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Titel: Im Bankiergeschäft
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aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 408–411
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[408]
Bilder aus der kaufmännischen Welt.
Nr. 2. Im Bankiergeschäft.

Der Handel mit Geld! Das erscheint vielleicht Manchem lächerlich, denn für die meisten Menschen ist Geld eben nur das was es heißt – Geld. In der Geschäftswelt jedoch kommt dieser hochgeschätzte Artikel in so unendlich vielfachen Formen vor, daß sich eine ganz besondere Classe der Jünger Mercurs lediglich dem Geldhandel gewidmet hat. Es sind dies die Wechsler oder die Bankiers.

Das Geld ist anerkannt die bedeutendste Großmacht der Erde, und man kann deshalb eine wenn auch nur kleine Anzahl außerordentlich reicher Bankiers, deren Namen wir nicht erst zu nennen brauchen, immerhin als Steuergehülfen im Schiff der Weltgeschichte betrachten. Allein diese bevorzugten Würdenträger hüten sich wohl, ihre klingende Großmacht auf eigenes Risico gegen die Gewalt in das Feld zu führen, denn jene glänzenden, vollwichtigen, geränderten Truppen fürchten den unmittelbaren Kampf mit der bewaffneten Macht, in welchem sie leichter verloren gehen würden, als sie verdient worden sind.

Kein anderer Zweig der kaufmännischen Geschäfte beansprucht eine so unausgesetzte Beobachtung der Verhältnisse, als das Bankierfach. Die Waarenhändler und Fabrikanten werden zwar einwenden, daß auch sie ihre ganze Aufmerksamkeit den Wechselfällen des Augenblickes und den eintretenden Conjuncturen widmen müssen, [409] wenn sie Geschäftsleute im wahren Sinne des Wortes sein wollen. Der Bankier ist jedoch gezwungen, die oft erst in ungewisser Ferne eintretenden Wirkungen der Zeitverhältnisse zu benutzen, um sein Capital gewinnbringend zu verwenden.

Der Gewinn, der dem Bankier erwächst, ist im Einzelnen betrachtet ein anscheinend sehr geringer, und es handelt sich dabei gewöhnlich nur um Bruchtheile von Procenten; dagegen ist aber auch der Umsatz im Vergleich zu den Waarengeschäften ein sehr bedeutender und beläuft sich bei nur irgend renommirten Häusern leicht auf 50 bis 100 Millionen Thaler des Jahres. Der Bruttogewinn bei diesen Umsätzen erreicht im Durchschnitt kaum ein Viertel-Procent; von diesem Bruttoertrage sind jedoch wieder die Geschäftsspesen abzuziehen, welche ungefähr den dritten Theil des Bruttogewinnes ausmachen. Wenn also ein Bankierhaus einen jährlichen Umsatz von 50 Millionen Thalern erzielt, so ist der Bruttoertrag auf etwa 120.000 Thaler anzuschlagen, was nach Abzug der erwähnten Spesen einen Reingewinn von ungefähr 80.000 Thalern ergeben würde. Mag nun dies auch recht erklecklich erscheinen, so muß man andrerseits bedenken, daß neben dem Risico auch ein sehr bedeutendes Capital erforderlich ist, um einen solchen Umsatz zu bewirken.

Für einen großen Theil der Fabrikanten und Waarenhändler ist der Bankier der hauptsächlichste Vermittler von Geld und Credit. Ein neues kaufmännisches Etablissement, welches beispielsweise mit einem Capitale von 10.000 Thalern begründet ist, würde diese Summe in den meisten Fällen jährlich nur einige Mal umsetzen können, wenn nicht die Hülfe des fremden Capitals in Anspruch genommen werden könnte, wodurch sich dann auch der Umsatz bedeutend vermehrt. Ein Fabrikant würde ohne diese Einrichtung meistentheils warten müssen, bis die Zahlungen für die gewöhnlich auch auf Credit verkauften Waaren eingegangen wären, ehe er auf’s Neue arbeiten lassen könnte, und müßte er dann für die eingegangenen Gelder erst wieder die erforderlichen Rohstoffe beziehen, so ginge dadurch eine Menge Zeit verloren, die doch gerade in allen kaufmännischen Verhältnissen für ebenso werthvoll wie das Geld selbst angesehen wird.

Da tritt nun der Bankier vermittelnd ein; den sogenannten Blanco-Credit, welchen er seinen Kunden gewährt, benutzt er, indem er bis zu einem gewissen Betrage Wechsel auf das Bankhaus zieht, die er ohne Schwierigkeit für seine Zahlungen verwenden kann, und hierdurch gelingt es ihm, sich die Mittel zum ungestörten Betriebe seines Geschäftes zu verschaffen. Für solche Creditbewilligungen berechnet der Bankier außer den gewöhnlichen Zinsen durchschnittlich 1/3 Procent Provision, und nehmen wir an, daß ein Bankhaus, welches, wie oben bemerkt, 60 Millionen Thaler Umsatz macht, den sechsten Theil jener Summe im Contocorrentverkehr umschlägt, so würde schon hieran ein Gewinn von etwa 30.000 Thalern bleiben. Allein dieser Nutzen wird selbst bei der größten Vorsicht auch durch Verluste geschmälert, wenn in den Verhältnissen seiner Kunden rasch unvorhergesehene, nachtheilige Veränderungen eintreten; auch dann muß der Bankier die von ihm acceptirten Wechsel seines Kunden stets bezahlen, während letzterer bei ihm nur als einfacher Buchschuldner gilt.

Den bei weitem größten Theil des Bankier-Geschäftes umfaßt der Cassa-Umsatz und der Verkehr in Wechseln und Actien oder Staatspapieren, welche dem Bankier von seinen Committenten entweder zum Verkauf übergeben, oder die von ihm bezogen werden. Bei diesen Operationen bleibt dem Bankier außer seiner Commission, die man durchschnittlich auf 1/6 Procent annehmen kann, mindestens noch ein weiteres 1/6 Procent dadurch, daß er, namentlich wenn er ein ausgedehntes Contocorrentgeschäft betreibt, an den ihm eingesandten Wechseln und Wertpapieren bei dem Wiederkauf (der Begebung) derselben verdient, wobei wir natürlich annehmen, daß der Bankier nicht speculiren will, sondern daß er die ihm eingesandten Papiere sofort verwerthet (realisirt).

Der Nutzen wird noch ansehnlicher, wenn der Bankier die bei ihm eingehenden Wechsel und Actien nach dem gebräuchlichen Ausdrucke „in sich verwendet“; das heißt: wenn er die von einem seiner Kunden zum Verkaufe eingesandten Wertsachen gleich wieder an einen andern seiner Kunden giebt, der ebensolche bestellt hat, was täglich in einem größern Bankgeschäft vorkommt, da sich Begehr und Angebot stets begegnen. Um ein Beispiel anzuführen, wollen wir annehmen, daß dem Bankier 20.000 Mark Banko in Wechseln auf Hamburg zum Verkauf übergiebt, während zu gleicher Zeit B 8000 und C. 12.000 Mark in denselben Wechseln bestellen. Der Bankier berechnet die Wechsel zum notirten Cours abzüglich 1 pro mille Courtage (Mäklergebühren) und übersendet nun die Wechsel an B. und C., denen er entweder jene Papiere 1/8 über den notirten Cours, oder doch mindestens zum notirten Cours zuzüglich 1 pro mille Courtage anrechnet. Er hat also auf diesen Posten zweimal Commission, zweimal Courtage und eventuell auch noch einen kleinen Coursgewinn. Dasselbe Verhältniß findet bei dem Ein- und Verkauf von Actien statt, wobei der Bankier noch die Coursschwankungen an der Börse für sich hat.

Ein wesentlicher Nutzen entsteht dem Bankier noch durch die Discontoverhältnisse, indem der Börsendisconto fast stets niedriger als der Bankdiskonto ist. Wäre nun zum Beispiel der Disconto der preußischen Bank 41/2 %, so wird der Bankier die bei ihm eingehenden Wechsel auf Berlin abzüglich 41/2 % Disconto annehmen, während er solche ohne Schwierigkeit zum Börsendisconto, der unter diesen Verhältnissen nur 4 % oder noch weniger betragen würde, begeben kann.

Verschiedene Bankierhäuser betreiben das Contocorrentgeschäft nur wenig und widmen sich dafür dem Arbitrageverkehr, d. h. sie beziehen Wechsel, Geldsorten etc. von andern Plätzen oder senden solche dahin, wenn sich durch Hervorsuchung und Benutzung aller möglichen Vortheile dabei ein Gewinn erzielen läßt. Der Nutzen ist bei diesen Operationen meistens ein geringer und beträgt nur selten über 1/8 Proc. Dagegen setzt der Arbitrageur das Capital weit öfter um und verdient dadurch in Summa ebensoviel, als der Contocorrentbankier; auch hat er, da er nur mit den feinsten Häusern arbeitet, nicht das Risico, welches jener durch seine Acceptverbindlichkeiten eingeht. Das Arbitragegeschäft ist allerdings auch weit mühsamer, verlangt ungemeine Aufmerksamkeit und viel Raffinement; ebenso erfordert es die genaueste Kenntniß der verschiedenen großen Wechselplätze, sorgfältiges Studium der Geldverhältnisse und eine fortgesetzte Beobachtung der Tendenz für die verschiedenen Gattungen von Wechselvaluten.

Eine Arbitrage, welche vor nicht langer Zeit im großartigsten Maßstabe und mit vielem Erfolg betrieben wurde, war der Bezug von Silbergulden aus Oesterreich. Diese Geldsorte verschwand damals fast ganz aus dem Verkehr in Oesterreich und selbst heute noch dürfte sie zum größeren Theile im Auslande gefunden werden, wohin sie in jener Zeit massenhaft ausgeführt wurde. Diese für die Arbitrageure so gewinnreiche Operation wurde folgendermaßen bewerkstelligt. Die Zinscoupons der österreichischen Nationalanleihe werden in Wien in Silbergeld (meist Gulden) eingelöst; da nun aber von jenem Staatspapiere sich ein großer Theil auf auswärtigen Plätzen, besonders in Amsterdam, Frankfurt a. M., Berlin und einigen baierischen Städten befand, so kauften die Arbitrageure an genannten Orten die fälligen Zinscoupons zu einem Preise, der ungefähr 971/2 bis 98 Thaler für 150 Gulden gleichkam. Diese Coupons wurden nun nach Wien gesandt, an den Staatscassen gegen Silbergulden zum vollen Werthe umgetauscht und diese dann per Bahn an die betreffenden Arbitrageure in das Ausland befördert. Das Porto für die Coupons, die Verwechselungs- und Verpackungsspesen in Wien betrugen ungefähr 1/4 Thaler für 150 Gulden, die Assecuranz auf das mit der Eisenbahn zu befördernde Silber etwa 2 bis 3 Silbergroschen für 150 Gulden und die Fracht von Wien bis zum Wohnort des Arbitrageurs ungefähr 10 Silbergroschen für dieselbe Summe, so daß bei einem Einkaufspreise von 973/4 Thaler für 150 Gulden Coupons, zuzüglich des Zinsverlustes, welchen die zu der Operation erforderlichen sechs bis acht Tage veranlaßten, die 150 Silbergulden auf etwa 981/2 Thaler zu stehen kamen, während man dafür in Frankfurt a. M., Leipzig und andern Orten ohne Schwierigkeit 991/2 bis 993/4 Thaler dafür erzielte. Bedenkt man nun, daß ein einziger größerer Arbitrageur jährlich mindestens 5 bis 6 Millionen Gulden derartigen Silbers aus Oesterreich exportirte, so wird man ermessen können, wie vortheilhaft diese Manipulation war. Bei 6 Millionen Gulden und nur 1 Procent Nettogewinn betrug letzterer 60.000 Gulden oder 40.000 Thaler!

Allerdings blieb diese Operation nicht lange so rentabel, da zu viele Arbitrageurs sich derselben bemächtigten und der Preis der betreffenden Zinscoupons sich dadurch wesentlich steigerte. Seitdem in Oesterreich die Einkommensteuer mit 7 Procent bei den Coupons in Abzug gebracht wird und die österreichische Regierung der Ausfuhr des Silbers auch noch dadurch zu steuern sucht, daß [410] sie meist nur Viertelguldenstücke, die eine doppelt so theure Fracht verursachen, als die Guldenstücke, oft aber auch alte Zwanzigkreuzer, welche einen Verlust von 2 Procent ergeben, gegen Nationalanleihe-Coupons auszahlt, wird das eben beschriebene Geschäft nur wenig mehr betrieben.

Fragt man nun, wie jene kolossalen Summen so rasch Abnehmer fanden, so ist dies dadurch zu erklären, daß hauptsächlich die Besitzer von Fabriken oder anderer viele Arbeiter beschäftigender Unternehmungen die österreichischen Silbergulden von den Bankiers kauften und zur Bezahlung der Arbeitslöhne benutzten. Hierdurch drang nun auch diese Münzsorte so überaus rasch in das größere Publicum, und besonders in Sachsen ist noch jetzt die Menge der coursirenden Silbergulden eine ganz außerordentliche. In Preußen konnten sie jedoch nur eine verhältnißmäßig weit geringere Verbreitung finden; das politische Mißtrauen schien sich in jener Zeit auch bis auf diese glänzenden Silberstücke zu erstrecken.

Nicht immer sind dagegen die hauptsächlich auf Zeitverhältnisse basirten Speculationen der Bankiers von dem gehofften Erfolge gekrönt, denn oft genug zerstört ein kleines politisches Ereigniß mit einem Schlage die großen Hoffnungen, welche den Speculirenden schon die Hand nach den winkenden goldenen Früchten ausstrecken ließen, und der gehoffte Gewinn verwandelt sich in bittern Verlust.

Aus diesem Grunde wollen wir uns auch nicht weiter über die Geheimnisse der Speculationen verbreiten, da dieselben doch für manche unserer Leser vielleicht etwas zu Verführerisches haben möchten. Für Leichtgläubige hat man übrigens durch ähnliche Schriften, wie „Der Speculant in der Westentasche“, oder „Die Kunst, durch Börsenspekulationen in vier Wochen ein Millionär zu werden“ und andere dergleichen hinreichend gesorgt. Wir wollen vielmehr jetzt nur noch versuchen, das äußere Leben und Treiben in einem Bankiergeschäfte zu beschreiben und besonders jene Leute betrachten, welche zur Vermittelung so bedeutender Geschäfte berufen sind. Zwar können wir heute unsern freundlichen Lesern nicht den Zutritt zu den berühmten Häusern jener im Anfange dieses Artikels angedeuteten Geldfürsten verschaffen, allein auch ein bescheideneres Bankiergeschäft, d. h. ein solches, dessen jährlicher Umsatz fünfzig und mehr Millionen Thaler beträgt, bietet immerhin für den Wißbegierigen noch Reiz genug.

Welch ein Unterschied zeigt sich schon auf den ersten Blick zwischen den Geschäftslocalitäten der Waarenhändler und denen der Bankiers! Während dort Vorräthe aller Art in Massen aufgestapelt liegen und überdies noch außerhalb geräumige Niederlagen Waaren bergen, erstaunt der Uneingeweihte über die ausfallende Leerheit, welche im Vergleiche zu jenen die Geschäftsräume der Wechsler darbieten. Eine große Anzahl von Pulten für die Angestellten des Comptoirs, dicke Bücher, hohe Stöße von Briefen, einige lange Zähltische und dahinter verschiedene feuerfeste Cassenschränke, in denen die Wertpapiere aufgespeichert sind – das ist der ganze Schmuck, wenn man nicht sagen will das Handwerkszeug der Bankiers. Aber die beim Zählen mit wunderbarer Schnelligkeit von einer Hand in die andere gleitenden Gold- und Silbermünzen verursachen eine so verführerische Musik, daß wir diesem Sirenenklange nachgehen und den Geldwirbel der Agio-Charybdis in größerer Nähe betrachten wollen.

Wir treten in die geheimnißvollen Räume, in denen uns sogleich die Menge der einzelnen Abtheilungen auffällt. Der Chef des Hauses thront in einem abgesonderten Cabinet und empfängt hier die Meldungen seiner Untergebenen, prüft die ihm gemachten Vorschläge, bewilligt oder verweigert mit gleicher Ruhe Credit, oder ordnet neue, großartige Geschäfte an. Er empfängt gewöhnlich nur Personen, welche besonders wichtige Angelegenheiten mit ihm zu besprechen haben; für Geschäfte geringerer Bedeutung hat er Bevollmächtigte genug unter seinem Personale.

Es würde unrecht sein, wenn wir den ernsten Herrn in seinen fünf-, sechs- oder siebenstelligen Zahlencombinationen stören wollten, und da unser Geschäft für heute hier überhaupt doch blos Neugierde betrifft, so ist der Empfang, der uns zu Theil werden könnte, auch noch zweifelhaft genug.

Am geeignetsten dürfte es deshalb wohl sein, wenn wir lieber gleich dem süßen Klange der unweit davon gezählt werdenden Thaler folgen, welcher unausgesetzt an unser Ohr schlägt. Dieser herrlich klingende Wegweiser führt uns zu dem Hauptcassirer des Geschäfts, einem stillen, ernsten Mann, der so zu sagen wirklich bis über die Ohren im Gelde sitzt. Oft genug hält er auf einmal hunderttausend Thaler oder mehr in Wechseln und Cassenanweisungen in seiner Hand, ohne dabei nur auf den Gedanken zu kommen, wie bedauerlich es ist, daß er das hübsche runde Sümmchen nicht sein nennen kann. So ist es aber im Leben auch überall: man gewöhnt sich bei täglicher Wiederholung ebensowohl an das Beneidenswerthe wie an das Abscheuerregende, und Niemand kennt die Resignation gründlicher, als ein solcher Hauptcassirer.

Der Hauptcassirer ist ein Mann von wahrhaft stoischer Ruhe, was Geldangelegenheiten betrifft, und keine Summe ist im Stande, ihn außer Fassung zu bringen. Weder der Klang des Goldes, noch der Anblick der so sauber gestochenen, auf große Summen lautenden Cassenanweisungen kann ihn reizen; die mit 500 oder 1000 Thalern Silbergeld angefüllten Säcke, welche hinter ihm stehen, rückt er gelegentlich blos mit einem leichten, verächtlichen Fußtritte bei Seite. Der Blick, welchen der Hauptcassirer seiner sehr oft in Thätigkeit gesetzten Schnupftabaksdose zuwirft, ist ungleich zärtlicher als jener, den er über die seiner Obhut anvertrauten wohlgefüllten Cassenschränke gleiten läßt. So groß nun auch die Ruhe ist, welche der Oberausseher der Geldvorräthe äußerlich sich angeeignet hat, so ist doch unverkennbar sein Amt ein im hohen Grade angreifendes.

Die durch lange Praxis erworbene Sicherheit schließt trotzdem eine gewisse innere Unruhe nie ganz aus, und es ist auffallend, daß gerade bei den mit so bedeutenden Cassengeschäften betrauten Männern mehr als bei anderen scheinbar noch mehr anstrengenden Funktionen geistige Abspannungen vorkommen, die zuweilen einen bedenklichen Charakter annehmen. Nur wenige Menschen, die nicht jahrelang mit Geldgeschäften vertraut waren, möchten aber auch von einer fieberhaften Aufregung befreit bleiben, wenn sie das Amt eines solchen Hauptcassirers zu verwalten hätten, der beispielsweise in jedem Jahre eine Summe von vielleicht vierzig Millionen Thalern durch seine Hände gehen sieht. Niemand aber wird wohl verlangen, daß unter solchen Verhältnissen die Zeiten der monatlichen oder halbmonatlichen Cassenabschlüsse auch den ruhigsten Cassirer nicht in eine gewisse Aufregung versetzen sollen.

Als Gehülfen sind dem Hauptcassirer einige Cassendiener (an einigen Orten auch sonderbarer Weise Markthelfer genannt) beigegeben, welche hauptsächlich die verschiedenen Münzsorten zu sondern, zu zählen und einzupacken haben. Dies sind erprobte, grundehrliche Männer, und obgleich auch sie innerhalb eines Jahres so manche Million nachzuzählen haben, so sind sie doch mit einem kräftigeren Nervensystem begabt, als der Hauptcassirer, da ihr Leben durch das Austragen und Einfordern der Gelder an sich schon mehr Abwechselung bietet.

Eine kaum weniger anstrengende Stelle als der Hauptcassirer bekleidet der zweite Cassenbeamte, welcher das Wechselgeschäft der verschiedenen Geldsorten, den sogenannten Handwechsel, im unmittelbaren Verkehr mit dem Publicum zu leiten hat. Die kleineren Summen, welche er einnimmt und ausgiebt, und die Schnelligkeit, womit dies geschieht, verlangt einen geübten Mann; aber Niemand würde zur Besetzung einer solchen Stelle sich weniger eignen als ein Numismatiker, der so oft unter der Masse der einlaufenden fremden Münzsorten Seltenheiten suchen und entdecken, dabei aber auch unausbleiblich manches Versehen machen würde.

Unter den oben angedeuteten kleinen Summen darf man sich jedoch nicht etwa Bagatellbeträge vorstellen; der zweite Cassirer rechnet oft genug nach Tausenden, und der Umsatz an seiner Casse erreicht fast die Hälfte des Hauptcassenumschlages in demjenigen Bankiergeschäft, von welchem wir hier sprechen.

Einen sonderbaren Gegensatz zu dem ruhigen Wesen der beiden Cassirer bildet der lebhafte Nachbar des letzterwähnten, ein Mann, der den Ein- und Verkauf der Actien, Staatspapiere etc. unter sich hat. Bedenkt man nun, daß allein in den verschiedenen Eisenbahnen und industriellen Actienunternehmungen Deutschlands etwa 14 bis 1500 Millionen Thaler angelegt sind, so ergiebt sich allerdings für jenen Herrn ein reiches Feld der Thätigkeit. Es giebt aber wohl keine Eisenbahn der alten und nur wenige der neuen Welt, über welche er nicht auf der Stelle die umfassendste Auskunft zu geben wüßte. Die Abfahrts- und Ankunftsstunden der verschiedenen Eisenbahnzüge darf man freilich unter dieser Auskunft nicht verstehen, wohl aber weiß er über Zahl und Stand der Actien, über die betreffenden Dividenden und Prioritätsanleihen den genauesten Bericht zu erstatten. Seine Gewandtheit und sein [411] Gedächtniß sind gleich bewundernswürdig, und dabei hat er eine ganz eigenthümliche Gewohnheit, seine Berichte gewissermaßen zu illustriren. In der Rechten hält er nämlich fortwährend ein Stück Kreide, mit dem er wie zur Bekräftigung seiner Angaben alle in seiner Rede vorkommenden Ziffern mit unglaublicher Schnelligkeit auf den Zähltisch schreibt, welcher sich zwischen ihm und den Kunden befindet. Wir sehen auf diese Weise wie durch Zauberei die sämmtlichen finanziellen Verhältnisse einer Eisenbahn in Zahlen vor uns klar werden, bis eben so rasch der immer bereitlegende angefeuchtete Schwamm den Zahlenbau von der Tischplatte entfernt, um anderen Zifferbeweisen Platz zu machen.

Diese Art, eine Rede durch Zahlen zu unterstützen, verbunden mit der großen Geschäftskenntniß jenes Mannes, ist ebenso eigenthümlich als überzeugend. Er hat sich aber an sein Kreideziffersystem so sehr gewöhnt, daß er fast niemals eine Zahl ausspricht, ohne sie auch sofort vor sich hinzuschreiben. Diese Gewohnheit macht sich sogar noch außerhalb des geschäftlichen Lebens geltend; wenn jener Finanzkundige in Freundeskreise und das Gespräch auf Actien kommt, so zeichnet er in Ermangelung der Geschäftskreide sicher die ausgesprochenen Zahlen wenigstens mit dem rechten Zeigefinger vor sich hin auf den Tisch. Würde er Nachts vor dem Einschlafen ein Stück schwarzer Kreide zur Hand nehmen, so müßte am nächsten Morgen bei seinem Erwachen das weiße Bett ebenfalls mit Zahlen bedeckt sein, denn ein so eifriger Geschäftsmann wie er träumt sicher allnächtlich von seinem Elemente, den Actien und Wertpapieren.

Denjenigen Theil des Geschäftes, wo die meisten Angestellten beschäftigt sind, das Comptoir, besuchen wir zuletzt. Ueber zwei Drittel des aus vierzig Mann bestehenden Geschäftspersonales finden wir hier. An einer Menge von Pulten sehen wir ältere und jüngere Herren, welche alle unausgesetzt rechnen und schreiben. Es herrscht hier eine musterhafte Ruhe und Ordnung. Früher, im goldenen Zeitalter der Gänsekiele, verursachten diese Schreibwerkzeuge wenigstens hier das jetzt so Vielen gänzlich unbekannte Geräusch, welches wir zuweilen noch in älteren Erzählungen beschrieben finden. Die Stahlfeder hat aber auch diesen hörbaren Beweis der Thätigkeit aus dem Felde geschlagen, denn sie gleitet lautlos über das Papier.

Hier, in dem Comptoir, ist es uns blos erlaubt, den Arbeitenden über die Schultern zuzuschauen, denn Niemand von ihnen möchte sich gern in seiner Thätigkeit stören lassen. Von dem Herrn Hauptbuchhalter aber müssen wir uns in ehrfurchtsvoller Entfernung halten, weil die langen Zahlenreihen, welche er in das „Soll“ und „Haben“ der dicken Bücher einträgt, von den Geschäftsgeheimnissen der Firma mehr verrathen würden, als wir wissen dürfen.

Ein traurig einförmiges Amt ist jenem Comptoiristen dort zugefallen, der nichts anderes zu thun hat, als die eingehenden Wechsel in ein hierzu bestimmtes Buch (das Wechselsconto) einzutragen, und man wird wohl glauben, daß ihm keine Zeit zum Umschauen übrig bleibt, wenn man bedenkt, daß jährlich fünfzig- bis sechszigtausend Stück Wechsel in solcher Weise genau eingetragen werden müssen.

Den übrigen Angestellten des Comptoirs fallen in wohlberechneter Eintheilung die verschiedensten Arbeiten vom Buchführen bis zum Copiren herab zu. Einen sehr wichtigen Zweig bildet der außerordentlich umfassende Briefwechsel des Geschäftes, und um nur einen annähernden Begriff der Thätigkeit eines ersten Correspondenten zu geben, genügt es wohl, wenn wir anführen, daß ein solcher, dem der wichtigste Theil des Briefwechsels zufällt, täglich zwanzig bis dreißig oft ziemlich umfangreiche Briefe zu schreiben hat. Nehmen wir nun an, daß jeder einzelne Brief durchschnittlich etwa eine Druckseite des gewöhnlichen Octavbuchformats einnehmen würde, so hat jener Correspondent in einem einzigen Jahre an zwanzig recht artige Bände zusammengeschrieben. Wo bleibt im Vergleich hierzu die Produktivität der berüchtigtsten Romanschriftsteller?