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Textdaten
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Autor: Karl Frenzel
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Titel: Isolde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2-4, S. 17–20, 33–36, 49–52
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[17]
Isolde.
Novelle von Karl Frenzel.


1.

In dem weitläufigen Park war dies der stillste und lieblichste Platz – schattige Buchen umschlossen ihn ganz, und zwischen ihren Stämmen wuchs üppig wuchernd, jetzt leise im Wind bewegt, das Gebüsch empor; dahinter lagen die Hecken, das schirmende Gitter; hart an der Grenze zwischen Garten und Feld ragte ein mächtiger, vom Blitz gespaltener Baum in drei kahlen, blatt- und zweiglosen Stämmen mit weißgrauschimmerndem Holz auf, weit sichtbar über die ganze breite Fläche hin, die sich bis zu dem Graben und den Pappelreihen der höher gelegenen Landstraße ausdehnte.

Auf der steinernen halbrunden Bank inmitten dieses verschwiegenen Raumes, zu dem die Sonnenstrahlen in der späten Nachmittagsstunde sich nur einzeln stahlen, wie lang gezogene goldene Fäden auf grünem Grunde spielend, ließ sich gut träumen und mit sich allein sein – das Wohlgefühl einer süßen, ungestörten Einsamkeit, diese Hingabe an die leisesten Wallungen der Seele mochte auch die sonst so strenge und abgemessene Haltung Isoldens gelöst, ihrer Hand das Buch entzogen haben; sie lag halb zurückgeworfen, den Kopf auf den Arm gestützt, die langen Wimpern über die Augen gesenkt, wachend und träumend zugleich …

So verklangen ihr fast die Schritte, die jetzt den Laubgang herauftönten, in das Säuseln und Rauschen der Blätter, bis endlich in Reisekleidern, ein wenig bestäubt, am Ausgang des Pfads ihr gerade gegenüber ein junger Mann erschien und sie, das Auge aufschlagend und ihn mit einem Blick erkennend, wild aufschreiend, ihm die Hand entgegenstrecken wollte und doch nicht konnte und wie vor einer wunderbaren Erscheinung erstarrt in ihrer Stellung blieb. Auch er kam erst nach geraumer Weile ihr einen Schritt näher, trotz seines Grußes Verlegenheit und Enttäuschung im Gesicht.

„Diese Störung, meine Gnädigste –“ und in seiner Stimme bebte der Unmuth über dies Zusammentreffen nach – aber nun hatte sie sich schon gefaßt und während sie mit der Hand nach ihrem Buche griff, dankte sie ihm mit leichter Verneigung, sodaß es ihm schien, als wolle sie ihm damit zugleich die Umkehr nicht anbefohlen, doch angedeutet haben. Das verletzte und reizte ihn. Wer war diese hochmüthige, wie er jetzt erkannte, nicht einmal hervorragend schöne Dame, die ihn hier, auf diesem Boden, wie einen Fremden behandelte?

„Sie werden mein Eindringen entschuldigen,“ sagte er darum, „wenn ich Ihnen gestehe, meine Gnädige, daß ich an diesem Platze Niemand oder, wenn Einen, nur Clemens Arnheim erwartete.“

Sie sah hoch auf, aber ihr Gesicht ward nur kälter und strenger – „Hier? Herr Clemens von Arnheim?“

„Ja, und da ich ihn hier nicht treffe, werde ich ihn im Schloß aufsuchen müssen. Noch einmal, Vergebung.“ Damit wandte er sich, allein sie war schon aufgestanden.

„Er ist nicht im Schloß.“

„Nicht im Schloß? Aber ist heute nicht der erste Tag des September?“

„Gewiß.“

„Und doch nicht hier? O Freundschaften, Jugendschwüre! Leicht wie Liebeseide trägt Euch die Welle des Daseins dahin?“

Ein zornig bitterer Zug flog über seine sonst offenen und sanften Züge, er zerknitterte seinen braunen Hut in den Händen und schien minutenlang in seinem Schmerz die Dame an seiner Seite vergessen zu haben. Sie betrachtete ihn mit Neugierde, voll Theilnahme, und als er zuletzt ausbrach: „Sie sehen, welch’ kindische Komödie ich aufführe, weil ich an Jugendfreundschaften geglaubt,“ meinte sie sanft: „Nicht doch! Der erste September ist noch nicht zu Ende, und Herr von Arnheim kann noch in dieser Stunde eintreffen. Er verweilt seit einigen Wochen in der Hauptstadt, seine Geschäfte mögen ihn aufgehalten und er darüber die bestimmte Stunde versäumt haben. Ich bitte Sie wenigstens bis Mitternacht im Schloß zu verweilen und es einmal mit seiner Langenweile und Einsamkeit zu wagen, um so herrlicher strahlt dann nachher Ihre Treue.“ Und zum ersten Male, seit sie mit ihm sprach, spielte ein Lächeln um ihre Lippen.

Der Zauber, der sie jetzt umfloß, berührte auch ihn. „O wenn Sie wüßten, wie Jahre lang, fünf lange Jahre hindurch, diese Stätte hoch und heilig in meiner Erinnerung gestanden! Nie [18] habe ich ihrer und des heutigen Tages vergessen. Ich hoffte ihn, den Freund meiner Jugend, wiederzusehen und – warum sollt’ ich es verschweigen? die Jugendgeliebte!“

„Hier?“ fragte sie auffahrend, und die Adern ihrer Stirn schwollen. „Im Schloß?“

„Oben in dem Erkerzimmer, dessen Fenster nach dem Fluß und den Bergen hinausgehen, hatte dieser Verräther Clemens ein prächtiges Fest zu geben versprochen – und was ist nun aus all’ den Herrlichkeiten geworden?“

„Schaum!“ erwiderte sie mit einem fast höhnischen Lächeln, er aber scherzte in seinem elegischen Tone weiter: „Nicht einen Kranz hat er an die Pforte seines Schlosses gehängt, nicht einen armseligen Kranz von Eichenlaub und Waldblumen! Und sie wird kommen, wie ich gekommen bin, sie war vielleicht schon an dem verschlossenen Thor und mußte zurück!“

„Nein; keine Dame hat seit Wochen nach Herrn von Arnheim gefragt.“

„Und nichts ist zu ihrer Aufnahme angeordnet?“

„Nichts.“ Dies sprach sie mit schneidender Kälte.

„Dann ist ein wichtiges Ereigniß geschehen – und ich fürchte, meine Gnädigste, ich gehöre nicht mehr auf diesen Boden.“

„Da Sie mir so viel gestanden, mein Herr, darf ich Sie nicht von hinnen lassen. Einen Fremden hätte ich abweisen können, aber nicht einen Freund des Herrn von Arnheim, er würde es mir niemals verzeihen. Ich denke immer, er kommt noch, er und jene Dame, sie mögen sich beide schon in der Hauptstadt getroffen haben.“

„Auch das wäre treulos! Fünf Jahre lang, so schwuren wir uns, gerade an der Stelle, wo die steinerne Bank nun steht, uns nicht zu sehen, nicht zu schreiben, nur an jedem ersten September uns eine Rose und einen Gruß gegenseitig zum Zeichen, daß wir noch lebten, zu schicken – und endlich nach fünf Jahren uns hier wiederzutreffen, anders vielleicht an Leib und Geist, aber mit demselben Herzen voll Liebe und Treue, wie am Tage, wo wir schieden.“

Sie hatte ihr Gesicht von ihm gewandt, eine Thräne schimmerte in ihrem Auge. „Das hätte Clemens,“ fragte sie mit leiser, unterdrückter Stimme zurück, „das hätten Sie gethan und gehalten?“

„Bis heute – ja! Heute aber sind zwei treulos geworden, und der Bund ist zerrissen.“

„Welche Schwärmerei!“ Und doch glühte sie über und über und reichte ihm ihre Hand. Er zog sie flüchtig an seine Lippen. „Spotten Sie nur,“ meinte er gutmüthig. „Wir waren alle drei wilde, tolle, aber begeisterungsfreudige Menschen, und es war kindisch, aber doch schön, schön, wie ich seitdem nichts wieder erlebt! Nun will ich wenigstens, wie die alten Vehmboten, ein Zeichen zurücklassen, daß ich hier gewesen“ – und er schnitt drei Spähne aus dem blitzgetroffenen Baum und zeigte auf die halbverwischten, aber doch noch sichtbaren, in einander verschlungenen Buchstaben C – A – B – „Clemens, Adele, Bruno,“ sagte er beinahe schmerzlich zu seiner Gefährtin, die nahe zu ihm getreten war und mit demselben schmerzlichen Ausdruck auf den Buchstaben weilte, die auf dem weißgrauen Holze sich in röthlich ausgeblaßten Zügen abhoben. „Sie sind mit Blut geschrieben,“ fuhr er fort, „und doch schon halb verschwunden. Wie lange werden sie noch dauern? Wie lange die Erinnerung an jene Stunde noch in uns mächtig sein? Auf dieser Flucht aller Dinge, was hielte beständig an seiner Stelle aus? Und wenn Alles vorüberfließt, was quälen wir uns nur mit Sorgen und Gedanken?“

„Was quälen wir uns nur?“ hauchte es wie ein Echo in ihrer tiefsten Seele nach.

Wie er jetzt den Kopf nach der Seite hinneigte, konnte ihr Blick, ohne von ihm belauscht zu werden, jede Furche seiner Stirn, jede Wimper seines Auges bemerken. Ein schauerndes Entzücken rauschte über sie hin, durch alle ihre Adern … so allein mit ihm zu sein, mit ihm zu reden, aus jedem seiner Worte den Hauch seines Geistes, die Gluth seines Herzens um sich wehen, von seiner Hand die ihrige berührt zu fühlen – war es ein Traum, der sie plötzlich für so viel Trauer und Entbehrungen überreich belohnte, war es holde, greifbare Wirklichkeit? Aber ach! er kannte sie nicht, er verstand nicht das Zucken und Zittern ihrer Glieder, das unruhige Rauschen ihres Gewandes, er wußte weder die rosigen Flammen ihrer Wangen noch ihre aus Seligkeit und Schmerz wunderbar gemischte Stimmung zu deuten. Ihm war sie fremd, viel fremder, als die Bäume und Gebüsche umher, und doch gab es, mußte es in seinen Erinnerungen eine Stelle geben, wo sie stand, wenn auch von Nebelschleiern verhüllt – eine Stelle, daran sie nur nicht zu rühren wagte. Während sie ihm so nahe stand, daß sein Athem die braunen Locken ihres Haars leicht auf ihrem weißen Nacken kräuselte, dachte er nur an Clemens, nur an Adele – und dennoch fühlte sie sich glücklich, erhoben; das Schicksal schien mit ihr zu sein und jenen Faden seiner Vergangenheit, den sie selbst gewebt und den sie noch in Händen hielt, zu einer glücklichen Zukunft fortspinnen zu wollen. Noch war ihr Blick auf ihn gerichtet, da wandte er sich und sagte: „Es ist immer kläglich, in der alten Asche nach einem verlorenen Funken zu wühlen.“

„Nein, nein!“ winkte sie, „Mir ist Alles neu und so licht wie ein Traum. Nie hat Herr von Arnheim ein halbes Wort von diesen Geschichten zu mir geredet.“

„Vielleicht hat er über eine neue Liebe die alte vergessen.“

„Mag sein,“ entgegnete sie wegwerfend. „Er wird denken, Staub zu Staub. Aber darf ich Sie nun einladen, in das Schloß zu kommen? Von jenem Erkerzimmer, das Sie so gut zu kennen scheinen, läßt sich die Landstraße überschauen, auf der Ihr Freund und Ihre Freundin kommen müssen, Herr Bruno –“

Sie stockte erröthend, weil sein Name sich unwillkürlich aus ihrem Herzen auf ihre Lippen gedrängt, er verstand sie anders – „Bruno Berghaupt,“ sagte er. Nun wurde ihr Antlitz noch flammender, als sie sich leicht verneigte und mit zitternder Stimme erwiderte: „Ich bin Isolde Schönfeld.“ Er hatte nur ihren Vornamen Isolde vernommen.

Neben einander gingen sie auf dem schmalen Pfade entlang; ihm fiel ihre edle, schlanke Gestalt auf, die vornehme und doch anmuthige Ruhe ihrer Haltung und ihres Wesens, dem jede Aufregung fremd zu sein schien. Sonst war sie trotz des Glanzes, den die Sonne über ihr Antlitz ausstrahlte, nicht eben schön; sie mochte dreiundzwanzig Jahre zählen, welche die erste rosige Jugendfrische von ihren Wangen gewischt, dafür aber einen Duft von Melancholie und Lieblichkeit über sie ausgestreut hatten, der für Bruno, wenigstens in seiner gegenwärtigen Stimmung, den verlornen Schimmer hinlänglich ersetzte.

Der Pfad mündete jetzt in eine breite Linden- und Kastanienallee, an deren Ausgang das Schloß mit seinen Fensterreihen sichtbar ward. Zu der Mitte des Laubgangs, an der steinernen Vase, die voll bunter Blumen und Kränze prangte, hielt sie erschöpft von dem hastigen Laufe inne, stützte den Arm auf einen der erhabenen Henkel des Gefäßes und schaute mit strahlendem Auge bald zu Bruno, bald über den Park hin – Alles war in den milden, röthlich goldenen Ton des Sonnenuntergangs gekleidet und strahlte in bezaubernder Frische und Schönheit.

„Wahrlich,“ sagte Bruno, „um diese Stätte könnte ich den liebsten Freund beneiden! Wie duftig, erquickend, wie zauberhaft still! Hier sich selbst leben und den Wandlungen der Natur! Aber so sind die Götter: denen schenken sie Ruhe und Glück, die am wenigsten ihren Werth verstehen und sich am liebsten auf der hohen Fluth des Lebens umhertreiben lassen. Clemens ist viel zu ehrgeizig für diese Stille – oder liebt er die Besitzung?“

„Er besucht sie nur selten,“ antwortete sie ausweichend. „Allein Sie kannten den Garten bei den Lebzeiten des alten Herrn von Arnheim,“ fuhr sie eifrig fort, „hat er nicht unter der neuen Herrschaft gewonnen?“

So kamen sie, von Blumen redend, von italienischen Villen und englischen Parks, ehe sie es glaubten, an die Stufen, die zu dem Schlosse hinaufführten. Als Bruno die Diener seine Begleiterin als „gnädiges Fräulein“ begrüßen hörte, mit einem Blick bemerkte, daß man ihr wie der Herrin des Hauses entgegenkam und ihre Befehle empfing, ward er in seinem Entschluß schwankend. Oben, an der großen Glasthüre, welche eben ein Diener geschäftig öffnete, berührte er leise ihre Hand: „Ich bin Ihnen zum wärmsten Dank verpflichtet, Gnädigste, Sie ließen mich freundlich nicht den schönsten, aber den mir vieltheuersten Garten auf Erden noch einmal durchschreiten, mein Jugendparadies – ich danke Ihnen für diese Stunde auf immer! Damit ist indeß der Höflichkeit überreich Genüge geschehen, ich werde Clemens morgen in der Hauptstadt aufsuchen und –“

„Bis dahin unten im Wirthshaus bleiben?“ lachte sie. „O, das entläuft Ihnen nicht. Bedenken Sie wohl, daß ich Ihnen nur bis Mitternacht das Schloß zum Asyl anbieten darf. Bis dahin müssen Sie mir gehorchen, Sie müssen!“

[19] Ihr zuerst scherzender Ton hatte bei den letzten Worten sich in einen scharfen, befehlenden verwandelt; Bruno wollte erwidern, noch widerstreben, da begegneten sich ihre Blicke – ihre Augen, die ihm bisher immer wie verschleiert vorgekommen, brannten plötzlich dunkelglühend in sein Gesicht, gleich ihm entgegen lohenden Flammen … er betrat an ihrer Seite das Schloß, ging neben ihr die Treppe nach dem Erkerzimmer hinauf.

„Zwar nicht so herrlich, wie Sie es erwarteten, aber geschmückt ist es doch,“ sagte sie im Eintreten – „mit Blumen, mit Bildern!“

Eine eigenthümliche, nicht allzu behagliche Stimmung ergriff ihn, als er, von ihr auf einige Minuten allein gelassen, sich im Gemache umschaute.

Kein Zweifel – sie selbst bewohnte es, der Stickrahmen an jenem Fenster, die Nippsachen auf dem Schreibtisch, so viele zierliche, kostbare Nichtigkeiten, mit denen Frauen ihren Lieblingsplatz schmücken, die Vasen mit Blumen auf den Consolen – das Alles sprach dafür. Doch machte das Zimmer einen mehr ernsten, als heiteren Eindruck. „Es entspricht ihrem Gesicht,“ dachte er bei sich. Diese grünen, fast dunkeln Sammettapeten, einige Copien von Murillo[WS 1] an den Wänden, in der Nische vom Abendroth angehaucht die marmorne Statue einer Hebe[WS 2] … wer war sie denn eigentlich? Eine Verwandte von Clemens? Er wußte von keiner. Seine Gattin? Aber die Diener nannten sie Fräulein. Seine Geliebte? Es war ihm selbst unerklärlich, daß dieser Gedanke am längsten in ihm haftete, und trotz der Jungfräulichkeit ihrer Erscheinung glaubte er allmählich ein Etwas in ihr zu entdecken, was seine Vermuthung bestätigte. Und in welcher Lage befand er sich nun selbst ihr gegenüber? Er betrachtete seine Reisekleider, den Staub auf seinem braunen Calabreserhut mit gezwungenem Lächeln in dem hohen Stehspiegel. „Es ist schon recht,“ schalt er in sich hinein, „daß du ihr zum Gespött dienst! Was mußtest du gleich alle deine Geheimnisse und Empfindungen ihr offenbaren, damit prunken? Dich im Augenblick hinreißen lassen und leichtsinnig einem holden Winke folgen? Clemens wird nicht kommen, sondern die Dame wird ihm morgen einen spöttisch-mitleidigen Brief über dich und deinen Besuch schreiben und es wird wieder heißen: Bruno der Thor! Jetzt wie vor Jahren, immer und überall, verschlossen oder offenherzig, Bruno der Narr!“

Er trat an das Fenster und scheinbar im Anschauen der Landschaft versunken, während ihn doch ausschließlich diese Gedanken beschäftigten, überhörte er, daß sie zurückgekehrt war. Wie dann ihr seidenes Kleid dicht hinter ihm über den Boden rauschte und er sich umwandte, stand sie ähnlich der Hebe vor ihm, nur noch züchtiger, und das Angesicht in rosige Gluth getaucht.

Mit den schwindenden Stunden flogen denn auch Unmuth und Mißvergnügen von der Stirn; in freundlich anregendem Gespräch tauschten sich Gedanken, Gesinnungen, Urtheile zwischen Beiden aus, und trotz manchen Widerspruchs der Ansichten klang doch eine reine Harmonie, eine sie verbindende seelische Sympathie hindurch. Es war Beiden, als hätten sich ihre Seelen schon längst gekannt, als wären ihre Empfindungen schon längst in dasselbe Meer ewigen Wohllautes dahingefluthet. Was sie je erfreut, ein Gedicht, ein Bild, hatte auch sein Herz bewegt, was ihn je betrübt, unsere Unfreiheit und das dunkle Geschick, dem wir entgegenreifen, war auch in ihr tragisch nachgeklungen. So wurden sie vertraut, innig befreundet – sie wußten selbst nicht, wie – und Bruno fand es nach so vielen fast unwillkürlichen Geständnissen nur natürlich, daß er ihr endlich auch die Begebenheit erzählte, die ihn in wunderlicher Laune des Schicksals zu ihr geführt. Sein Mund hatte so lange darüber geschwiegen, er sein Herz verschlossen gehalten, daß er es jetzt vor der Einzigen ausströmen mußte, die ihn zu begreifen und ihm nachzuempfinden vermochte.

„Vor sechs Jahren,“ sagte er, „hatte ich eben meine Universitätsstudien beendigt und wohnte in der Hauptstadt unweit des Palastes der Arnheim am Thor. Die Nachbarschaft und das Zusammentreffen in philosophischen Collegien machte mich mit Clemens bekannt; frei von allen Standesvorurtheilen schloß er sich an mich an, wir wurden Herzensfreunde. Seine Eltern waren, wie die meinigen, gestorben, wir standen beinahe allein in der Welt, Beide nicht allzureich mit Glücksgütern gesegnet, er aber wenigstens mit der Hoffnung auf die große Erbschaft seines Oheims, der das Haus in der Stadt, dies Schloß und ich weiß nicht welche Güter noch besaß.“

„Das Alles hoffte Clemens zu erben?“ fragte sie leichthin dazwischen.

„Freilich; ich denke, er war der einzige nähere Verwandte des alten Herrn und –“

„Gut, gut!“ nickte sie.

„Wir waren Beide oft zusammen in diesem Schloß; der Graf war wunderlich, mürrisch, von Krankheiten geplagt, aber seine Liebhabereien für alte Bücher und seltene Mineralien entzückten mich, weil sie auch die meinigen waren; ich gehörte zu den aufrichtigsten Bewunderern seiner Sammlungen, mir zeigte er die kostbarsten Stücke, er bevorzugte mich sichtlich vor Clemens. Nicht wahr, da ist es ein gutes Zeichen unserer Freundschaft gewesen, daß sie nicht zerriß, sondern sich nur fester knüpfte? Sie kennen Clemens, er hat die vornehme Kälte seines Standes, etwas Ausschließliches, aber er verbirgt darunter ein leidenschaftliches Herz, eine großmüthige Hingebung. Damals drückte ihn seine abhängige Stellung von dem Oheim, die trübe Erinnerung an seinen Vater, der in wüster Verschwendung und Spielsucht sein Vermögen vergeudet, das Leben seiner Gattin gebrochen hatte – wie stolz und freudig muß er jetzt das Dasein betrachten, die Bahn des Ruhms, die sich seinem Ehrgeiz geöffnet! Denn Sie glauben wohl, daß wir unsere Ideale hatten, politische und sociale, daß wir die Welt und das Leben gern so schön und eben gestaltet hätten, wie diesen Garten …“

„Und Sie meinen, daß Clemens Arnheim nach ihrer Verwirklichung trachten würde?“

„Gewiß, so weit sein Arm und seine Kräfte reichen. Als ich durch das Dorf kam und die freundlichen Häuser, die stattliche Kirche, die Menschen selber mit dem verglich, was ich vor wenigen Jahren hier in häßlicher Verkommenheit gesehen, dankte ich ihm im Stillen.“

„Ihm!“ hauchte sie und preßte die Hände auf ihre Brust, deren Wallen zu unterdrücken.

„Ja, ihm und unseren Idealen!“

Und da er schwieg, fuhr sie gleichsam für ihn fort. – „Es erschien aber ein lebendiges Ideal, jene geheimnißvolle Adele, welche die mit Blut geschriebene Rune an dem Baumstamme im Garten bezeichnet.“

„Recht – und die Tragik, die auch schon eine alte ist, beginnt wie immer damit, daß beide Freunde sie liebten. War sie schön, war sie holdselig? Ich lese die Frage in Ihren Mienen. Mir war sie der höchsten Göttinnen eine. Es gab keinen Zauber, der in meinem Augen sie nicht schmückte, es gab nichts auf Erden, was ich ihr hätte vergleichen mögen – o, lachen Sie über mich, – ich finde auch jetzt noch nichts, was ihr Bild in meiner Seele verlöschen könnte.“

Stürmisch zerknitterte Isolde ihr Taschentuch in der Hand, und ihr Gesicht, von dem Lampenschirme verdeckt, überzog sich mit fahler Blässe.

„Ja, was war sie? Eine Nymphe, eine Fee? Vor mir schwebte sie beständig auf dem strahlendsten Regenbogen zwischen Himmel und Erde, die Welt aber nannte sie eine große, vielgeliebte Sängerin. Sie sehen – ein Traum der Jugend! Ich liebte sie, ich kannte sie zuerst – und es war eine Treulosigkeit von Clemens, daß er, meine Leidenschaft kennend, dennoch um Adele warb. Das ist nun vergeben und vergessen, wann hätte je die stoische Tugend vor der Liebe Stand gehalten? Ein Zufall, der sonderbarste in meinem Leben, unterrichtete mich von Allem, von Clemens’ Untreue, von Adelens Neigung zu ihm.“

In diesem Augenblick erhob sich Isolde von dem Sopha und trat schnellen Schritts in die Fensternische. Erschreckt wollte auch Bruno aufstehen, aber sie bat: „Bleiben Sie nur, mir scheint die Luft schwül, hier ist es kühler, und mein Ohr hört Sie so gut, wie mein Herz.“ So blieb er denn in dem Lehnstuhl sitzen, hell von der Lampe beschienen, daß sie aus dem Schatten, in dem sie stand, jede Veränderung seiner Züge belauschen konnte.

„Wie gesagt, was nun geschah, klingt beinahe wie ein Märchen. Es war im Frühling, und die Fenster meiner Wohnung gingen nach einem der großen Gärten hinaus, die auf dieser Seite die Stadt umkränzten. Die Freundlichkeit des Gärtners gestattete mir, in den Abendstunden in den Alleen, durch den Weinrebengang umherzustreifen. Selten traf ich einen der andern Hausgenossen darin, ein und ein anderes Mal eine ältere Dame, die zurückgezogen im Vorderhause wohnte und die schönste Geisblattlaube des Gartens für sich in Beschlag genommen hatte. Wir grüßten uns im Vorübergehen, sprachen aber nie ein Wort mit einander, sie [20] mochte ihren eigenen Gedanken nachhängen, ich lebte nur in meiner Liebe und hatte für nichts Anderes Sinn und Theilnahme. Eines Abends fand ich heimkehrend auf dem Fensterbrett einen kostbaren Blumenstrauß mit rother Seide festgebunden, sonst kein Zeichen – das Zimmer lag im Erdgeschoß und es war nicht allzuschwer, vom Garten aus das Fenster zu erreichen, zur Noth selbst hineinzusteigen. Das seltsame Geschenk beschäftigte mich; ich sann hinüber, herüber, von wem es kommen könne. Zuerst schrieb ich es Adelen zu; man sagt, alles Gute käme von den Göttern, zu mir kam es von ihr allein. Ich dichtete einige Verse für die unbekannte Geberin, legte sie am andern Tage, als ich ausging, auf die Stelle, wo ich die Blumen gefunden hatte – bei meiner Rückkehr waren sie verschwunden. So wiederholte sich dies Spiel noch oft; blieb ich zu Hause, auch noch so versteckt, bemerkte, sah und empfing ich nichts – dann gingen allein die Gärtnerburschen durch die Alleen, schritt meine alte Freundin im Strohhut, ihr englisches Buch in der Hand, an meinem Fenster wunderlich ernst vorbei. Einmal saß ich dort, über ein Buch gebückt, da flog mir eine wunderschöne weiße Rose an den Kopf. Aufschauen und aus dem offenen Fenster springen war bei mir eins – ich hörte auch ein helles, fröhliches Lachen, sah ein strahlendes Antlitz aus dem Grün auftauchen – aber die Fee entschwand doch schneller, als ich nahte. Umsonst durchsuchte ich alle Lauben, bog umsonst jedes Gebüsch auseinander, endlich, des Suchens und Forschens überdrüssig, ergab ich mich darein, der Laune eines Koboldes zum Spielball zu dienen.

„Clemens, der kalte, besonnene Clemens, behauptete lachend, mein überirdisches Wesen sei entweder ein Gärtnermädchen oder eine Nähterin, die irgendwo in einer Dachstube des weitläufigen Gebäudes wohne. Hätte ich nicht Adele geliebt, leicht möglich, daß mich dies Abenteuer mehr gereizt, daß ich sorgfältiger nach der Unbekannten geforscht hätte. Eines Abends lag statt der Blumen, einer Gabe, an die ich schon gewöhnt war, ein Brief auf dem Fenster, den die innigste und mächtigste Leidenschaft eingegeben zu haben schien, der mir aber zugleich einen Vorwurf und eine Schuld aus meiner Liebe zu Adelen machte und sie falsch und treulos schalt. Es gab eine Zeit, wo ich jedes Wort dieses Briefes auswendig wußte, wo es mit feurigen Buchstaben in meiner Seele eingeschrieben stand. Denn es war etwas Hinreißendes, Berauschendes, Dithyrambisches darin, das mich wie ein hochheiliges Lied anklang, und doch daneben so viel Stolz, Eifersucht und Herrschsucht eine so genaue Beobachtung meines täglichen Treibens, daß ich mir selber wie bezaubert, wie beständig von einem bösen Geiste belauscht vorkam und zornig fragte: wer ist denn diese Frau, die dich auf jedem Schritte verfolgt, als wärst du ihr entflohener Sclave? Bist du nicht mehr frei? Hofft die Thörin, daß du ihretwegen, die nicht mehr als ein Nebelbild für dich ist, Adele vergessen wirst? Hofft sie deine Liebe gewaltsam zu erobern und nicht als deine freie Gabe zu empfangen? Das war es – ich mag meine Neigung nicht wie die Siegesbeute einer Amazone dahingeschleppt sehen, keine Frau zu mir sagen hören: Du sollst mich lieben! … Ich faßte mich, ich antwortete weder auf diesen leidenschaftlichen Erguß, noch brach ich mit Adelen. Und ich fand noch einen und einen dritten und letzten Brief. Wie beklagte ich diese Unselige, sie schrieb in Verzweiflung, sie klagte sich, mich, die Welt an – endlich auch Clemens! Sie sprach das verhängnißvolle Wort aus, daß er Adele liebe, wieder geliebt werde und ich der Getäuschte sei. Noch heute weiß ich nicht, welch’ ein Beweggrund, welche dämonische Gewalt sie getrieben, sich so in mein Leben zu drängen, mit eiserner Hand meine Freundschaft und Liebe wie thönerne Götzen zu zerbrechen … was hatte ich ihr gethan? was gegen sie verschuldet? In meiner Phantasie, denn gesehen hab’ ich sie nie, trägt sie das Antlitz einer schönen aber todbringenden Furie.“

Mit einem tiefen Seufzer senkte Isolde, als hätte sie ein Schwertstreich getroffen, das Haupt auf die Brust und faltete die Hände – er aber vor sich hinstarrend, sprach weiter: Ja, todbringend! Denn nach dieser Aufklärung mußte ich mit Clemens brechen, ihn fordern, mich mit ihm schlagen … an der blitzzerschmetterten Buche, heute sind es fünf Jahre her. Wir schlugen uns lange, ingrimmig, schon blutete ich aus mehreren Wunden, da erschien sie, die Hexe, die ewig liebliche, betrügerische Adele. Sie hatte von unserm Streit erfahren, sie wollte uns versöhnen. Vor ihren Augen, ihren Worten senkten sich unsere Degen – dann folgte eine närrische Scene, eine bewunderungswürdige Tollheit der Jugend und der Begeisterung. Mit meinem Blute schrieben wir unsere Namen in den Baumstamm, gelobten uns mit Kuß und Handschlag Trennung im Augenblick, Wiedersehen nach fünf Jahren und eine ewige Freundschaft.

„So geschah es denn auch; da Clemens wegen der Kränklichkeit seines Oheims und seiner zukünftigen Stellung bei der Regierung das Land nicht verlassen konnte, reiste ich ab, mit kaum verharschten Wunden des Leibes und der Seele; Adele war zwei Tage nach unserm Zusammentreffen nach Paris gegangen. Solche Geschichten treten wohl auf Augenblicke vor den Eindrücken der Gegenwart zurück, allein sie erlöschen nie, und Sie begreifen, daß ich ihnen nachsinnend bald mehr der Unbekannten, als der Freunde gedachte, vor Allem, seit ich in meinem Goethe einmal zufällig die weiße Rose gefunden, die sie mir in das Fenster geworfen … es war das einzige Angedenken, das ich noch von ihr besaß. Da wünschte ich mir die Macht, sie zu mir herzubeschwören, damals wie jetzt!“

Er strich die Haare von seiner Stirn zurück und hielt die Hand eine Weile vor den Augen. Als er sie dann zurückzog, war Isolde aus der Fensternische an den Tisch herangetreten, und der Schimmer des eben aufgehenden Mondes, der voll in das Gemach hineinschien und um ihre Locken spielte, verklärte sie fast zauberhaft.

„Und wenn sie nun vor Ihnen stände,“ fragte sie mit sanftem rührendem Ton, „was würden Sie ihr sagen?“

„Ihr sagen? – Anschauen würde ich sie so lange, bis jeder Zug ihres Gesichts mein geworden, und zu ihr sprechen: warum rissest Du den Schleier entzwei, der mir die Welt verbarg? warum raubtest Du mir die fröhliche Jugend, die offene Hingabe? warum sollte ich meine theuersten Güter an Dich, Phantom, setzen? Sieh, Du hast mich einsam, traurig und verschlossen gemacht, ich habe nie wieder einen Menschen Freund genannt, nie wieder an Frauenliebe geglaubt. Du hast mir gesagt, daß Clemens wie Adele gelogen … was konnte ich von den Andern erwarten? Wenn es Deine Absicht war, mein Herz von den Täuschungen des Glücks und der Freude abzuwenden und zu jenem ernsten und trüben Ton zu stimmen, der durch unser Leben und Sterben gleich mächtig klingt; so hast Du sie erreicht. Ob Du mich liebtest, ob Du mich haßtest – grausam ist Dein Haß, grausam Deine Liebe!“

„Grausam!“ hauchte sie kaum vernehmlich vor sich hin.

Jetzt schlug die Uhr auf der Console mit raschen Schlägen die zwölfte Stunde. Bruno sprang auf: „Sie sehen, Gnädige, wie recht die Unbekannte mit ihrer Weltanschauung hatte. Alles ist Lüge, Schein und Verrath unter den Sternen – Clemens kommt nicht!“

„Und weil er treulos handelt, müssen wir Alle in gleicher Schuld stehen? Gibt es darum keine Aufopferung, keine Liebe mehr bis in Schmach und Tod?“

In dieser Aufregung war sie wunderschön; wie die strenggeschlossene Knospe sich plötzlich im Gewitterregen öffnet, so schien ihre Gestalt, ihr Wesen in leidenschaftlicher Wallung sich zu entfalten und aufzublühen. Hingerissen ergriff Bruno ihre Hand, sie schrie leise auf und entzog sie ihm hastig. Es war ihm, als hätten seine Finger an einem der ihrigen einen goldenen schmalen Ring berührt, und schon hatte sie ihn abgestreift und aus dem Fenster geschleudert.

„O!“ rief sie tiefaufathmend, mit wildzuckenden Lippen – „nun bin ich frei!“ Dann aber ließ ihre Erregung nach, sie senkte erröthend den Kopf vor Bruno. „Sie gehen?“

„Mein Gepäck ist unten im Dorfe. – ich denke, morgen in der Frühe abzureisen.“

„Morgen?“ Sie erhob mit fragendem und durchbohrendem Blick das dunkle Auge. Er fühlte zusammenfahrend, daß er diesem Blicke nicht so entgehen könne. – „Gut, nicht morgen – an einem andern Tage,“ sagte er abgebrochen.

Sie lächelte triumphirend: „Ich bin Ihnen für Ihre Geschichte die meine schuldig. Sie bewiesen mir ein so edles Vertrauen, ich tausche Gleiches mit Gleichem, Auge um Auge, Seele um Seele!“

Was sie nun noch sprachen, waren nur noch Laute der Freude und des Entzückens, von denen allein ihr „Gute Nacht!“ mit silbernem Ton in ihm fortklang, wie unsagbar süße Musik, als er wenige Minuten nachher die Straße von dem Schlosse in das Dorf hinabwandelte.

[33]
2.

Wäre doch der Morgen nie gekommen, nie mit seinen Strahlen Zweifel, Unruhe und Irrung, oder wäre ich wenigstens, wünschte Bruno, in einer fernen, fremden Landschaft erwacht, so daß Alles, was gestern geschehen, ohne Folgen, nicht mehr für mich wäre, als ein lieblicher Traum!

Er hatte sich fest gelobt, den Tag in den nahen Gebirgsthälern zuzubringen und am Abend, wie er Isolden versprochen, in das Schloß zu kommen, um bis dahin allen Enthüllungen zu entgehen, die ihm etwa im Dorfe über das seltsame Mädchen gemacht werden könnten. Ihm schien es das Beste, sie in dem duftigen Nebel zu lassen und ihre liebliche und phantastische Erscheinung sich nicht selbst durch die gemeine Wirklichkeit zu zerstören.

Doch gleich die erste Frage seiner geschwätzigen Wirthin, als sie ihm den Morgenimbiß brachte, warf seine Pläne um: „Wie Ihnen unsere Schloßherrin, die Gräfin Schönfeld, gefallen? Nicht wahr, eine schöne und vornehme Dame!“ Und nun ging die Erzählung wie ein Strom weiter, daß der alte Graf von Arnheim sich mit seinem Neffen im letzten Jahr seines Lebens erzürnt, die Tochter einer entfernten Verwandten zu sich genommen und zur Erbin des größeren Theils seiner Güter eingesetzt, während der junge Herr Clemens nur einen Pflichttheil und das Stammhaus in der fernen Provinz erhalten habe; seit drei Jahren walte nun Gräfin Schönfeld als gütige Herrin auf dem Schlosse, alle Verbesserungen seien ihr Werk, sie wäre klüger, thätiger und freundlicher als die Männer, und es sei unbegreiflich, daß sie sich vor einiger Zeit mit ihrem Vetter verlobt habe, der doch ein finsterer und zorniger Herr sei. Ein bitteres Lächeln spielte bei diesen Offenbarungen um Bruno’s Mund. „Dahin mußte es also ausschlagen!“ dachte er. „Was sich so schön zu gestalten schien, wird für uns Alle zu einer häßlichen Irrung. Warum hielt nur ich allein mein Versprechen und kam aus meiner Einsamkeit herüber?“ Dann fiel ihm wieder das räthselhafte Ausbleiben von Clemens auf, zu dem er unter diesen Verhältnissen gar keinen Grund sah; er gedachte, daß er nie einer Isolde Schönfeld, nie einer Aenderung seiner Lage erwähnt; er gedachte auch des Ringes, den sie von sich geworfen.

In solchen Gedanken verließ er, zwiespältigen Willens, bald zum Bleiben, bald zum Gehen entschlossen, das Haus und schritt den Bergen zu.

Bruno Berghaupt zählte etwas über dreißig Jahre, eine schlanke, kräftige Gestalt, im Gesicht einen halb spöttischen, halb melancholischen Zug. Nur zu sehr war seine Behauptung gerechtfertigt, daß ihm die Unbekannte die Freudigkeit seines Lebens geraubt. Auf der Schule, wie noch später auf der Universität, war er unter seinen Genossen der fröhlichste und keckste gewesen, die Fülle und der Wechsel der Welt überraschte und berauschte ihn, so viel Freude und Schimmer schienen nur Sinne genug zu fordern, sie zu genießen. Der rasche, unerwartete Tod seiner Eltern verdüsterte ihm freilich die Freudigkeit des Daseins, aber das Glück, als ob es besorge, sein Schooßkind zu hart verwundet zu haben, schenkte ihm zum Ersatz des Verlustes eine Jugendfreundschaft, eine Jugendliebe. Bruno’s empfängliches Herz ging in diesen Gefühlen auf, und als sie sich schwach und wankelmüthig erwiesen, erfüllte ihn eine unbeschreibliche Verbitterung, ein Ueberdruß an Allem. Wie weit er auch den Schauplatz dieser Ereignisse floh, wie tief er sich auch in das Studium der Natur versenkte, die alte sorglose Freudigkeit kehrte nicht mehr zu ihm zurück. Nur wenn er sein Gemüth vor der Außenwelt wohl verwahrt hielte und gegen sie die scharfen und stachligen Seiten seines Wesens hervorkehre, glaubte er sich fortan vor ihren Angriffen sicher. Zu tief hatte sie ihn verletzt, als daß er es noch einmal wagen sollte, sich, wie er sagte, ihren [34] Adlerkrallen, Verrath und Täuschung, auszusetzen. Alle, die durch Zufall oder Wahl mit ihm zusammenkamen, erkannten ebenso bereitwillig seinen großen Verstand, seine Gelehrsamkeit und geistige Kraft an, als sie an seinem Herzen zweifelten und seine Zurückgezogenheit, sein einsames und unstätes Wanderleben seinem Menschenhasse zuschrieben. Wenn in ihm noch ein Schatz wärmster Empfindung und edelster Gedanken lag, so war doch kein fremdes Auge durch den Schutt und Staub, den fünf Jahre darüber geschüttet, zu ihm gedrungen; er war noch unberührt, und es gab Stunden, wo Bruno sich so verlassen, traurig und unselig fühlte, nach einem Herzen verlangend, das seines verstünde, und doch keins findend, daß er gern all’ diesen Reichthum für den Handdruck eines Freundes, den milden und doch beseligenden Blick einer Frau hingegeben hätte. Blickte er dann aber wieder im Leben umher, so schalt er diese Stunden der Rührung und der Weihe Thorheiten eines Schwärmers und schloß sich nur trotziger und bestimmter von Allem ab, was seine düstere Stimmung hätte unterbrechen können. Zwar wandte sich seine geistige Theilnahme so bewegt und regsam wie früher den Zuständen und Dingen zu, allein seine Anschauung von der Kläglichkeit des Einzelnen und der Zwecklosigkeit der Welt beraubte sie all’ ihrer Frische. Während sein leibliches Auge noch eine Schöpfung der Kunst bewunderte, sah er im Geiste schon die Hand des Geschicks, die sie zertrümmerte; und noch mehr, diese verborgene Macht, welche Menschen und Dinge bald gegen einander treibt, bald freundlich nähert, steht über dem Begriff der Schuld, uns aber, die wir nur ihre Werkzeuge und durch unser Wesen ihr unterthan sind, zwingt sie die Vertretung und Rechtfertigung ihrer Thaten auf: wir werden schuldig, weil sie es so will, sie, die uns doch unsere Natur gegeben.

Wie so glücklich hatte Bruno diese Reise angetreten! Als er vor zwei Monaten England verließ, sang am letzten Abend, den er in London zubrachte, Adele in der Oper — in eine Logenecke gedrückt hörte er wieder diese klangvolle, melodienreiche Stimme, sah er diese entzückende Gestalt wieder, die einst sein jugendliches Herz mit Begeisterung erfüllt. Sie aufsuchen wollte er nicht, sondern das gegebene Versprechen bis zu Ende in allen Punkten halten, aber es beglückte ihn, daß ihr Bild wie eine schützende Gottheit ihn auf die Reise begleitet. Darum, um die selige Empfindung, die ihn jetzt durchströmte, ungeirrt von jeder störenden Zufälligkeit an der Brust des Freundes und der Geliebten auszujubeln, hatte er, in der Heimath angekommen, die Hauptstadt vermieden und war sogleich nach dem Schlosse geeilt …

Jetzt schritt er im tiefsten Unmuth durch die Felsgründe, die waldbedeckten Berge hinauf und hinab, sich selbst zum Räthsel geworden. Jeden Entschluß, den er gefaßt, bekämpfte im nächsten Augenblick eine andere Betrachtung. Das Gewebe, worin er sich verstrickt fand, verwirrte ihn; das Geheimnißvolle um Isolden, ihre Seltsamkeit reizte ihn ebenso, wie ihn Clemens’ Untreue erbitterte. Statt zur Klarheit vorzudringen, tappte er in der Finsterniß weiter, in eine dunkle Zukunft hinein.

Seine Wanderung war lang, unstät und freudlos. Als er wieder das Wirthshaus des Dorfes erreichte, schlug die Uhr der Kirche die fünfte Stunde. Vor der Thür des Hauses stand ein Diener in der arnheimschen Livree — der Graf warte seit lange auf ihn, oben in seinem Zimmer, erfuhr Bruno von ihm. Eilig stieg er die Stiege hinauf, ohne den neugierigen und mißtrauischen Blick zu bemerken, den ihm der Diener nachsandte.

Graf Clemens Arnheim saß in dem altmodischen Lehnstuhl und blätterte ungeduldig in einem der Bücher, die Bruno auf dem Tische hatte liegen lassen.

„Bruno!“
„Clemens!“

Sie standen sich beide gegenüber, Jeder wußte mit einem Blick in das Antlitz des Andern, daß die alte Freundschaft darin wie im Herzen erloschen sei; darum zog Bruno die Hand, die er bei seinem Eintritt den Grafen schon entgegengestreckt hatte, hastig zurück … ein unheimliches Schweigen herrschte im Gemach.

„Adele,“ sagte dann Clemens und reichte ihm ein Kästchen, „schickt Dir die Rose.“
„Durch Dich?“

„Sie wußte Deinen Aufenthalt nicht und vermuthete, daß Du in unserer Hauptstadt sein würdest.“

„Und Sie selbst kommt nicht?“

„Sie erfuhr durch eine Freundin meine Verlobung mit der Gräfin Schönfeld.“

„So!“ Und Bruno setzte das Kästchen langsam auf den Tisch nieder, legte die Bücher zusammen, um die Bitterkeit, die in ihm aufstieg, niederzukämpfen — „und Du hofftest, daß auch ich nicht kommen würde?“

„Offen heraus — ja; Du hattest so lange nicht geschrieben, Du warst wie verschollen –“

„Du hast Recht, ich hätte verschollen bleiben müssen. Doch ich bin da, ich habe Deine Verlobte gesehen —“

„Ich weiß es, ich komme vom Schlosse.“

Bruno wandte sich rasch ab und stieß das Fenster auf, dann erst bemerkte er, daß Clemens noch immer stand — „Setz’ Dich doch! Ich meine, es kann heute noch einmal wie vor Jahren Alles zwischen uns klar werden — und ohne Blut!“

In Clemens’ blassem, schönem Gesicht zuckte ein unheimliches Leuchten, er setzte sich wieder in den Sessel nieder; Bruno blieb, die Arme über einander geschlagen, vor ihm stehen.

„Ich sollte Dich eigentlich fragen,“ sagte er langsam, fast nachlässig, „wozu dieser Wortbruch? diese Heimlichkeit? Was hätte Deine Verlobte wider unsere Zusammenkunft einwenden können? War sie eifersüchtig auf Adele? Sie wird so gut wissen, wie Du und ich, daß die Liebe einer gefeierten Sängerin nicht fünf Jahre dauert und daß Adele alt geworden, eben wie Du und ich. Wir hätten alle Drei noch eine Stunde des fröhlichsten Wiedersehens genießen können und dann uns vielleicht auf immer getrennt, weil die Saiten unserer Seelen, die einst so harmonisch in einander klangen, nun verstaubt und verstimmt sind, aber wir hätten doch Wort gehalten, Clemens — und ein Mann, ein Wort! Ich könnte mich beklagen, daß Du mich eine leidlich kindische Rolle vor einer Dame spielen ließest, deren Achtung mir theuer sein muß; allein Du wirst erwidern: das ist meine Sache, mein Geheimniß! Gut, und darum will ich nur Antwort auf dies Eine, ehrliche, muthige Antwort: was hast Du gegen mich?“

So lange Bruno sprach, hielt der Graf seine Stirn in seine Hand gestützt, tief nachsinnend und nur zuweilen mit einem heftigeren Zusammenpressen der Lippen die Worte des Freundes begleitend. Jetzt schaute er spähend nach ihm hinüber, als wolle er sich versichern, wie weit seine Offenheit gehen dürfe, welch’ feinster Faden in diesem verwirrten Gewebe dem Andern noch verborgen sei.

„Nichts,“ erwiderte er, „nichts habe ich wider Dich, Bruno, als eine unbestimmte, unklare und, wie ich fast bekennen muß, thörichte Eifersucht. Du sprachst gestern mit der Gräfin — lange und lebhaft, wie ich hörte — auch ich dränge mich nicht in Deine Geheimnisse und quäle mich um den Inhalt dieses Gespräches, aber Du wirst ihren eigenthümlichen, wunderlichen Charakter daraus erkannt haben und wirst meine Eifersucht darum entschuldigen, wenn auch nicht billigen.“

Eine Stimme in Bruno’s Seele gab Clemens Recht, und mit einem Ton, der wider seinen Willen bebte, fragte er: „Liebst Du sie denn?“

„Lieben? Ich fürchte, Bruno, darüber verstehen wir uns gegenseitig nicht mehr. Allein auch Du siehst die Welt um uns her entgöttert und leer an Idealen, Du begreifst, daß meine Heirath mit der Gräfin eine Nothwendigkeit ist. Sie stammt aus einem vornehmen, mir verwandten, aber herabgekommenen Geschlecht und wäre vielleicht noch in ihrer Armuth und Verborgenheit, wenn sie der Oheim mir nicht vorgezogen und mit seinen Gütern beschenkt hätte. Jetzt bin ich der Arme, ist sie die reiche, vielbegehrte Dame. Das Stammschloß an der böhmischen Grenze, das mir der Oheim nicht entziehen konnte, ist verfallen, fast ohne Werth, ich will vorwärts in der Welt, ich brauche zu meinem Namen auch den Reichthum — es war natürlich, daß ich zunächst an Isolde dachte.“

„Bleibt nur das Eine noch zweifelhaft: liebt sie Dich?“

Darauf antwortete Clemens nicht sogleich, er schien wieder seine Worte erst im Geheimen abzuwägen, endlich sprang er vom Sessel auf und faßte Bruno’s Hand: Ob sie mich liebt? Sie ist ein Dämon, sage ich Dir, und ich glaube, kein menschliches Auge drang in die Tiefe ihres Innern, aber sei’s darum, ich muß es mit ihr wagen.

„Auch ohne ihre Liebe?“

Clemens nickte. „Ich besitze nichts mehr als die Hoffnung auf diese Heirath. Ein Jahr lang habe ich um sie geworben und ihre freie Zustimmung erhalten. Von jenem Verlobungstage indessen [35] an bemächtigte sich meiner eine klägliche und doch unbezwingliche Furcht, irgend ein Nichts könnte sich meinem Glücke entgegenstellen. Nicht ihr Reichthum allein, auch ihre Erscheinung übt eine magische Gewalt auf mich aus und läßt mich leidenschaftlich nach ihrem Besitz trachten. Da hast Du den Schlüssel zu meinem Benehmen, das Du Falschheit nennst – wenigstens zu Dir bin ich aufrichtig gewesen.“

„Ich muß es glauben,“ entgegnete Bruno, einer bestimmten Erklärung ausweichend. „Sicher bist Du nicht mehr jener Clemens –“

„Der in Alcala von Dir Abschied nahm,“ parodirte der Graf mit leichtem Scherz und froh aufathmend, als sei diese so gefährliche und so lang gefürchtete Unterredung nun doch glücklich in das breite Meer der Alltäglichkeit gelenkt worden. „Nein, ich bin es, ach! nicht mehr! Allein bedenke, Freund, fünf Jahre, schwere sorgenvolle Jahre, im Ringen um eine Stellung, um ein stolzes, launenhaftes und unbegreifliches Weib verbracht! Darüber verliert sich der Schmelz und der Duft der Jugend. Sind wir doch Beide verwandelt, was willst Du schelten, daß ich selbstsüchtiger und berechnender geworden?“

„Ich schelte ja nicht; Phaethon muß steigen und stürzen, eben weil er Phaethon ist.“

„Eine düstere Prophezeihung! Aber was ist’s denn so Großes, sich immer wie Du im engsten Thal zu beschränken und gewaltsam die Flügel seines Willens zu brechen? Heißt leben nichts als dem Leben fortwährend entsagen? Doch ich hätte Dich darin und in allen Deinen Sonderlichkeiten besser kennen sollen,“ fuhr er fort, nun schon ganz ruhig und vertraulich geworden, „und Dich gestern nicht, wie ich that, in der Hauptstadt, sondern auf dem alten Kampfplatz erwarten. Den gestrigen Tag haben wir verloren, ich hoffe, Du schenkst mir dafür diesen Abend.“

„Vergib, ich kann nicht, ich will morgen wieder abreisen.“

„Und willst Niemand von den alten Freunden und Bekannten in der Stadt aufsuchen? Ich sprach noch vor wenigen Tagen Deinetwegen mit dem Minister. Eine Stelle in der philosophischen Facultät der Landesuniversität steht schon seit Jahren leer. Wer hätte mehr Anspruch darauf als Du? Jedermann rühmt Deine Kenntnisse, Deine gelehrten Werke. Willst Du das Glück so von Dir weisen und, wie Du gekommen, wieder verschwinden, spurlos beinahe?“

„Spurlos, Du triffst das richtige Wort für meine Absicht. Ich bin zum Wandern und zur Unabhängigkeit geboren; mein kleines Vermögen sichert meine Freiheit und reicht für meine Bedürfnisse für ein, zwei Jahre noch aus. Morgen, was ist denn morgen? Laß mich nur ziehen, es ist das Beste.“

So gut er sich auch zu beherrschen wußte, ganz vermochte Clemens die freudige Aufregung nicht zu verbergen, in die ihn Bruno’s Entschluß versetzte; sein Auge funkelte, seine Gestalt hob sich, das Unbehagliche und Heimliche, das bisher wie ein Schatten sein edles Gesicht bedeckt und entstellt hatte, verschwand vor dem strahlenden Glanze, der sich plötzlich darüber ausbreitete.

„Bei alledem, dieser Abend gehört mir und ich werde ihn keinem Andern mit gutem Willen lassen.“

„Dieser Abend – und immer dieser Abend! Er ist nicht mehr mein; hat sie – hat die Gräfin Dir nicht gesagt –“

„Was denn?“

„Es ist kein Geheimniß; ich erzählte ihr gestern meine Geschichte, sie will mir heute die ihrige erzählen.“

„Und Du?“

„Ich werde sie hören.“

„Nimmermehr!“

Bei diesem Aufschrei des Grafen kam auch in Bruno ein wildes Leben. „Es ist also doch noch ein dunkles Etwas hinter all’ Deinen Worten verborgen! Ich aber will länger weder Dein noch ihr Narr sein!“

„Du liebst sie!“

Stolz richtete sich Bruno vor ihm auf: „Du beurtheilst Alle nach Dir und denkst vielleicht in diesem Augenblick an Adele. Sei ruhig; ob ich sie liebe, ob nicht, was kümmert es Dich, wenn dies Geständniß in meiner Seele bleibt?“

Und ohne weiter an den entsetzten und erstarrten Clemens ein Wort zu richten, nahm er einen leichten schwarzen Mantel um und schritt zur Thür.

„Du gehst?“ brach der Graf noch einmal aus.

„Ich muß.“

„Gut,“ entgegnete Clemens beklemmt, „Du schlägst meine Begleitung nicht aus.“

Diese letzten Worte verklangen im Oeffnen der Thür. In den Gesichtern Beider brannte der Zorn, Clemens hatte die Hände geballt, als sie aus dem Hause traten. Heftig wies er den Diener zurück, der ihnen erst besorgt mit den Augen folgte und dann in steigender Angst um seinen Herrn in einiger Entfernung nachging.

Wie in Uebereinstimmung schlugen Beide nicht den großen Laubgang von Kastanien ein, der vom Dorfe bis zum Schlosse in breiter Anlage emporstieg, sondern wandten sich seitwärts nach einer waldumbuschten Schlucht, durch die ein verborgener und einsamer Pfad bis hart an das Gitter des Gartens führte. Es ging gegen den Abend und der Wind trieb geschäftig der untergehenden Sonne dunkle Regenwolken entgegen, die, von ihrem Glanze angehaucht, an den äußersten Rändern eine röthliche und goldbraune Färbung annahmen. In dem Tannendickicht der Schlucht glänzten nur die schlanken Baumkronen noch im rosigen Licht, an einzelnen Stämmen glitt es matt verglühend bis zu dem niedrigeren Gebüsch hinab, sonst aber herrschte die Dämmerung in dem lauschigen Grunde. Diese Heimlichkeit vermehrte noch das Rauschen eines durch die Schlucht strömenden Baches, der weiterhin aus der Felsenge hervortretend die Wiesen des Dorfes tränkte. An manchen Stellen verbargen ihn die Weidengebüsche des Ufers fast ganz den Blicken der Wanderer, an andern schlug seine rasche Welle stürmisch an das nackte, steinige Ufer. So schmal war der vielfach gewundene Steg, daß sie oft nur hinter einander auf ihm gehen konnten, Bruno voran, Clemens folgte, an den Bäumen entlang schreitend, wie ein Schatten.

Ueber die Mitte des Grundes hinaus waren sie so schweigend gewandert, jetzt führte der Weg einen Felsen steil hinan und senkte sich jäh und abschüssig auf der andern Seite zum Bache nieder, über den hier eine kleine Holzbrücke geschlagen war. Oben auf der Spitze der Höhe sah man die im Sonnenuntergang dunkelroth glühenden Fenster des Schlosses herüberschimmern – ihnen, die aus der Dämmerung emporklommen, war es wie eine märchenhafte Erscheinung.

„Ja,“ rief Bruno von dem Anblick überrascht, „Du hast Recht, dort scheint nur eine Zauberin wohnen zu können.“

„Und Du, der mich noch eben Phaethon schalt, willst Dich dennoch von ihr verblenden und betrügen lassen?“

„Clemens, es ist gestern ein Tropfen auf mein Haupt gefallen, der mich zu verwirren, mein Blut zu vergiften anfängt. Fiel er aus der Schale des Zorns oder aus der des Glücks? Laß mich die Erkenntniß suchen, die bei ihr allein ist.“

„Verstelle und überrede Dich selbst mit klugen Sprüchen – Du liebst sie. Bin ich doch demselben Zauber erlegen – und sie ist nicht einmal schön, nicht halb so schön wie Adele! Wie verwünsche ich jetzt meine Thorheit, Dir nicht Alles früher gestanden zu haben! Du hättest sie entweder nie oder nur als meine Gattin sehen sollen. Ich bitte Dich, Bruno, geh nicht hinüber. Was Du erfährst, es vermehrt Dein Glück nicht, es raubt Dir auf immer Deine Ruhe. Du wirst nicht glücklich werden können mit dem Vorwurf in Deiner Seele, daß Du mir dies Glück nahmst. Wenn nicht mehr die Göttin der Freundschaft selber, so wandelt doch noch ihr Schatten um uns, dem bringe dieses Opfer.“

Er hatte warm und innig geredet, mit jenem leise verschleierten Ton, der vor Jahren Bruno’s Herz in Rührung besänftigt und gewonnen, diesmal wuchs nur die schwere Falte auf dessen Stirn. „Opfern – immer opfern, dazu bin ich Dir gut! Du umspinnst mich mit Geheimnissen, und an jedem Faden, den ich entwirre, hängt, ich sag’s offen, eine Falschheit, ein Verrath von Dir!“

„Verrath?“ sagte stolz der Graf und ergriff Bruno hart an der Schulter. „Wahre Dich!“

„So sagt’ ich. Das Alles würde den Argwohn auch des Arglosesten wecken, in mir erweckt es noch ein anderes, bitteres Gedächtniß, und es braucht keiner Unbekannten mehr –“

Sie standen dicht am Rande des Abhangs. Wie gelähmt sank die Hand des Grafen von Bruno’s Schulter. Erdfahl geworden, starrten sich Beide an – einmal und noch einmal schlug Bruno wild an seine Stirn und rief im verzweifelnden Schmerz: „Sie ist’s! Sie ist’s, Isolde Schönfeld!“

„Zu Ende!“ stahl es sich über Clemens’ Lippen, aber er ermannte sich sogleich und stieß, seine ganze Kraft zusammennehmend, den Freund von der gefährlichen Höhe.

[36] Das Gestrüpp und die Dornen, die am Felsen wucherten, hielten indessen mit ihren Zacken Bruno’s Mantel fest, und so gelang es ihm zum Stehen zu kommen, gerade wo das Gestein jäh in die Tiefe abstürzte. Er warf den zerrissenen Mantel von der Schulter, schaute noch einmal zu dem oben stehenden, hinablauschenden Clemens empor, mit stolzem Blick, stolzer grüßender Handbewegung, und bahnte sich mühsam einen Weg zum Bache. Auf der Höhe war Clemens niedergesunken, das Gesicht mit den Händen bedeckend – es war ihm, als quelle Feuer und Blut aus seinen Augen, und doch weinte er nicht. Bis zu diesem Abgrund also hatte ihn eine unerbittliche Nothwendigkeit geführt, und wieder, wie vor fünf Jahren, war es nur ein Zufall gewesen, der ihm den Mord des Freundes erspart – einen Mord, den er doch schon im Gedanken begangen und den er nun ausführen mußte. So lag er im starren, stummen Schmerz; über ihm war das kleine, unscheinbare Saatkorn seiner ersten Schuld zu einem Riesenbaume aufgewachsen, dessen Gifthauch ihn tödtete.

Als er dann aus seiner Betäubung auffuhr und die Hand von seinem Gesicht nahm, sah er in der nun schon völlig hereingebrochenen Dunkelheit die Fenster des Schlosses freudig von Lichtern erglänzen, wie zum Spott und Hohn für ihn, der auf nackter Felsspitze verstoßen und allein mit den Gedanken Kains saß. Und je länger er so, den Arm auf einen Steinblock gestützt, hinüberschaute, desto härter wurde sein Herz; auch um ihn hauchte ein Geist des Verderbens seinen Athem, als er die Höhe hinab und durch die Schlucht zurückwandelte. Da, wo sie die Dorfstraße berührte, fand er in bangender Erwartung seinen Diener. Er hieß ihn die Pferde satteln, auf denen sie am Morgen von der Hauptstadt herübergeritten waren, und suchte selbst in der Reisetasche nach den Pistolen, die er zu sich gesteckt und die zuerst in dem treuen Diener die Ahnung erweckt, daß der harmlose „Spazierritt“ einen andern Zweck habe, als einen Besuch bei der Gräfin. Sorgfältig prüfte Clemens jetzt noch einmal die Ladung, die Schlösser der Waffen, wog sie lange in den Händen und barg sie zuletzt in seiner Brusttasche. Mit verschränkten Armen blieb er an den Thürpfosten gelehnt auf der Schwelle des Wirthshauses. Ueber der Schlucht erhob sich im wilden Getümmel der jagenden Wolken der Mond.

Nun wurden die Pferde vorgeführt und stampften, von der Hand des Dieners gehalten, mit ungeduldigem Huf den Boden …

Clemens seufzte. „Warte,“ sagte er dann kurz, „ich gehe noch nach dem Schlosse.“

In sich gekehrter, härter, gebieterischer war er nie aufgetreten.

Ohne Gruß ging er an den Bauern vorüber, die mit ihren Frauen auf den Bänken, vor den Häusern saßen und ihm den Nachtgruß wünschten … er verschwand in den Schatten der Schlucht; das allgemeine Geflüster, das heimliche Schmähen und Grollen, das sich hinter ihm erhob, vernahm er nicht mehr – Er oder ich! das war sein einziger Gedanke.




3.

Der letzte Sonnenstrahl verglühte eben an dem röthlichen Gestein des Schlosses, als Bruno durch den Garten stürmend die steinernen Stufen vor der Glasthür erreichte, auf denen Isolde so unruhig und aufgeregt wie er dahinschritt.

Sie erkannte ihn schon in einiger Entfernung, eine, zwei Stufen eilte sie ihm entgegen. Strahlend und verschämt zugleich, mit den Blumen im Haar, in ihrem weißen, luftigen Gewande sah sie aus wie eine Braut. Zu mächtig war die Bewegung und der Sturm der Gefühle in Beiden, um in Worte auszubrechen, Einer in den Anblick des Andern versunken, reichten sie sich schweigend die Hand. Erst oben in dem Erkerzimmer rief sie: „Bruno!“ er: „Isolde!“

Aber dieser Ruf klang ihr düster, unheimlich, durchaus nicht wie aufjauchzende Liebe – und schon hatte er ihre Hände ergriffen und sagte erschüttert: „Warum mußt’ ich Sie kennen lernen, Isolde? Sie haben mir den Freund für immer geraubt!“

„Sie zürnen mir, Sie hassen mich, und doch bin ich viel elender und unglücklicher als Sie. Ach, Sie wissen nun, daß ich grausam war – ach! Sie wissen nicht, was ich gelitten, was mich wie Entzücken und Vernichtung durchbebte, als ich Sie gestern wiedersah. Verachte, fliehe mich, aber hören mußt Du es doch, daß ich Dich liebe! Ich will es in Dein Ohr schreien, daß Du es nimmer vergessen kannst – ich liebe Dich! ich liebe Dich!“

Thränenüberströmt hatte sie ihr Haupt an seine Schulter gedrückt, dann riß sie sich los und eilte zu der marmornen Göttin des Gemaches, den Sockel wie schutzflehend mit ihren Armen umfangend.

„Isolde!“ bat er.

„Laß nur,“ antwortete sie gefaßter, „es ist vorüber und Dein Mitleid tröstet mich nicht.“

Eine Blume, die ihrem Haar entfallen war, nahm er vom Boden auf, sie entblätterte in seiner Hand. Dies und ihr Schweigen, die Erinnerung an Clemens’ That, seine peinliche Lage gaben ihm endlich Muth und ernsten Willen, um jeden Preis diese Verwickelung zu lösen.

„Wie das Schicksal, Fräulein Isolde,“ sagte er darum, „auch weiter über uns bestimmen wird, seien wir wenigstens ehrlich zu einander, thun wir, so viel wir können, um nicht schuldlos, doch entsühnt und gerechtfertigt dem Unvermeidlichen entgegen zu gehen. Sie müssen erfahren, daß Sie Ihre Liebe einem Unwürdigen schenkten, daß ein Geständniß, das mich beglücken sollte, mich verdammt. Ich beging wider Sie eine unverzeihliche Treulosigkeit, die Ihnen zugleich offenbart, wie hassenswerth Sie mir einst erschienen: ich gab Ihre Briefe an Clemens, der wissen wollte, wer ihn bei mir verklagt.“

„An Clemens?“ rief sie, und nun hatte ihr Antlitz, die drohend erhobene Hand wirklich einen erschreckenden, furchtbaren Ausdruck.

„An Clemens; damit bin ich gerichtet.“

Mühsam eine äußere Fassung erzwingend, obgleich sein Herz gebrochen war, wollte er sich aus dem Gemach stehlen, sie aber hielt ihn mit befehlendem Ton zurück: „Sie kennen nur die Hälfte Ihrer Schuld, daß Sie leichtsinnig fortwarfen, was mir das Theuerste war – möge Sie die ganze erdrücken.“

Sie war wie verwandelt, Alles an ihr streng, herbe und schwer geworden, und da sie sein Erstaunen darüber bemerkte, sagte sie bitter: „Nun bin ich ja die Furie, die in Ihrer Erinnerung steht.“

Und ohne eine Erwiderung zu erwarten, setzte sie sich, winkte ihm, neben ihr Platz zu nehmen, und eine Blume nach der andern aus ihrem Haar reißend und zerpflückend, erzählte sie: „Wir wohnten in demselben Hause, wir haben uns oft auf den Treppen, in der Flur begegnet, allein Sie hatten keinen Blick für mich, nur einen förmlichen, scheuen Gruß. Verkannt und zurückgesetzt zu werden, war immer mein Loos. Die alte Dame mit dem Strohhut kennen Sie besser, es war meine Tante, die mich von dem Gut meiner Eltern mit sich in die Stadt genommen. Meine Eltern waren arm, trotz ihres vornehmen Namens, ich hatte Brüder, für die eher als für mich gesorgt werden mußte, ich war nicht schön und darum nicht der Liebling meiner Mutter. Was ich nun einmal bin, meine Anschauungen wie meine Leidenschaften, verdanke ich meinem Vater, der mich liebte, mich unterrichtete, dem ich Alles war. So überspannt im Kopf, mit wildwogendem, verlangendem Herzen, das um so mächtiger schlug, da es von Jugend auf nur an Entsagungen gewöhnt war, kam ich nach der Hauptstadt, sah ich Sie.“ Ihre Stimme wurde weicher und milder, als sie dann mit entzückendem Lächeln sagte: „Und ich liebte Sie! Ich beobachtete Sie täglich, stündlich von meinem Fenster, ich wußte, wann Sie gingen, wann Sie zurückkamen. Mir schien es damals so wunderschön, mit Ihnen die Dame Kobold zu spielen. Ach, als ich Ihre ersten Verse an mich las! Es war ein sonniger Tag, er verrann mir in Melodien.“

[49] Nach einer Pause fuhr Isolde fort: „Meine Tante lebte eingezogen, klösterlich, voll jenes vornehmen Selbstgefühls, das ihr jeden andern Umgang, als den mit ihren Standesgenossen, untersagte; so blieb ich auf meine Leidenschaft beschränkt, in Herzenseinsamkeit und abenteuerlichen Plänen. Und Alles würde vielleicht zerflossen sein, wie Mädchenträume eben zerfließen, wenn ich nicht zufällig während eines Besuches in diesem Schlosse Clemens bei dem Oheim getroffen, nicht zufällig der alte Herr Ihren Namen genannt hätte. Nun rühmte die Tante Ihre Höflichkeit und Zurückhaltung, der Graf Ihre Kenntnisse, Clemens Ihre Freundschaft – das [50] Zimmer hallte von Ihrem Lobe wieder, und da saß ich hochklopfenden Herzens, mit glühenden Wangen, in unsagbarer Seligkeit, den Preis meines Geliebten mit begierigem Ohre einsaugend. Meine Unruhe mußte mich Clemens verrathen haben, er führte mich durch den Garten, er sprach nur von Ihnen, aber er sagte mir auch, daß Sie Adele liebten. Und heute wie damals zerreißt dieser Gedanke mein Herz, ja meine Neigung ist grausam und ausschließlich. Nur müssen Sie Mitleid mit mir haben; wie bin ich dafür bestraft worden, mit eigener Verzweiflung, mit Ihrer Verachtung! An jenem ersten September, wo Sie sich mit Clemens schlugen, lag ich in Fieberphantasien, von den Aerzten aufgegeben, auch ich hatte Ihnen mit dem Blute meines Herzens das Unselige geschrieben.

„Meine Jugendkraft rettete mich, ich genas und erfuhr nun, daß Sie seit Wochen die Stadt verlassen hätten; wohin Sie gegangen, wußte Niemand. Nichts hoffen, nichts begehren, hatte mir der Vater so oft gesagt, das allein macht unser Glück aus. Ich war jetzt in dem Falle, die Wahrheit dieser Lehre an mir selbst zu prüfen: weder vom Leben, noch von dem Geschick erwartete ich fortan ein Zeichen der Gunst. Und gerade damals strömte eine Fülle des Segens auf mich nieder. Der alte Graf Arnheim hatte Gefallen an mir gefunden, er rief mich in’s Schloß, ich wurde die Stütze und Trösterin seines Alters. Willig gehorchte ich seinen Wünschen und schmiegte mich in all seine Launen. Sein Verhältniß zu Clemens ward täglich unsicherer und unleidlicher; während er mit warmer Vorliebe von Ihnen redete, gedachte er seines Neffen mit Abneigung und Haß. Sie haben mir gestern Clemens in einer Glorie gezeigt, die ich nie um ihn gesehen, es ist etwas Heimliches, kalt Berechnendes in ihm, Verstellung und Verstand zugleich, das ihn auf immer von der offenen, aufrichtigen und aufbrausenden Natur seines Oheims trennen mußte. Familienzwistigkeiten mochten hinzukommen, es war im Voraus ersichtlich, daß ihm die große Erbschaft nicht zufallen würde – im Gegentheil, nach dem Tode des Grafen war ich, die arme, bis dahin kaum beachtete Isolde Schönfeld, die Herrin großer Güter, eine der reichsten Frauen des Landes geworden. Wenn nicht schon früher, so haßte mich Clemens von diesem Augenblicke an, es war die nothwendige Folge unserer veränderten Stellung.

„Sie sind wahr zu mir gewesen, Bruno, Sie können das Gleiche von mir verlangen, ich fürchte auch nicht, daß Sie mich darum geringer schätzen. Ich war zwanzig Jahre alt, die unabhängige Herrin meines Vermögens, Vater und Mutter mir gestorben, außer meiner alten Tante und meinen Brüdern, die in fernen Garnisonen standen, ich für mich allein auf der Welt. Die Gesellschaft hatte mich so lange mißhandelt, zurückgesetzt, daß ich ihr nun meinerseits diese Verachtung zurückzuzahlen beschloß. Wären Sie mir damals plötzlich erschienen, wie Ihr Bild allnächtlich durch meine Träume irrte – o, wie viel besser wäre Alles geworden! So rissen mich die Leidenschaften des Stolzes und des Trotzes auf abschüssiger Bahn dahin, ich selbst kam mir vor, wie eine Fürstin, die auf goldenem Wagen durch die Reihen eines jubelnden Volkes fährt. Mein war, was mein Wille begehrte – Sie ausgenommen, Bruno, und dieser Stachel schärfte mein unruhiges Verlangen nach ewig neuem Genuß und berauschender Betäubung. Diese Jahre – ich will sie nicht feige vor Ihnen bereuen und beklagen; der verdiente nicht die Frucht der Hesperiden zu kosten, der sie nachher giftig und verderblich schilt. Eine volle Rose blühte das Leben vor mir auf, sonnendurchleuchtet, duftberauschend … Ach! es war nicht jener zarte, farbige Schmelz der Jugend, es waren nicht die Thautropfen mehr in den Kelchen der Blumen, die ich Ihnen pflückte – und doch, es war eine namenlos herrliche, im Aetherglanz schimmernde Welt!“

Alle Blüthen aus ihren Locken hatte sie zerpflückt, und die bunten Blätter lagen hingestreut auf den Falten ihres weißen Gewandes, nun zog sie es fester an sich und schüttelte die Blätter weithin über den Fußboden, wie herabrieselnde Regentropfen. Und wie sie niederfielen, verlor auch ihr Antlitz den jubelnden, bacchantischen Ausdruck, den es bei ihren letzten Worten angenommen, und wurde wieder ernst und still.

„Nun steh’ ich blüthenlos vor Ihnen, bis auf das heilige, unentweihte Veilchen in meinem Herzen, die erste Liebe. Aber Sie erfuhren es ja auch im Lauf des Lebens – was gilt denn ein Herz? Unter den geringen Waaren ist es die geringste, und gerade das edelste findet keinen Käufer. Das glauben Sie mir wohl, daß ich das meinige Niemand schenken konnte, Niemand, als dem, der es verschmäht hatte. Unter so Vielen, die um mich warben, gehörte Clemens zu den Unermüdlichsten; die Erbschaft, die er verloren, gedachte er so am leichtesten wiederzugewinnen“.

„Nein, nein!“ unterbrach sie Bruno, „er liebt sie wahrhaftig.“

„Dann ist seine Seele voll unergründlicher Tücke. O, vertheidigen Sie ihn nicht; die Briefe, die Sie ihm gegeben, lösen mir jedes Räthsel, auch das seiner Liebe. Ich erschrak oft über seine lauschenden, forschenden Blicke, über die Kenntniß, die er von den verborgensten Seiten meines Wesens hatte; Sie gaben ihm den Schlüssel dazu. Dennoch merkte er bald, daß ich ihm nie meine Hand reichen würde, daß ich Andere ihm vorzöge, und er beschloß, mich zu verderben. Wie ich mein Leben auch gestaltete, er hatte kein Recht, mir einen Vorwurf daraus zu machen, aber erst heimlich, dann lauter verfolgte mich Gerücht auf Gerücht. Die vornehme Gesellschaft haßte mich, weil ich ihr trotzte und mich hochmüthig außerhalb ihrer Formen gestellt. Nur rächen sich diese verachteten Formen und zwingen uns zuletzt doch, mit gebrochener Kraft, wieder unter ihr eisernes Joch. Es hieß, man wolle mir einen Spiegel der Tugend vorhalten, in dem ich erschreckend mein häßliches Bild erblicken würde. Tugend – wer riefe nicht ihren Namen an? Schade, daß Jeder eine andere Göttin darunter versteht! Dem, was die Welt so nannte, mochte ich oft zuwidergehandelt haben, ich mußte nun meine Strafe leiden. Wahrheit und Lüge mischte sich wunderlich in den Beschuldigungen zusammen, die mich trafen und die alle ihren Ursprung zuletzt in Clemens’ Aeußerungen über mich fanden. Was ich Ihnen in der Ueberschwänglichkeit der Leidenschaft geschrieben, ich glaub’ es jetzt nur zu gewiß, diente ihm vor Andern meine Verworfenheit zu beweisen; die heiligsten Ergießungen meines Herzens nannte die Menge Frevel. Ja, Bruno, das Mädchen, das Sie liebte, hieß eine verworfene Frau. – Ich bin nicht dazu geschaffen, mich zu vertheidigen, ich hielt den Sturm eine Weile muthig aus, zuletzt kränkte, verletzte mich Alles, ich verließ die Stadt und lebe nun schon seit einem Jahre abgeschieden auf diesem Landgute. In der Einsamkeit erwachten die alten Erinnerungen wieder, das Angedenken an Sie – es war ein stiller Hafen, in den der Schiffer nach gewaltigem Unwetter flüchtet. Wieder hatte die Lehre des Vaters, die Philosophie der Entsagung gesiegt. Freilich waren Sie mir verloren, kaum ein und ein anderes Mal hatte das Gerücht Ihren Namen zu mir getragen. Lebten Sie noch? Aber so sind wir, ich hoffte dennoch auf ein Wunder des Schicksals zu meinen Gunsten, daß wir uns noch einmal begegnen würden.

„Im Winter dieses Jahres starb meine Tante. Bei ihrem Begräbniß erschien Clemens nach langer Abwesenheit wieder in meinem Hause. Er sah bleich, krank aus und war von inneren und äußeren Schmerzen geplagt. Wenn er mit mir sprach, schlug er das Auge nicht auf, sein ganzes Wesen drückte Zerknirschung aus. Habe ich ihn doch mit Unrecht beschuldigt? fragte ich mich unwillkürlich. Er bat mich um eine Unterredung, ich bewilligte sie ihm. Von allen Vorwürfen, die ihm mein Herz im Stillen gemacht, nahm er selbst nicht einen zurück, er erkannte sich als schuldig, als unwerth meiner Huld und Freundschaft an, aber er liebe mich, so oder so hätte er mich gewinnen wollen. Ich saß wie betäubt vor ihm; war Alles, was er sagte, Blendwerk und Spiel, konnte die Leidenschaft zu solcher Verirrung führen? Nichts in seinem Benehmen, seinem Ton zeigte von Verstellung, von überlegter List – dennoch überzeugte er mich nicht; zu tiefe Wurzeln hatte die Abneigung gegen ihn in meiner Brust geschlagen, er mich zu tief beleidigt, als daß seine augenblickliche Reue mich versöhnt hätte. Indeß, er war jetzt der einzige Verwandte, der in meiner Nähe weilte, sein offenes Geständniß raubte mir den Vorwand, ihm noch ferner mein Haus und meine Gegenwart zu versagen. Er kam öfters zu mir heraus, immer gleich zurückhaltend, ergeben, nie herrisch und hochmüthig, wie er mir sonst entgegengetreten; er fühle wohl, sagte er mir, daß er nur ein geduldeter Besuch im Schlosse wäre und keine größere Gunst verlangen könne; ich dagegen versicherte ihm, wenn er bei dieser Gesinnung bliebe, würde er mir stets willkommen sein. So selten indeß seine Besuche auch waren, so kurz sie dauerten, fielen sie doch auf; eine Frau, mit deren Ruf man einmal leichtsinnig gespielt hat, ist allen Verleumdungen ausgesetzt. Hatte Clemens darauf einen neuen Plan gebaut, mich zu gewinnen? Als ich darüber mit ihm redete, entfärbte er sich. „Sie werden meinen Versicherungen nicht glauben, Cousine, daß ich an alledem unschuldig bin, und doch schwöre ich es Ihnen zu. Uebrigens gibt es zwei [51] einfache Mittel, Sie aus dieser Verlegenheit zu befreien: eins, daß Sie mir Ihre Hand reichen, erwartet die Welt, aber Sie werden sich hüten, es anzuwenden; das andere kann ich noch heute erfüllen, ich reise und sterbe fern von Ihnen.“

„Ich zuckte mit der Schulter – „Sterben!“

„Sie zweifeln auch daran?“ Und er neigte ein wenig den Kopf. „Ich muß es ertragen; ist Ihnen ja meine Liebe selber nur eine Speculation auf Ihren Reichthum … in einem Monat werden Sie anders von mir denken, damit adieu, schöne Cousine!“

„Wie er mir darauf mit einem unaussprechlich rührenden Blick die Hand reichte, ergriff mich selbst ein heftigen Zittern.

„Sie sind ein Thor, Clemens,“ sagte ich, mich zu einem Scherz zwingend, „dies wird nicht unser letztes Lebewohl vor Ihrer großen Reise sein, ich sehe Sie noch, ehe Sie zu den Schatten hinabsteigen.“

„Er lächelte nur und ging. Mein Herz ward schwer, wie von dem Gewicht einer unermeßlichen Schuld. Du jagst ihn in den Tod! klang es beständig um mich her. Sobald ich nicht mehr den Ton seiner Stimme vernahm, milderte sich meine Abneigung gegen ihn, erschien er mir nur als ein Unglücklicher, als ein Mann, der mich liebte und dem ich viel, beinahe Alles geraubt. Was man fürchtet, daran stirbt man, ist ein altes Wort. Mir erging es ähnlich mit Clemens. Eine schreckenvolle Unruhe peinigte mich den ganzen nächsten Tag, die wildesten Phantasien stürmten durch meinen Kopf, tausend Schattenbilder verfolgten mich … ich dachte an Sie, an ihn, ich hatte Sie Beide in’s Verderben gestürzt. Spät Abends, ich hatte eben meinem Mädchen gerufen, mich zu entkleiden, fuhr ein Reisewagen vor das Schloß – Clemens ließ sich anmelden. Ich war wahnsinnig, daß ich ihn nicht zurückwies.

„So kam er zu mir; ich hatte mich fröstelnd in einen großen rothen Shawl gehüllt und lag zum erstenmal im Leben furchtsam wie ein Kind in die Ecke des Sopha’s gedrückt. „Also doch, Clemens,“ sagte ich zu ihm, „Sie wollen fort?“

„Ich muß, Cousine, wenn ich hier stürbe und es hieße, die Verzweiflung hätte mich getödtet, würden Sie mich noch im Tode hassen.“

„Dies schien mir die Komödie doch zu weit gespielt,ich raffte mich auf: „Die Welt ist weit, ich hindere Sie nicht, sich den schönsten Ort zum Sterben auszuwählen, nur möchte ich dafür eine schlechte Rathgeberin sein.“

„Lassen Sie nur,“ sagte er ruhig, „die Sorge ist mein. Ich bin auch nicht deshalb gekommen, ich will Sie bitten, mir einen Liebesdienst zu erweisen, im Fall sich meine Reise verlängern sollte. Es ist möglich, daß mein Freund Bruno Berghaupt“ – ein Schrei entfuhr mir, ich hing an seinen Lippen – „vor mir heimkehrt, ich möchte nicht, daß die Briefe, die er mir geschrieben, in fremde Hände fielen; er selbst, wenn er noch lebt, wird sie aus keiner andern lieber empfangen, als aus der Ihrigen.“

„Damit legte er ein versiegeltes Packet in meine ausgestreckte, zitternde Hand. „Wenn er noch lebt?“ fragte ich tonlos, ganz gebrochen.

„Ich vernahm so lange nichts von ihm; vielleicht sind Sie glücklicher, Cousine.“

„Ich – und Herr Bruno –“

„Ja, Sie und er! Soll ich denn den Schleier von Ihrem Herzen reißen und Ihnen sagen, daß Sie ihn geliebt haben und noch lieben, daß nur er mich von Ihnen drängt?“

„Ich sank auf die Kniee nieder, ich verbarg meinen Kopf in den Falten des Tuches, dieses Wort durchbohrte mich wie ein Dolch. „Er weiß es, er weiß es!“ schluchzte ich. Meines Lebens Geheimniß auf der Zunge meines Feindes – und nun mußte er auch wissen, daß ich mich umsonst in Liebesqualen verzehrt, daß ich verschmäht worden!

„Er wollte mich aufrichten, ich wehrte ihn trotzig ab.

„Leben Sie denn wohl, Cousine; das Theuerste, was ich besitze, mag Sie mir versöhnen – sein Bild!“

„Ich hörte, wie er ein Medaillon auf den Tisch niederlegte, einer Rasenden gleich sprang ich auf. – „Sein Bild!“ und mit zorniger Hand warf ich es vom Tisch und zertrat es auf den Boden stampfend. Ohnmächtig wäre ich niedergestürzt, hätte er mich nicht in seinen Armen gehalten – und nun rief das Geräusch, der Sturz einer Blumenvase, die ich niederriß, meine Frauen herbei – sie fanden mich an seiner Brust. Während sie um mich beschäftigt waren, wollte er gehen, ich faßte krampfhaft seinen Arm, meine Lippen bebten so vor Zorn wie im Schmerz: „Sie werden nicht reisen, Clemens, ich bin Ihre Verlobte!“

„Er starrte mich an, als hätte eine Irrsinnige zu ihm gesprochen … das war mein Verlobungsfest.

„Am andern Morgen freilich, als meine Besinnung mir wiedergekehrt, ahnte ich schon, daß Clemens ein heimtückisches Spiel mit mir getrieben, aber ich haßte Sie, der mich verschmäht, ich war in seiner Gewalt und mußte den Becher des Schmerzes bis zur Neige leeren. Da sind Sie gekommen, und Ihr Anblick –“

Sie vollendete nicht – ein tiefes Schweigen, und doch so beredt, so wonnereich, so voll Hoffnungen und süßer Gedanken, die von Auge zu Auge irrten, umgab sie.

„Und ich will Sie schützen, Fräulein Isolde,“ sagte endlich sich ermannend Bruno. „Mein Vergehen hat ja Alles verschuldet.“

„Ich brauche schon keines Schutzes mehr,“ entgegnete sie stolz, „ich bin frei. Diese Beichte war ich Ihnen schuldig, nun ist’s vorbei!“

„Vorüber – und –“ Ihre Kälte reizte ihn.

„Keine Amazone soll Ihre Liebe als Siegesbeute davontragen, keine,“ sagte sie mit dem schneidenden Ton, der ihn schon einmal verletzt.

Dies entschied ihn; noch einige kühle Aeußerungen hinüber und herüber, er brach auf. Sie hatte ihn nicht gebeten, wiederzukommen, nicht einmal eine Frage nach seinem ferneren Verweilen gethan. Erst als er die Thüre öffnen wollte, überwältigte sie die Leidenschaft, sie breitete die Arme nach ihm aus: „Bruno! Bruno!“ Nun umschloß er sie einen flüchtigen Augenblick, sein Kuß loderte wie eine Flamme auf ihren Lippen – dann war er hinausgeeilt.

Ein feiner, naßkalter Regen hüllte die Landschaft in seine nebligen, grauen Schleier und schlug ihm in das glühende Antlitz, gegen die brennende Stirn, ohne sie zu kühlen. Mit dem Sturm, der sich erhoben hatte und die Zweige der Bäume schüttelte, hätte er davonfliehen mögen, aber mit jedem Schritte kam er nur vorwärts, dem Hause näher, in dem er Clemens noch anzutreffen fürchtete. Nicht mit jenem Leichtsinn und der zornigen Erregbarkeit der Jugend konnte er wieder wie vor Jahren ihn zum blutigen und diesmal entscheidenden Kampfe fordern – und doch, gab es denn einen andern Ausweg ihres Streites? Was auch geschehen, etwas, war es die alte Freundschaft, war es das Bewußtsein, daß er selbst zuerst den Stein in Bewegung gesetzt, der sie jetzt zu zerschmettern drohte, sprach in ihm für Clemens und entschuldigte ihn. Er allein hatte mit seinen Reden, mit ihren Briefen die Leidenschaft des Freundes für Isolde entflammt …

Ruhe suchend und nicht findend, irrte er im Baumgang auf und ab. Verstört, den Hut tief in das Gesicht gedrückt, die Hände geballt, trat er endlich in die Gaststube – sie war gedrängt voll Menschen, Alles in wildester Bewegung …

Ihm wich Jeder aus, ihm machte man den Weg zum Tische frei.

Düsterbrennende Lampen warfen einen fahlen Schein darüber hin; in seinen eigenen schwarzen Mantel gehüllt, lag dort blutend, staubbedeckt die Leiche des Grafen –

Ein entsetzlicher Schrei! … „Clemens! Mein armer Clemens!“ So laut weinend stürzte Bruno über den Leblosen hin.




4.

Zwei Monate waren vergangen. Bruno Berghaupt saß des Mordes angeklagt im Gefängniß.

An jenem verhängnißvollen Abend hatte man im Dorfe zwischen acht und neun Uhr deutlich einen Pistolenschuß aus der Schlucht gehört, und der Diener des Grafen war sogleich mit mehreren Bauern hinabgeeilt. Die Ahnung eines traurigen Ereignisses, die ihn den Tag über geängstigt, hatte sich erfüllt. Am Fuße der Höhe, auf der er zum letzten Mal mit Bruno geredet, fanden sie ihn mit zerschmettertem Haupt, er schien lautlos, im Augenblick gestorben zu sein. Die eine Pistole mußte er in der Hand gehalten und abgefeuert haben, sie lag oben auf der Anhöhe im Gestrüpp, die andere steckte noch in der Brusttasche seines Rocks.

Wie war er gestorben?

Niemand vermochte darauf eine bestimmte Antwort zu geben, aber Bruno’s Mantel, der zerrissen in den Dornen hing, die Tritte, die sich vom Abhang noch deutlich eine Strecke am Ufer des Baches fortzogen und sich zuletzt auf dem steinigen Boden verloren, lenkten den Verdacht der dunklen That auf ihn. Allen im Dorfe, dem Diener zumeist, war sein Wesen fremdartig, zweideutig vorgekommen, Alle hatten die zornigen Blicke gesehen, mit denen er und der Graf sich maßen, als sie durch das Dorf gingen. Der Graf kehrte allein [52] wieder, um seine Pistolen zu holen, es schien sich also um einen Zweikampf in der Schlucht zu handeln. Was darauf zwischen den beiden Männern vorgefallen, wußte nur Gott und der Schuldige – es zu finden war Sache der irdischen Gerechtigkeit.

Noch in derselben Nacht wurde Bruno nach der Hauptstadt geführt, erfuhr Isolde, daß er den Grafen Arnheim, vielleicht im Ringkampf, vom Felsen gestürzt habe.

Anfangs schien der Instructionsrichter im Innersten von Bruno’s Unschuld überzeugt; allein wie es keinen rechten Beweis für seine Schuld, so gab es auch keinen, der unwiderleglich seine Unschuld darthat. Denn Bruno verschwieg, so oft er auch über die Ereignisse des Abends befragt wurde, hartnäckig seine Anwesenheit im Schlosse – es war eben die Stunde, in der Clemens gestorben.

Er blieb bei seiner ersten Aussage, daß er sich in der achten Stunde auf der Höhe von dem Grafen, freilich, wie er zugestehen müsse, nach einem heftigen Wortwechsel getrennt und ihn dann erst in der Nacht zum eigenen Entsetzen als Leiche wiedergesehen hätte, seinen Mantel habe er im Niedersteigen verloren und des Verlustes nicht weiter geachtet. Was er in der Zwischenzeit begonnen, darüber verweigerte er jede Auskunft, der Gräfin erwähnte er niemals. Er war in dem Bewußtsein seiner Unschuld so sicher, daß er, auch ohne sein Geheimniß zu verrathen, an seine Freisprechung glaubte.

Sein Zartgefühl und sein Edelmuth sträubte sich dagegen, Isolde in dieser traurigen und ihr zwiefach schmerzlichen Verwickelung – wo der Todte ihr Bräutigam und der Angeklagte ihr Geliebter war – als Zeugin aufzurufen, ja nur überhaupt ihren Namen damit in Verbindung zu bringen. Noch mehr würde er in diesem Vorsatz bestärkt worden sein, wenn er gehört hätte, wie in der Gesellschaft diese Geschichte besprochen und gedeutet wurde.

Allein er irrte sich in dem stolzen und muthigen Charakter Isoldens.

Im ersten Schrecken, als das Gerücht des Geschehenen in entstellten Zügen zu ihr drang, hatte sie nicht an der Möglichkeit einer leidenschaftlichen That Bruno’s gezweifelt – nicht ein Mord des Grafen, aber wohl ein Kampf beider Männer konnte stattgefunden haben, in dem Clemens unterlegen war. Später nahm dann Alles seine wahren Formen an: – während Bruno bei ihr weilte, verunglückte der Graf auf dem unsicheren, durch den Regen noch schlüpfriger gewordenen Pfad. Die Frage freilich, was er um diese späte Abendstunde in der einsamen Schlucht gewollt, wohin er eilte, gegen wen seine Waffen bestimmt waren, bedeckte nun auf ewig der Deckel des Sarges in der Todtengruft des Schlosses. Diese letzten Dinge hatten Clemens’ Gedanken an seinem letzten Tage beschäftigt. In der Frühe, gerade als er zu Pferd steigen wollte, hatte er noch hastig auf ein Blättchen, das man jetzt Isolden brachte, geschrieben: „Wenn ich sterben sollte, vieltheure Cousine, lassen Sie mich in Ihrer Schloßcapelle neben dem Oheim bestatten – das ist meine letzte Bitte und zugleich eine große Bitte um Vergebung für Alles, was ich, von dem Drang des Irdischen verwirrt und hingerissen, Sie leiden ließ!“

Der Entschluß Isoldens konnte nicht zweifelhaft sein. Bruno’s Schweigen befremdete sie nicht, sie hatte nichts Anderes von ihm erwartet, es lag ihr nun selbst ob, seine Unschuld zu vertheidigen. Doch war es kein freudiges Gefühl, das Bruno mächtig erschütterte und seine ruhige Haltung brach, als er am Gerichtstage die Gräfin Schönfeld als Zeugin aufrufen hörte. Tief schwarz gekleidet, das Auge am Boden, näherte sie sich der Schranke. Erst allmählich erhob sie es und richtete es unverwandt auf den Vorsitzenden des Gerichts, ihn sah sie mit keinem Blicke an; dann ward auch ihre Stimme, die bei den ersten Fragen leise und kaum den Richtern vernehmlich geantwortet, fester und bestimmter. Sie erzählte, daß ein Zufall sie mit Bruno am ersten September zusammengeführt, daß sie ihn für den nächsten Abend um seinen Besuch im Schlosse gebeten habe; er sei nach sieben Uhr gekommen und habe bis über die neunte Stunde hinaus mit ihr geredet und sie erst verlassen, als nach den einstimmigen Aussagen der Bauern die Leiche ihres Verlobten schon von dem Orte seines Unglücks in das Dorf zurückgebracht worden sei. So viel sie von den Verhältnissen beider Männer wisse, wäre die Freundschaft, die sie einst verbunden, trotz manchen Zwiespalts in ihnen zu mächtig gewesen, um solche Thaten ihnen zu gestatten, deren man jetzt Bruno beschuldige. Mit zitternder Bewegung, aber doch voll hohen und ruhigen Ernstes legte sie für ihre Aussage den Eid ab – den dichten Schleier ihres Hutes über das Gesicht gezogen verließ sie den Saal. Auf der Schwelle hörte sie den Vorsitzenden an den Angeklagten die Worte richten, ob er die Aussage der Zeugin bestreite, hörte noch Bruno mit zerknirschtem Ton antworten: „Nein!“

Eine Stunde darauf war Bruno Berghaupt einstimmig von der Anklage freigesprochen und entlassen. War er glücklich?

Ach! viel zu schwer und drückend fand er das Opfer, das sie ihm gebracht. Wie man auch ihre Erklärung betrachten, wie günstig man sie auslegen mochte, sie hatte ihm ihren Ruf geopfert. Nun bist Du ihr doch auf ewig verpflichtet und kannst nicht los von ihr, sagte er sich. Was willst Du ihr zum Ersatz bieten? Was besitzest Du denn? Nichts! Fortan wird sogar Deine Liebe unter dem Zwange der Pflicht und der Dankbarkeit stehen.

Die Stadt hatte sie schon verlassen; sollte er sie im Schlosse aufsuchen? So sehr sich sein Herz auch dagegen sträubte, er durfte nicht ohne Dank und Abschied von hinnen gehen. Es war der bitterste Gang seines Lebens. Obgleich er wünschte, daß sie in der ruhigen Gemüthsstimmung wäre, nach der er noch vergeblich rang, überraschte ihn doch ihr Empfang: diese Ruhe, dies Gefaßtsein erschien ihm fast wie Kühle und Kälte. Er stammelte einige Worte des Dankes, er beklagte das traurige Ende des Freundes, suchte noch einmal nach Ausdrücken, ihr seine Empfindungen der Verehrung und Freundschaft für sie zu schildern – zuletzt stockte er ganz. Seine tiefe Bewegung klang auch in ihr nach, und der Ernst ihrer Stirn verklärte sich wieder zu jener lieblichen, sinnigen Schwermuth, die ihn am ersten Abend ihres Zusammentreffens so wunderbar gerührt.

„Ach! Herr Bruno,“ sagte sie, „ich lese in Ihrer Seele. Da steht wohl viel Schönes und Gutes für mich, aber daneben auch das Bild der Furie, und nie wird es sich von seinem Platz verdrängen lassen. Sie werden immer sagen: sie liebte mich, aber diese Liebe entriß mir den theuersten Freund und wollte mich demüthigen. Ja, in diesem Augenblick sogar fühlt sich Ihr Stolz gekränkt, Sie ertragen es unwillig, daß ich Sie dennoch erobert habe! Vergeben Sie mir, Bruno, daß ich Sie wider Ihren Willen befreite – und so befreite; ich löse Sie nun auch von mir.“

„Das werden Sie nicht, Fräulein Isolde; die seelische Verbindung zwischen uns besteht, wie weit wir auch sonst von einander getrennt sein mögen. Es ist ein eitler Hochmuth, aber ich behaupte es doch, Sie werden mich nicht ganz vergessen – und ich –“

„Und Sie, Herr Bruno?“

„Und ich? Wie fragen Sie so grausam und wissen doch, was widerstreitend in Lust und Qual mein Herz zerreißt – ich liebe Sie, Isolde!“

„Bruno!“

„Jetzt, wo Sie mich frei geben und mich aus dem Bann Ihres Willens lassen, empfinde ich erst meine ganze Gebundenheit. O, verschmähen Sie den nicht, der sich erst so spät Ihrem Zauber fügt; er wagt kaum einen Anspruch auf Ihre Gunst zu erheben, er hat sie zu schmählich verscherzt. Das ist ein schweres Geständniß, weil es meinen Stolz bricht und besiegt zu Ihren Füßen wirft, weil es den Schatten des Freundes wider mich heraufbeschwört und doch nicht mit einem Liebeskuß, sondern nur mit dem Schmerz der Entsagung und des Abschieds schließen wird.“

Bisher hatte sie unbeweglich, fast wie eine Statue vor ihm gestanden. „Uns trennen?“ rief sie jetzt aus, flammende Gluth im Antlitz, und erhob ihre Arme gen Himmel. „Da, wo Du mich liebst? Nur Eins scheidet uns fortan noch – der Tod!“

Weinend, schluchzend lag sie an seiner Brust.

Was sie ihm so fremd und unheimlich gemacht hatte, ihr Trotz, ihre Eigensucht, schien in dem feuchten und zärtlichen Glanz ihrer Augen versunken zu sein, die ihn mit bezwingender und doch sanfter Gewalt anschauten. Schimmerte doch eine Thräne an seinen Wimpern, um den Freund, um die Vergangenheit! – ihre Hand wischte sie fort. Ist denn das Glück auf Erden je ohne Schmerzen zu erkaufen? Hinausfahrend auf das offene Meer nach den Inseln der Seligen, sind wir zufrieden, nach den Stürmen in der engsten Bucht Sicherheit zu finden.

Anders urtheilte die Welt; als die Gräfin Schönfeld nach einem Jahre von längerer Reise als Bruno’s Gattin heimkehrte, hieß es überall: „Was konnte sie Anderes thun?“



 

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Bartolomé Esteban Murillo, spanischer Maler (1618–1682) (Quelle: Wikipedia)
  2. Hebe, Göttin der Jugend in der griechischen Mythologie (Quelle: Wikipedia)