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Titel: Im Hopfenparadiese
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aus: Die Gartenlaube, Heft 21/22, S. 324–328;344–346
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[324]
Im Hopfenparadiese.
Allen biertrinkenden Lesern und – Leserinnen der Gartenlaube gewidmet.

Seit drei Tagen war ich in Nürnberg, und überall, wohin ich kam, fand ich die Geister seiner Bewohner von einem einzigen und dem nämlichen Gedanken beherrscht. Draußen in der Welt tönten noch da und dort, bald lauter, bald leiser, die Nachklänge des großen Leipziger Turnfestes, spukten Fürstentag und Bundesreform, Abgeordnetencongreß und nahende Octoberfeier den Menschen in den Köpfen, hier in Nürnberg war jegliche Politik und politische Spaltung vorläufig in dem einträchtigen Feldgeschrei „Hopfen, Hopfen, Hopfen!“ auf- und untergegangen. Die ganze Stadt war eine einzige große Hopfenbörse geworden, seitdem in der Nachbarschaft die Hopfenernte begonnen hatte. Und so gar befremdlich konnte das nicht erscheinen, wenn man sich erinnert, welche glorreiche Rolle der Hopfen in der baierischen Culturgeschichte spielt, eine kaum minder große, als höchste und allerhöchste Kunst- und Poesiebestrebungen, Wal- und Ruhmes-, Feldherren- und Befreiungshallen und Neumünchner hochromantische Tafelrunden mit ihren lorbeerumkränzten Seneschallen. Aber unerträglich wurde der ewige Refrain nachgerade denn doch.

Mein Tischnachbar im alten Rothen Roß deducirte mir von dem in den Blüthendolden der Hopfenpflanzen enthaltenen Hopfenmehl, dem Lupulin, dessen flüchtiges Oel dem Biere seine durch kein Surrogat zu ersetzende kräftige Würze verleihe. In die Himmelsleiter, nach dem Bratwurstglöckle – wer kennt nicht das Bratwurstglöckle bei der Sebalduskirche mit seinen erzdelicaten fadendünnen Würsteln und dem feinen Sauerkraute? – selbst bis zu den alten Karthäusern, wo nun das Germanische Museum sich angesiedelt hat, und hinauf in’s Dürerhaus, ja in den lindenbeschatteten mittelalterlichen Hof der Burg, überallhin verfolgte mich das unerschöpfliche Hopfenlied. Es war nicht mehr zum Aushalten, und doch begann es mich zu interessiren und zu reizen.

Wie wäre es, frug ich mich, wenn auch du dir mit anschautest, was eine ganze volkreiche Stadt in Spannung und Aufregung und so erhebenden Gefühlseinklang versetzt? Wie wär’ es, wenn du ein Stück in’s Hopfenland hineindampftest, wo’s überdies eine Schweiz mit in den Kauf giebt, wenn auch nur eine Nürnberger, und noch dazu – fiel mir eben ein – einen alten Freund in Hersbruck, einen, der ehedem auch zum Handwerk gehört und nun sich zwischen den stattlichen Reihen seiner Hopfensäcke weicher gebettet hat? Gedacht und schnell gethan.

Am nächsten Morgen, bei guter Zeit, kutschirte mich eine dem mittelalterlichen Charakter der Dürer- und Pirkheimerstadt angemessene Droschke nach dem Nürnberger Ostbahnhofe. Station Lauf war bald erreicht. Die Pegnitz, in Nürnberg so faul und so braun, so schlammig und so langweilig, beginnt jetzt schon sich zu läutern, rascher und interessanter zu werden, und die Hänge links gleichen, wenn wir von Weitem an ihnen vorüberbrausen,

[325]
Die Gartenlaube (1864) b 325.jpg

Arbeiten im Frühjahr.   Das Hopfenblatten.   Hopfen-Ärnte.

[326] dünn belaubten Weinhügeln, in ihrer mageren, regelmäßigen, lichtgrünen Vegetation so monoton wie diese. Erst wo sie sich näher zur Bahn heranziehen, unterscheidet man an den höheren Pfählen, die, zum Theil schon ihrer Umrankung beraubt, wie ein Wald von langen Spießen in die Lüfte starren, daß man hier nicht in ein Reich des himmelgeborenen leichtbeschwingten Bacchus, sondern des erdentsprossenen handfesten Gambrinus einfährt. Zwar versichern Kenner, daß die Dolde, die man weiter südlich in der Umgebung von Spalt, ebenfalls in Franken, der segenspendenden Nessel abzugewinnen versteht, noch würziger sei, als die des Pegnitzthales, doch ist der Unterschied kein sehr erheblicher, und in quantitativer Beziehung steht die Gegend, durch die uns eben die schnaubende Locomotive trägt, mindestens in gleicher Linie mit jener.

Mittlerweile hat die Landschaft angefangen in mildzahmer Weise zu „ schweizern “. Die Hügel steigen allmählich steiler an und spitzen sich zu mannigfachen Gipfeln zu, wo aber immer die Sonne die Hänge bestreichen kann, da ziehen sich überall die gleichförmigen Reihen der Hopfenpflanzungen die Berglehnen empor, und allerwärts zwischen dem hochkletternden Geblätter zeigt sich ein buntes Getümmel emsiger Menschen, Männer und Frauen und Kinder. Ueberall wird das Hopfenlaub abgeschnitten, zu einzelnen dicken Büscheln vereinigt, und diese werden dann zu handlichen Bündeln zusammengeschnürt, vorsichtig und sorgsam, damit das ölreiche Hopfenmehl nicht den Doldentrauben entfalle.

Die Locomotive pfeift. „Hersbruck,“ ruft der Schaffner in mein geöffnetes Coupé. Da liegt es, das saubere, ehedem Nürnbergische Städtchen mit ein Paar ansehnlichen Thürmen und seinen freundlichen Häusern, das wohlthuende Bild von Rührigkeit und Gedeihen. Rundum von Hopfenbergen umgeben, ist es die Hauptader einer Production, deren Herz das alte Nürnberg bildet, in welchem die kleinen und großen Blutgefäße von allen Himmelsgegenden zusammenströmen und zur Zeit der Hopfenernte jenen fieberhaft vollen Pulsschlag hervorrufen, von dem wir eben Zeuge waren.

Das Gütchen meines Freundes war bald aufgefunden, – alle Welt kannte ja den Matador des Ortes, – aber er selbst war nicht daheim.

„Der Vater ist schon draußen im ,Berg’,“ antwortete auf meine Frage ein kräftiger junger Bursche von etwa sechzehn Jahren, der älteste Sohn des reichen Hopfenbauers, „draußen bei dem ,Pflücken’, und vor Mittag wird er schwerlich wieder heimkommen. Doch,“ setzte er hinzu, als ich meinen von der Familie oft vernommenen Namen genannt hatte, „ich schicke auf der Stelle nach Papa. Er wird so froh sein, Sie einmal in Hersbruck bei uns zu sehen, von dem er uns so manches Mal erzählt hat.“

„Bitte, lassen Sie das bleiben. Ich suche Ihren Vater lieber unter seinen Hopfenpflückern auf. Wollen Sie mir den Weg zeigen lassen?“

Der junge Mann gab mir selbst das Geleite nach dem „Berge“. Durch einen Terrassengarten traten wir in’s Freie, und ich konnte von dem etwas erhöhten Punkte die anmuthige Lage des Ortes noch besser überschauen, als vom Bahnhofe aus.

Wir schritten nun durch lauter Hopfengarten dahin. In den meisten gab’s noch das lustigste Regen und Rühren; hier reckten sich die Männer, um das oberste Laub von den riesigen Stangen herunterzuholen, dort bückten sich die Weiber, um die großen Blättersträuße zu einer Art von Garben zusammenzufügen, während die Kinder Nachlese hielten unter dem den fleißigen Händen entglittenen Segen, und allerwärts ward auch den flinken süddeutschen Zungen kein Feierstündlein gegönnt, obwohl die Sonne uns Steigenden schon tüchtig zu schaffen machte. Manche der Pflanzungen standen aber auch schon ziemlich kahl und entblättert da, denn die Ernte war bereits seit mehreren Wochen im Gange, und boten mit ihrem endlosen nackten Stangenwerk, das die Aussicht versperrte, eben keinen besonders fesselnden Anblick. Vielfach waren auch die 30 bis -40 Fuß langen Pfähle aus dem Boden gehoben und, den Pfad hemmend, über einander geworfen.

Die Pflanzung meines Freundes gehörte zu den höchstgelegenen und nahm die ganze obere Mittagslehne eines ansehnlichen Hügels ein. Es kostete daher bereits manchen Schweißtropfen, ehe wir uns auf den engen Gängen zwischen den einzelnen Hopfenstöcken und zwischen dem an ihnen hantirenden emsigen Volke zu dem Gesuchten hindurch gearbeitet hatten. Endlich waren wir seiner habhaft. Mit breitem Strohhute über dem sonnenheißen Gesichte und abgeworfenem Rocke stand er an der obersten Staffel seines Besitzthums und commandirte das Schneiden und Binden, das Packen und Abfahren um ihn her.

„I, potz Blitz! Machst Du auch jetzt in Hopfen? Willst mir wohl die Ernte am Stocke abkaufen?“ war der erste Ausruf des Ueberraschten, dem indeß das herzlichste „Grüß Gott und Willkommen in Hersbruck!“ und das wärmste Händeschütteln folgten.

„Das weniger,“ antwortete ich. „Hab’ mich nur vor dem stereotypen Feldgeschrei in Nürnberg aus dem Staube gemacht und will mir ansehen, einmal gründlich ansehen, was eigentlich hinter dem Hopfenlärme steckt. Darum überfalle ich Dich so plötzlich und inmitten der Hauptcampagne Deiner menschen- und kehlenbeglückenden Großthaten. Du giebst mir doch auf ein paar Tage Quartier, bis ich mir Euer eigenthümliches Ernteleben recht ordentlich beschaut habe? Auch Euere Schweiz muß ich kennen lernen. Wir machen zusammen eine Streife in Euere Nürnberger Alpen; nicht wahr? Der große Herr Sohn da vertritt schon den Vater einmal auf einen Tag.“

„ Wollen’s noch überlegen. Allein ich fürchte, Du bist bei uns vom Regen gar in die Traufe gekommen. Drunten in Nürnberg sind sie hopfentoll wenigstens erst, seit die Ernte begonnen hat, hier spricht man schon seit drei Monaten von nichts Anderem mehr, als von dem zu erwartenden oder nicht zu erwartenden Hopfen. Da hat man tagtäglich seine Beobachtungen zu machen und seine Vermuthungen auszutauschen, sich gegenseitig seine Hoffnungen mitzutheilen und seine Befürchtungen zu klagen, und ob in Polen der Murawiew henkert oder der Berg, ob in Mexico die Rothhosen klopfen oder geklopft werden, – das Alles ist uns gleichgültig, sobald nur der Frost in der letzten Nacht unseren Pflanzen keinen Schaden gethan hat. Denn „der Hopf ist ein Tropf“ heißt unser Sprüchwort, und Ihr, die Ihr das ganze Jahr ruhig hinter Eueren Schreibtischen sitzet, Ihr laßt Euch nicht träumen, wenn Ihr Abends in Eueren Stammkneipen Euer sogenanntes „Baierisch“ oder „Coburger“ oder – horribile dictu! „Wald- oder Feldschlößchen“ schlürft, was für Aengste und Sorgen so ein armer geplagter Hopfenbauer zu erdulden hat, nur um den Herren da draußen die Würze für ihren Abendtrunk in gebührender Qualität zu verschaffen. Da erscheint zunächst im Frühjahr, wenn’s trocken und dabei kalt ist, der Erdfloh. Er zerfrißt die ersten Triebe unserer Hopfenpflanze und hindert diese am rechten Aufkommen. Dann im Sommer fällt der Honigthau, der nach kühlen Nächten die Hopfenblätter wie mit einem undurchdringlichen Firnisse überzieht, die Poren verstopft und die Säftecirculation in Stocken bringt. Damit nicht genug, stellt sich im Gefolge dieses bösen Thau’s alsbald die sogenannte Hopfenlaus, eine Species der Blattlaus, ein und hat rasch verwüstet, was an den Pflanzen noch gesund war, da sie sich in kurzer Zeit in’s Millionenfache vermehrt. Man nennt diese Verheerungscomplication auch den schwarzen Brand, der z. B. 1854 und 1860 unsere ganze Ernte in Frage stellte. Ja, selbst im August und September, wenn wir schon am Pflücken und Blatten sind, lauern noch tückische Feinde, wie u. A. der Kupferbrand, eine Art von Verdorren und Absterben, von dem ich selber schon manches Liedchen singen könnte. Wahrhaftig, ’s ist mit dem Hopfen noch heikeler, als mit der Rebe; vielleicht giebt es keine einzige Culturpflanze in der Welt, welche den Einflüssen der Witterung in gleichem Grade unterworfen ist, wie unsere veredelte Nessel. Und so kommt Unsereiner Tag und Nacht aus seiner Aufregung und Spannung nicht heraus. Jetzt begreifst Du wohl, daß unsere Ernte alle Zungen in Nürnberg in Bewegung setzt, wo sich das Hopfengeschäft für ganz Franken, ja für das gesammte Baiern concentrirt, und daß wir Hersbrucker am Ende gewissermaßen zu Monomanen werten, in deren Hirnkästen nur noch für eine einzige, alle anderen Gedanken absorbirende Idee Raum bleibt. – Doch, laß uns einen Gang durch meinen ,Berg’ machen und dann in dem benachbarten Felsenkeller noch einen Appetitstrunk schlürfen, ehe wir uns zum Essen heim begeben. Robert,“ wandte er sich an den Sohn, „Du kannst bis Mittag hier bleiben. Aber gieb hübsch Acht, daß die Bündel immer gehörig nach Hause geschafft werden, damit sie drin beim Blatten nicht aufgehalten sind. ’s ist noch mancher Zapfen abzuschneiden, weißt Du, bevor das Trocknen seinen Anfang nehmen kann.“

„Hast Du,“ begann mein Freund wieder, welchem das Vergnügen aus den Augen leuchtete, das es ihm gewährte, einen alten Jugendgenossen durch sein stattliches Anwesen und über den recht [327] eigentlichen Schauplatz seiner gedeihlichen Wirksamkeit führen zu können, „hast Du Dir die Männer und Weiber betrachtet, die ringsum in den Pflanzungen beschäftigt sind? Der bei Weitem kleinste Theil dieser Arbeiter und Arbeiterinnen ist aus unserer Gegend. Sieh nur die mannigfaltigen Trachten, welche die Frauen namentlich schmücken oder verunzieren! Unsere Ernte pflegt in der Regel im letzten Viertel des August zu beginnen, und sobald St. Bartholomäi, der 24., vorüber, so kommt’s bei uns eingeströmt von allen Seiten. Da rücken aus Ober- und Unterfranken, aus der Oberpfalz und selbst aus Böhmen herüber Schaaren von Arbeitern beiderlei Geschlechts mit Kind und Kegel ein, uns beim Pflücken und Blatten zu helfen. Der gute Tagelohn, den wir zahlen, die bessere und reichlichere Kost, die sie hier finden, aber auch das lustige Leben, das sie erwartet, zieht die Leute an. Denn man muß schon ein Auge zudrücken, wenn’s dann und wann dabei etwas ‚locker und lose‘ zugeht, und kann es schwer verhüten, daß sich so mancher nichtsnutzige Vagabund und manche leichtfertige Dirne in der großen Einwanderungsfluth mit einschleichen. Wir brauchen eben helfende Hände; denn Schnelligkeit ist bei unserer Ernte die Hauptsache. Dennoch werden wir vor Ende September nie damit fertig; häufig dauert es gar bis tief in den October hinein, je nachdem Wetter und Erträgniß sind.“

Mittlerweile hatten wir, weiterschreitend, den Saum der Pflanzung erreicht. Ein paar Schritte davon lag der Felsenkeller, dem wir zustrebten. Es war ein gar lauschiges, schattiges Plätzchen; unter den alten Linden, die seinen Eingang behüten, standen Tische und Bänke aufgeschlagen, von denen man das ganze saubere Städtchen im Blicke hatte. Schon saß da und dort eine Gruppe ehrsamer Hersbrucker beim sogenannten „Appetitschoppen“ oder der „Frühmesse“, wie man in Süddeutschland diesen Morgentrank auch wohl nennt. Die Discussion war bereits in flottem Gange, als wir Platz nahmen. Natürlich gab’s hier nur das eine Interesse, das Alle beherrschte. „Schon viel auf der Trockne?“ „Noch nicht mit Pflücken fertig?“ „Wie weit mit dem Blatten?“ frug man herüber und hinüber.

„Da hast Du’s,“ lächelte mein Freund. „Was nicht Hopfen heißt und Hopfen angeht, das existirt jetzt für uns Hersbrucker nicht mehr. Und wir treiben’s noch eine gute Weile so fort. Denn nun nimmt erst das eigentliche Geschäft, die Speculation mit unserem Erzeugnisse, das Makeln und Handeln den Anfang. Du mußt nämlich wissen, der Hopfen gehört zu den bedeutendsten Ausfuhrartikeln des Landes und findet mit jedem Jahre immer weitere Abzugsquellen. Vom Juni an kreuzen sich schon briefliche und telegraphische Mittheilungen aus England und Frankreich, aus Belgien und Nordamerika, aus Böhmen und Baiern und einigen andern deutschen Hopfengebieten über den Stand der Pflanze, und jetzt, wo es über die Ernte und ihr Erträgniß, über Preis und Kauf und Verkauf zu berichten giebt, wächst dieser Verkehr noch um das Doppelte und Dreifache. Noch haben wir unsere Ernte nicht beendet und schon ist in allen den Kreisen, die sich mit unserem Nesselproducte befassen – Du weißt doch, daß der Hopfen dem Nesselgeschlechte angehört? – die Aufregung zum wahren Fieberparoxysmus gestiegen. Besonders aber ist dies der Fall, wenn in England der Hopfen nicht gerathen ist und darum ein großer Export dahin stattfindet; denn England braucht für seine Ale- und Porterbrauereien jährlich mehr als eine halbe Million Centner Hopfen. Welchen Geldwerth dieser Bedarf repräsentirt, kannst Du Dir berechnen, wenn ich Dir sage, daß der Durchschnittspreis eines Centners nicht niedriger als 60 Gulden veranschlagt werden darf! Früher war unser Geschäft höchst einfach: der Erzeuger war zugleich immer der Händler und der Consument der directe Käufer. Heutzutage hat der Vertrieb in dieser Weise nur noch selten statt. Heut sitzt der speculirende Großhändler auf seinem Comptoir und sinnt und calculirt und wagt, während eine Menge von Maklern und Zwischenhändlern das Land auf- und abjagen, um an den Vortheilen der Speculation auch ihr Theil zu erhaschen, und eine Schaar von Musterreitern die Brauer in der ganzen Welt mit Anerbietungen bestürmt.

„Derart dauert der Taumel ein paar Monate fort. ’s ist ein wahrer Taumel, eine unaufhörliche Angst; in wenigen Wochen schwanken die Preise oft um hundert, ja um zweihundert Procent, und kein Mensch weiß, was eigentlich der Grund des Steigens oder Fallens ist. Ja, ja, mein alter Junge, Ihr braucht uns geplagte Hopfenproducenten und Hopfenhändler wahrhaftig nicht zu beneiden, wir können uns auf keinem rosenbestreuten Lotterbette pflegen, wir schweben beständig zwischen Rausch und Katzenjammer! Heut jauchzen wir himmelhoch, morgen sind wir zum Tode betrübt, und auf unserer Börse, der offenen Carolinenstraße in Nürnberg, da wirbelt’s und schwirrt’s von den Hunderten christlicher und jüdischer Speculanten oft wild und toll genug durcheinander; mit einem Male kommt eine unbegreifliche Hausse, dann wieder eine ebenso räthselhafte ‚Panique‘, ganz wie auf dem Parquet und hinter den Coulissen der Pariser Börse. Weil uns jeder sichere statistische Anhalt fehlt, weil man weder das Erträgniß der einzelnen Bezirke, noch den Bedarf der Consumenten genau kennt, so ist die Hopfenspeculation weit weniger das Resultat scharfsinniger Combination, als ein blindes Tappen im Nebel, ein echter Börsenschwindel, ein waghalsiges Hazardspiel, dessen Aufregung alle Nerven spannt und alle Pulse klopfen macht. Und das dauert fort bis tief in den Winter hinein; dann allenfalls kommt eine kurze Periode verhältnismäßiger Ruhe, bis zeitig im Frühjahre der Rundlauf unserer Aengste und Sorgen von Neuem seinen Anfang nimmt, die –“

„Die Euch und Euerem hübschen Hersbruck indeß gar nicht so übel zu gedeihen scheinen,“ fiel ich dem Freunde lächelnd in’s Wort.

Er schmunzelte, barg aber, einen tüchtigen Zug thuend, sein Gesicht hinter dem Deckel seines Maßkruges, als wolle er mir nicht zeigen, wie sehr ihm meine Bemerkung geschmeichelt hatte. Dann fuhr er, seiner Unterhaltung eine etwas andere Wendung gebend, fort: „Bis jetzt kennst Du nur den einen Theil unserer Hopfenernte, den mindest interessanten; die andere Hauptarbeit derselben geschieht nicht im Freien der Pflanzungen, sondern in den Häusern selbst. Es ist das sogenannte ‚Blatten‘, das Abzupfen oder Abschneiden der das Hopfenmehl, das Lupulin, enthaltenden Blüthendolden oder Zäpfchen, gewissermaßen dem Ausdrusch Euerer Fruchternte zu vergleichen, nur daß bei uns beide Operationen nicht nacheinander, sondern immer gleichzeitig vorgenommen werden. Jeden Tag schafft man die von den Pflanzen gebrochenen, zu großen Bündeln zusammengeschnürten Blätter herein, und sofort geht es darüber her, sie der würzhaltigen Dolden zu entledigen. Da sitzt nun die ganze Familie, Männer und Weiber, Alte und Kinder, vom frühen Morgen bis zum späten Abend in den Stuben zusammen um einen großen Behälter, einen weiten Korb oder ein sonstiges räumiges Gefäß, und mit ihnen die fremden Helferinnen, um mit den Fingern oder mit der Scheere die Hopfenzapfen von den Blätterbüscheln zu trennen und sorgsam in Wanne oder Trog hinabgleiten zu lassen. Und stundenweit in der Runde, thalauf und thalab, wirst Du jetzt selten ein Haus finden, wo sich nicht wochenlang dieselbe Scene wiederholte, oft ein allerliebstes Genrebild, fix und fertig, so daß ein Maler auch keinen Strich ab-, keine Linie anzufügen brauchte, um seine Leinwand mit einer reizenden Composition zu bedecken. Eine gar lustige Arbeit ist’s ohnedem, dies Blatten, auf das sich Alles, Alt und Jung, Groß und Klein schon den ganzen Sommer über freut, so lustig, wie nur das ‚Wimmeln‘ (das Reblesen) drüben am Rhein sein kann, wenn wir unserer Lust auch nicht mit Böllerschüssen und Raketensprühen Luft machen oder gar über die Flammen springen, wie’s in Schwaben und am Bodensee Brauch ist beim ‚Herbsten‘. Die Alten erzählen und das junge Volk singt, und da magst Du manche alte Mär hören, welche Dir längst entschlummerte süße Erinnerungen aus Kinderstube und Mutterhaus wachruft, und manche naive treuherzige Volksweise vernehmen, die draußen in der Welt vergessen ist und nur noch da und dort in einer Liedersammlung auftaucht, aber auch manch neckisches ‚Gesätzle‘ und den allerneuesten Gassenhauer oder das modernste Operncouplet. Jeder und Jede spenden freigebig von ihrem Reichthume, und der Kurzweil und des Scherzes ist kein Ende, wenn auch den Dirnen hin und wieder einmal das Blut in die Wangen getrieben und vielerlei Neckerei verübt wird. Doch bös ist’s nimmer gemeint, und überzimperlich sind wir hier im Pegnitzgaue auch nicht gerade. Und kommt nun endlich der letzte Erntewagen herein, dann beginnt erst der rechte Jubel. Hoch auf der schwellenden Ladung thronen junge Burschen und hübsche Mädchen, das Haar mit Hopfengerank umwunden, und im Triumphzug geht’s nach Hause. Am Abende aber, wenn kein Büschel mehr zu ‚blatten‘, wenn der ganze Segen abgezupft und in Korb und Wanne geborgen ist, dann wird das Arbeitsgeräth, werden Tische und Stühle hurtig bei Seite geräumt, und bald dreht sich Alles, auch mancher Weißkopf und manch altes Mütterchen, welche der [328] allgemeine Festtaumel fortreißt, bunt durcheinander im fröhlichen Reigen, und es schadet der Lust nicht, daß in der Regel eine einsame Ziehharmonika das ganze Orchester ausmacht.

„Diese heitere Schlußscene unserer Hopfenernte ist der sogenannte ‚Niederfall‘. Am Morgen darauf stäubt das fremde Arbeitervolk wieder in alle vier Winde auseinander; viele ziehen nach dem Main und Rhein, wo ihre Hände bei der Weinlese willkommen sind, ein kleines Häuflein langjähriger Stammgäste bleibt auch wohl bei uns, um uns noch die Kartoffeln mit einheimsen zu helfen. – Nun, heut’ Abend wollen wir uns einmal das Blatten beschauen in einem Häuschen ein Stück weiter oben im Thale. ’s ist eine herzige biedere Familie, der ich schon seit Jahren ihr kleines Ernteerträgniß abkaufe, eine noch vom alten Schlage, welche der Crinoline den Eingang gewehrt hat und die schmucke Tracht des Pegnitzgaues beharrlich in Ehren hält. Du brauchst nicht die Achseln darüber zu zucken, wir schauen sonst nicht sehnsüchtig rückwärts in die ‚gute alte Zeit‘; die ist bei uns schon lange gründlich überwunden und für Riehl’sche Gesellschaftsschrullen und Familientheorien am allerwenigsten bei uns der Boden. Wir sind vielmehr sammt und sonders rüstige ‚Fortschrittler‘ und haben’s bewiesen, – so weit es der Hopfen gestattet; denn der ist unser Regent und Tyrann. Jetzt aber laß uns heimeilen; die Suppe wird unser warten.“

Wachgerufene Erinnerungen an eine gemeinschaftliche Schulzeit und an einen lieben Geschiedenen, der nach den stürmischen Nürnberger Revolutionstagen im Hause meines Freundes ein sicheres Versteck gefunden hatte, bis dem Flüchtlinge der Paß frei wurde nach der Schweiz, belebten den in süddeutscher Weise reichlich besetzten Mittagstisch, welchem die gelassen heitere Hausfrau und eine Schaar frischer, von Leben und Gesundheit strotzender Kinder den schönsten Reiz verliehen. Durch das ganze Haus ging jener warme leichtlebige Hauch, jenes zutraulich aufgeschlossene Wesen, wie man’s erst mittagwärts vom Main antrifft, wo man sich in Stunden näher rückt, als bei uns in Monaten.

Der Nachmittag ward in der Kühle des Baumgartens verdämmert, der hinter dem Hause in Treppenabsätzen den Fuß des Berges anstieg. Wir hatten uns Tisch und Stühle herausgeschafft unter das schattende Dach eines Nußbaumnestors und Kaffee und Cigarren dazu. Schon säumte die Abendsonne die Gipfel der Hügel ringsum, flammte auf den Spitzen der Thürme und glühte in den Fenstern des vor uns ausgebreiteten Städtchens, und noch immer plauderten wir von Zeiten, die längst verrauscht, und hätten Hopfen und Pflücken und Blatten schier vergessen, wäre nicht mit dem sinkenden Abende draußen auf der Landstraße in immer ununterbrochenerer Folge der Erntesegen an uns vorübergetragen und gefahren worden. Es war ein unaufhörliches Gehen und Kommen, Singen und Klingen, Grüßen und Jauchzen, und gar prächtig sah es aus, wie die kräftigen sonngebräunten Männergestalten mit den mächtigen Laubbündeln auf dem Kopfe und über den hochgehobenen Stützen der Arme so straff und stramm einherschritten und die schmucken Dirnen von den aufgebäumten Erntewagen herab nach rechts und links ihre schelmischen Augen spielen ließen.

„Abgemacht also,“ sagte mein Gastfreund, indem er, sich erhebend, den Stuhl mit energischem Rucke bei Seite schob und eine frische Cigarre ansteckt?, „abgemacht, Du bleibst die Woche bei uns, und nächsten Sonntag, wenn der Himmel nicht widerwillig dreinschaut, bummeln wir selbander ein Stück Wegs in unsere Schweiz hinein, wenigstens bis auf Ruprechtstegen. Das ist ein gar lieblich gelegenes Dörflein, und das neue Hotel, das dort mein Nürnberger Landsmann, Ludwig Jegel, im Gebirgsstyle errichtet, spendet die erquicklichste Verpflegung. Und Forellen wollen wir da schmausen, wie sie den Molkenvergnügten drüben in Streitberg lange nicht so zart und lecker auf die Curtafel kommen. Ja, ja, es kann sich sehen lassen, unser Pegnitzthal, und ’s ist noch ein leidlich jungfräuliches Feld für Euch blasirte Touristen, eine neu erschlossene Domäne für Euch unersättliche Stoffjäger,“ fuhr er lächelnd fort. „Denn beichte nur, Du bist nicht so von ungefähr in unsere zahmen Gebreite verschlagen worden, und Deine Hopfenstudien wandern wohl Schwarz auf Weiß spornstreichs nach Leipzig in’s Redactionsbureau der Gartenlaube? Am Ende komme ich und ganz Hersbruck in leibhaftigem Conterfei auch mit hinein. Getroffen, nicht wahr? Nun, meinetwegen, hab’ nichts dawider, und Euere Leser hören sicher gern, wie man das baut und pflückt, einheimst und in die Welt schickt, was Millionen Tag aus Tag ein den schäumenden Lieblingstrank erst zum wahren Labetrunke macht. Doch jetzt komm noch zu einem raschen Gange durch den Berg, ehe es völlig Feierabend wird, und dann zum Blatten.“

[344] Wir brachen auf. Allerwärts begegneten uns die aus den Pflanzungen heimkehrenden Arbeiterinnen, manch hübsches Gesicht darunter, mit dessen tiefem Brunett das lichte Kopftuch anmuthig contrastirte, und oben im Berge meines Freundes häufte man eben die Blättersträuße zum letzten Bündel zusammen. Der abgeleerten und niedergelegten Riesenstangen waren schon ein gut Theil mehr, als heute Morgen. Mein Mentor blickte mit sichtlicher Zufriedenheit auf das vollbrachte Nachmittagswerk.

„Macht nun, daß Ihr nach Hause kommt, Ihr Leute,“ redete er freundlich die Bindenden an, „die Knödeln sind fertig, und ’s giebt noch ein paar Stunden zu blatten, wißt Ihr.“

„Ich hab’ Dir schon erzählt,“ wandte er sich an mich, während wir auf kürzerem Pfade quer durch die Anlage zum Städtchen zurückgingen, „was für eine heikle Prinzessin unsere Hopfennessel ist. Auch hinsichtlich des Bodens, auf dem sie wachsen will, macht sie gar exklusive Ansprüche; sie gedeiht nur in einem warmen lehmigen Erdreiche, das keine stauende Nässe im Untergrunde hat. Darum will ihr Anbau bis jetzt nur in verhältnißmäßig so wenigen Gegenden Deutschlands ordentlich gelingen. Im Saazer Kreise Böhmens zieht man noch immer den besten Hopfen, ihm nahe kommt der Spalter, dann unser Hersbrucker. Auch in Baden und Württemberg bauen sie neuerdings recht leidliche Quantitäten, die schon ganz respectabel mit uns concurriren; die geringsten Sorten bringt Preußisch-Polen in den Handel. Diese vielfache junge Concurrenz hat uns alten Hopfenproducenten anfangs große Besorgnisse eingeflößt; so Mancher hat bedenklich den Kopf darüber geschüttelt. Wo soll’s denn noch hin mit alle diesem Hopfen? so haben wir uns Einer den Andern gefragt; zuletzt müssen wir den Centner noch um ein paar Gulden losschlagen und froh sein, wenn wir’s nur bekommen. Doch bis jetzt sind alle unsere Aengste grundlos gewesen. Trotz der mehr als 100.000 Centner, die unser Mittelfranken allein auf den Markt sendet, und der 30.000, welche davon auf Hersbruck und Umgegend fallen, steigt die Production noch mit jedem Jahre, und die Preise haben sich wacker gehalten. Ihr sorgt ja sammt und sonders in anerkennenswerther Weise mit dafür, daß wir nicht über den Bedarf produciren. Wie Pilze schießen allerwärts die neuen Brauereien aus der Erde, nicht blos in Euerem unwirthlichen Norden, wo ehedem nur Kartoffelfusel und, für den verwöhntern Gaumen, die Kümmelbulle regierten, nein, mitten im ureigensten Gebiete des Bacchus, am Rhein und am Neckar, an der Ahr und an der Mosel.“

Wir hatten inzwischen wieder den Fuß der Anlage erreicht. Hier fielen mir die niedrigern, kaum 6–10 Fuß hohen, dünnen Stangen auf, mit den schwanken, zarten Ranken, welche sie umzogen.

„Das ist sogenannter Jungfernhopfen,“ belehrte mich mein Freund, dem mein fragender Blick nicht entgangen war. „Sieh die kleinen dürftigen Zäpfchen an! Es sind dies Pflanzen, die wir erst heuer im Frühjahr gelegt haben. Der Hopfen, den sie geben, taugt nicht viel, ‚hat keine Qualität‘, wie wir sagen, aber verkauft wird er doch; denn Alles findet eben seine Verwendung. Die Anlage solch’ einer neuen Hopfenpflanzung ist, beiläufig, kein leichtes Ding, mindestens mühsam und arbeitsvoll übergenug. Zuvörderst muß die Düngung eine sehr reichliche und gründliche sein und der Boden so tief wie möglich umgebrochen werden. Darauf gilt es, etwa alle 4–5 Fuß, Löcher zu graben, um darein die Rebenfexer zu legen, und zwar so, daß die treibenden Augen derselben in die Höhe zu stehen kommen. Dies pflegt im April zu geschehen. Nicht lange währt es, so schlägt die junge Pflanze aus und erhält nun die verhältnißmäßig kurzen und schmächtigen Stäbe, wie sie hier stehen. Wenn wir später die Ernte im Rücken haben, schneiden wir die Reben da ab, so daß höchstens noch zwei Fuß von ihnen übrig bleiben, legen die Stöcke nieder und decken sie zu, ganz wie man es mit dem Spalierwein macht. Nachdem im Frühjahr die schützende Decke beseitigt, die alten Fexer gestutzt und neu gedüngt sind, geben wir den nunmehr sprossenden Trieben die mächtigen hohen Stangen, die Du überall bemerkt hast, Pfahlkolosse, die an ihren Fußenden armsdick sind. An ihnen wird die Pflanze mit Binsen festgebunden. Hier und da hat man auch versucht, den Hopfen an Drähten in die Höhe zu ziehen, allein man ist von dieser Methode fast überall wieder abgekommen, weil meist eine totale Verwirrung und Verfilzung der Ranken ihre Folge war.“

Ganz Ohr bei dieser gründlichen Belehrung, war ich nicht gewahr worden, daß wir unsern Fuß nicht nach der Stadt zurückgelenkt hatten, sondern auf einem Nebenwege das Thal hinauf wanderten, das, noch immer weit und offen, hier von dem Gansberg und hinter diesem vom Kegel der Houbirg, dem viel besuchten Luginsland der Gegend, überragt wird. Lustig plätscherte die Pegnitz uns zur Seite und auf den kleinen Wellenkreiseln um die Kieselblöcke sprühte die untergehende Sonne ihre letzten Funken. Es war schon volle Dämmerung, als mein Freund Halt machte.

„Da,“ sagte er, „ist unser Ziel. Komm, laß uns eintreten.“

Ich konnte eben noch erkennen, daß wir vor einem kleinen ländlichen Gehöfte standen, dessen Wohnhaus sich in dichtem Rebgeblätter verbarg. Bereits waren die Läden des Erdgeschosses geschlossen, doch ein einladender Lichtschimmer drang uns durch ihre Spalten entgegen. Und noch einladender klang eine tiefe volle Frauenstimme, die eben die Schlußstrophe eines alten schönen deutschen Volksliedes sang:

Nachtigall, du thust ihn finden,
Flieg umher auf Berg und Gründen;
Schwing dich auf, Frau Nachtigall,
Grüß mein Schatz viel tausendmal!

Leise klinkte mein Begleiter die Hausthür auf, noch leiser öffnete er die Stubenthür. Ja, er hatte Recht gehabt, es war ein vollkommenes Genrebild, was ich da erschaute, dasselbe liebliche Bild, das, nach der Zeichnung eines tüchtigen Nürnberger Künstlers, meine Darstellung schmückend erläutert. Die ganze Familie war noch rüstig beisammen, in drei Generationen, von Großvater und Großmutter bis zur Enkelin und zum Kleinen in der Wiege. Was helfen konnte, half beim Blatten. Alles schnitt emsig und doch vorsichtig die Blüthendolden und füllte damit den weiten Trog, um den man sich gruppirt hatte.

Wir waren einen Augenblick an der Thür stehen geblieben, weil ich erst den ganzen Eindruck der anmuthigen Scene auf mich wirken lassen wollte, ehe ich mich mit den Einzelheiten derselben beschäftigte, und mit besonderem Interesse betrachtete ich die kleidsame Frauentracht des Thales. Doch lange konnten wir unsern Beobachtungsposten nicht behaupten. Mit einem herzlichen „Grüß Gott, Ihr Herren!“ wurden wir in’s Innere genöthigt. Der Alte rückte freundlich die Zipfelmütze und nahm die Ulmer Pfeife aus dem Munde, um meinen Freund willkommen zu heißen, und aus Ton und Art der Begrüßung ersah ich, daß dieser ein hochgehaltener Gast war von Alt und Jung im Hause. Auch mir schüttelte Alles zutraulich die Hand, und bald waren wir mitten unter den fleißigen Leuten häuslich etablirt und hörten den verständigen Reden des Alten zu, der uns viel zu erzählen wußte von „dazumal, wo sie noch Nürnbergisch waren und wie’s ihnen gar nicht in den Kopf gewollt, daß sie nun auf einmal baierisch werden sollten.“ Inzwischen war auch, mit der letzten mächtigen Blätterbürde auf dem Kopfe, der eigentliche Hausvater heimgekehrt – denn die Alten saßen bereits auf dem Leibgedinge, – ein stattlicher, kräftiger Mann. Auch er freute sich des Besuchs von Herzen; sein erster Blick aber galt doch dem Jüngsten drüben in der Wiege und der noch jungen Mutter, die, während ihre Hände rastlos schafften, mit glückstrahlendem Auge den Schlaf des kleinen Lieblings behütete.

„So, Babeli,“ sagte mein Freund, indem er von der Bank aufstand und dem erröthenden Mädchen, der Tochter des alten Auszüglers, eine dicke Hopfenguirlande um das bis auf das Mieder herabfallende Kopftuch legte, „so, die Krone ziemt der wackern Sängerin. Jetzt, Ihr Leute, b’hüt Euch Gott; aber ’s ist spät und wir müssen eilen, daß wir endlich einmal nach Hause kommen. Vergeßt nicht, daß wir nächsten Dienstag unsern ‚Niederfall‘ halten; da seid Ihr allesammt unsere Gäste, das wißt Ihr. Und wenn [345] sie dann die Hopser und die Schottischen aufspielen, da wird ’s Babeli wohl kein so ernstes Gesicht machen, wie heut, wo’s so schwermüthige Lieder singt. Ja, ja, wir haben draußen an der Thür gehorcht.“ –

Und der Sonntag kam, goldig klar, ein echtes Septemberkind, und schon in erster Morgenfrühe zogen wir mit Stock und Ranzen das anmuthige Thal hinauf nach der Nürnberger Schweiz. Draußen im Häuschen, wo wir neulich Abends eingesprochen waren zum Blatten, schlief noch Alles, auch das Babeli noch, dem wir gern unsern Morgengruß geboten hätten. Es war frisch, doch nicht kühl, so recht angenehm zum Marschiren, und so wurde uns der Aufstieg über den Gansberg zu der edelgeformten Houbirg nicht sauer, selbst meinem Freunde nicht, in dessen körperlicher Stattlichkeit seine Doppelwürde als wohlgediehener Hopfenmatador und hochmögender Hersbrucker Magistratsrath ihre Ausprägung findet. Ueber thaufeuchten Rasen ging’s in die Höhe, und bald öffnete sich dem Blick eine weite Aussicht auf die Hersbrucker Gegend. Das Städtchen kämpfte noch mit dem leicht durchsonnten Duft der Frühe, die Felsen und Höhen des obern Thales aber säumte bereits das glühendste Roth, und weit links sahen wir die dampfende Schlange des ersten Bahnzuges sich abwärts winden.

„Sieh hier,“ begann mein Gefährte, nachdem er ein paar Minuten luftschnappend gerastet hatte, „die Ueberbleibsel eines Erdwalls; wir heißen sie kurzweg die ‚Schanze‘. Die rührt noch von den Urbewohnern unseres Gaues her, behaupten die Antiquare, und mag ehedem Opferstätte und Heiligthum gewesen sein. Auch zum Begräbnißplatze hat sie gedient, denn ringsum findet man noch viele alte Grabhügel, sogenannte Hünengräber. Neulich war ich zufällig mit dabei, als solch ein Hünengrab geöffnet wurde; da kamen gar verschiedene Trümmer wunderbarer Waffen, Menschenknochen, zerbrochene Schmuckgegenstände und einige andere unbestimmbare Geräthe zum Vorschein, die auf eine fern im fernsten Mythenduft liegende Urzeit deuteten.“

Noch eine Viertelstunde tapfern Klimmens, noch einige Stoßseufzer des Magistratsrathes, und der Gipfel ist gewonnen. Inzwischen hat sich die ganze Landschaft in Sonnenlicht gebadet, nur die Kuppen der Oberpfalz, die man von hier aus überschaut, liegen in tiefem Schatten und geben dem heitern Bilde einen ernsten, stylvollen Abschluß.

Raschen Laufes schreiten wir zu dem freundlichen Flecken Happurg hinab, der sich an den jenseitigen Fuß des Berges schmiegt. Hier vor dem behaglichen Wirthshause des Benedictus Meyer hielt der Omnibus, der nach Ankunft der Bahnzüge in Hersbruck die Verbindung mit dem neuen schönen Hotel von Ruprechtsstegen vermittelt. Dies war ja auch das eigentliche Ziel unseres Ausfluges „in die Berge“, wie mein Gefährte sich stolz ausdrückte, und so ließen wir alle unsere kühnen Pläne von weiteren Fuß- und Kletterpartien schwinden und zogen die Bequemlichkeit des Vehikels vor. Mit der Bequemlichkeit freilich durfte es nicht so streng genommen werden; der Sonntag und das herrliche Herbstwetter hatten noch Andere als uns in die Romantik und nach den Forellen des Pegnitzthales gelockt, und der Omnibus war bereits ziemlich angefüllt von lustigem Nürnberger Volke, das sich in seiner „Schweiz“ einen guten Tag machen wollte.

Die Gegend hat keinen großartigen Charakter, ist wenigstens noch mehr Miniaturschweiz, als andere deutsche Hügellandschaften, denen man aus einem sehr übel angebrachten Localpatriotismns und Localenthusiasmus die Ehre der Vergleichung mit dem gewaltigen Alpenlande anthut, aber die Höhen sind malerisch geformt, die Felsen des Jurakalks oft grotesk umrissen und die Belaubung der Hänge und Gipfel thut dem Auge wohl, so daß die Fahrt, immer hart an der munter plaudernden Pegnitz hin, Wechsel und Erquickung sattsam bot. Schon frühzeitig scheint man auch die Anmuth und die Vorzüge des Thales erkannt zu haben, durch das sich die alte Straße nach Böhmen zog. Rundum auf den Büheln und Felsenkuppen hatten sich die Herren vom Stegreif ihre Raubnester aufgerichtet. Die wußten die reichen Waarenzüge, welche aus der rührigen Handels- und Gewerbstadt ostwärts geführt wurden, nach Herzenslust zu brandschatzen und warfen manchen wackern Bürger und Kaufherrn in die Nacht ihrer tiefen Verließe, bis ein hohes Lösegeld den Armen dem Tage zurückgab. Da sind denn der Fehden zwischen den Junkern und der mächtigen Reichsstadt gar häufige gewesen, bis endlich den Ersteren der Athem ausging und die Nürnberger Geschlechter sich ihre lustigen Herrensitze fast in allen unterthanen Dörfern bauten und jeder Flecken sein Schloß mit Eckthürmen und Wallgraben erhielt, zu denen das vorige Jahrhundert seine Amoretten und Wasserkünste, seine steifen Taxushecken und allongenperrückte Statuen gefügt hat. Auch später haben die Nürnberger Patricier sich manch hübsches Berg- und Waldasyl im Pegnitzthale gegründet. Eben führte uns der Weg an einem solchen vorüber; links der Straße, doch am rechten Ufer des Flusses, zeigten sich die Trümmer einer alten Ritterburg. „Das ist der Lichtenstein,“ erklärte mein Begleiter, „das Stammschloß derer von Lichtenstein, das die Bürger von Nürnberg einst gebrochen haben. Jetzt gehört es den Herren von Ebner, einer bekannten reichsstädtischen Patricierfamilie; die haben es ganz dem Style gemäß restaurirt und die Höhe mit zierlichen Garten- und Waldanlagen geschmückt.“

Und so rollten wir noch an unterschiedlichen älteren und neueren Nürnberger Herrensitzen vorüber, durch mehrere freundliche Dörfer mit stattlichen Kirchen und ansehnlichen Schlössern, und die Felspartien des Thales thürmten sich immer wundersamer und abenteuerlicher übereinander, bis bei Enzendorf ein förmlicher Strom von Steinen und größeren und kleineren Kalktrümmern die Höhen überrieselt zu haben schien. Die Sonne lag bereits drückend über dem Thale, und allerlei Ausrufe und Seufzer der Ungeduld und unruhiges Hin- und Herrücken unter unserer Wagengesellschaft kündeten die Sehnsucht, endlich an Ort und Stelle zu sein. Auch der Magistratsrath zog wiederholt seine Uhr aus der Tasche, die Mittagsstunde war nahe, und drunten im hüpfenden Bache schnellte manche Forelle so verlockend in die Höhe! Jetzt eine abermalige Wendung der Straße und ein allgemeines freudiges Ah! Da erhob sich wie ein zierliches Schlößchen mit elegantem Thurme und wehender Flagge über dem Dorfe Ruprechtstegen das neue Jegel’sche Gast- und Curhaus. Noch eine Brücke ist zu passiren, dann geht es langsam die zum Hotel führende Allee hinan, und da waren wir, und oben empfing uns der liebenswürdige gebildete Wirth, ein alter Freund meines Genossen, mit einem herzlichen Willkommen, während ein Häuflein von Sommergästen in den übrigen Ankömmlingen liebe Bekannte begrüßte und der Freude und des Jubels ob der vergnüglichen Ueberraschung kein Ende fand.

„Nun, wie behagt Dir’s hier?“ frug mich der Freund, als wir auf der Veranda des eleganten Gebäudes standen und Umschau hielten über die landschaftliche Scenerie, die es umgiebt. „Ist’s nicht ein allerliebster Schmollwinkel, um einmal auf ein paar Tage oder meinetwegen Wochen die ganze Welt draußen und selbst den – Hopfen zu vergessen? Sieh, die Felsen dort, das sind die Hüter des Ankathales, und das ist das Lauterbruunen oder besser das Münsterthal unserer Schweiz. Heut’ Nachmittag, wenn’s kühler geworden und ein Schlummerstündchen gehalten ist, wollen wir unsere Schritte in diese Schlucht lenken. Vorerst, vor Allem aber an die Forellen!“

Der Wirth war inzwischen zu uns getreten und lud zu einer Besichtigung des neuen Baues ein, ehe die Tischglocke nach dem Speisesaale rief. Gern folgten wir der Führung des freundlichen Mannes, an dessen Lebensschicksale sich ein eigenthümliches Interesse knüpft. Früher Redacteur einer einflußreichen fränkischen Zeitung, war er später nach Amerika ausgewandert und hatte in New-York das noch unter diesem Namen bestehende „Jegel’sche Hotel“ begründet. Da mitten in einer gedeihlichen Thätigkeit traf ihn ein entsetzlicher Schlag. Auf der Reise zu ihm wurde seine Familie eines der bejammernswerthen Opfer, welche der bekannte grausige Brand des Dampfers „Austria“ forderte. Jegel mochte nun nicht mehr in Amerika bleiben; er verkaufte sein Gasthaus und ging nach vem Vaterlande zurück, um wieder, wie ehedem, die getreue Feder zur Hand zu nehmen. In regem Verkehr mit der amerikanischen Presse, wurde er 1859 von der New Horker Staatszeitung als Special-Correspondent auf den italienischen Kriegsschauplatz gesandt. Zwar kannte ich im Allgemeinen bereits diese erfahrungsschwere Vergangenheit des jetzigen Besitzers unsers allerliebsten Ruprechtsstegener Curhauses, doch war es mir interessant, nun aus dem Munde des Mannes selbst noch manche Einzelheit seines bewegten Lebens zu vernehmen, so interessant, daß ich darüber auf unserm Gange durch das Hotel da und dort eine besondere Schönheit oder einen Hauptvorzug der Einrichtung übersah und erst von meinem Hersbrucker Gastfreunde auf das Unbeachtete aufmerksam gemacht werden mußte.

Das Curhaus ist erst seit Beginn der vorjährigen Saison, Anfangs Mai, eröffnet worden. Nach dem Plane des Professor [346] Böhrer in Nürnberg auf- und ausgeführt, imponirt es durch Bauart und Lage, welche letztere in der That kaum mit feinerem Geschmack und glücklicherem Verständniß des Terrains hätte gewählt werden können.

Wie dem Leser die obere Mittelrandskizze unseres Bildes zeigt, ist das Hotel in jenem graziösen Style errichtet, zu welchem das schweizerische Alpenhaus und die italienische Villa vereint die Motive geliefert haben. Aus der inneren Einrichtung des Gebäudes spricht überall der gebildete Sinn seines Gründers, und manche kleine Bequemlichkeit der Zimmer, mancher Comfort des Geräthes verräth, daß jener nicht umsonst durch die Schule der praktischen Amerikaner gelaufen ist. Am besten von allen behagte mir ein Gemach im Thurme, das mit den bunten Glasmalereien der Fenster, den Wappenschildern und den schweren Eichenmöbeln an die Lichtseite des „romantischen“ Mittelalters erinnerte. Und es war ein gar ergötzlich Spiel, durch die verschieden gefärbten Scheiben sich das Thal und die Höhen drüben zu beschauen, bald unter die Flammengluth eines afrikanischen Samumhimmels, bald in die „mondbeglänzte Zauberwelt“ der Sommernacht versetzt; – aber „die Glocke, die Glocke!“ rief mein forellenbegieriger Gefährte, und richtig, es läutete zum Essen, auch mir kein unwillkommenes Signal, trotz Naturbegeisterung und Kunstgenuß. Wie hurtig war mein Magistratsrath die Stiege hinunter, so daß wir andern Beide Noth hatten, dem Dicken zu folgen; wie stürmte er in den Speisesaal hinein, in dem es schon von lustigen Sonntagsstimmen und Sonntagslaunen schwirrte! Alt und Jung schien nur von dem einem Streben erfüllt zu sein, den Ausflug recht ausgiebig auszukosten; von Neuem ward ich inne, daß ich die vielgenannte Mainlinie passirt hatte, hinter der unsere norddeutsche Zurückhaltung und Steifheit zurückzubleiben pflegen. Plötzlich stieß mein Freund mich an: die Forellen waren aufgetragen, und in der That, sie bewährten ihren und des Pegnitzthales Ruf: klein, zart, von rosaröthlichem Fleische. „Bekenne, das ist die Forelle aller Forellen!“ sprach mein Nachbar in Begeisterung. „Hast Du irgendwo oder -wie schon eine andere geschmaust, welche die unserer Pegnitz überbietet?“

„Gewiß, sie ist untadelhaft, eine Perle ihres Geschlechts. Darf ich noch einmal um die Schüssel bitten?“ gab ich zur Antwort. Die Gesellschaft wurde immer sonntäglicher gelaunt; von dem jungen Volke hatte sich Eines nach dem Andern in den angrenzenden Salon geschlichen, und bald tönten muntere Klänge in drei und zwei Viertel-Takte verlockend zu uns herüber. Ein anderer Theil etablirte sich um den Kaffeetisch auf der Veranda, und einige ältere Herren blieben, enger zusammengerückt, bei der Flasche sitzen und ergingen sich, trotz Schweiz und Sonntagslust, in der unerschöpflichen Frage der Zeit und des Landes, den Aussichten und Conjuncturen des heurigen Hopfengewächses. Ich wanderte im Saale umher und betrachtete seine Decoration, die in sinnig gruppirten waidmännischen Emblemen andeutet, daß Herr Jegel zu den vielen anderen Annehmlichkeiten seines Musterhotels den Ruprechtstegener Luftcurgästen auch das kräftigende Vergnügen der Jagd in den umliegenden Gehölzen, in Thalgründen und Schluchten zur Verfügung stellen kann.

Es ist in der That ein auserlesener Winkel, dies heimelige Ruprechtstegen, um seine Sommerfrische dort abzuhalten, und gern möchte ich recht viel davon erzählen und von dem schönen Stück des lieben Frankenlandes, zu dem es gehört, damit dem Leser der Mund wässerig werde danach und er es zum Ziele seiner nächsten Sommerreise wähle, – allein die Gartenlaube sagt „quod non“. Denn der Raum, den sie mir überlassen, ist schon über und über erschöpft. Ich will daher nur noch erwähnen, daß das Jegel’sche Gasthaus den natürlichen wie den bequemsten Ausgangs- und Stationspunkt für die anziehendsten Punkte des obern Pegnitzthales bietet.

Da schiebt zuerst wenige Minuten nur vom Hotel das enge Ankathal seine bizarren Felscoulissen auseinander, mit den abenteuerlichen Gestalten der rechts und links sich aufgipfelnden und oftmals überhangenden Kalkblöcken ein wahrhaftes Cabinetsstückchcn von pittoresker Landschaftsscenerie. Durch diese wildschöne Schlucht führt der Weg nach dem höchsten Punkt Mittelfrankens, dem Hohenstein, einem zertrümmerten alten Bergschlosse, das man nunmehr zu einer viel benützten Warte für friedliche Besucher und harmlose Naturbewunderer umgewandelt hat, von der man weit in’s Land hinaus schaut, gen Nordosten bis zu den bewaldeten Kuppen des Fichtelgebirges.

Eine andere ähnliche unkriegerische, aussichtreiche Warte ist der Veldenstein, der, obschon nur anderthalb Stunden thalauf, unweit einer der malerischsten Verengungen des Pegnitzthales gelegen, in die sich mancherlei Mühlen und Eisenhämmer zwängen, bereits zur Oberpfalz gezählt wird. Eine halbe Stunde tiefer im Grunde endlich befindet sich die Hauptmerkwürdigkeit, die „first sight“ der Gegend, wie die Engländer sprechen, welche mit ihren langlockigen Misses schon ab und zu die Nürnberger Schweiz zu kosmopolitisiren beginnen. Es ist die große Tropfsteinhöhle von Krottensee, eine der größten Höhlen in Deutschland, wie Höhlenkundige behaupten.

Im dolce far niente, bei trefflicher Verpflegung und unter lustigen Streifen nach den genannten Wanderzielen verstrichen Sonntag und Montag nur zu geschwind. Am andern Morgen trug uns der Omnibus durch die liebliche Uferlandschaft nach Hersbruck zurück. Wie gern hätte ich im behaglichen Jegel’schen Luftcurhause noch länger Rast gehalten, doch das war leider nicht möglich! Heut’ Abend gab’s ja den angekündigten „Niederfall“ bei meinem Freunde, und das Fest durfte ich nicht versäumen, um meinen Studien im Hopfenparadiese den rechten und würdigen Abschluß zu verleihen und um – das schöne Bäbeli vom „letzten Hüttchen“ draußen noch einmal zu sehen.

Schon rüstete sich das ganze Haus zu dieser Feier; denn hier galt es einen förmlichen wohlarrangirten Ball, nicht blos ein improvisirtes Tänzchen nach den bald erschöpften Klängen der Harmonika, und die gesammte Sippschaft und alle die Honoratioren des Ortes wurden erwartet. Man durfte mithin auf Stattliches aufsehen und mußte ebenfalls seine Vorbereitungen treffen, der Gelegenheit Ehre zu machen.

Wirklich es war ein Fest, dieser magistratsräthliche Niederfall, und Bäbeli hatte alle Schwermuth und alle traurigen Lieder daheim gelassen. Obschon auch heute ohne Crinoline und in der Pegnitzgauer Tracht, war sie der Schönsten Eine und ging, eine vielbegehrte Tänzerin, von einer Hand in die andere. Ich aber schlich mich zeitig aus dem lustigen Getümmel; denn der erste Frühzug sollte mich der anmuthigen Gegend und den lieben biederen Leuten wieder entführen.

„Auf Wiedersehen beim nächsten Blatten,“ sprach mein Freund, der sich’s nicht hatte nehmen lassen, mich trotz seiner schlaflosen Nacht zum Bahnhofe zu geleiten, indem er mir noch in’s Coupé hinein zum letzten Male die Hand schüttelte.

Die Stationsglocke läutete, und fort sausten wir erst gen Nürnberg und bald unaufhaltsam nordwärts. Doch die Erinnerung an die Tage im Hopfenlande und im Pegnitzthale fuhr mit mir heim, und wenn ich Abends, nach gutem deutschem Brauche, in der Kneipe saß, – bei jedem Kruge Biers, an dem ich mich labte – und es sind leiblich viele seitdem gewesen! – zog eine oder die andere Phase des Hopfenlebens, wie ich’s in Hersbruck kennen lernte, an mir vorüber. Und weil ich nun weiß, wie König Gambrin hochgehalten wird von den meisten Lesern und auch gar vielen Leserinnen der Gartenlaube, so habe ich gemeint, das kleine deutsche Culturbild, welches ich hiermit zu zeichnen versuchte, werde sich ihres Interesses wohl erfreuen dürfen. Wer von ihnen aber noch nicht die Wahl getroffen hat, wo er demnächst ein paar Ferienwochen oder nur einige freie Sommertage in gemüthlicher Beschaulichkeit verbringen soll, der wandere hinein in die Nürnberger Schweiz und schlage sein Zelt auf im Ruprechtstegener Gasthause, – er wird’s nimmer bereuen und im andern Jahre wiederkehren. Will’s Gott, so begegnen wir uns dort.