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Textdaten
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Autor: H. Beta
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Titel: Hyde-Park und Rotten-Row
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 708–711
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[708]
Hyde-Park und Rotten-Row.[1]
Englisches Lebensbild.
Von H. Beta.

Andere Stadtleute begeben sich aus der Straßen quetschender Enge und durch die Thore hinaus, hinaus, um in’s Freie zu kommen und Luft zu schöpfen; in London machen sie’s für den gewöhnlichen Bedarf umgekehrt und gehen, fahren und reiten stadteinwärts in freie, frische Luft, auf lachende Rasenteppiche, unter tausendjährige, jugendfrische Baumgruppen an großen, lachenden, fließenden Zierteichen und deren Inseln und Wasserpflanzenranken entlang. London – längst keine Stadt mehr, sondern die höhere Einheit und Verschmelzung der Vorzüge von Stadt und Land, nachdem es auf den zwanzig deutschen Geviertmeilen, die es einnimmt, eine große Zahl von Dörfern und Städtchen verschlungen und schöner wiedergeboren hat – schwelgt jetzt alle Tage innerhalb seiner 3500 Straßen „im Freien“, auf dem Lande, und zwar viel schöner und gesunder, als unsere Dorfbewohner. Man hat den Schmutz und die Bäuerischkeit der londonisirten Dörfer weggeräumt und nur deren ländliche Schönheit geläutert in die Urbanität oder Stadtcultur aufgenommen.

Dies ist einer von den vielen Vorzügen, durch welche sich London und andere englische Hauptstädte vor deutschen auszeichnen. Die mannigfachen Parkoasen, deren sich London erfreut, halten wir unbedingt für das Schönste, was die britische Metropole aufzuweisen hat und vor Allem eines Besuches unserer Leser und Leserinnen werth, damit sie sehen, wie weit und breit und sonnig und luftig sich hier die Bewohner aller Stände und Classen täglich hunderttausendweise mitten in London gesunder Lebenslust, grüner Bäume und Plätze und wonnigen Lichtes gelaben.

Wir gehen in den Hyde-Park, von dem fast jeder gehört, den Tausende von uns gesehen haben, ohne daran zu denken, daß dies der Haupttriumph des Gesundheitsund Schönheitssinnes von London ist, der größte Juwel des ländlichen Schmuckes, der alle Stadttheile des Ungeheuers verschönt. Hyde-Park lag einst auch weit außerhalb Londons. Aber das freie Volk erlaubte der rascher und rascher zunehmenden Menge von Bewohnern nicht, sich Häuser darauf zu bauen. Und dies nicht allein. Von der eigentlichen Mitte der Weltstadt, von Charing-Croß und Trafalgar-Square aus, streckt sich St. James-Park nach dem großen Parke der Königin am Buckingham-Palaste auf dem freien, weiten Constitutionshügel, der sich unmittelbar an den baum- und rasenreichen Green-Park anschließt. Dieser führt nun unmittelbar in den Hyde-Park, jenseits welches die Kensington-Gärten die Schönheiten aller drei Parke vereinigen und weiter hinaus nach Westen dehnen. Diese Oase von immergrünem Rasen, wundervollen Bäumen, fließenden Teichen und duftigen Inseln – allein groß genug für das ganze Berlin – lacht und sonnt sich und die Menschen mitten in der Westendstadt. Keinem Angebote, keinem Speculanten, keiner Intrigue gelang es, diese immer kostbarer gewordenen Plätze zu kaufen und als Baustellen auszuschlachten. So mußte sich das Westend jenseits derselben westlich, südlich und nördlich darum herumlegen und hat dafür nun täglich das Vergnügen, aus seinen kostbaren Palästen und umgarteten Villas stadteinwärts zu reiten und zu fahren und sich – während der Parlamentszeit – in der sonnigsten, gesundesten Frühzeit seiner Fahr- und Reitcorsos zu erfreuen.

Aehnliche Schonung von Bäumen und offenen Plätzen und deren Verschönerung zu Parks machen sich in allen andern Theilen Londons geltend, in ganz England, wo kein öffentlicher Baum ohne besondere Parlaments-Majorität umgehauen werden darf. Der erste Industrie-Ausstellungs-Palast von 1851 mußte für viele Hunderttausend Thaler mit dem großen Mittel Transeptgewölbe versehen werden, weil die noch jetzt stehende mächtige Ulme mitten auf der Baustelle vom Parlamente in Schutz genommen ward, so daß der riesige Baum mitten im Glaspalaste stehen bleiben mußte.

Nachdem wir durch St. James- und Green-Park uns schon frisch gewandert, nähern wir uns mit empfänglicheren Sinnen der Hyde-Park-Ecke, dem Hyde-Park Corner.Ich habe berühmte Touristen gesprochen, die alle städtischen Großartigkeiten vom Newsky Prospect in Petersburg bis zur Puerta del Sol in Madrid kennen und natürlich auch die an sich classische Schönheit des Brandenburger Thores in Berlin, aber sie sagen, es gäbe nichts Malerischeres, Kaleidoskopischeres und Moussirenderes von Scenerie und Leben, als Hyde-Park-Corner. Häßlich und lächerlich reitet allerdings Wellington hoch oben quer über den noblen, großartigen Thorbogen mit den Meisterstücken nie gebrauchter gußeiserner Riesenportale, reitet er, in sein eisernes Bettlaken gewickelt, ewig zum Scandale des englischen Geschmacks; allein wir denken nicht daran, uns den Nacken zu verrenken, um dieses Monstrum in Augenschein zu nehmen. Die großartig heitern Eingangscolonnaden locken uns hinüber über die wimmelnd, reitend und fahrend belebte Straße, hinein in die unabsehbare Sonnigkeit auf grünem Riesenteppich mit den malerisch verstreuten und gruppirten Bäumen, der glänzenden Mannigfaltigkeit von Lustequipagen, den Pferden, den Damen und Herren zu Pferde, dem bunten Geschiebe und Getriebe von Menschen, die sich hier wirklich amüsiren, erholen wollen und nicht mit gespannten Gesichtern und fliegenden Rockschößen vom Geschäft getrieben und geschoben werden, wie weit im Osten, in der City. Vor uns die unbegrenzte Herrlichkeit englischer Parknatur mit dem reichsten Lebens- und Lustgewoge, die stolzesten Paläste an der einen Seite, die Achillesstatue und vieles Andere, hinter uns die immer frischen Reize des Green-Parks und doch mitten in London mit seinen glänzendsten, reichsten Theilen; denn jenseits dieses Parkes und weit und breit darum herum liegen, prangend und sich weiter und weiter streckend, die Westendprachtvorstädte – ohne daß wir im ganzen Hyde-Parke nur eine Ahnung von denselben bekommen.

Die meisten Herrschaften um Hyde-Park herum haben, glaub’

[709]
Die Gartenlaube (1864) b 709.jpg

Der Amazonencorso von Rotten-Row in Hyde-Park.
Originalzeichnung unseres Londoner Artisten.

[710] ich, doppelte und dreifache Equipagen und ein Reitpferd für jedes Familiemnitglied – männliches und weibliches – und noch Reitpferde für die „grooms“, die stupiden Reitknechte hinter den berittenen Amazonen. Und da die Dienerschaften in einem solchen herrschaftlichen Hause bis auf zwanzig steigen, auch „Tattersalls“ die Centralpferderennen-Wettbörse Englands, sich in der Nähe versteckt; da endlich auch eine erstaunliche Menge junger, unverheiratheter Damen (oft von niedrigster Herkunft) unweit davon fürstlich mit Pferden, Equipagen und Dienerschaften in eigenen Palästen residiren und blühen, ohne daß sie nähen oder spinnen oder irgend etwas Nützliches thun (und die jungen und alten Lords ernähren sie doch, so lange sie als Lilien blühen), und auch aus fernen Theilen Londons sich die Roués und höheren Tagediebe aller Nationen, Tausende von Neugierigen und fremden Besuchern hier zwischen zwei bis fünf Uhr englischen Vormittags zum täglichen Reit- und Fahrcorso einfinden – unter solchen Umständen, Umgebungen und Zusammenflüssen darf man sich nicht wundern, daß wir dieses Hyde-Park Saison-Rendez-vous etwa um drei Uhr etwas märchenhaft und zu dicht und weit ausgedehnt für unsere Seh- und Fassungskraft finden. Es gilt deshalb, sich vor allen Dingen zu beschränken und gleichsam selbst einzurahmen, um ein abgeschlossenes Bild zu gewinnen. Unsere Abbildung, deren Zeichner sich ebenfalls doppelt beschränken mußte und zwar auf einen Augenblick und einen bestimmten Raum, kann uns dabei nur behülflich sein. Wozu brauchen wir auch die ganze schattige, luftige Länge von Rotten-Row, die sich gleich links im Hyde Park entlang streckt, um uns ein Bild von diesem täglichen Reitcorso zu verschaffen?

Stellen wir uns dicht an das Eisengeländer und lassen sie alle hin und her, auf und ab – fast immer wie dichte, kostbare, lebendige Pferde-, Reiter- und Reiterinnen-Ströme – an uns vorbeigaloppiren und kokettiren, carrieren und traben. Doch der Rahmen, wovon wir am Geländer einen Theil bilden, ist auch nicht zu verachten. Kenner behaupten sogar, er sei malerischer, als das Bild selbst mit seinen gar zu vielen schwarzflatternden Reithabits. Wir stecken mitten in einer Gruppe der ärgsten Dandies, getreuen, wenn nicht übertriebenen Copieen der absurden Modemagazin-Abbildungen. Früher meint’ ich immer die abgebildeten und colorirten männlichen Modemagazin-Scheusale seien Caricaturen und Verhöhnungen des stutzernden Geckenthums. Aber hier erkannt’ ich meinen Irrthum. Solche abgebildete Beinkleider werden also wirklich getragen! Und diese fabelhaften Westenmuster pressen hier eine ganze Menge lebendiger Taillen. Auf diesen erhabenen Hacken stehen Wesen, die man nicht nur zu den vernunftbegabten, sondern wohl gar zu den obersten Zehntausenden rechnet. Und diese riesigen „Whiskers“ oder Backenbärte, deren jeder fashionable Stockengländer zwei trägt, auf jeder Backe einen so groß, wie einen Handfeger! Solche Bürden von Uhrketten, noch belastet mit durchlöcherten Münzen und massiven Kleinodien (auch verbrecherischen Miniatur-Stereoskopen)! Und in welchen bretsteifen Vatermördern sie ringsum mit den Köpfen stecken! Dazu brillante Cravatten und Nadeln und Ringe – es müssen doch sehr reiche hocharistokratische Gentlemen sein!

Wirklich? „Mind your pockets!“ (Nehmen Sie Ihre Taschen in Acht!) flüstert mir ein wohlwollendes Mitglied der geheimen Polizei in’s Ohr. Natürlich, es sind Taschendiebe. Ein echter englischer Gentleman trägt nie Gold und Mode zur Schau, und selbst seine Lorgnette darf nicht in Gold, sondern muß in Horn gefaßt sein. Die andern Herren und Straßenjungen, die zum Theil mit fabelhafter Gymnastik auf den Eisengeländern balanciren – welche Physiognomien, Mienenspiele, Trachten, Ausrufe! Vor lauter Wunder und Stoff kann ich selbst in keine ruhige Construction kommen. Liebe Leser und Leserinnen, es werden lauter Interjektionen und abgebrochene Sätze. Eben wollt’ ich classisch, elegant zu schildern anfangen, und ich kann wieder nur ausrufen: Diese Ladies! O, diese Ladies – wirkliche Ladies! Wie majestätisch sie ihre Crinolinenriesenkörbe dahinschieben! Welch blumige Gesichter und brillante, große, ruhige Augen! Herzoginnen, Marquisen, Lordstöchter, nicht wahr? Im Rahmen hier und in solchen Hühnerkörben? Erlauben Sie mir, Sie wieder auf einen kleinen Irrthum aufmerksam zu machen. Ich habe mir diese Corsos zehn Jahre lang gelegentlich immer von Neuem angesehen und weiß ziemlich genau, daß diese Damen nicht zu den Herzoginnen und dergleichen, sondern wo anders hin gehören, daß ihre Blume vom Gin, Wachholderbranntwein, auf die Gesichter getreibhaust ward und daß nach Muster der Königin und ihres Hofes die Crinolinen schon seit Jahr und Tag von den Hüften wirklicher Ladies verbannt wurden.

Doch fehlt es natürlich auch nicht an Vertreterinnen weiblicher Tugend, Schönheit und Vornehmheit. Selbst die Häßlichkeit ist stark vertreten zu Fuß und zu Pferde; warum es leugnen? Schönheiten und alle kokette Vogelscheuchen in superlativen Toiletten, einige „armselig“ an der Seite getrauter und ungetrauter Herren aller Art, andere stolz und fürchterlich allein heran- und vorbeirauschend, feindlich blickend wie Kriegsschiffe, gefolgt von riesigen, gepuderten, wadenausgestopften „Fußmännern“ (Lakaien), deren Blicke vom stolzen Bewußtsein des Glanzes und der Größe ihres Vortrabs strahlen; aber auch lustige, lachende, übermüthige Kindermädchen, Bonnen, Ammen mit beispiellosen Schönheiten rosiger, lockiger Kinder, die weit weg, der Serpentine und dem täglichen Fahrcorso zu, auf dem sonnigen Rasenteppiche umherjubeln und springen wie Gummibälle um allerhand Erwachsene herum, die in allen möglichen Positionen auf dem duftigen Grase liegen. Und dann die geputzten Tagediebe, die „swells“, manchmal ihrer drei oder vier Arm in Arm hinter dem Menschenrahmen weg hinlavirend; strenge, hochkirchlich orthodox blickende Duennen und Erzieherinnen, denen gottlose alte Sünder, jugendlich aufgekratzt, frech in die frommen Gesichter stieren; dazwischen auch einzelne Lumpen- und Jammergestalten, aus fernen, furchtbaren Winkeln des Proletariats und der Verbrechen hervorgekrochen, um durch Grauen und Entsetzen Mitleid und kleine Münze zu erringen und den tiefsten Schlagschatten zu dem massenhaften Glanze und Reichthume zu Fuß und zu Pferde zu bilden!

Ja, wie der goldene, blitzende Regen von Sonnenstrahlen zugleich auf diese Jammerbilder und die reizenden reitenden Amazonen durch die lustig rauschenden Baumkronen herabschießt! Diese Amazonen, Danaës, Aspasien, Phrynen, Lais etc. (wie man diese höchste Aristokratie der zahlreichen weiblichen Wesen ihrer Classe zu tituliren für anständig findet) mitten unter den tugendhaften Töchtern und Frauen des Oberhauses und der „obersten Zehntausend“ in oft überstrahlender Schönheit auf den schönsten Pferden haben selbst die Zeitung des Hofes und der höchsten Kreise zu moralischen Leitartikelstrafpredigten entrüstet; aber es half nichts. Was sie rügte, gilt noch als Recht und Regel, so daß es wahr geblieben ist, was sie als die Krone alles sittlichen Verderbens geißelte. Das ist die Sitte junger Amazonen aus den tugendhaftesten Aristokratenfamilien, sich die Freiheiten der Aspasien und Danaës, denen das Gold reicher Roués in den Schooß regnet, zum Muster zu nehmen, um ebenfalls liebens- und anbetungswürdig zu werden. Es ist daher auch kein Wunder, daß sie, zu Hause Musik und Deutsch lernend (sie lernen meist Alle Deutsch und sprechen’s oft reizend), nicht selten mit dem deutschen Musik- oder Sprachlehrer die Sprache der Liebe reden lernen und durchgehen. Auch Italiener und Franzosen werden leicht gewonnen, diese Rolle zu spielen, da die englischen Liebhaber im Vergleich zu diesen foreigners (Ausländern) oft „auf beiden Händen links sind“.

Aber wir freuen uns hier blos der unvergleichlichen berittenen Scenerie und moralisiren nicht. Die Sommersonne scheint in vollster Blüthe der Saison mit unparteiischer Glorie auf Gerechte und Ungerechte, und das Ganze ist so bezaubernd schön. Wozu also ausmerzen? Die Phantasie kann sich’s aus „Tausend und Eine Nacht“ nicht märchenhafter ausmalen. Wie die grünen Bäume im würzigen Winde oben drüber rauschen und sich lustig verbeugen und die zahmen Vögel dazu herabzwitschern! Der Himmel wölbt sich hoch oben und die Sonne blickt mit unermüdlicher Freude und Neugier durch die vom Winde zerrissenen Baumschatten auf diese Massen auf- und abcourbettirender heiliger Cäcilien und unheiliger Phrynen. Diese Lady Cavaliere und Pferde-Gardistinnen kommen nur einmal in der Welt so massenhaft und regelmäßig zu solchen Lebensbildern zusammen, und neben diesen, Rotten-Row giebt es kein zweites in der Welt. Bois de Boulogne, Course in Calcutta, Cascinen in Florenz, Prado in Madrid, Prater in Wien, Atmeidan in Constantinopel – ihr alle vereinigt bringt mit der höchsten Anstrengung nicht so viel graciöse Pferde und Gracien darauf zusammen, wie sich hier im Mai und Juni täglich von drei bis fünf Uhr ganz von selbst einfinden. Auch machen alle eure Plätze zusammen noch lange keinen Hyde-Park. Rotten-Row ist ein wirklicher Peri-Garten schöner Mädchen und Frauen [711] zu Pferde, trotz der oft sehr stark vertretenen Häßlichkeit und Ueberbeleibtheit unter ihnen.

Sieh nur, sieh, wie die sich auf den glänzenden Pferderücken wiegenden Sylphiden immer hin und her vorbeifliegen in ihren bezaubernden Reithabiten mit den glatt anschließenden Taillen und dem reichen Gewoge nach unten! Und unter diesen berauschenden Hüten ihre wallenden kastanienbraunen und goldblonden Locken! Einige fühlen sich glücklich und scheu unter den orthodoxen cylindrischen Biberhüten und weithin flatternden Schleiern, andere verrathen ihren Uebermuth unter schalkischen, kleinen Baretts, oder sie fordern die Welt noch kecker heraus mit ihren halb aufgekrempelten Cavalierhüten und grünen Federn. Auch fehlt es nicht an beinahe Pariser Mode-Angströhren auf dem reichen Haar mit dem modigen Zopfsacke hinten. Kurz, in Hüten und Haaren sucht man sich mit aller Lust und Laune für die Einförmigkeit des Reitkleides zu entschädigen. Und indem nun die glänzende Cavalcade immer so still und staublos auf dem feuchten Sande unter den Bäumen vorbeiströmt und die Herren bald hier, bald da anzukommen und erotische Worte oder pikanten Klatsch zuzuflüstern suchen, hat der muthwillige Wind manchmal sein Spiel und bläst die decente Länge des Reithabits über den Fuß herauf, als wollt’ er selbst mit dem niedlichen, koketten, kleinen Stiefel und Fuße kokettiren und mit den militärischen Häckchen und den dicht anschließenden Reithöschen. Die Herren am Geländer bewundern dann wohl ganz laut den himmlischen Fuß und thun dabei, als ob sie blos vom Pferdebeine so entzückt wären. Auch fehlt es nicht an wirklichen andächtigen Kennern, die für nichts Auge und Sinn haben, als für diese unvergleichliche, massenhafte Aristokratie von Pferden. Vielleicht ist auch Rotten-Row für Hippologen ein höherer Genuß, als für Aristokraten- und Aspasien-Anbeter. Die Aristokratie der Menschen gedeiht in England immer noch besser, als irgendwo, obgleich ihre Köpfe und ihre diplomatischen Künste immer jämmerlicher werden; aber der alte Ruhm von den besten, theuersten, schnellsten und graciösesten Rossen hält sich in voller Glorie. Die Menschen-Aristokratie geht als politische Macht in den gauklerischen beiden Cliquen der Palmerstonianer und Derby-Disraeliten sichtlich zu Grunde, um den gesunden Männern richtiger Volkswirtschaft und des Friedens und der Freiheit mit allen Völkern Platz zu machen.

Dann wird die Zeit kommen, daß sich Deutsche und Engländer, jetzt durch politischen Schimpf gegen einander entfremdet und erbost, in ihren vielen Gegensätzen, die sich einander ergänzen, wieder erkennen und freudig von einander importiren und Vorzüge einbürgern. Im wahren Kerne des englischen Lebens ist viel mehr echt germanisches Leben zur Ausbildung, Blüthe und Frucht gekommen, als unter beschränkteren Verhältnissen in Deutschland. Wir müssen dieses unser Eigenthum von dort aus importiren lernen, wie sich die gebildeten Engländer durch Einbürgerung deutscher Vorzüge längst von der Stockengländerei zu befreien angefangen haben.


  1. Der Verfasser hat hier Rotten-Row und Hyde Park benutzt, um, wie er seit länger als zehn Jahren schon in unserm Blatte gethan, auf den einen großen englischen Vorzog öffentlicher Gesundheitspflege und gesunden Städtelebens hinzudeuten. Ganz in demselben Sinne sollen seine „Deutschen Früchte aus England. Erzählungen und Erlebnisse“ wirken, die soeben bei Grunow in Leipzig erschienen sind. Wir erlauben uns unsere Leser und Leserinnen auf dieses neueste Erzeugniß des gleißigen und geistvollen Verfasseers aufmerksam zu machen, in welchem dieser mit allen Mitteln des Ernstes und des Scherzes, der Erzählung und der Schilderung die wirklich deutschen Früchte englischer Cultur bei uns zu acclimatisiren und einheimisch zu machen sucht.
    Die Redaction.