts Einzelnes unterscheiden, es war lauter Glanz und Licht, eine compacte Feuermasse wie ein convex nach oben gekehrtes Gluthbecken. Hier mußten Tausende von Lampen zusammengehäuft sein. Dies Bild stand hinlänglich nahe vor Augen, um das Besondere deutlich unterscheiden, und auch fern genug, um es mit einem Male überschauen zu können. Der ganze Anblick hatte in seiner Ruhe und Stille etwas höchst Feierliches und zauberartig Wirksames, weil der Beschauende, in raschem Fluge herangeführt, nach kurzer Rast auf der Station der Eisenbahn ebenso schnell entrückt und Alles wie in einem Feenmärchen wieder in Nacht und Dunkel entschwunden war. Die also erleuchtete Stadt war Bergamo; man feierte die Annexion Mittelitaliens an Piemont.

Damit sollte jedoch an demselben Abende das Lichtschauspiel noch nicht zu Ende sein. Nach etwa anderthalb Stunden zeigte sich an der Tiefe des Horizonts in weiter Breite ein Lichtstreifen, wie von einer brennenden Stadt, deren Flammen man nicht sieht. Wir nahten Mailand. Auch da wurde dasselbe Fest mit einer dem Reichthume und der Exaltation der Bevölkerung entsprechenden prachtvollen Beleuchtung gefeiert. Die Straßen, durch welche sich unser Fahrzeug bewegte, und die Nebengassen, in die sich der Blick öffnete, waren von unten bis oben wie in ein Meer von Licht getaucht; die Privathäuser, kleine wie große, die öffentlichen Amtsgebäude, Paläste, Kirchen mit Fahnen und langen Bahnen buntfarbiger Zeuge und malerischen Drapirungen reich geschmückt; vor allem aber flatterten von dem Wunderbau des Domes auf den Tausenden von Thürmen und Thürmchen, Zacken und Spitzen, wie auf einem riesenhaften Schiffe, Flaggen und Wimpel ohne Zahl, während die Säulen und Nischen, Portale und Frontispize und der unsäglich reiche Schmuck architektonischer Zierrathen bis zur äußersten Höhe mit dichten Lampenreihen besetzt waren, deren Licht vom weißen Marmor des Baues reflectirt wurde. Anderswo, auf einem kleinen Platze, schwebte, ohne daß sichtbar war, wodurch er gestützt wurde, hoch in der Luft ein Ballon oder ein länglicher Turban von der Weite eines Thurmes, mit Zeugen von Roth, Weiß, Grün durchflochten und mit Sternstreifen mannigfach durchzogen, von innen mit intensivstem Licht erhellt. Wohin man in der Stadt den Blick wandte, die langen auf- und absteigenden Lichtbahnen und die hellen Farben der Schmuckstoffe, das zusammen machte einen in der That überwältigenden Effect des Lebens und der Heiterkeit, dem Niemand zu widerstehen vermochte.

In dem Lande der Wunder wird aber das Staunenswerthe durch noch Wundersameres überboten. Wenn die päpstliche Kirche so ziemlich alle menschlichen, sinnerregenden Künste in ihre Dienste genommen hat, so mag es ihr am wenigsten verargt werden, gerade auch das Licht als das feinste und ätherischste Element, nach der Schrift die Hülle der Gottheit selbst, für ihre Symbolik verwendet zu haben. Den Höhepunkt aller katholischen Kirchenfeste, ja man kann sagen, aller christlichen Feste überhaupt, macht die Feier der Charwoche in St. Peter zu Rom, die selbst wieder in einer Menge feierlicher Handlungen und Darstellungen, Processionen, Versammlungen verläuft, um die tiefste Trauer und höchste Freude dem religiösen Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Als Schluß des Ganzen dürfen die beiden Lichtfeste, die Erleuchtung der Peterskirche und die Girandola, betrachtet werden, womit alles vorhergehende überstrahlt und das Aeußerste geleistet schien, wozu menschliche Kunst und Herrlichkeit sich steigern können. Nachdem die sieben Tage der Festwoche hindurch die Mitfeiernden ununterbrochen körperlich und geistig in Bewegung gehalten worden und selbst die stärksten Nerven abgespannt und ermattet worden sind, wird in jenen beiden Acten noch einmal die vollste und höchste Kraft sinnlichen Reizes gleichsam zusammengenommen, um die apathisch Gewordenen aufzurütteln und die innersten Saiten der Empfindung noch einmal in Schwingung zu bringen.

Im Jahre 1860 war nach dem Verluste vieler der ergiebigsten Einnahmequellen des römischen Staats und unter dem Drucke der politischen Ereignisse, die noch Schlimmeres fürchten ließen, die Stimmung in Rom um die Osterzeit eine sehr niedergeschlagene. Dazu strömte fast täglich Regen vom Himmel. Die Frage, ob dieses Jahr eine Erleuchtung St. Peter’s stattfinden oder unterbleiben, aus finanziellen Rücksichten vielleicht unterlassen werden müsse, wurde von Einheimischen wie Fremden überall [825] lebhaft discutirt. Ein Unterlassen wäre wie ein Fall des Papstthums selbst empfunden worden. Aber der Fels St. Peter’s stand noch fest und ließ sein Licht leuchten.

Am Sonntag nach Ostern, den 15. April, wogte des Abends ein dichter Menschenstrom über Ponte St. Angelo nach dem St. Petersplatze. Von der Brücke aus sah man gen Westen nur die Kuppel und Laterne des Domes leuchtend emporragen, indem eine zwischenliegende Höhe und dunkle Häusermasse den Unterbau verdeckte. Durch die Straße Borgo nuovo vom Gedränge fortgeschoben, gelangte ich bis an den ägyptischen Obelisk, der, aus Heliopolis durch Caligula nach Rom gebracht, jetzt im Mittelpunkt jener in der Welt einzigen Piazza di S. Petro aufgerichtet ist; zur Rechten und Linken das Oval der Colonnade von 284 Säulen und 84 Pfeilern in einem Längendurchmesser von 804 Fuß, gegenüber die Façade der Peterskirche mit der Loggia, aus welcher der Papst den Segen ertheilt, 372 Fuß breit, 150 Fuß hoch, über der dann die weiteste Kuppel, welche einen irdischen Raum überspannt, mit der Laterne, dem Knopfe von 18 Fuß Durchmesser und dem 14 Fuß hohen Kreuze, bis zu einer Höhe von 413 Fuß emporsteigt. Dieser ganze Wunderbau stand jetzt sammt der Säulenhalle in allen seinen Haupttheilen und Nebengliedern und architektonischem Schmucke von viertausend und vierhundert Lampen bis in die äußersten Spitzen beleuchtet in ruhiger Grandiosität vor mir, in strahlender Pracht sich auf dem schwarzblauen Hintergrunde des unbewölkten Sternenhimmels abhebend. Am hellsten waren die Laterne und die Rippen der Kuppel von oben an der Wölbung herab beleuchtet; hier einigten sich die Lichtpunkte fast zu allen Linien, und wieder umzog die Kuppel da, wo sie auf dem Unterbaue aufsitzt, eine dichte Lichtguirlande. Niemals sonst wird man so wie in dieser Beleuchtung sich der Immensität jener wundervollen Bauschöpfung bewußt.

Mit ungeduldiger Spannung erwartete die Menge die Verwandlung. Beim ersten Glockenschlage der zweiten Stunde nach Sonnenuntergang flammte plötzlich auf der äußersten Spitze des Kreuzes über der Kuppel ein blauweißes Brillantfeuer auf und bedeckte blitzschnell die ganze Kreuzesform mit blendendem Glanze. Im Nu bewegten sich Fackeln zugleich auf allen Stellen des Baues und nach allen Richtungen durcheinander wimmelnd, auf dem Dach des Haupt- und der Nebendome, an der Façade, auf den Gängen, am Frontispize, an den Säulen umher, und in ungefähr einer halben Minute strahlte wie durch einen Zauberschlag das Ganze von etwa siebenhundert Fackeln und Feuerbecken in einem Glanze großer Flammensterne von so intensiver Stärke, daß die vorige Beleuchtung kaum schwach flimmernd noch und schattenartig durchdämmerte. Das ganze ungeheure Bauwerk war wie mit lauterstem, hellstem Golde übergossen. Großartigeres, Imposanteres von überwältigendem Lichtglanze in den schönsten Bauformen kann ein menschliches Auge nicht sehen!

Die unglaublich schnelle Umwandlung wird folgendermaßen ausgeführt. Auf den Dächern der Peterskirche und in anderen ihrer Räume haben fünfzig Familien Wohnungen, von denen zweihundert und einundfünfzig Personen an bestimmten Stationen über den ganzen Bau vertheilt werden und mit Fackeln bereit stehen; auf das gegebene Zeichen entzündet ein Jeder mit größter Geschwindigkeit vier große Feuerpfannen, die ihm zugewiesen sind.

Michel Angelo soll der Urheber dieses Staunen und Bewunderung erregenden Schauspiels sein. Seine Wirkung erneut sich dem Beschauenden, so oft er sich einige Minuten mit dem Gesicht abgewendet hat und dann dem Feuertempel und Flammenglanze wieder zukehrt.

Als letzter zugehöriger Schlußact ist die Girandola zu betrachten, ein Feuerwerk, das vormals auf der Engelsburg abgebrannt wurde, an demselben Abend mit der Kuppelbeleuchtung. Die Lichtreflexe in der unmittelbar an jener Veste vorüberströmenden Tiber müssen die Pracht eines solchen Schauspiels bedeutend gehoben, verdoppelt haben. Seit etlichen Jahren, seitdem die päpstliche Citadelle durch die französischen Occupationstruppen besetzt gehalten wird, hat man es, wie man sagte, wegen der Gefahr der dort aufgehäuften Pulvervorräthe in einen andern Stadttheil, einige Male auf das Capitol, verlegt. In dem Jahre 1860 war der Monte Pincio am nördlichen Ende der Stadt nächst der Porta del Popolo, durch welche wir Nordländer gewöhnlich einziehen in der ewigen Stadt, zum Schauplatze gewählt worden.

Wer, der in Rom gelebt hat, kennte nicht jene luftige, breite Berghöhe, zu der man durch die lange Via delle quattro Fontane und Via felice, oder von der Piazza di Spagna oder Piazza del Popolo, dort allmählich, hier steiler, hinansteigt? Ein Lieblingsort der heutigen Römer, die frequenteste Promenade für die zu Fuß Lustwandelnden sowohl, wie für die in stolzen Carossen. Schon im alten Rom trug diese Höhe den Namen des Hügels der Gärtner, und bis heute hat sie, Dank der Fürsorge der Stadtverwaltung, ihren Charakter bewahrt. Ich möchte jedem Fremden rathen, wie es dem Erzähler zu Theil ward, zuerst nach seiner Ankunft dorthin seine Schritte zu wenden. Man genießt von da eine der herrlichsten Aussichten über die ewige Roma. An eine breite, nach Seite der Stadt offene Ebene reihen sich weiter zurück prachtvolle Park- und Gartenanlagen mit Blumenbeeten, wo Veilchen und Rosen den größten Theil des Jahres hindurch duften, die Südgewächse Aloe und Cactus, Lorbeer und Palme im Freien, auch während des Winters, gedeihen und die weißen Marmorbüsten der berühmtesten Dichter und Künstler Italiens, jede von einem Lorbeerstrauch umwölbt, in mäßigen Entfernungen von einander aufgestellt sind.

Auf jenem erhabenen und großen Freiplatze war für die Aufführung der Girandola eine sorgfältige Nachbildung des Capitols in seinen architektonischen Formen und in einer der Höhe dieses Standpunkts entsprechenden, beträchtlichen Größe aus Gebälken, Latten und anderem Holzwerke aufgebaut, mit der Front der Stadt, genauer der Piazza del Popolo, zugekehrt. Der Bau stand dem Abhang nahe, welcher in terrassenförmigen Absätzen von der Höhe des Monte Pincio zu dieser Piazza allmählich abfällt, jedoch steil genug, daß dem unten auf dem Platze Befindlichen eine am Berghange verlaufende Darstellung als ein volles, durch nichts verdecktes Bild vor Augen tritt. Denn der Berg ist vorn offen. Indem aber noch zu beiden Seiten, für den Beschauenden zur Rechten und Linken, die freie Fronte durch dunkelgrüne Pinienbäume umschlossen ist und unten, am Fuße, springende Fontainen ihre perlenden Wasserstrahlen emporwerfen, ist durch Statur und Kunst eine Bühne geschaffen, wie sie nur irgend gewünscht werden kann.

Als Raum für die Zuschauer diente die Piazza del Popolo, ein weiter, ebener Platz in Form einer Ellipse, von dem drei Hauptstraßen, die Via del Babuino, der Corso und die Ripetta, fächerartig auslaufen, groß genug für viele Tausende. An der Nordseite die schöne Porta del Popolo mit Palästen daneben, deren einer der Garde-Gensdarmerie als Kaserne und Hauptwacht diente; im Rücken, der Bergbühne gerade gegenüber, eine Gartenanlage, deren Myrthen- und Pinienbäume eine Mauer überragen, welche in halbrunden, weiten Bogen und mit eisernen Gitterthüren den Platz nach Westen abschließt. Auf der Mauer lagern steinerne Sphinxe; in den Zwischenräumen waren Tribünen aufgerichtet, die, durch Wände von rothen und weißen Zeugen umfaßt und überdeckt, zu Zelten oder nach vorn offenen Nischen hergerichtet und mit Wachskerzen erleuchtet waren. In ihnen nahm die vornehme Welt Platz; in der Ecknische nach der Stadt zu der französische commandirende General Goyon mit Damen und etlichen Cardinälen. An der Südseite endlich wieder hohe Häuser und Paläste, die von den drei genannten Hauptstraßen durchbrochen wurden.

So war gewissermaßen die Anschauung eines alten Circus geboten, nur mit umgekehrten Verhältnissen. Die Arena, den Schauplatz der Kämpfenden, nahmen hier die Zuschauer ein, und wo diese dort ihre Sitze hatten, war hier an dem etagenförmig aufsteigenden Berge der Ort der Handlung.

Mit anbrechender Dämmerung am Sonntage nach der Kuppelbeleuchtung zogen zuerst einzeln, dann in immer dichteren Schaaren Roms Bewohner zu der beschriebenen Stelle. Der weite Raum füllte sich mehr und mehr, und immer schwieriger wurde es während der Stunde, die dem Beginn der Feier vorherging, auch nur einige Schritte sich hin und her zu bewegen. Die Volksstimmung galt als nicht recht geheuerlich. Darum war nicht nur die Gensdarmerie mit ihren hohen Bärenmützen und weißen Lederhosen vor ihrer Wacht, sondern im Hintergrunde und an den Seiten des Platzes waren auch Infanterie-Bataillone aufgestellt, vor deren Fronten stehende Posten den Andrang der Menge an das Militär verhinderten, und noch hatte man Soldaten truppweise, mit dem Seitengewehr bewaffnet, aber nur Franzosen, unter die Volksmasse vertheilt. Drei Militär-Musikchöre im Garten und auf dem Platze spielten abwechselnd bis zum Anfange der Girandola.

[826] Ein Trommelwirbel verkündete um acht Uhr die Ankunft des Generals. Mit dem Glockenschlage eine Stunde nach Ave Maria blitzten und donnerten fünf Kanonenschüsse vom Berge herab; eine Rakete stieg auf und gab das Signal zum Beginnen. In einem Augenblick prangte auf der Höhe des Berges in blauweißlichem, glitzerndem Lichtgefunkel der ganze Capitolbau; die Wände als breite dichte Sternenflächen, der Thurm, die Säulen, die Portale und alle Einzelheiten in treuer Zeichnung. Unbeschreiblich schön war es, als, von solchen bläulich-weißen Strahlen umflossen, in dunkelstem Rothfeuer eine Krone und ähnliche Embleme hervortraten. Nun flogen Leuchtkugeln und Raketen empor, die gewaltige Sternbüschel hier von dunkelrother, dort von kornblumenblauer, oder weißer, oder gelber, oder grüner Farbe aus sich ergossen in unzählbarer Menge. Wie sie, außer in den Generalpausen, unablässig und in jeder Richtung, zischend und sausend ihre leuchtenden Streifen zogen, während die Hauptfiguren des Schauspiels sich Scene um Scene wandelten, machten sie gleichsam den begleitenden Chorus. Das Ganze verlief ungefähr in zehn Acten, zwischen denen sehr zweckmäßig Pausen eintraten, um den Zuschauer einigermaßen wieder Fassung und Besinnung gewinnen zu lassen. Eine einzelne Rakete und einige Kanonenschüsse gaben jedesmal das Signal einer neuen Abtheilung. Die zweite Scene ließ Feuerräder aufflammen, die in symmetrischer Ordnung vom Fuße des Berges aus bis zum Gipfel hinauf über die ganze Fläche vertheilt waren und mit langsamer Drehung dicke buntfarbige Funkenströme in Halbbogen aussprühten, dann aber, alle zugleich mit einem Male stillstehend, vom Mittelpunkte aus vier breite Feuerhörner in gerader Richtung ausfahren ließen, sodaß das Ganze als ein ungeheueres Kreuz über die Bergwand ausgebreitet war. Auch diese Gestalt ward nochmals umgewandelt. In einer folgenden Scene erschien der Berg sammt dem Capitole und den dunkeln Baumgruppen lange mit einem blauen Duftlichte überzogen, das allmählich in ein dünnes Roth überging, hiernach immer intensiver werdend, endlich sich zu dem brillantesten glühendsten Ton dieser Farbe verstärkte und die Paläste, die Volksmasse, den Berg und den ganzen Horizont davon widerstrahlen machte. Ein anderes Mal schien sich der Berg ganz und gar in Feuer und Krachen entladen zu wollen. Die Raketen, Leucht- und Feuerkugeln fuhren zu Hunderten über der ganzen Breite hervor und knatterten und blitzten im wildesten Tumulte kreuz und quer durcheinander, und noch schossen durch das Gewirr, dem das Auge nicht zu folgen vermochte, von Zeit zu Zeit dicke Feuerballen und Tourbillons hindurch, die sich zu zahllosen Schwärmern und sprühenden Schlangen auflösten und im Zickzack nach allen Seiten zischend und bis an die Zuschauer vordringend mit Knallen verpufften.

Mit solchem betäubenden Höllenlärmen wechselten dann wieder ruhigere Bilder und Scenen. Eine der anmuthigsten war es, als eine Menge Feuerbäumchen aufleuchtete; ihre kugeligen runden Kronen auf schlanken Stämmen gaben ihnen Aehnlichkeit mit Orangen- und Citronenbäumen, deren Blätter wie aus bläulichen Diamanten gebildet schienen. Sie waren zu einem Theil am Fuße des Berges als ein Halbkreis um die Fontainen in gleichmäßigen Abständen gereiht, ein anderer Theil bildete eine Allee den Berghang hinan bis an das Capitol. Diese ruhig strahlenden Baumgruppen umspielten wieder fliegende farbige Lichtsterne.

Beim Schlußacte des ganzen Schauspieln glitten von verschiedenen Punkten unten am Berge in langsamem Zuge nicht gar hoch über den Köpfen der Zuschauermenge und in horizontaler Richtung an geraden Leitfäden zischende Raketen gleichzeitig nach dem Obelisken, der in der Mitte der Piazza del Popolo steht und vom Volke umdrängt war. Beim Zusammentreffen entzündeten sie an diesem Centralpunkte andere Raketen, die nun, wie die Speichen eines großen Rades, ebenso langsam und horizontal über der Volksmasse sich nach außen an die Peripherie des Platzes bewegten, wo rundherum Pfähle mit Leuchtstoffen aufgepflanzt waren, die von den herzufahrenden Raketen entflammt wurden. In einem Momente war der Platz in seiner ganzen Rundung von Rothfeuer übergossen. Einen Augenblick darauf gerieth der Berg noch einmal wie in eine donnernde und Blitze schleudernde Erregung. Wie ein unerschöpflicher Feuerregen flogen Brennstoffe jeglicher Art empor und hernieder, Funken und feurige Schlangenmassen zuckten kaum unterscheidbar in den verschiedensten Windungen ineinander, knatterten, prasselten, pufften, knallten; Kanonenschläge donnerten, die Geschütze gaben Salven darein, der Boden unter den Füßen bebte, über die Zuschauer wurden Feuergarben ausgeschüttet, und so endete betäubend, mit gewaltigem Krachen und blendendem Glanze, dieses Schauspiel der Girandola.

Noch ist in diesen Kirchenfesten etwas von der alten römischen Größe und Herrlichkeit zu spüren. Wann aber werden solchen physischen Lichtspenden die geistigen gleichen?